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Kathrin Osterndorff und Marie Wilz: „Wir müssen Anreize für die jungen Filmemacher schaffen“

Schwerpunkt Film

Kathrin Osterndorff und Marie Wilz: „Wir müssen Anreize für die jungen Filmemacher schaffen“
Foto: © Filmnetzwerk Berlin

Berlin hat ein neues Filmnetzwerk, das Filmnetzwerk Berlin, eine neue Anlaufstelle für Young Professionals, die bereits Erfahrung haben aber noch nicht am Limit sind. Wir haben uns mit Projektleiterin Kathrin Osterndorff und Programm-Managerin Marie Wilz über Konzept, Programm und die Zukunft der Berliner Filmwirtschaft unterhalten.
 

 INTERVIEW JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Kathrin und Marie, ihr habt gerade das Filmnetzwerk Berlin ins Leben gerufen. Schön ist es hier bei euch am Potsdamer Platz. Erzählt mal, warum braucht Berlin ein neues Filmnetzwerk?

Kathrin Osterndorff: Weil es in Berlin bislang kein Forum für professionelle Filmschaffende gibt – zumindest jenseits von Filmfestivals und einzelnen Branchenevents. Das ist eine absolute Leerstelle, fanden wir. Zumal gerade im Filmbereich so viel von den Kontakten abhängt, die man hat – oder eben nicht hat. Der Kerngedanke ist: Das Filmnetzwerk ist eine Community von Kollegen, darüber kann man sich austauschen, informieren und gegenseitig unter die Arme greifen. Und dass man da auch Partner für gemeinsame Projekte oder Jobs finden kann, ist ganz klar. Das ist die Basis. Im Zentrum des Filmnetzwerks stehen die Mitglieder mit ihrem Potenzial, ihren Bedürfnissen und ihren Zielen.

CCB Magazin:Ok, Mitgliedschaft, das klingt immer so staubig und wenig kreativ. Spricht das Filmschaffende überhaupt an?

Kathrin Osterndorff: Zunächst mal klingt Mitgliedschaft natürlich nicht sonderlich attraktiv. Unser Eindruck ist aber, dass die Filmemacher sehr wohl Mitglieder bei uns werden wollen. Sie haben dann ja auch bestimmt Exklusivrechte: Bestimmte unserer Angebote richten sich nämlich nur an die Mitglieder, so wie unser Mentorenprogramm, aber auch bestimmte Workshops und Einzelberatungen. Und die Mitgliedschaft ist genauso wie alle anderen Angebote kostenlos. Dafür haben wir eine Förderung erhalten.

Sie macht das: Projektleiterin Kathrin Osterndorff. Foto: Vivien Cahn
 

CCB Magazin:Wer kann bei euch Mitglied werden? Ich auch?

Kathrin Osterndorff: Nein, Du nicht (lacht). Doch, du könntest auch Mitglied werden, wenn Du Filmemacher wärst und unseren Kriterien entsprechen würdest

CCB Magazin:Die da wären?

Kathrin Osterndorff: Unsere Zielgruppe sind die Young Professionals, also die, die noch nicht vollends etabliert sind, aber auch schon professionell arbeiten. Die Bewerber sollten zumindest eine Ausbildung und/oder einen kleine Filmographie vorweisen können und auch ein Entwicklungspotenzial erkennen lassen. Dann freuen wir uns wirklich über jedes neue Mitglied, egal ob aus dem Bereich Ton, Drehbuch, Produktion, Kamera, Regie, Art Department, etc. Nur Schauspieler bilden eine Gruppe für sich, die nehmen wir zwar gerne auf, sie sollten aber auch in anderen Bereichen arbeiten. 

Wir arbeiten in zwei Richtungen: Wissensvermittlung und Vernetzung

CCB Magazin:Könnt ihr euer Angebot einmal skizzieren? Welchen Service bietet ihr konkret an?

Kathrin Osterndorff: Im Grunde arbeiten wir in zwei Richtungen: Wissensvermittlung und Vernetzung. So besuchen wir zum Beispiel mit unseren Mitgliedern wichtige Berliner Unternehmen und Verbände. Im Dezember waren wir im Ufa Lab, im Juni geht’s zur Fernsehwerft, das ist ein großes Berliner Studio. Und wir laden immer wieder interessante Persönlichkeiten aus den verschiedensten Bereichen der Filmwelt zum Gespräch zu uns ein. Auch gibt es einen Jour Fixe, bei dem alle Filmschaffenden herzlich willkommen sind: Jeden ersten Donnerstag im Monat laden wir um 9:30 Uhr auch zum Coffee Club ins Café der DFFB. Im März war Anja Dörken vom Medienboard da, im April Patrick Thülig vom interfilm Berlin Kurzfilmverleih, im April Georg Huber von Magnetfilm. 

Beratung durch das Filmnetzwerk Berlin. Foto: Filmnetzwerk Berlin 
 

CCB Magazin:Ihr bietet auch Seminare an.

Marie Wilz: Ja, das auch, und alle Angebote sind kostenlos! Thematisch reicht unser Angebot von der Künstlersozialkasse bis hin zu Haftungsfragen. Hier arbeiten wir teilweise auch mit unseren Partnern zusammen, der Film Commission, der Kreativwirtschaftsberatung Berlin, dem Erich Pommer Institut etc. Dann bieten wir auch praxisnahe Workshops an, wo nicht nur Wissen gesammelt, sondern auch angewandt wird: Pitch-Training, Schauspiel für Autoren und Regisseure, Design Thinking und dergleichen. Außerdem sind noch viele schöne Sachen in Planung: Einzelberatungen, Film Screenings und weitere Kooperationen. Und wir freuen uns über jede frische Idee und sind offen für Vorschläge!

Das Mentorenprogramm ist eines unserer Herzstücke. Man kann sich sogar einen Mentoren wünschen. Und in der ersten Runde konnten wirklich alle Mentees mit ihren Wunschmentoren zusammenarbeiten!

CCB Magazin:Du hast das Mentoring-Programm bereits angesprochen. Was hat es damit auf sich?

Marie Wilz:Das Mentorenprogramm ist eines unserer Herzstücke. Hier geben wir den Mentees erfahrene Mentoren an die Hand, die sie über einen Zeitraum von drei Monaten bei einem Filmprojekt oder ihrer professioneller Positionierung unterstützt. Die erste Runde mit den ersten drei „Mentoren-Pärchen“ läuft seit Februar, und ich höre nur Gutes - die Mentoren der ersten Runde sind der Regisseur Axel Ranisch und die beiden Produzenten Klaus Zimmermann und Martin Heisler. Das Besondere an diesem Mentorenprogramm ist, dass man sich sowohl mit einem Projekt als auch als Filmschaffender bewerben kann - und dass man sich einen Mentoren wünschen darf. In der ersten Runde konnten wirklich alle Mentees mit ihren Wunschmentoren zusammenarbeiten.

Und noch eine: Marie Wilz, die Programm-Managerin des Filmnetzwerks Berlin. Foto: Vivien Cahn
 

CCB Magazin:Ihr werdet durch den Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE) gefördert. Auch die deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, kurz DFFB, wird auf eurer Webseite genannt. Welche Rolle spielt die DFFB?

Kathrin Osterndorff: Die DFFB hat als Institution die Gelder für uns beantragt und hat das Projekt maßgeblich mitinitiiert, so dass die Administration über die DFFB läuft. Gleichzeitig hat die DFFB zentral am Potsdamer Platz im Filmhaus Seminarräume, ein Café sowie ein Kino, die das Filmnetzwerk Berlin nutzen kann. Man kann also sagen, dass es das Filmnetzwerk Berlin ohne die DFFB gar nicht geben würde.

CCB Magazin:Ihr befindet Euch mitten in Berlin, am Potsdamer Platz. Berlin liegt inzwischen mit rund 1.900 Unternehmen und 10.600 Erwerbstätigen an der Spitze der Filmstandorte in Deutschland. Wenn Du Berlin als Standort für die Filmwirtschaft betrachtest, was zeichnet Berlin aus?

Kathrin Osterndorff: Berlin verändert sich ständig für Film und Fernsehen, da die Stadt immer internationaler wird. Und mehr und mehr gibt es Koproduktionen mit Partnern aus Europa und neue Formen wie Serien- oder Transmediaformate, die in den Fokus rücken und auch größere Fördermöglichkeiten haben. Gleichzeitig spielt die Filmförderung in Berlin noch immer eine große Rolle. Darum wollen wir auch offen sein für all diese verschiedenen Formen und Strömungen.

Wir müssen vor allem die kleinen und queren Ideen noch mehr fördern. Und ich begrüße es, dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters gerade die kulturelle Filmförderung des Bundes in Deutschland von 3,5 auf 20 Millionen Euro erhöht hat. Das ist ein positives Zeichen

CCB Magazin:Aber was braucht Berlin? Ein Kritikpunkt ist häufig, dass die Vielzahl nationaler Fördertöpfe für internationale Interessenten immer unüberschaubarer wird. Selbst Staatssekretär Björn Böhnisch spricht von einem „Förderwirrwarr“, er fordert eine stärkere strukturelle Filmförderung. Kirsten Niehuus, Geschäftsführerin der Filmförderung im Medienboard Berlin-Brandenburg, folgert, dass viele internationale Interessenten bereits nach Osteuropa, Kanada und London abwandern, weil es dort einfachere Fördermittel gibt. Welche neuen Förder- und Finanzierungsmöglichkeiten müsste es geben? Welche Infrastruktur wünscht ihr euch?

Kathrin Osterndorff: Generell braucht Berlin Förder- und Finanzierungsangebote für alle filmischen Erzählformen, damit die Filmemacher in Berlin arbeiten können und vor allem auch hier bleiben. Dabei spielen natürlich die Entwicklungsmöglichkeiten eine wichtige Rolle. Insgesamt müssten vor allem die kleinen und queren Ideen noch mehr gefördert werden. Dass Kulturstaatsministerin Monika Grütters kürzlich die kulturelle Filmförderung des Bundes in Deutschland gezielt von 3,5 auf 20 Millionen Euro erhöht hat, ist ein positives Zeichen. Insgesamt müssen wir Anreize vor allem für junge Filmschaffende schaffen, um auch kleinere, mutige Projekte ohne große Partner oder Fernsehsender möglich zu machen.

Veranstaltungen des Filmnetzwerk Berlin - alle Veranstaltungen sind kostenlos. Foto: Filmnetzwerk Berlin 
 

CCB Magazin:Ein Ziel von euch ist es auch, Berlin sowohl als internationalen Filmstandort zu repräsentieren als auch für internationale Filmschaffende interessant zu machen. Erhöht das nicht gerade die Konkurrenz auf dem Berliner Filmmarkt, die ohnehin schon hoch ist, und hat tendenziell Prekarisierung zur Folge?

Kathrin Osterndorff: Ich würde nicht sagen, dass es zwangsläufig Prekarisierung zur Folge hat. Aber klar: Ein Problem für die Filmbranche stellen prekäre Arbeitsbedingungen dar – nur zwei von fünf Filmschaffenden können allein von ihrem Beruf leben, das belegt zumindest eine Umfrage des Bundesverbands „Die Filmschaffenden e.V.”, an der 3.827 Filmschaffende teilnahmen. Das ist dann sicherlich ein großes, strukturelles Problem, über das die deutsche Filmwirtschaft nachdenken muss. Wir als Filmnetzwerk konzentrieren uns aber darauf, unser Mitglieder aufzuklären und bestmöglich zu unterstützen, damit sie in dem oft unübersichtlichen „Dschungel“ der Filmwelt ihre Rechte und Ziele nicht aus den Augen verlieren. Und unser Ziel ist es, in erster Linie Filmemacher, die in Berlin leben und arbeiten, zu unterstützen, damit sie dauerhaft in Berlin bleiben und sich etablieren. Filmemachen wird ja auch immer internationaler. Man braucht darum immer häufiger Partner aus mehreren Ländern, um ein Projekt auf die Beine zu stellen.  

Wir konzentrieren uns darauf, unser Mitglieder aufzuklären und bestmöglich zu unterstützen, damit sie in dem oft unübersichtlichen „Dschungel“ der Filmwelt ihre Rechte und Ziele nicht aus den Augen verlieren

CCB Magazin:Wenn du in die Zukunft blickt: Wo steht die Berliner Filmwirtschaft in 10 Jahren? Und was könnte eure Rolle sein?

Marie Wilz:Die Förderung vom Filmnetzwerk Berlin läuft erstmal über drei Jahre. Wir hoffen aber, dass wir eine Folgeförderung bekommen und zusätzliche – auch finanzielle – Partner gewinnen in den nächsten Jahren, um das Filmnetzwerk dauerhaft aufzustellen. Dann würden wir uns für die nächsten 10 Jahre natürlich wünschen, dass das Filmnetzwerk eine Inspiration für Filmschaffende in Berlin ist und mit seinen Mitgliedern und dem dann gewachsenen Netzwerk dazu beiträgt, dass Filmemachen in Berlin, gerade für den Nachwuchs, einfacher und erfolgreicher geworden ist.


Profil des Filmnetzwerks auf Creative City Berlin 

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