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Judith Kühn: „Über den Berliner Horizont hinaus“

SCHWERPUNKT GRÜNDERKONFERENZ HEUREKA

Judith Kühn: „Über den Berliner Horizont hinaus“
Foto: © Chris Marxen

Am 20. Juni startet die Heureka-Gründerkonferenz 2017, veranstaltet von Vertical Media, dem Digitalverlag hinter der Gründerszene. Auf zwei Bühnen kommen 800 Startups, Gründer, Investoren, Kapitalgeber und Medienvertreter zusammen. Worauf liegt der Schwerpunkt? Was macht Berlin für Gründer aus? Wie sprachen mit Judith Kühn vom Heureka-Team. 
 

 INTERVIEW Isabell Warnke 

 

CCB Magazin: Hallo Judith, ihr veranstaltet am 20. Juni die Heureka-Gründerkonferenz 2017. Was ist der Schwerpunkt in diesem Jahr?

Judith Kühn: Die HEUREKA steht ja bereits seit sechs Jahren ganz im Zeichen der Gründungsgeschichten. Somit wird es auch in diesem Jahr um Höhen und Tiefen bei Unternehmensgründungen gehen.

CCB Magazin:Und das heißt?

Judith Kühn: Nimm zum Beispiel Jodel-Gründer Alessio Borgmeyer: Wie ging der damit um, dass sein erster Versuch, seine App auch in den USA zu launchen, einfach nicht zünden wollte? Oder wie fühlte sich der Exit von Lieferando-Gründer Christoph Gerber an? Insgesamt haben wir in diesem Jahr einen Schwerpunkt darauf gesetzt, mehr internationale Speaker zu präsentieren. Darum haben wir Startup-Vertreter aus den USA, Portugal, China, UK und Dänemark auf unseren Bühnen.
 

Die Heureka-Konferenz in Berlin: Foto: Chris Marxen
 

Unser Ziel ist es, die Digitalszene auf internationaler Ebene noch stärker miteinander zu vernetzen und eine der wichtigsten und größten Early-Stage-Konferenzen in Berlin und Deutschland zu bleiben 

CCB Magazin:Was ist das Ziel der Heureka-Gründerkonferenz? Was wollt ihr erreichen, und wen wollt ihr erreichen?

Judith Kühn: Die HEUREKA wird von Vertical Media veranstaltet, dem Digitalverlag hinter der Gründerszene. Wir berichten bereits seit über zehn Jahren tagtäglich online über die Digitalszene. Auf der HEUREKA wollen wir Startup-Interessierte aber auch offline miteinander vernetzen und junge Gründer und jene, die es werden wollen, mit dem entsprechenden Handwerkszeug ausrüsten. Dazu gibt es Panels und Workshops. Vor allem die Workshops sollen helfen, die geplante Gründung voranzutreiben und vielleicht den einen oder anderen Fehler zu vermeiden. Bereits gegründete Startups bekommen bei unserem VC-Pitch beispielsweise die Möglichkeit, sich mit relevanten Kapitalgebern auszutauschen. Es geht vor allem um Vernetzung und relevante Inhalte.

CCB Magazin:800 Startups, Gründer, Investoren und Kapitalgeber sowie Medienvertreter sind in diesem Jahr vertreten. Nach welchen Kriterien werden die Speaker ausgewählt?

Judith Kühn: In erster Linie suchen wir nach Speakern mit Gründungserfahrung oder einem relevanten Bezug zur Startupszene. Ist das der Fall, geht es uns darum, eine gesunde Mischung aus etablierten Unternehmen wie MyMüsli oder EyeEm, aber auch Hidden Champions wie Sophie Chung von Junomedical oder Christian Strobl von Hackerbay einzubinden. Außerdem wollen wir unserem internationalen Anspruch gerecht werden und schauen über den Berliner Horizont hinaus. Welches Startup ist gerade in Europa interessant? Was können deutsche Gründer von Startups aus dem Valley und New York lernen?

CCB Magazin:Und, wie lautet deine Antwort?

Judith Kühn: Im Valley oder in New York wird einfach schneller investiert, das sind dort viel größere Finanzierungsrunden. Das würde ich mir in Deutschland auch wünschen, wenngleich natürlich der Showeffekt in den USA weitaus größer ist und man beide Gründerkulturen auch nicht direkt miteinander vergleichen kann. Was mir aber gefällt: Der Gründungskontext in den USA ist bildungsunabhängiger. Das heißt, auch Leute mit formal geringer Qualifikation kommen hier schneller zum Zug.

Im Gespräch mit Creative City Berlin: Judith Kühn,  Foto: Chris Marxen
 

CCB Magazin:Wie schätzt ihr den Standort Berlin für Gründer ein? Einerseits zeigen Studien, dass Berlin mittlerweile Metropolen wie London den Rang abgelaufen hat. Andererseits wird in Berlin weniger erwirtschaftet und gerade in Berlin ist ein hohes Lohngefälle, insbesondere für weibliche Arbeitnehmer, feststellbar, um nur einen Punkt zu nennen. Was macht Berlin für Gründer aus?

Judith Kühn: Berlin boomt. Und das bezieht sich nicht nur auf die Startupszene, sondern trifft auch für die Kreativszene oder beispielsweise auch die Gastronomie zu. Als Gründerstandort lebt die Stadt von seiner Internationalität und Vielfältigkeit. Die Startupszene ist groß, dynamisch und jung in Berlin. In Berlin gibt es zudem zahlreiche Meetups und viele Netzwerkveranstaltungen, auf denen man sich mit anderen Gründern zu spezifischen Themen und Fragestellungen immer wieder austauschen kann. Da ist dann auch schnell mal ein guter CTO oder Co-Founder gefunden, mit dem man die Idee in einem der zahlreichen Co-Working Spaces weiterdenken und umsetzen kann. Aber ja, Berlin war und wird vermutlich kein Industriestandort mehr werden. Demnach sind auch die Startups weniger technisch als zum Beispiel in München oder Hamburg. Langfristig muss sich Berlin aber darauf einstellen, dem Lohngefälle gerecht zu werden, um weiter auf den vorderen Plätzen der Startup-Metropolen mitzuspielen. 

Ich würde nicht unterstreichen, dass Startups und die kreativen Szene in Berlin nicht kooperieren. Die Praxis zeigt eine andere Entwicklung 

CCB Magazin:Auf der Heureka-Konferenz sind auch Unternehmen wie EyeEm vertreten, die den Kreativwirtschaftssektor tangieren. Die Studie „Booming Berlin“ kam zu dem Schluss, dass Berliner Startup-Unternehmen in wenigen Jahren Berlins größter Arbeitgeber sein werden, zugleich kooperieren sie bislang kaum mit der kreativen Szene - nur etwa 20 von 620 Startups haben einen inhaltlichen Bezug zur Kreativwirtschaft. Können und sollten beide Seiten mehr voneinander lernen und profitieren?

Judith Kühn: Wenn ich persönlich von meiner “Startup-Bubble” ausgehe, würde ich das erst mal so nicht unterschreiben. Junique zum Beispiel kooperiert viel mit anderen Startups wie EditionF oder BloomyDays und unterstützt sie mit Special Editions. Auch EyeEm ist fester Bestandteil eines jeden Startups, das mit Stock-Fotos arbeitet und nicht auf die 08/15 Datenbanken zurückgreifen möchte. Es gibt also diese Kooperationen. Grundsätzlich glaube ich sogar, dass die Startupszene untereinander mehr Synergien schafft, als das andere Branchen tun. Aber manchmal passt die Fintech-App eben auch nicht so richtig in die Kreativszene.  

Natürlich muss ein Startup in erster Linie profitabel sein, um seine Mitarbeiter zu bezahlen und das Unternehmen weiterentwickeln zu können. Aber ich würde mir schon wünschen, dass noch mehr in Innovation und Nachhaltigkeit investiert wird, als lediglich die Profitabilität weiter zu steigern

CCB Magazin:Anschlussfrage: Hergen Wöbken, Herausgeber der Studie Booming Berlin, fordert, dass die Berliner Startup-Kultur Profitabilität mehr mit Sinnstiftung und Innovationen sowie nachhaltigen Geschäftsmodellen verknüpfen muss. Nachhaltigkeit und schnelles Wachstum driften seiner Meinung nach zu sehr auseinander. Juliane Schulze, Direktorin von ENTER EUROPE und Publizistin mehrerer Studien zum Thema VC Kapital und Kreativwirtschaft, kommt sogar zu dem Schluss, dass schnelles VC Kapital und gemäßigtes „nachhaltiges“ Wachstum gar nicht zusammenpassen. Auch darum lohnt sich VC Kapital für Kreativunternehmen kaum. Wie siehst du das? Und welche Lösungen schlägst du vor?

Judith Kühn: Eine “richtige” Lösung gibt es hier nicht. Natürlich muss ein Startup in erster Linie profitabel sein, um seine Mitarbeiter zu bezahlen und das Unternehmen weiterentwickeln zu können. Ist dieses Ziel erreicht, würde auch ich mir wünschen, dass anschließend mehr in Innovation und Nachhaltigkeit investiert wird, als lediglich die Profitabilität weiter zu steigern. Das sehen sicher nicht alle Gründer so. Gerade Berlin hat aber schon allerhand Vorzeige-Startups wie Einhorn-Kondome oder den Supermarkt Original Unverpackt auf den Weg gebracht. Und die beweisen durchaus, dass man nachhaltig und wirtschaftlich erfolgreich gründen kann. Die Idee muss eben gut sein.

Foto: Chris Marxen
 

CCB Magazin: Wo wollt ihr mit der Heureka-Konferenz noch hin? Und was sind Eure Ziele in Berlin?

Judith Kühn: Unser Ziel bleibt es, die Digitalszene auf internationaler Ebene noch stärker miteinander zu vernetzen und eine der wichtigsten und größten Early-Stage-Konferenzen in Berlin und Deutschland zu bleiben. Für die Zukunft wünschen wir uns natürlich noch mehr internationale Relevanz und Teilnehmer. Die Größenordnung einer TechCrunch Disrupt oder einer Slush ist allerdings nicht erstrebenswert für uns.


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