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Shai Hoffmann: "Traut euch neue Dinge zu tun! Das ist wie eine neue Liebesbeziehung!"

Shai Hoffmann: "Traut euch neue Dinge zu tun! Das ist wie eine neue Liebesbeziehung!"
Foto: © Shai Hoffmann

Shai Hoffmann hat einen turbulenten Lebenslauf: Er hat als Jugendlicher in deutschen Soaps mitgespielt, dann Betriebswirtschaftslehre studiert, heute nennt er sich Karma-BWLer, bringt Crowdfunding-Kampagnen auf den Weg, arbeitet mal als Crowdfunding-Berater, hat sogar sein eigenes Unternehmen shai hoffmann gegründet, dann ist er auch noch an der HWR als Dozent tätig und fährt seit kurzem mit dem "Bus der Begegnung" quer durch Deutschland, "um Menschen zusammenzubringen". Ach herrje, was dieser Herr so alles treibt! Zeit, dass wir uns mit ihm mal über die Lage der Nation unterhalten. Heute im Profil: Shai Hoffmann.  


CCB Magazin: Hallo, Shai, leg mal los, wer bist du und was machst du?

Shai:Hallo, ich bin Shai Hoffmann, ich bin Karma-BWLer und arbeite an Projekten, die Werte wie Wertschätzung, Vertrauen und Glück schöpfen. Werte, die meines Erachtens in unserer Gesellschaft zunehmend abhandengekommen sind. Dafür habe ich ein eigenes Unternehmen shai hoffmann gegründet, mit dem ich mich auf Crowdfunding-  sowie Social-Media Strategie-Beratung spezialisiert habe. Ich arbeite als Dozent an der HWR zum Schwerpunkt Social Entrepreneurship und fahre seit Kurzem mit dem „Bus der Begegnungen“ durch ganz Deutschland, um Menschen zusammenzubringen. Ich realisiere lauter bunte und schöne Projekte, die die Welt ein Stückchen besser machen sollen.

CCB Magazin: Was willst du denn "besser" machen? 

Shai: Ich wünsche mir, dass wir uns wieder mehr wertschätzen. Egal, ob wir HartzIV-Empfänger, Krankenschwester, Busfahrer, Ärztin oder Banker sind. Wertschätzung erfordert aber auch Empathie und vor allem einen Paradigmenwechsel in der Ökonomie. Darum brauchen wir eine Ökonomie, die humanes Streben befördert, und nicht eine, die auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist. Darum hab ich auch Jahre lang mit der Karma Ventures UG faire nachhaltige Sneakers produziert, die Karma Classics, oder Konferenzen wie die Get Engaged organisiert, mit der wir Sozialengagierte zusammenbrachten und die unterschiedlichsten Perspektiven diskutierten. Seit Kurzem fahre ich dem „Bus der Begegnung“ (Linie94) durch ganz Deutschland. Ausgestattet mit Kaffee und Kuchen, Sofas und Stühlen, wollen wir auf Marktplätzen in Dörfern und Städten Deutschlands halt machen. Dort wollen wir die Menschen zusammenbringen, uns gegenseitig zuhören und uns auf Augenhöhe miteinander austauschen. So fängt Demokratie an, indem wir reden. Wir wollen zusammentragen, was den Menschen wichtig ist und sich ändern soll. 

CCB Magazin: Willst du auch andere dazu motivieren, ebenfalls aktiv zu werden? 

Shai:Das will ich.  Ich will mit meiner Arbeit andere motivieren, einen Perspektivwechsel zu wagen. Das beginnt schon im Kindergarten und zieht sich durch das ganze Leben. Oft steige ich in den Bus ein, zeige meine Umweltkarte vor und bedanke mich bei den Fahrern. Einfach so. Die schauen mich dann an, als hätten sie ein UFO gesehen – freuen sich aber meistens darüber. Wir müssen einfach dankbarer werden. Wir dürfen das, was wir haben, nicht für selbstverständlich nehmen.  

Wir müssen einfach dankbarer werden. Wir dürfen das, was wir haben, nicht für selbstverständlich nehmen

CCB Magazin: Du hast schon so einiges gemacht in deinem Leben. Erzähl mal, wie wurde es zu dem, was es heute ist? 

Shai:Oh, ich habe wirklich einen turbulenten Lebenslauf. Angefangen mit einem nicht erwähnenswerten schlechten Realschulabschluss über eine mit ach und krach bestandene Ausbildung zum Hotelfachmann bis hin zu diversen Engagements als Schauspieler in deutschen Vorabendserien – damals bei GZSZ. Ok, ich war jung und brauchte das Geld. Dann habe ich meinen Abschluss in Betriebswirtschaftslehre gemacht, in Berlin und New York City. Irgendwann dachte ich mir: „Moment mal, ich möchte nicht nach Gewinnmaximierung zu Lasten anderer streben und soziale Ungerechtigkeiten in dieser Welt weiter befeuern. Ich will Dinge tun, die mir und allen Menschen, die daran teilhaben, Spaß machen und uns vor allem zusammenbringen“. Wertschätzung – davon bin ich fest überzeugt – ist der nachhaltigere Wohlstand. 

CCB Magazin: Am Montag diskutierst Du bei uns in der Kulturprojekte Berlin auf dem Podium zum Revolutionsjahr 2018/19 zum Thema „Mischt Euch ein!“. Soziologen attestieren in der Gesellschaft seit Jahren eine zunehmende Entfremdung zwischen Bürgern und Parteien: Einerseits nimmt die Institutionenanbindung ab, die Parteien verlieren an Mitgliedern und das Vertrauen in die Politik schwindet. Andererseits nimmt der Wunsch zu, Dinge selbst mitgestalten und voranbringen zu können. Sind Partizipationsformen wie der „Bus der Begegnungen“ oder neue Mikroökonomien im Bereich der fairen nachhaltigen Produktion die neuen Mitgestaltungsmöglichkeiten der Zukunft? 

Shai:Auf jeden Fall! Die Menschen wollen einfach nicht mehr nur den Parteiausweis zücken können, das reicht ihnen nicht, und die Frage wird sein, wie die Parteien die Bürger in Zukunft wieder erreichen können. Ich denke, Formen wie der „Bus der Begegnungen“ oder neue Mikroökonomien unter fairen, nachhaltigen Produktionen, wie die Karma Classics sind auch viel direkter, transparenter, sie sind face-to-face, sie spiegeln auch die Bedürfnisse der Menschen wieder. Die Politik wird nicht umhinkommen, sich diesen Formen mehr und mehr zu öffnen. 

CCB Magazin: Ist Berlin ein besonderer Ort für solche Austragungen? In den 1960er Jahren rannten Studenten mit zerrissenen Jeans halbnackt gegen den Kapitalismus über den Ku’dammm. Heute ist Berlin Spielwiese für neue nachhaltige Geschäftsmodelle und lokale Ökonomieformen. 

Shai: Ja, Berlin ist der Ort, wo sich solche zentralen Trends und Entwicklungen abzeichnen, immer schon. Aber es geht ja nicht nur um Berlin. Es geht gerade auch um die Regionen, wo die Menschen nicht gehört werden oder sich abgehängt fühlen. Das ist ja das Ziel von „Bus der Begegnung“, die Menschen in den unterschiedlichsten Regionen zu erreichen. 

CCB Magazin: Aber was bedeutet Berlin für dich und deine Arbeit?

Shai: Berlin ist meine Heimat. Obwohl ich israelische Wurzeln habe und regelmäßig in Tel Aviv bin, liebe ich Berlin. Berlin ist so vielfältig, wie ich mir das heutige, vor allem aber das zukünftige Deutschland wünsche. Die verschiedenen Kieze mit ihren individuellen Flairs inspirieren mich jeden Tag. Auch die Social-Entrepreneurship-Szene wächst hier Dank einer sehr aktiven Szene, was mich besonders freut. Die Menschen in Berlin sind im Vergleich zu anderen deutschen Städten einfach aktiver, sie starten Initiativen, die gesellschaftliche Teilhabe von geflohenen Menschen zum Ziel haben. Das können sie hier tun, weil Berlin ihnen die Infrastruktur bietet – noch relativ günstige Mieten, gute Fördermöglichkeiten, gute Vernetzungsmöglichkeiten.  Dieser Aktionismus motiviert auch mich, und mal ehrlich: Was gibt es Schöneres, als an einem lauwarmen Sommerabend mit Freunden auf dem Tempelhofer Flugfeld den Sonnenuntergang zu genießen und bei einer Rhabarberschorle Pläne zu schmieden, wie wir unsere Welt ein Stückchen besser machen können? 

Was gibt es Schöneres, als auf dem Tempelhofer Flugfeld den Sonnenuntergang zu genießen und bei einer Rhabarberschorle Pläne zu schmieden?

CCB Magazin: Wenn du einen Wunsch hättest: Wie sollte Berlin in Zukunft gestaltet werden?

Shai: Ich wünsche mir, dass noch mehr Menschen den Mut und die Kraft aufbringen, die Gesellschaft mitzugestalten und sich zivilgesellschaftlich zu engagieren. Vor allem auch politisch, damit wir rechtspopulistischen Kräften keinen Nährboden bieten. Und ich bin überzeugt: Mit guten, kreativen Ideen und einer packenden Story kann man für sein Projekt tatsächlich Geld einsammeln, auch über Crowdfunding – und das relativ unbürokratisch. Außerdem wünsche ich mir, dass wir erfolgreiche Projekte für Geflüchtete mithilfe der Politik, die ja quasi um die Ecke sitzt, in viele weitere Bundesländer übertragen bekommen. Gute Beispiele gibt es genug: Sharehaus Refugio, Flüchtlinge Willkommen, Kiron University und viele mehr. Eine engere Verzahnung von Politik und zivilgesellschaftlich organisierten Projekten wünsche ich mir ebenfalls.  Lasst uns Berlin noch grüner, bunter und toleranter machen! Damit unsere Stadt auch weiterhin so liebenswert bleibt.

CCB Magazin: Shai, was planst du in der Zukunft?

Shai: Zuerst einmal wünsche ich mir, dass ich gesund bleibe, da ich 2007 eine Niere von meinem Papa erhalten habe. Ohne Gesundheit, keine aufregenden Projekte. Und in Zukunft möchte ich einfach genau das weitermachen, was ich bisher tue. Und ich wünsche mir sehr, dass ich möglichst vielen von euch bei dem einen oder anderen Projekt persönlich über den Weg laufe. Vor allem will ich neugierig bleiben. Das ist der Motor für meine Aktivitäten. So spiele ich derzeit zum Beispiel unregelmäßig Theater. Nicht, weil ich gelernter Schauspieler bin, sondern weil ich das noch nie gemacht habe und ich es liebe, an Herausforderungen zu wachsen. Traut euch auch Dinge zu tun, die ihr noch nie getan habt – es ist aufregend, wie eine neue Liebesbeziehung!

CCB Magazin: Danke für das Gespräch. 


Profil von Shai Hoffmann auf Creative City Berlin

Ein Interview mit Shai Hoffmann zum Thema Crowdfunding findet sich auf www.crowdfunding-berlin.com

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