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Ela Kagel: „Alleine geht nicht mehr“

Ela Kagel: „Alleine geht nicht mehr“
Foto: © Supermarkt

Wer den Berliner Kultursektor kennt, kennt Ela Kagel: Die Kulturmacherin arbeitet seit Jahren zum Thema alternatives Wirtschaften. 2011 rief sie den Supermarkt Berlin im Wedding ins Leben, eine zentrale und bis heute unverwechselbare Anlaufstelle für Künstler und Kreativschaffende in der Stadt. Jetzt zog sie mit dem Supermarkt nach Kreuzberg ans Hallesche Tor. Wir haben Ela Kagel in ihren neuen Räumlichkeiten besucht: Welche gesellschaftlichen Impulse gehen vom neuen Supermarkt aus?

 

Text JENS THOMAS

 

Eine Wirtin räumt ihre Werbetafel rein, ein Haus weiter wanken Gäste aus „Uschis Bar“aus der Tür, es können die letzten sein, aber auch die ersten. Es ist 11 Uhr morgens, die Sonne bestrahlt die gepflasterte Straße. Keine 100 Meter weiter entfernt schließt eine ansässige Dönerbude ihre Türen auf und macht Lärm fürs Kulinarische („Hier gibt es Döner“!). Ansonsten ist es still hier. Architektonische Tristesse dominiert den Kiez. Die Leute machen in den trüben Morgenstunden auch nur das, was gemacht werden muss: sie kaufen ein, gehen mit dem Hund Gassi, bewegen sich zur Arbeit. Hier und da pinkelt mal ein Betrunkener gegen eine Hauswand, unbeachtet. Das Hallesche Tor wirkt ein bisschen wie ein schwarzer Fleck auf der Karte des sonst so bunten Kreuzbergs. Seit Jahren zieht es aber immer mehr Kreativschaffende, Agenturen und Organisationen an diesen Ort. Die Berliner Grünen-Fraktion ist schon hier, das Unternehmen Wikimedia auch - und eben auch Ela Kagel, Gründerin des Supermarktes Berlin.
 

Direkt neben dem Supermarkt: ein Nagel-Studio. Foto: Jens Thomas 
 

Ela Kagel, die kennt man, wenn man sich im Kultursektor bewegt: 2010 initiierte sie den Free Culture Incubator auf dem Transmediale-Festival, damit begann eine 18-monatige Forschungsphase zum Kulturunternehmen der Zukunft. 2011 gründete sie den Supermarkt Berlin - ein Coworking-Space und eine Anlaufstelle für Kreativakteure im Berliner Wedding. Binnen eines Jahres etablierte sie die Räumlichkeiten nahe des Grenzübergangs Bernauer Straße im Wedding in einen unverwechselbaren Dreh- und Angelpunkt für die Berliner Kulturszene. Jetzt ist der Supermarkt in Berlin-Kreuzberg.

Wir statten ihr einen Besuch ab. Von außen fällt die neue Örtlichkeit kaum auf. Der neue Supermarkt reiht sich architektonisch ein in die trostlose Monotonie am Halleschen Tor. Eigentlich sieht hier alles gleich aus. Sechziger Jahre Bau. Unten alles verglast, nach oben wird's auch nicht schöner. Grau steriler Putz dominiert die Fassaden - Sido hätte hier auch sein Video zu Mein Block drehen können. Wir treffen Ela Kagel. Man sieht sie schon von weitem durch die Schauffensterverglasung an ihrem Schreibtisch sitzen, sie wirkt konzentriert, die Gedanken sortierend, hin und wieder huscht mal ein Mitarbeiter vorbei. Im Hintergrund ist eine kleine Küche platziert. Ich trete ein. Ela Kagel begrüßt mich freundlich, sie wirkt ausgeglichen. Im Inneren des Raumes stehen ein paar Tische, ein volles Bücherregal dient als Raumteiler. Es ist überhaupt nur ein zentraler großer Raum mit Verwinkelungen. Der neue Supermarkt ist kleiner, überschaubarer als der alte im Wedding. „Das wollten wir so“, gibt Kagel zu verstehen.

Neue Kernformate, neue Ausrichtung – der neue Supermarkt in Kreuzberg

Ela Kagel führt mich durch die Räume. Der alte Supermarkt im Wedding war ein einziger Blickfang. Platz für 100 Leute, eben ein ehemaliger Supermarkt (darum auch der Name). Er war Veranstaltungsort und Coworking-Space in einem. "Vom Modell Coworking haben wir uns bewusst verabschiedet", sagt Kagel deutlich. Das Modell Coworking, das interdisziplinäre Arbeiten vieler Kreativschaffender in einem Raum, fände sie zwar nach wie vor toll. Es sei aber logistisch eine zu große Herausforderung gewesen. "Jetzt beraten wir mehr, wir arbeiten verstärkt mit Partnern zusammen, wir sind Dienstleiter, nehmen auch Eintritt für Veranstaltungen. Wir können die Dinge jetzt konzentrierter angehen". Der alte Supermarkt im Wedding war kostenfrei, weil mam eine EFRE-Förderung über die EU von rund 360.000 Euro inne hatte, zusätzlich wurden 90.000 Euro kofinanziert. Heute wird man noch über City-Tax-Gelder vom Berliner Senat gefördert, den Rest erwirtschaftet man aber selbst. Eine bewusste Entscheidung. "Es ist immer ein Risiko, komplett von nur einer Fördersumme abhängig zu sein. Was ist, wenn die mal wegbricht? Was machst du dann?“

Wir wollen die Dinge im Supermarkt mehr vertiefen

Ela Kagel macht im neuen Supermarkt jetzt vieles anders. Mittlerweile ist der Ort Dreh- und Angelpunkt für Akteure aus der "Freelance-Rights-Bewegung", die sich für die Verbesserung der Arbeitssituation von Selbständigen einsetzen. Auch ist es ein informeller Stützpunkt für OuiShare Berlin, ein globales Non-for-Profit-Netzwerk. „Wir wollen die Dinge vertiefen“, sagt Kagel. Und mit vertiefen meint sie, dass Themen schwierig und komplex sein dürfen - es geht um Kollaboration, neues Wirtschaften, um Kooperativismus, alles sperrige Begriffe. Aktuell plant sie zum Beispiel eine Eventserie zum Schwerpunkt Geld, Commons und Selbstorganisation. Diese Themen haben sie im Grunde auch schon ihr ganzes Leben lang begleitet. Früher, erzählt sie, sei sie in ihrem Heimatdorf in Süddeutschland mit vielen Landwirten in Berührung gekommen. „Der einzige Reichtum, den sie besaßen, war das Land. Das hat mich schwer beeindruckt". Sie fügt hinzu: „Fast täglich wurden mein Bruder und ich auf Liefertour zu den Nachbarn geschickt, ausgestattet mit Tomatenkörbchen, Eiern und was wir eben sonst so übrig hatten. An jeder Haustür wurde unser Überschuss gegen andere Tauschgüter eingetauscht: Gurken, Kartoffeln, Äpfel, was auch immer gerade Saison hatte. Als wir dann nach einiger Zeit wieder zuhause ankamen, war der Abendbrottisch deutlich vielfältiger geworden – ganz ohne Geld!“. Diese Geschichten haben ihr Leben geprägt. 

 

Ela Kagel: Foto: Jens Thomas 
 

Dieses Prinzip hat Ela Kagel verinnerlicht. „Das Zeitalter des permanenten Wachstums geht vorbei“, sagt sie entschlossen. Dann kommt sie auf die Sharing Economy zu sprechen. Dazu hat sie im letzten Jahr in Zusammenarbeit mit Ute Scheub, Andreas Arnold und Thomas Dönnebrink eine Studie veröffentlicht. Schnell wird klar, wie negativ besetzt das Thema Sharing heute in der Öffentlichkeit ist - die Eskapaden um die beiden Sharing-Großgiganten Uber und AirBnB haben Spuren hinterlassen. Beim Fahrdienst Uber waren die Fahrer plötzlich keine Angestellten mehr. Zwischen 19 und 30 Prozent von ihnen arbeiten in Vollzeit, leben kann davon kaum einer, und kaum einer macht den Job lange - die Fluktuation liegt bei 50 Prozent. Trebor Scholz, Professor für Kultur- und Medienwissenschaften an der New School in New York, der kürzlich ebenfalls Gast im Supermarkt war, betonte gerade erst in einem Interview, dass wichtige Rechte und Regeln, die man sich über Jahrzehnte erkämpft habe, jetzt wieder verloren gehen: Sozialversicherung, Schutz vor Diskriminierung und sexueller Belästigung, das Recht auf feste Arbeitszeiten, Krankenversicherung, all das gebe es bei Uber nicht. Und das Beispiel AirBnB verdeutlicht, wie sich die Idee der freien Wohnungsanbiete zum stadtpolitischen Verdrängungsinstrument wandelte, indem plötzlich in ganzen Straßenzügen keine Mietswohnungen mehr angeboten werden, weil man sie über AirBnB zur kurzzeitigen Untervermietung angeboten bekommt. Das alles weiß auch Ela Kagel. Sie sagt aber auch: „Die Geschäftspraktiken von Uber und AirBnB verurteile ich. Es ist nicht das, was ich unter Kollaboration und Sharing verstehe“.

Das Zeitalter des permanenten Wachstums geht vorbei

Ela Kagel versteht darunter eine neue Form der Zusammenarbeit, die sie im neuen Supermarkt täglich praktiziert. Aber sie weiß auch von den Widersprüchen, die die Themen Teilen und Kollaboration mit sich bringen: Einerseits ist die Digitalisierung Wegbereiter für einen digitalen Kapitalismus; Martin Kenney und Sascha Lobo sprachen auch vom neuen „Plattform-Kapitalismus“. Die These: Der Plattform-Kapitalismus löst die Grenze zwischen professionellem Angebot und amateurhaftem Gelegenheitsangebot auf. Disruption schaffe Verbilligungen, da sich Arbeitskräfte permanent unterbieten würden. Andererseits ist die digitale Allmende Chance für Partizipation und gesellschaftliche Teilhabe. Und genau hier setzt Ela Kagel an, sie glaubt einfach an die positiven Effekte des Sharing-Prinzips: „Wir müssen Plattformen und Ressourcen zur Verfügung stellen, die nicht nur von allen genutzt werden, sondern die auch allen gehören“. 

CZY WRK - neue Genossenschaft für Freelancer mit Schwerpunkt Digitalbranche

Genau daran arbeitet sie. So hat sie gerade CZY WRK mit ins Leben gerufen, „die erste digitale Genossenschaft für Selbständige, Freelancer und Unternehmer“, wie sie sagt. Ziel sei es, das Genossenschaftsprinzip weiter voranzubringen, konkrete Hilfe anzubieten, eine Lanze für das zu brechen, was man geläufig 'Kollaboration' nenne, indem man zusammenarbeitet und sich branchenübergreifend organisiert - und damit auch politisches Stimmgewicht hat. Denn das ist das, was der Branche seit Jahren fehlt. Die Soziologin Alexandra Manske spricht auch von einer "gewerkschaftsfreien Zone" im Bereich der Kreativwirtschaft. Ela Kagel ergänzt: „CZY WRK will für seine Mitglieder Angebote zur Stärkung der Erwerbsfähigkeit in Form von Wissenstransfer, Qualitätsversprechen, Infrastruktur und dem Mehrwert eines starken Netzwerkes schaffen“. Nach außen tritt CZY WRK als Verbund für Digital-Schaffende auf.

Warum ist Uber noch keine Genossenschaft?

Ela Kagel ist sich sicher, dass es künftig nur diesen einen Weg gibt: das Zusammen der Vielen, die neue Organisation der Unorganisierten. Sie fragt in den Raum: „Warum ist Uber keine Genossenschaft? Warum organisieren sich die Fahrer nicht selbst? Warum handelt man nicht zusammen?“ Sie klingt nicht verbittert, mehr auffordernd. Gerade Uber sei ihrer Meinung nach ja prädestiniert für eine Genossenschaft. "Die Fahrer könnten sich weltweit zusammenschließen. Und auch die Kultur- und Kreativwirtschaft ist prädestiniert dafür". Es bräuchte eben "nur digitale Strukturen, die genossenschaftlich organisiert sind“ - und die auf Basis einer Software „allen gehören“. "Nur". Kein allzu leichtes Unterfangen. 
 

Zusammenarbeit im Supermarkt: Foto: © Supermarkt

Wie schwierig dieser Prozess ist, das weiß sie selbst. Gegenwärtig zeichnet sich die Tendenz ab, dass eine Handvoll digitaler Mega-Plattformen wie Uber, Airbnb, Alibaba oder Google ganze Finanzmärkte dominieren. Die Autoren Thomas Ramge und Viktor Mayer-Schönberger sprechen in ihrem neuen Buch "Das Digital" vom neuen Datenkapitalimus und pladieren für eine "Daten-Sharing-Pflicht". Denn Daten sind der neue Reichtum der Plattformen. Darum sollten Unternehmen mit extremem Datenreichtum ihre Daten einfach mit Wettbewerbern teilen müsssen, so die Forderung. Der Rohstoff des neuen Kapitalismus sei schließlich Access: Zugang zu den digitalen Daten, die von den großen Konzernen wie Google oder Facebook immer mehr kontrolliert würden. Ela Kagel ist sich sicher: "Wahrscheinlich ist, dass sich diese Plattformen noch mehr und mehr in öffentliche Infrastrukturen einkaufen und unsere Daten in bislang unbekanntem Ausmaß verwenden". Zugleich blickt sie positiv in die Zukunft: "Meine Hoffnung ist, dass wir Gegenmodelle entwickeln". Konzepte wie FairBnB würden doch schon jetzt zeigen, dass es zumindest Alternativen gebe. Und vor allem im Genossenschaftsmodell sieht Kagel eine Chance. Es sei zwar in Deutschland "noch nicht etabliert genug". Auch sei es „umständlich“ - denn es brauche einen Finanzplan, einen Vorstand, einen Aufsichtsrat, eine Generalversammlung und vieles mehr. „Das hält viele noch davon ab, sich genossenschaftlich zu organisieren“. Aber es sei der richtige Weg. 

Ich will Schnittstellendenken ermöglichen und etablieren. Ich will an diesem Ort Wechselwirkungen verständlich machen

Ela Kagel: "Wir wollen die Leute zusammenführen". Foto: © Supermarkt

Sind Zusammenschlüsse wie CZY WRK vielleicht die Gewerkschaftsformen für die individuell Versprengten von morgen? „So würde ich das nicht sehen“, sagt Ela Kagel. Es gehe nicht darum, "das eine gegen das andere auszuspielen“. Genossenschaften würden unter Umständen aber die ansprechen, die sich gewerkschaftlich nicht organisieren ließen - auch oder gerade in einer Stadt wie Berlin. In Berlin seien die Themen Kollaboration und Sharing aber noch nicht etabliert genug. „Leider geht die Politik noch nicht mit. Amsterdam oder Madrid nennen sich heute schon Sharing Citys. Dort wurden Programme aufgelegt, um Fab Labs staatlich zu unterstützen“. Aber auch Berlin werde sich mehr und mehr zu einer korporativen Stadt entwickeln, da ist sich die Kulturmanagerin sicher. Ela Kagel wirkt zuversichtlich, wenn sie das sagt. „In zehn Jahren werden wir auf diese Epoche zurückblicken und sagen, da ist was passiert. Aber wir müssen jetzt dranbleiben. Und hier will ich mitwirken. Ich will Wechselwirkungen verständlich machen“. Ela Kagel ist hier noch lange nicht fertig. Sie fängt gerade erst an. 


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