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Adrian und Achim Hensen: „Unternehmen müssen wieder Verantwortung tragen“

Adrian und Achim Hensen: „Unternehmen müssen wieder Verantwortung tragen“
Foto: © Purpose

Die Tendenz, dass große Unternehmen kleinere aufkaufen, hat in den letzten Jahren ersichtlich zugenommen. Schon heute ist BlackRock der größte Vermögensverwalter der Welt – der US-Konzern hält Anteile an allen 30 größten deutschen Unternehmen und hat mit 6,30 Billionen Dollar mehr Kapital auf dem Konto als die BRD durch ihr Bruttoinlandsprodukt (BIP). Die Purpose Stiftung aus Basel/Berlin will an solchen Machtkonzentrationen etwas ändern. Purpose berät Unternehmen, die alternative Eigentumskonzepte umsetzen wollen und investiert in welche, die “sich selbst gehören” – um darüber wiederum Unternehmensverantwortung zu stärken. Wir haben Adrian und Achim Hensen von Purpose getroffen, die nicht nur Zwillinge und studierte Wirtschaftspsychologen sind, sondern für eine neue Version von Wirtschaft und Unternehmertum kämpfen: Wie funktioniert das Purpose-Konzept genau? Und was haben Kreativschaffende davon? 
 

INTERVIEW   CAROLIN MACKERT

 

CCB Magazin: Hallo Adrian und Achim, ihr habt Purpose vor drei Jahren mit ins Leben gerufen, eine Stiftung, Genossenschaft und zugleich eine gemeinnützige GmbH. Mittlerweile seid ihr ein Team von neun Leuten. Klärt uns mal auf: Was ist die Idee von Purpose, wie funktioniert euer Modell und warum braucht man das?

Achim: Wir gehen mit Purpose der Frage nach, was gesundes Unternehmenseigentum ist und gestalten dazu ganz konkrete Lösungen. Ziel ist es, dass wieder mehr Unternehmen in die Welt kommen, die das Unternehmen selbst führen und damit auch die Verantwortung tragen. Denn seit Jahren beobachten wir die Tendenz, dass Unternehmen mehr und mehr zu Spekulationsobjekten werden. Die heutigen sozialen und ökologischen Probleme werden durch die Wirtschaft mitverursacht – es herrscht häufig geradezu strukturelle Verantwortungslosigkeit. Profitmaximierung frisst den eigentlichen Unternehmenssinn auf.  

Adrian: Verantwortung schwindet auch darum, weil Entscheidungskraft abgegeben wird. Hier setzen wir an: Wir arbeiten für ein Eigentumsverständnis, das wir gerne mit dem englischen Begriff „Steward-Ownership“ beschreiben, frei übersetzt bedeutet es so viel wie „Verantwortungseigentum“. 

CCB Magazin:  Und das heißt konkret? 

Adrian: Zwei Prinzipien werden darüber sichergestellt: Profit ist immer Mittel zum Zweck und das Steuerrad des Unternehmens bleibt in den Händen derer, die aktiv mit dem Unternehmen verbunden sind. Wenn dies rechtlich bindend sichergestellt ist, gehören Unternehmen sich selbst und werden treuhänderisch auch von den Menschen geleitet, die sich tief mit der Mission des Unternehmens verbunden fühlen. In ihrer DNA – dem Eigentum – ist somit sichergestellt, dass sie langfristig sinnorientiert und unabhängig bleiben können. 

Wir investieren gezielt in Unternehmen, die sich selbst gehören. Und wir ermutigen andere in Unternehmen zu investieren, die das Konzept von „Verantwortungseigentum“ umsetzen 

CCB Magazin: Und was genau macht nun Purpose? Wie unterstützt ihr diese Unternehmen?   

Adrian: Wir konzentrieren uns auf zwei Kernprobleme: Erstens ermöglichen wir Unternehmen eine einfache Umsetzung des Konzeptes von „Verantwortungseigentum“. Dafür bieten wir spezielle Beratungen an. Zweitens setzen wir uns dafür ein, dass sich selbst gehörende Unternehmen genug Kapital zur Verfügung haben. Dazu haben wir einen Fonds gegründet und auch ein Investorennetzwerk aufgebaut. Wir und die Investoren investieren gezielt in sich selbst gehörende Unternehmen, zugleich ermutigen wir andere in Unternehmen zu investieren, die das Konzept von „Verantwortungseigentum“ umsetzen.

Achim: Unsere verschiedenen Kernaktivitäten setzen wir durch unterschiedliche Entitäten um. Auf der einen Seite sind wir eine eingetragene Genossenschaft, die Purpose Ventures e.G., aus der heraus wir in Unternehmen investieren, auch die Begleitung von Unternehmen hin zu neuen Eigentumsformen findet darüber statt. Selbstverständlich gehört sich die Genossenschaft selbst. Es können also keine Gewinne durch Investitionen privatisiert werden, die Investitionen werden lediglich zur Bereitstellung von Kapital für Start-Ups eingesetzt. Auf der anderen Seite sind wir eine gemeinnützige GmbH, die Purpose Network gGmbH. Hierüber erstellen wir zum Beispiel Publikationen, halten Vorträge, unterstützen die Forschung rund um das Thema Verantwortungseigentum und organisieren Veranstaltungen und Fortbildungen. Zudem stellen wir eine Website mit unterschiedlichen Fallbeispielen, Rechtsformen und konkreten Informationen zur Verfügung. Diese gemeinnützigen Aktivitäten werden durch Spenden ermöglicht – die erhalten wir von Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen, die unsere Mission unterstützen. 

Im Gespräch mit Creative City Berlin: Adrian und Achim Hensen. Foto: Purpose 
 

CCB Magazin: In eurem Heft „Unternehmens-Eigentumsformen im 21. Jahrhundert“ beschreibt ihr die Entwicklung, wie es überhaupt so weit kommen konnte, dass es Ansätze wie Purpose braucht. Adrian und Achim, wo liegt das grundsätzliche gesellschaftliche Problem? 

Adrian: Stark vereinfacht würde ich sagen, dass man ein Problem spürt, wenn man vielen Menschen heute zuhört: Wirtschaft scheint häufig etwas Negatives zu sein. Etwas, das Probleme schafft. Etwas, das Dinge tut, die wir nicht wollen. Umweltzerstörung, Zentralisierung von Macht und Kapital, zunehmende Ungleichheit – und gleichzeitig ist häufig eine Form von Ohnmacht zu spüren – niemand scheint verantwortlich. 

Wirtschaft scheint häufig etwas Negatives zu sein. Etwas, das Probleme schafft. Wir müssen Wirtschaft darum neu gestalten und Lösungen schaffen

Achim: Wir könnten uns gemeinsam daran erinnern, dass es der Auftrag der Wirtschaft ist, die Bedürfnisse der Menschen zu befriedigen. Genau genommen sollten wir nicht nur davon reden, Wirtschaft neu zu gestalten, sondern Lösungen schaffen. Unternehmen – die Orte, an denen Menschen so viel Lebenszeit verbringen und in denen sie sinnvoll zusammenarbeiten wollen –, sollten keine Spekulationsware sein. Ein Kernproblem für mich ist damit die Vorstellung, dass Profitmaximierung der Zweck unserer heutigen Arbeitsgesellschaft ist. Und eine Lösung ist es, wenn die volle Verantwortung wieder im Unternehmen bleibt. 

CCB Magazin: Was heißt das aber ganz praktisch? Wie kann man sicherstellen, dass die volle Verantwortung im Unternehmen und auch bei Unternehmern bleibt?   

Adrian: Es geht um die grundlegenden Fragen wie: Bei wem liegt die Entscheidungsgewalt? Soll das Unternehmen handelbar und zu vererben sein? Wo liegen die Gewinnrechte? Diese Fragen wollen wir mit möglichst vielen Unternehmen gemeinsam langfristig und sinn-orientiert beantworten. Ziel ist es, dass möglichst viele Unternehmen die Prinzipien des Verantwortungseigentums einfach in die eigene Satzung aufnehmen. Soweit so gut, dafür bräuchte es Purpose eigentlich nicht. Das Problem ist aber, dass diese Prinzipien jederzeit wieder geändert werden können. Als Mitarbeiter oder Kunde weiß ich also nicht, ob das Unternehmen nicht doch zum Spekulationsgut wird oder Gewinne hauptsächlich privatisiert werden. Hier ein bindendes, rechtliches Versprechen abzugeben und die eigenen Werte zu verankern, ist das Ziel von Purpose und kann mit der Purpose Stiftung und anderen Wegen, bei denen wir unterstützen, konkret umgesetzt werden. 

CCB Magazin:Was sind eure Konditionen? Wer kann Purpose in Anspruch nehmen, wer nicht? Und geht ihr gezielt auf Unternehmen zu oder Unternehmen auf euch? Gibt es Unternehmen, in die ihr grundsätzlich nicht investiert? 

Achim: Wir unterstützen die Unternehmen, die Eigentum neu denken wollen. Wir investieren also ausschließlich in Unternehmen mit Verantwortungseigentum oder in Unternehmen, die dabei sind dieses zu erlangen. Wenn wir dann noch vom Team, dem Markt und dem Produkt überzeugt sind, investieren wir.

Adrian: Das Kernanliegen unserer Investments ist es, Unternehmen zu ermöglichen, unabhängig und sinnorientiert zu bleiben – auch und gerade wenn sie Kapital aufnehmen. Jedes Unternehmen, das ein bindendes Versprechen zu diesen Prinzipien abgibt, kommt für uns grundsätzlich in Frage. Im Kern spielt die klassische Unternehmensbewertung im Sinne eines Verkaufswerts für uns keine Rolle. Vielmehr muss sich einer von uns mit der Mission des Unternehmens verbunden fühlen und an seine Zukunft glauben. 

CCB Magazin: Achtet ihr auch auf Kriterien, die für eine neue Verantwortungskultur stehen? Spielen zum Beispiel ökologische oder soziale Kriterien wie faire Bezahlungen o.ä. eine Rolle bei der Auswahl?

Achim: Ökologische und soziale Kriterien sind natürlich wichtig. Meistens achten entsprechende Unternehmen aber schon auf solche Kriterien, wenn sie “sich selbst gehören”.

CCB Magazin: Wenn ihr dann in ein Unternehmen investiert: Was muss das Unternehmen zurückzahlen und was verdient ihr daran?  

Achim: Bei den Investments erhalten wir eine Dividende für die Bereitstellung des Kapitals. Im Idealfall machen wir über die Rückzahlungen also Gewinne. Diese sind aber festgelegt in der Höhe und das Investment erfolgt, ohne dass wir Stimmrechte erhalten. Die genauen Konditionen sind stark abhängig vom Einzelfall und dem Risikoprofil. Konkret kann das zum Beispiel heißen: Purpose bekommt über zehn Jahre das 2,5fache des Investments zurück. Unsere Gewinne nutzen wir wiederum, um in weitere sich selbst gehörende Start-Ups zu investieren und Ausfälle zu kompensieren. 

CCB Magazin: Wen habt ihr schon alles finanziert? Und in welcher Höhe? 

Adrian: Verschiedene Unternehmen in Deutschland, Finnland und den USA. Die Investitionshöhe ist ganz unterschiedlich und liegt zwischen 50.000 und 500.000 Euro. Wichtig ist hier zu sagen, dass wir selten der einzige Partner der Unternehmen sind. So haben wir zum Beispiel bei dem Unternehmen Sharetribe aus Finnland zusammen mit mehr als 400 Partnern in einer Equity-Crowdfunding-Runde investiert. Andere Beispiele für unsere Investments sind die Unternehmen Jolocom, CoGalleries, das Creative Action Network oder Zielwear.

CCB Magazin: Ihr investiert nur in Unternehmen mit Verantwortungseigentum. Wie wollt ihr aber Unternehmen zu einem Umdenken bewegen, die im Grunde genau das Gegenteil sind von dem, was ihr tut? Also spekulative Großunternehmen oder Unternehmen, die sich gegenseitig aufkaufen.  

Achim: Wir arbeiten natürlich mit Menschen zusammen, die ihr Unternehmen sowieso nicht als Spekulationsobjekt sehen. Da müssen wir niemanden vom Umdenken überzeugen. Allerdings ist es uns wichtig, mit genau diesen Unternehmern, dem immer stärker ausufernden Fokus auf Profitmaximierung ein alternatives Narrativ gegenüberzustellen. Über das Umdenken im großen Stil werden langfristig wohl vielmehr die Kunden, Mitarbeiter und wir als Gesellschaft entscheiden. Aber dafür braucht es eben auch konkrete Alternativen.

CCB Magazin: Unsere Plattform ist für Künstler und Kreativunternehmen. Kreativschaffende haben oft nur ein begrenztes Wachstum und verankern nachhaltige Prinzipien, die sie dann sogar gegen die Profitorientierung stellen – das fand zum Beispiel die Studie „Booming Berlin“ heraus. Eine Studie von Matthias Euteneuer über Selbständige der Kreativwirtschaft kam zu einem ähnlichen Schluss. Sind Kreativunternehmer damit nicht genau die Unternehmertypen, die ihr sucht? Die also ihre Unternehmensform in der eigenen Hand behalten? Oder können Kreativunternehmen finanziell einfach nicht mithalten, weil auch zu wenig in sie investiert wird? Dass Investoren kaum in Kreativunternehmen investieren, fand zum Beispiel eine Studie von Juliane Schulze zu Venture Capital heraus.  

Adrian: Für uns ist es nicht entscheidend, ob der Unternehmer ein “normaler” oder kreativer ist. Wichtiger ist uns, dass wir eine Lösung für diejenigen finden, die nachhaltige Investments ohne Kontrollverlust und passende Eigentumslösungen suchen. Diese erarbeiten wir zusammen mit den Unternehmen. Dabei geht es natürlich auch darum, es wirtschaftlich nachhaltig zu gestalten. Denn unsere Investments sind keine Spenden und die Unternehmen, in die wir investieren, müssen das Geld auch zurückzahlen. Es braucht darum gerade unsere Überzeugung, dass die Finanzierung auch zurückbezahlt werden kann. Dafür müssen es aber nicht die nächsten “Unicorns” dieser Welt sein. 

 

CCB Magazin: Bislang gibt es kaum Ansätze wie Purpose. Gibt es Unterschiede in verschiedenen Ländern? Gibt es Vorreiter? Und würdet ihr euch selbst als Pioniere einer neuen Entwicklung oder gar Bewegung sehen? 

Achim: Mittlerweile gibt es viele Organisationen und Menschen, die sich mit guten Ideen und Ansätzen für eine andere Wirtschaft im Sinne des Menschen und der Gesellschaft einsetzen wollen. Zu nennen sind hier zum Beispiel die Benefit Corporation, Zebras Unite oder auch Akteure der Gemeinwohlökonomie. Unsere Perspektive auf die Eigentumsstruktur ist in der Form auch nicht neu. Eher sehr alt – Ernst Abbe hat mit Carl Zeiss bereits vor 130 Jahren das erste Stiftungsunternehmen der Welt geschaffen. Wir verstehen uns heute mehr als Träger, Lautsprecher und Möglichmacher dieser Idee. Nicht wir sind die Pioniere, sondern die Unternehmer, die neue Wege gehen. 

Wir verstehen uns als Träger, Lautsprecher und Möglichmacher unserer Idee. Aber nicht wir sind die Pioniere, sondern die Unternehmer, die neue Wege gehen

Adrian: Wir haben mittlerweile viele Anfragen aus verschiedensten Ecken der Welt. In all diesen Ländern herrschen unterschiedliche Gesetzgebungen und Regulierungen, dementsprechend unterscheiden sich auch die Lösungen in den jeweiligen Ländern. Für die verschiedenen Rechtsräume konnten wir bisher aber immer Lösungen finden. Unser Fokus liegt aktuell auf Westeuropa und den USA, aber wir bereiten uns darauf vor, Unternehmen auch in weiteren Rechtsräumen zu unterstützen.

CCB Magazin: Achim und Adrian, was muss passieren, damit eure Vision eines Paradigmenwechsels von gewinnmaximierender zu sinnmaximierender Wirtschaft in Zukunft der Regelfall wird?

Adrian: Wir brauchen eine Infrastruktur, in der es für Unternehmen normal und einfach ist, sinnorientiertes Eigentum anzunehmen. Das heißt, es braucht einfache Lösungen, Erfolgsgeschichten, Anwälte, Netzwerke und Zugang zu Kapital, das in Unternehmen fließt, die diese Eigentumsform haben. Daran arbeiten wir. 

Wir sagen nicht, dass Purpose und ”Verantwortungseigentum” die Lösung aller Probleme sind. Aber wir können mit der Eigentumsfrage von Unternehmen ein zentrales Problem in der Gesellschaft mit konkreten Lösungen angehen

Achim: Wir müssen aber auch die Konsumenten miteinbeziehen, damit sie mit ihrem Kaufverhalten Unternehmen in Verantwortungseigentum unterstützen. Vielleicht wäre es auch für die Politik an der Zeit, Bedingungen zu schaffen, in denen Unternehmen leichteren Zugang zu den Eigentumsformen haben. Wirtschaft muss wieder den Menschen und der Gesellschaft dienen. Wir sagen nicht, dass Purpose und ”Verantwortungseigentum” die Lösung aller Probleme sind. Aber wir können mit der Eigentumsfrage von Unternehmen ein zentrales Problem in der Gesellschaft mit konkreten Lösungen angehen.


Ihr wollt mehr wissen? Dann können wir euch die Eigentumskonferenz mit Purpose am 30.-31. Oktober in Berlin empfehlen. Alle Infos dazu findet ihr hier.

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