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Robin Resch: „Das ist kein Teufelszeug“

Robin Resch: „Das ist kein Teufelszeug“
Foto: © Julien Menand

Was kann die Arbeitswelt von einem Spiel lernen? Und wie lässt sich Kunst konzeptionell und spielerisch so nutzen, dass zum Schluss eine ganze Gesellschaft davon profitiert? Robin Resch gehen solche Fragen einfach nicht mehr aus dem Kopf. Und er arbeitet an Lösungen. Er ist Teil des Berliner Stadtkunstvereins Urban Dialogues und entwickelt aktuell mit dem EU- Projekt Labour Games 40 Spiele in vier verschiedenen Ländern in einem Expertenteam. Wir zeichnen Robin und die Labour Games dafür mit dem Siegel #berlinsbest aus und trafen den Kulturmanager in seinem Berliner Atelier.
 

 INTERVIEW JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Robin, experimentell sieht es hier aus. Du beschäftigst dich mit der Spiele-Industrie aber auch mit Zukunftsfragen. Gibt es ein Spiel, das du aktuell empfehlen kannst?

Robin Resch: Oh ja, da gibt es einige. Mein derzeitiger Favorit ist Your Super Power.

CCB Magazin:Was ist das?

Robin Resch: Your Super Power ist ein Kartenspiel mit 32 Karten. Auf jeder Karte steht eine Art Kurzbeschreibung, eine Charakterdisposition. Du musst immer zwischen zwei Karten entscheiden, zur Frage, was mehr auf dich zutrifft: bin ich das eine oder andere? Die Karte, die nicht zutrifft, legst du nach hinten. Und die Karte, die zum Schluss, nachdem du alle 32 Karten durchgegangen bist, übrig bleibt, das ist deine Superpower. Es ist dein Psychogramm. 

CCB Magazin:Und das sagt auch etwas aus?

Robin Resch: Ja, tut es. Das heißt zwar nicht, dass du alles eins zu eins glauben solltest oder musst. Aber es ist eine gute Orientierung, die dir hilft, dich zu strukturieren und auch etwas über dich zu erfahren.
 

 Robin Resch im Gespräch mit Creative City Berlin, Foto: © Urban Dialogues
 

CCB Magazin:Du bist Teil des Berliner Stadtkunstvereins Urban Dialogues und setzt gerade das EU-geförderte Projekt Labour Games um. Kannst du mal erklären, was Urban Dialogues ist, wie du dazu gekommen bist und was es mit Labour Games auf sich hat?

Robin Resch: Urban Dialogues ist ein Konglomerat aus Kulturaktivisten, Künstlern und Kulturmachern, die sich mit Fragen rund um kulturelle Bildung, künstlerische Forschung und seit einiger Zeit intensiv mit der zukünftigen Arbeitswelt beschäftigt. Wir existieren seit 1998 und haben zirka 15 Mitglieder. Ich bin vor einigen Jahren hinzugestoßen. Eigentlich komme ich aus Frankfurt am Main, ich habe internationales Kulturmanagement studiert und bin dann an der Kunsthochschule Weißensee gelandet - dort habe ich den Master in Raumstrategien gemacht. Und dort ging es auch um forschende Kunst im Kontext, um die Verbindung zwischen künstlerischem Arbeiten und wissenschaftlicher Praxis. Über diesen Ansatz bin ich zu Urban Dialogues gekommen. Mich hat das einfach nicht mehr losgelassen, zu erforschen, wie man künstlerisches Denken in realen Kontexten anwenden und abbilden kann – fern ab von Kategorien. Mit Urban Dialogues haben wir im Laufe der Jahre zahlreiche Projekte zum städtischen Transformationsprozess umgesetzt. Labour Games ist unser aktuelles Projekt, es hat einen Umfang von 400.000 Euro, wobei etwa die Hälfte von der EU und ein Teil vom Berliner Kultursenat gefördert werden.

Mich hat das einfach nicht mehr losgelassen, zu erforschen, wie man künstlerisches Denken in realen Kontexten anwenden und abbilden kann – fern ab von Kategorien


CCB Magazin:Wer ist alles beteiligt und was ist euer Ziel?

Robin Resch: Neben uns sind noch die Kommunikationsagentur anschlaege.de mit an Bord, die H.A.B.I.T. Research Group von der Universität in Athen, die Open State Foundation aus Amsterdam und European Alternatives, eine Art paneuropäische politische Jugendorganisation aus Rom. Und wir alle stellen uns die Frage: Wie wirken sich Spiele auf die Gesellschaft aus? Was kann die Gesellschaft von Spielen lernen?

CCB Magazin:Und, wie lautet deine Antwort?

Robin Resch: Das wollen wir ja gerade herausbekommen. Aber machen wir uns nichts vor: Die Digitalisierung schreitet voran, das kann man nicht mehr aufhalten. Ist das schlimm? Nein. Wir müssen nur Lösungen finden. Und daran arbeiten wir.
 

Foto: © Urban Dialogues


CCB Magazin:Was sind das für Lösungen?

Robin Resch: Wir stellen uns folgende Fragen: Wie können wir die Dinge und Mechanismen aus der Spielewelt auf die Arbeitswelt übertragen? Was kann man davon lernen? Und natürlich auch umgekehrt, was können Spiele aus der analogen Welt mitnehmen? Spiele werden ja oft dämonisiert. Sie werden als sinnlose Gamings abgetan, sie haben aber viel mit der Realität zu tun, das ist nicht nur Zeitvertreib. Ein Jugendlicher verbringt im Durchschnitt bis zu seinem 20. Lebensjahr 10.000 Stunden mit Spielen. Ungefähr genauso viele Stunden wie mit Bildung. Spiele haben eine Relevanz in unserem Leben, und das wird nicht weniger. Sie haben aber fast keine Relevanz in führenden Institutionen und im Bildungsapparat. Hier setzen wir an.

CCB Magazin:Und wie?

Robin Resch: In Hamburg arbeiten wir zum Beispiel gerade mit dem Kampnagel-Theater und unterschiedlichen Schulen daran, Prozesse, die man über ein Spiel entwickeln kann, als Lernformen an einem Theater zu installieren. Wie kann man also das, was in Spielen passiert und auch funktioniert, auf die reale Welt übertragen? Dass Schüler zum Beispiel anhand von Theaterpädagogen und Spieleentwicklern gemeinsam ein Spiel entwickeln, das zum Schluss einen praxisrealen Lernprozess schafft - und das dann wieder als Präsentationsformat ins Theater kommt.

In einem Spiel entwickelt man sich immer weiter. Hat man das erste Problem gelöst, kommt die nächste Stufe. So etwas kann man auch auf die reale Welt übertragen. Wir nennen das Lebenslaufbegleitung durch Spielerfahrung

CCB Magazin:Und das funktioniert auch?

Robin Resch: Na klar! Die Beteiligten machen so ganz neue Lernerfahrungen, und sie verbinden das Analoge mit dem Digitalen, so werden auch Barrieren abgebaut. Hier setzen wir aktuell auch mit Labour Games an: In einem dreijährigen Prozess initialisieren wir fünf Phasen der Umsetzung. Wir nennen das, ganz im Sinne eines Spiels, Levels.

CCB Magazin:Welche Levels sind das?

Robin Resch: Derzeit befinden wir uns in Level 2. In Level 1 haben wir bereits die Un-Conference hinter uns gebracht, die im Impact Hub Berlin stattfand. Es waren fast 100 Leute aus 10 Ländern da! Das Besondere an der Un-Conference ist, dass es kein bestehendes Programm gibt. Das heißt, du kommst auf eine Konferenz und weißt überhaupt nicht, was dich erwartet. Das ist aber auch eine Chance. Auf der Un-Conference waren Gamer, Arbeitsmarktexperten, Künstler, Wissenschaftler, Maker, es waren Leute aus der Politik da, aus der Startup-Welt, Soziologen und und. Da ergeben sich ganz neue Interaktionen, mit denen man vorher nicht gerechnet hat.
 



CCB Magazin:Was passiert in den anderen Phasen? Und was kommt zum Schluss dabei heraus?

Robin Resch: Das wissen wir noch nicht. Aber es werden Lösungen erarbeitet, an die wir glauben. Level 2 ist die künstlerische Recherche-Phase, in der wir uns gerade befinden. Hier arbeiten wir die genaueren Fragestellungen heraus, im Anschluss fassen wir die Ergebnisse zusammen, das ist Level 3. Im nächsten Level starten wir sogenannte Game-Jams, das sind Veranstaltungen mit über 100 Menschen an einem Ort, wo innerhalb von 48 Stunden Spielkonzepte gemeinsam entwickelt werden. Und die werden danach präsentiert und in einer nächsten Phase getestet. Im Zeitraum von einem Jahr sollen 40 Spiele entwickelt werden, die der Gesellschaft helfen können – das ist Level 5.

Der größte Fehler der Kultur liegt darin zu glauben, dass Kultur nichts mit der Ökonomie zu tun hat. Dabei müssen wir gerade in die Domäne der Ökonomie intervenieren, hier findet der wahre Transformationsprozess statt

CCB Magazin:Du präsentierst hier gerade ein sehr optimistisches Bild von der Wirkungskraft von Spielen. Die Gegenseite lautet: Beschleunigungsgesellschaft (Hartmut Rosa), Entgrenzung von Arbeit und Leben, permanente Verfügbarkeit, digitales Burnout. Redest du Dinge nicht etwas schön?

Robin Resch: Aber was wäre die Alternative? Sollen wir davon laufen? Es gibt einfach keine andere Wahl, als sich der technologischen Entwicklung zu stellen. Und Spiele können helfen. Erst kürzlich habe ich ein Spiel zur Zukunft der europäischen Wirtschaft gespielt. Das war ein Brettspiel, wo es darum ging, Szenarien zu durchlaufen, wie sich die europäische Ökonomie entwickeln wird – in den Etappen 2010, 2030, 2050. Es gab fünf Spieler – einen Public Policy Maker, einen Local Policy Maker, eine Presseperson, jemand aus dem NGO-Sektor und eine Person aus der Wirtschaft. Zusätzlich gab es einen Spielemaster, der das Spiel moderierte. Der Spielemaster kreierte Szenarien, was alles passieren könnte und man musste sich dann – beispielsweise als Politiker – dazu verhalten. Du musst Dinge zum Laufen bringen, und alle anderen spielen mit. Die Presse fragt dann: Was machst du da für einen Mist und wenn du nicht plausibel argumentieren kannst, kommst du auch nicht ins nächste Level. Es kommt dann während des Spieles zu ständig äußerst interessanten Perspektivwechseln und ernsthaften Auseinandersetzungen, die einem die Komplexität des Themas direkt vor Augen führen. Solche Spiele können helfen, komplexe Systeme mittels eines Spieles zu verstehen und machen gleichzeitig riesigen Spaß! 

Foto: © Urban Dialogues


CCB Magazin:Das klingt so, als sollte man Fehler vermeiden. Ist das nicht auch gesund, Fehler zu machen? Daraus lernt man doch.

Robin Resch: Das stimmt, und diese Fehler machen wir ja gerade auch im Spiel. Der Fehler ist aber nicht weiter schlimm. In der Realität kann das weitaus schmerzhafter sein. An diesen Punkten scheitern zum Beispiel viele Bildungseinrichtungen. Sie fragen sich einfach nicht, wo ihr Handeln hinführt. Viele schaffen es nicht, Talente zu erkennen geschweige denn zu fördern. Wir nennen das Lebenslaufbegleitung durch Spielerfahrung. In einem Spiel entwickelt man sich immer weiter. Hat man das erste Problem gelöst, kommt die nächste Stufe.

CCB Magazin:Aber ist das ein guter Weg, alles ständig zu optimieren? Kommt der Mensch da irgendwann überhaupt noch mit? Will man das?

Robin Resch: Es geht nicht darum, ob man das will oder nicht, wir müssen es wollen. Wir müssen uns auf die zukünftige Entwicklung einstellen. Es ist nicht aufhaltbar. Es geht darum, die Potentiale zu erkennen und neue Lösungen für die Zukunft auf den Tisch zu legen. Und Spiele erlauben hier eine Art experimentelles Stadium. Sie können Ängste abbauen, indem wir uns in einem digitalen Experimentierraum zunächst einmal ausprobieren. Man darf gewisse Dinge, die man sonst nicht darf. Und gerade im Bildungssektor und in der Kunst herrscht der größte Skepsizismus gegenüber der digitalen Entwicklung. Ich appelliere hier vor allem an die Kunst: Mischt Euch ein! Überlasst die Welt nicht denen, denen man sie nicht überlassen sollte.

CCB Magazin:Und das heißt?

Robin Resch: Geht in die Wirtschaft! Überlasst die Ökonomie nicht den Ökonomen. Der größte Fehler der Kultur liegt darin zu glauben, dass Kultur nichts mit der Ökonomie zu tun hat oder haben sollte. Wir müssen aber gerade in die Domäne der Ökonomie intervenieren, hier findet der wahre Transformationsprozess statt, nicht in der Politik. Wenn die Politik sich in einem Spiel so verhalten würde wie derzeit real, sie würden das nächste Level nicht schaffen und müsste abbrechen. Die Welt dreht sich heute 16 Mal so schnell wie vor fünf Jahren. Und was ich heute in der Politik beschließe wird erst in drei Jahren umgesetzt, ach her je. Es ist so furchtbar. Es ist deprimierend. So etwas können wirklich nur wenige Leute durchhalten, ich habe großen Respekt vor diesen Leuten, die das schaffen. Aber wenn wir über unsere Zukunft mitbestimmen wollen, müssen wir ökonomisch handeln. Auch Künstler können das. Und gerade Künstler sind frei in ihren Gedanken, das kann auch in anderen Domänen einiges freisetzen.

Spiele erlauben eine Art experimentelles Stadium. Sie können auch Ängste abbauen, indem wir uns in einem digitalen Experimentierraum zunächst einmal ausprobieren. Man darf gewisse Dinge, die man sonst nicht darf

CCB Magazin:Aber ist das nicht das Ende von freiem Denken, wenn alles ökonomisch durchdacht ist?

Robin Resch: Was heißt schon frei? Die Kehrseite ist doch, dass andere über unsere Freiheit bestimmen. Wollen wir das? Ich nicht.

CCB Magazin:Robin, wenn du ein Zukunftsszenario beschreiben müsstest. Wo steht die Welt in zehn Jahren, wenn wir das alles nicht schaffen? Wo steht sie, wenn alles glatt läuft?

Robin Resch: Nichts ist nicht zu schaffen, und nichts wird glatt laufen. Wir müssen und werden lernen, uns noch besser zu vernetzen und interdisziplinär zu denken und zu handeln. Gerade darum arbeiten ja an unserem Projekt Künstler, Arbeitsmarktexperten, Pädagogen, Spieleentwickler – wir müssen Wirtschaft und Kultur künftig enger verzahnen, aber nicht in der Form, dass es der Kultur zum Schluss auf die Füße fällt. Vielmehr geht es darum, unsere Wirtschaft da hinzubringen, dass sie der gesellschaftlichen Entwicklung Stand hält aber auch Platz für freies Denken und Kulturen lässt. Wenn wir es künftig schaffen, interessante Unternehmen mit guten Kulturen aufzubauen, mit guten und fairen Geschäftsideen, dann können wir mitmischen. Und wir können die Regeln nur einigermaßen selbst bestimmen, wenn wir mitmischen. Das einzige, was zählt, ist, dass zum Schluss damit Geld verdient werden muss und das Ding am Leben bleibt. Wie ich aber meinen Gewinn verteile, wer was bekommt, das ist dem Unternehmer überlassen. Und vor allem die Kulturschaffenden können hier positiven Impact leisten.

CCB Magazin:Robin, vielen Dank für dieses Gespräch.


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