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Sven Sören Beyer: „Wir werden weiter visionieren“

Sven Sören Beyer: „Wir werden weiter visionieren“
Foto: © Sven Sören Beyer

Wie setzt man Großevents künstlerisch um? Sven Sören Beyer weiß es: Kurz nach dem Mauerfall kam er von Dresden nach Berlin. 1999 gründete er sein eigenes Künstlerkollektiv: phase7 performing.arts - seitdem realisiert er Kunstprojekte in Form von Installationen, so zum Beispiel "Ønksebrønn" (auf norwegisch "Wunschbrunnen") im Berliner Hauptbahnhof, oder inszeniert den Festakt zu „25 Jahre Mauerfall“ am Brandenburger Tor. Sein Netzwerk nennt er liebevoll eine „eingeschworene Truppe von Theaterverrückten“. Wir sprechen mit ihm über seinen Weg nach Berlin, Herausforderungen an seine Arbeit und darüber, was Veranstaltungen seiner Art aus seinem Leben gemacht haben. 


 INTERVIEW JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Sven, du hast in deinem Leben mit phase7 so einige Großprojekte umgesetzt. Was macht für dich ein gutes Event aus?

Sven Sören Beyer: Ein gutes Event ist für mich, wenn ich den Menschen in die Augen schauen kann und merke, dass sie ergriffen sind, von dem was wir tun, dass es sie berührt. Das macht mich dann zufrieden. Ein Event muss auch nicht unbedingt groß sein, gerade viele kleine Projekte sind echte Liebhaberprojekte, die sich lohnen.  

Ein gutes Event ist für mich, wenn ich den Menschen in die Augen schauen kann und merke, dass sie ergriffen sind

CCB Magazin: Welches war bislang dein schönstes Event, das du organisiert hast? 

Sven Sören Beyer: Das bewegenste war sicherlich 25 Jahre Mauerfall im Jahre 2014. Damit haben wir uns über ein ganzes Jahr beschäftigt. Das hat auch bei mir ganz persönlich ganz viel ausgelöst. Ich komme ja ursprünglich aus Dresden. Diese Stimmung in der ganzen Stadt damals, ohne viel Gegröle und mit so viel Besinnlichkeit und im Sinne eines großen Miteinanders, das hat mich fasziniert. In diesem Moment wurde mir klar, wie toll meine Arbeit sein kann und was sie auch bewirkt. 

Diese Stimmung zu "25 Jahre Mauerfall" war wirklich etwas ganz besonderes, mit so viel Besinnlichkeit und im Sinne eines großen Miteinanders, das hat mich fasziniert. In diesem Moment wurde mir klar, wie toll meine Arbeit sein kann und was sie auch bewirkt

25 Jahre Mauerfall, inszeniert von phase7. Foto ©Ralph Larmann
 

CCB Magazin: Kannst du mal erzählen, was phase7 genau ist und wie es dazu kam?

Sven Sören Beyer: Nach dem Mauerfall kam ich von Dresden nach Berlin. Erst zog ich an den Zionskirchplatz am Prenzlauer Berg, dann studierte ich an der Ernst Busch-Schule Choreografie. Eigentlich bin ich über eine Tanzausbildung an der Palucca Schule in Dresden und der Choreographie an die Ernst Busch zur Regie gelangt. Gerade die Zusammenführung der verschiedensten Disziplinen aus Musik, Tanz, Theater, Choreografie, aber auch die Berücksichtigung neuester Technologien – das hat mich schon immer interessiert. phase7 entstand dann im Grunde aus der Idee von vier Freunden heraus, indem wir gemeinsam die neuesten Innovationen mit Theater verknüpfen wollten. Seit 1997 arbeiten wir in unterschiedlichsten Aufgabengebieten zusammen, 1999 gründeten wir phase7 performing.arts.

CCB Magazin:Wie konzipierst Du deine Projekte? Auf was kommt es an?

Sven Sören Beyer: Unsere Truppe funktioniert einfach als Künstlernetzwerk: Unser Kernteam besteht aus 30 Leuten. Je nach Projekt holen wir dann die Wichtigsten zusammen. Bei uns arbeiten Tänzer und Musiker, Regisseure und Choreographen, Multimedia-Künstler und Computerfreaks - alles Menschen, die sich dem Irrwitz und dem Zauber der Bühne verschrieben haben. Zum engeren Kern des Künstlerkollektivs phase7 gehören zudem Medienkünstler oder Software-Entwickler, Projektleiter oder Lichtdesigner. Bei so vielen Leuten brauchst du dann auch eine Struktur. Eine genaue Koordination und Leitung. Ansonsten liebe ich es aber, einfach mal nur rumzuspinnen, das ist auch wichtig für den kreativen Prozess. Das Wort Probe hat nicht umsonst eine Berechtigung. Heute meint man nur oft, dass man eine Idee in der Theorie gewinnt. Wenn wir beispielsweise aber die neuesten Technologien auf die Bühne bringen wollen, müssen wir ausprobieren. Wir müssen offen sein. Nur so kommt zum Schluss auch etwas Gutes dabei raus.  

Unsere Arbeit braucht Struktur. Eine genaue Koordination und Leitung. Ansonsten liebe ich es aber, einfach mal rumzuspinnen, das ist auch wichtig für den kreativen Prozess

CCB Magazin: Ihr inszeniert mittlerweile Veranstaltungen über den ganzen Globus verteilt - so zum Beispiel in vielen arabischen Ländern, in Norwegen, Schweden, auch in Hongkong oder Shanghai. Wie sehr beeinflusst dieser kulturelle Austausch deine Arbeit?

Sven Sören Beyer: Das beeinflusst mich sehr. 2014 waren wir zum Beispiel in Umeå, im Norden Schwedens, da haben wir die Eröffnungszeremonie der Kulturhauptstadt Europas auf einem zugefrorenen Fluss kurz vor dem Polarzirkel inszeniert – bei minus 25 Grad. Zur Eröffnung kamen 50.000 Leute! Dafür hatten wir die Fläche wie ein samisches Dorf gestaltet, zusammen mit vielen Künstlern aus der Gegend und Rentierzüchtern aus dem Norden. Es folgten rituelle Gesänge und das Trommeln und Tanzen mehrerer tausend Menschen. Und das mitten in Europa! Wo so viele doch derzeit sagen, dass hier etwas zerbricht. Kultur schafft eben auch Verbindungen. Und in diesem Moment konnte ich ganz viel mitnehmen, für mich persönlich, aber auch für meine Arbeit. Denn jede Kultur inszeniert anders, jede Kultur hat andere Sichtweisen auf Kunst und die Gesellschaft. Davon kann man nur lernen.

Inszenierung der deutschen Einheit von phase7. Foto © Manfred Vogel
 

CCB Magazin: Wenn du das mit Berlin vergleichst. Was macht Berlin für dich aus? Als Lebensort? Als Standort für deine Arbeit?

Sven Sören Beyer: Berlin ist meine Basis. Hier ist mein Leben. In Berlin trifft man auf Kreative aus aller Welt, mit denen ich mich und wir uns mit phase7 austauschen können. Aktuell haben wir zum Beispiel pünktlich zu unserem 20. Jubiläum unsere neuen Probe- und Büroräume an der Rummelsburger Bucht eröffnet: auf 500m² mit Blick aufs Wasser entsteht hier ein Kreativhub, an dem sich Kunstschaffende aus Berlin und der ganzen Welt begegnen und der Öffentlichkeit ihre Arbeiten zugänglich machen – mit Nachbarn wie dem Maxim Gorki-Theater, das hier seine Probebühne hat, das Sisyphos oder die Spreestudios. Die Suche nach diesem Ort war aber echt ein Marathon: Wir mussten aus unseren alten Räumen raus, und wir haben gemerkt, wie komplizierter es derzeit ist, in Berlin noch Räume zu finden. Berlin muss hier wirklich handeln. Die Politik muss etwas tun und Verantwortung übernehmen, sonst kommt es zu einer massiven Abwanderung, die dem kulturellen Flair der Stadt international schaden wird. Ich wünsche mir künftig auch mehr Transparenz bei der Vergabe von Fördermitteln. Kunst und Kultur sind einfach nicht nur ein nettes Attribut. Sie sind ein Lebensbedürfnis für viele Menschen.

Berlin ist meine Basis. Hier ist mein Leben. Aber es wird immer schwieriger, in Berlin noch Räume zu finden. Hier muss die Stadt handeln und Verantwortung übernehmen

CCB Magazin: Sven, wie geht es weiter? Was planst du mit phase7 in der Zukunft?

Sven Sören Beyer: Wir sind in Kürze wieder in Shanghai. Wir entwickeln da eine Bühneninszenierung zum Thema östliche Philosophie und Traumdeutung. Die Show wird zwei Monate gespielt, auf dem ehemaligen Gelände der Expo, wo zurzeit neue Theaterräume entstehen.  Darauf freue ich mich schon jetzt. Ansonsten werden wir einfach weiter visionieren. Wir werden weiter inszenieren - stay tuned.


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