Specials

Tanz oder gar nicht

Tanz oder gar nicht
Foto: © Jens Thomas // Immer am performen: Vicens Mayans aus Barcelona.

Sie arbeiten mit Passion, Lust und Leidenschaft: Produzenten und Produktionsbüros im Bereich der Darstellenden Künste. Aber wer sind sie? Sind sie die Labels der Tanz- und Theatercompanies und Einzelkünstler? Oder doch nur Vermarkter? Welche Stellung kommt ihnen zu und was verdienen sie? Darum ging es beim "International Meeting of Independent Performing Arts Producers" in Barcelona und Terrassa: 30 Produzenten aus allerlei Ecken Europas waren vor Ort – und wir mittendrin. Ein Nachbericht der performativen Art.


VON  Jens Thomas 
 

Vicens hat die Lacher schnell auf seiner Seite. Vicens Mayans, Anfang 40, kaum Haare auf dem Kopf, dafür aber einen buschigen Bartkranz um den Mund und immer einen flotten Spruch auf den Lippen, sagt schwungvoll: „Ich mach doch nicht alles. Irgendwann ist auch mal gut!“. Seine Mundwinkel zeigen nach oben. Gelächter geht durch den Raum. Es geht hier ums Geld. Eigentlich gar nicht lustig, und schon gar nicht im Bereich der Darstellenden Künste, wo das Geld nicht sonderlich locker sitzt. Aber Vicens ist ein witziger Kerl. Er redet mit Händen und Füßen, und zu berichten hat er einiges: Er ist Teil der Agentur agente129 und unterstützt internationale Darstellende Künstler, er promotet sie und holt internationale Gastspiele nach Barcelona – und lebt davon. Vermutlich passt er schon aufgrund seiner Erscheinung perfekt als ergänzendes Supplement an die Seite seiner Künstler.

Es ist Donnerstag, der 27. September, wir befinden uns in einem Konferenzraum des legendären Veranstaltungsort für Tanz und Performance, dem Mercat de les Flors. Gekommen sind Produzenten aus ganz Europa. Es ist eine gemeinsame Veranstaltung des Performing Arts Programm Berlin (PAP) und des Dachverbandes Tanz Deutschland (DTD) in Kooperation mit dem katalanischen Institut für Kulturwirtschaft (ICEC). Der Titel: "International Meeting of Independent Performing Arts Producers". Produzenten und Produktionsbüros aus Belgien, Portugal, Deutschland, Spanien, Frankreich und Großbritannien sind versammelt. Sie sitzen in einem Stuhlkreis. Sie debattieren. Sie tauschen Konzepte aus und halten Vorträge. Es geht um neue Perspektiven. Um neue Produktionsstandards. Um einen Ländervergleich – insgesamt um Perspektiven der Finanzierung und verschiedenste Arbeitsweisen.

Nicky Childs von Artsadmin aus England. Foto: Jens Thomas 
 

Um 11 Uhr geht es los mit einem flammenden Plädoyer von Nicky Childs. Nicky Childs ist nicht irgendwer, sie ist in etwa das, was Aphex Twin für Elektro oder Depeche Mode für Pop ist: eine unverrückbare Größe in der internationalen Tanz- und Theaterszene. Seit vier Jahrzehnten steht sie wie ein Fels in der Brandung in der Performing-Arts-Szene Englands und unterstützt Künstler über ihre Organisation Artsadmin. Artsadmin ist ein Förderinstrument, es ist eine Anlaufstelle für die performativen Künste in England, insgesamt eine einzigartige Ressource zur Unterstützung und Produktion von unabhängigen Companies und Einzelkünstlern. Von dem, was Childs über die Jahrzehnte aufgebaut hat, träumen viele. Artsadmin wurde 1979 von Judith Knight and Seonaid Stewart gegründet, dann kam Nicky Childs hinzu. In einem kleinen Team, erzählt sie, hätten sie damals alles aufgebaut. Nicky Childs spricht in ruhigem Ton, ihre Brille rückt sie beim Referieren immerzu hin und her. 200 Künstler hat sie mit Artsadmin bis heute auf den Weg gebracht. 400 Veranstaltungen hat sie schon organisiert. Sie sagt aber auch: „Damals waren die Förderbedingungen noch besser“. Die Fördertöpfe seien voller gewesen, auch sei die Konkurrenz um Fördertöpfe gestiegen. Der Erfolg und das Standing von Artsadmin rühren heute vor allem am jahrzehntelangem Durchaltevermögen. Artsadmin ist wie ein Gütesiegel, wie eine Empfehlungsstruktur und eine Art der Kuration. Vielleicht auch wie ein Label. Wer Artsadmins Stationen durchlaufen hat, hat einen Pluspunkt im Lebenslauf.

Es geht an diesem Tag aber nicht um die Künstler an sich. Es geht um die Lebensläufe und Arbeitssituation derer, die für Darstellende Künstler arbeiten – um Produktionsbüros, Distributor, vielleicht auch um Vermarkter? Hier fängt’s schon an kompliziert zu werden. Denn eine genaue Berufsbezeichnung gibt es nicht. Es gibt in Deutschland nicht mal eine anerkannte Ausbildung. „Dabei gibt es großen Bedarf“, stellt Jana Grünewald vom Dachverband Tanz Deutschland klar. „Viele Künstler suchen einen Produktionsleiter, finden aber keinen“. Ein anderes Problem: In Deutschland dürfen die Distributor und Produzenten nicht in die Künstlersozialkasse, in jenes staatliche Auffangbecken, das seit 1983 existiert und worüber aktuell 190.000 Künstler den Arbeitnehmeranteil zu den Sozialversicherungs- und Krankenkassenbeiträgen erstattet bekommen. In Deutschland profitieren davon momentan 27.000 Darstellende Künstler. Bis auf wenige Ausnahmen wie beispielsweise in Belgien, Großbritannien und Ungarn, wo es staatliche Unterstützungsstrukturen für Produktionsbüros gibt, existiert sonst keine etablierte Finanzierungsstruktur für freischaffende Produzenten. Es gibt nicht mal ein EU-Förderprogramm.

Netzwerken, sich austauschen, Konzepte vergleichen: Darum gings beim "International Meeting of Independent Performing Arts Producers" in Barcelona. Foto: Jens Thomas 
 

Die Arbeit wird aber trotzdem gemacht. Und sie zeugt von viel Detailliebe und intrinsischer Motivation, auch das wird deutlich. Eine ist zum Beispiel Leonie Wichmann. Sie arbeitet als „Companie Manager Slash Producer“, wie sie sagt. Sie lebt und arbeitet in Paris – seit fünf Jahren. Eigentlich kommt sie aus Deutschland, und eigentlich arbeitet sie fast nur in New York – so zum Beispiel für die amerikanische Künstlerin Nora Chipaumire. Leonie ist blutjung, im Gegensatz zu Nicky Childs ist sie eine absolute Newcomerin – vor einem Jahr hat sie sich selbständig gemacht. Man merkt ihr ihre Begeisterung an, wenn sie über ihre Arbeit spricht. „Das Tolle daran ist das Verschmelzen mit den Künstlern und das Erarbeiten von gemeinsamen Konzepten“, stellt die klar. Auf dem Treffen ginge es ihr darum, neue Finanzierungswege zu entdecken, aber auch eigene Grenzen zu erkennen. Denn die Schattenseite wäre, dass man irgendwann ausbrennen könne, wenn man dauerhaft zu wenig verdiene und ständig über seine Grenzen arbeite.

Auch davon berichten viele Teilnehmer. Alexandra Schmidt aus Düsseldorf zum Beispiel, die schon einige Jahre Arbeit im Bereich der Darstellenden Künste auf dem Buckel hat, dennoch frisch wirkt, stellt klar: „Viele meiner Kollegen sind nach zwei Jahren völlig ausgebrannt!“. Die Verdienste liegen in etwa bei 1.000 bis 2.000 Euro netto monatlich – wenn alles gut läuft. Und gut ist das nicht. Dabei machen die Companie Manager Slash Producer im Grunde alles: Sie planen die Produktion mit den Künstlern, sie sind auch an der künstlerischen Konzeptionierung beteiligt. Sie regeln das Auftrittsmanagement, organisieren Gastspiele und das Touring, machen die Abrechnungen und übernehmen oft sogar die PR-Arbeit. Nennen wir’s beim Namen: Sie machen eigentlich alles.

Anastasia Tchernokondratenko und Lena Meckler von Kosmonaut Production aus Belgien. "Wir haben Glück, bei uns gibt es ein Förderprogramm für Produzenten". Foto: Jens Thomas 

Dafür werden sie zu wenig honoriert, da sind sich alle in der Runde einig. Einige fordern neue Finanzierungsprogramme, andere internationale Richtlinien. „Viele sind unzufrieden mit der Situation“, stellt Johanna Bauer vom Performing Arts Programm des LAFT Berlin klar. Hier kommt Vicens Mayans wieder ins Spiel, denn er sagt mit weitaufgerissen Augen: „Nein“. Man müsse heute einfach mal „nein“ sagen können, nicht alles mitmachen. Er zum Beispiel konzentriere sich auf die internationale Vermarktung von Künstlern und Choreographen wie Ofir Yudilevitch, Robbie Synge oder Laseñorita Blanco. In Deutschland ist man dagegen für fast alles zuständig. Was Soziologen seit Jahren als „Entgrenzung von Arbeit“ beschreiben, wird hier arbeitspraktisch sichtbar. Aber wer sind sie, die Producer, Distributor Slash Companie Manager Slash Produktionsleiter? Leiter sind sie eigentlich nur welche in Anführungszeichen – über die künstlerische Arbeit entscheidet letztlich der Künstler. Im Grunde sind sie wie ein Label, aber eben kein Label. Auf dem Musikmarkt gilt die sogenannte 80-20-Regel, das Label bekommt 80 Prozent, der Künstler 20 – zumindest bei den größeren Labels ist das so. Im Bereich der Darstellenden Kunst verdienen die Producer rund 15 Prozent an den Einnahmen – und die sind nicht sonderlich hoch. Im Gegensatz zum Musikmarkt, wo Künstler auch an den Verwertungsrechten verdienen (können) und Audio-Streaming mittlerweile einen Anteil von knapp 50 Prozent an allen Erlösen hat, gibt es im Bereich der Darstellenden Künste keine Wiederverwertungsmöglichkeiten. Selbst über die Veranstaltungseinnahmen wäre der Markt nicht zu finanzieren. Das Publikum ist schlichtweg zu speziell, oft setzt es sich auch aus Personen zusammen, die selbst im Feld der Darstellenden Künste arbeiten oder zumindest damit zu tun haben. Einen Massenmarkt wie im Musikbereich gibt es für die Darstellende Kunst nicht. Es gibt nicht mal ein Produkt wie auf dem Kunstmarkt, das mal im Auktionshaus landen könnte und mal hier mal da ein Milliönchen einfährt. Der Markt für die Darstellenden Künstler ist schlichtweg ein alimentierter. Man ist in der Regel auf öffentliche Förderung angewiesen.

Welche Wege kann es geben? Ist Crowdfunding eine Lösung? Darüber wurde gar nicht diskutiert. Ich spreche das Thema mal an. Juliane Männel vom Rimini Protokoll aus Berlin sagt. „Ja, darüber haben wir auch schon nachgedacht“. Letztlich habe man sich aber dagegen entschieden, auch weil man nicht wisse, ob es funktioniert. Auch Jana Lüthje, freie Produzentin aus Berlin, stellt klar: „Für die Publikumsgewinnung wäre Crowdfunding sicher eine gute Option, vor allem für partizipative Projekte, aber bislang ist es kaum ein Thema“. Warum sich dann nicht als Produktionsleiter auf Crowdfunding-Kampagnen konzentrieren? Leonie Wichmann ist da skeptisch. „Einerseits ja, weil Crowdfunding eine Option ist“. Andererseits sei das ein Zeitproblem. „Was sollen wir noch alles machen?“. Und, das sei der entscheidende Punkt, Künstler wollten Planbarkeit. „Die wollen im Vorfeld wissen, ob der Auftritt zustande kommt oder nicht“. Crowdfunding sei wenig vorhersehbar. Und eine Plattform wie Gigflip, über die Musiker heute problemlos ihre Touren buchen können und die wie eine Art Vorverkauf funktioniert, gibt es für die Darstellenden Künste (noch) nicht.

Jana Grünewald vom Dachverband Tanz Deutschland. Foto: Jens Thomas 

Am Samstag ist die Reise zu Ende. Wir besuchen noch zwei zentrale Produktionsbüros in der Stadt und fahren zuvor zum legendären TNT-Festival nach Terassa. Hier wird nicht debattiert, hier wird genetworked und vor allem performt – das muss auch mal sein, wenn Tanz und Theater auf der Tagesordnung steht. Zwischen Tür und Angel reden wir noch über das Thema Nachhaltigkeit. Auch hier gibt es erste Ansätze. Nadine Becker, 33 Jahre, Produktionsleiterin aus dem Raum Brandenburg, hat schon eine konkrete Idee. Sie will Human Farity ins Leben rufen, ein Performing-Arts-Label, worüber künftig Abgaben an soziale Zwecke erfolgen. Finde ich toll und wichtig, muss dann aber zum Flughafen. Auf dem Weg denke ich mir, über Nachhaltigkeit reden, dann aber unökologisch handeln, weil eben fliegen, das ist wirklich Mist. Ich entscheide: Beim nächsten Mal lauf ich. Macht bestimmt Spaß. Bis bald. #barcelona #schönwars# #wirkommenwieder #tanz #theater

Kategorie: Specials

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen