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Die Theorie ist tot, es lebe die Theorie!

Schwerpunkt Überleben als Kleinstverlag: Wie geht das?

Die Theorie ist tot, es lebe die Theorie!
Foto: Quelle: © pixabay.com

In Berlin gibt es bis zu 350 Verlage, 200 Buchläden und 50 Antiquariate. Ein Verlag unter vielen ist b_books, aber einer mit ganz besonderem Format: Seit über 22 Jahren ist b_books auf politische Theorie, Queer Studies und Kunstkritik spezialisiert und zugleich ein Buchladen – das ist in Berlin mit diesem Schwerpunkt bislang einmalig. Gegründet wurde b_books 1996 in Kreuzberg von Stephan Geene. Wir waren vor Ort und wollen wissen: Wie überlebt ein Buchladen und Verlag solchen Formats in Zeiten des digitalen Wandels? Und haben Theorien in Zeiten der großen Unübersichtlichkeit überhaupt noch eine Relevanz? Ein Gespräch über Kunst als politische Praxis, alte Verlagsformate und neue Trends und warum Stephan Geene bis heute einfach nicht aufgibt.
 

 INTERVIEW STEFAN SCHULZ



CCB Magazin: Hallo, Stephan. Die 68er-Bewegung feiert in diesem Jahr ihr 50-jähriges Jubiläum. Im Zuge von 68 wurden Theorien von Marcuse bis Foucault populär. Die Zeit der großen Theorien scheint heute ein wenig verblasst - Utopien wurden in Realitäten überführt, Fallstudien über Derrida und Beauvoir gehören heute zum akademischen Normalbetrieb. Ist die Zeit der großen Theorien vorbei?

Stephan Geene: Das würde ich nicht sagen. Vielleicht werden linkspolitische Ideale, bestimmte Lebensstile, Kunstbegeisterung und Theorieinteresse nicht mehr so dynamisch gelebt wie das noch zwischen '68 und den 1980er Jahren der Fall war. Aber auch heute werden noch Debatten und Streits geführt, sehr intensiv sogar, wenn es zum Beispiel um Queertheorien geht. Das zeigten etwa die Diskussionen im letzten Jahr zwischen der Zeitschrift Emma um Alice Schwarzer und den an der TU Berlin lehrenden Genderforscherinnen Sabine Hark und Judith Butler. Ein Ende der Theorie sehe ich nicht.

Krisenzeiten sind Hochzeiten von Theorien. Einem Verlag wie unserem kommt das programmtechnisch zu Gute

CCB Magazin: Aber die Umsätze von Verlagen werden mit anderen Schwerpunktthemen gemacht. 2016 wurden in Deutschland 377 Millionen Bücher verkauft. Wichtigster Umsatzträger war wiederholt die Belletristik mit rund 32 Prozent, während der Umsatzanteil in den Bereichen Theorie, Kunst und Musik bei rund fünf Prozent liegt. Wie oft hast du in all den Jahren eigentlich daran gedacht, alles hinzuschmeißen?

Stephan Geene: Daran habe ich nie gedacht. Es geht uns ja auch nicht primär um den Gewinn. B_books ist ein Kollektiv, ein Weg zum Diskurs, eine Möglichkeit der Beteiligung, der Diskussion und des Austausches. Wir haben in all den Jahren sämtliche Höhen, Tiefen und auch Krisen überlebt. Krisenzeiten sind sogar Hochzeiten von Theorien. Einem Verlag wie unserem kommt das programmtechnisch sogar zu Gute.
 

Gucken, lesen, sich auf Theorien einlassen: Seit 1996 gibt es den von Stephan Geene gegründeten Verlag b_books.  Foto/Quelle: © pixabay.com


CCB Magazin: Beschreibe doch mal die Situation, aus der heraus b_books entstanden ist.

Stephan Geene: Die Gründung von b_books war das Resultat verschiedenster Begegnungen von Akteuren aus der freien und autonomen Szene in Berlin der 1990er Jahre. Bevor ich 1989 nach Berlin kam, lebte ich in München, dort war ich Mitglied der Künstlergruppe „minimal club“, die sich 1982 gründete. Ab 1989 gaben wir die Zeitung A.N.Y.P heraus, die einmal jährlich zu verschiedenen Themen und Theorien erschien. Die Gruppe und Zeitung gibt es heute nicht mehr. Aber sie war eine Art Vorläufer von b_books: Sie verband Menschen aus den unterschiedlichsten Zusammenhängen. Sie markierte auch meinen Weg von München nach Berlin. 1996 gründete ich b_books in Kreuzberg.

Wir sind kein Anti-Verlag, aber einer mit ganz speziellem Format: Wir verfolgen keine ökonomischen Interessen. Es geht uns um kollektive Zusammenarbeit und Gleichbehandlung. Es gibt bei uns auch nicht „den Verleger". B_Books ist ein offener Prozess

CCB Magazin: Welches Verständnis habt ihr heute als Verlag, wenn ihr euch als anti-kommerziell versteht? Das französische Autorenkollektiv „Tiqqun“ hat in einem ihrer Texte kürzlich dazu aufgerufen, keine Verlage mehr zu gründen, sondern Bücher frei zu publizieren. Der Merve Verlag hat daraufhin in seinem Logo die Bezeichnung „Verlag“ durchgestrichen. Ist b_books ein Anti-Verlag?

Stephan Geene: Nein, wir sind kein Anti-Verlag, aber einer mit ganz speziellem Format. Es geht uns um kollektive Zusammenarbeit und um Gleichbehandlung. Es gibt bei uns auch nicht „den Verleger“. Wir sind ein etwa 15-köpfiges Kollektiv, manche Projekte entstehen auch nur durch Leute, die temporär dazugehören. B_Books ist ein offener Prozess. Wenn jemand an einem Buch arbeitet, lesen andere Korrektur, gestalten das Layout oder helfen sonst irgendwie. Im Grunde bräuchte es heute auch gar keinen Verlag mehr.  Selfpublishing kann an vielen Stellen mehr Sinn machen. Man muss nicht gleich ein ganzes Buch mit allen Produktionskosten mitdenken. Unsere größten Herausforderungen sind es heute, den Öffnungsbetrieb des Ladens aufrechtzuhalten und die Bestellungen zu pflegen.
 

Von Kunstkritik über Politik bis hin zu Queer Studies: Das Sortiment von b_books, Foto/Quelle: © pixabay.com 


CCB Magazin: Aber wie finanziert ihr b_books? Kannst du davon leben?

Stephan Geene: Nein, leben kann davon niemand bei uns. Wir verfolgen mit b_books aber auch keine ökonomischen Interessen. Jeder Cent der Verkaufserlöse fließt sofort wieder in den Verlag und in den Laden. Bei uns gibt es auch keine Teil- oder Vollzeitstellen. Die meisten von uns arbeiten für b_books anderthalb Tage im Monat. Unser Leben finanzieren wir auf anderem Wege: Wir sind künstlerisch aktiv oder arbeiten in anderen Berufen - als Dozenten, Autorinnen, Künstlerinnen, ich mache zum Beispiel Filme.

CCB Magazin: Ein Großteil der Kultur- und Kreativschaffenden in Berlin sind mehrfachbeschäftigt, oft weil sie von einem Job nicht leben können oder weil sie von nur einem Job nicht leben wollen. Ihr seid ein klassischer Kleinstverlag unter der Umsatzsteuergrenze von 17.500 Euro jährlich. Welche Rechtsform habt ihr und warum?

Stephan Geene: B_Books hat im Grunde keine Rechtsform, es ist ein Einzelunternehmen. Wir haben als Kollektiv mal überlegt, eine GbR oder Genossenschaft daraus zu formen. Der Vorteil einer Genossenschaft ist zwar, dass sie per se auf kollektives Wirtschaften angelegt ist. Sie basiert darauf, dass alle das gleiche Stimmrecht haben, egal mit wie viel Geld wer dabei ist. Weil bei uns die Kollektiv-Zusammensetzung aber ständig rotiert, wäre das Genossenschaftsmodell für uns schwierig. Es wäre uns ein zu großer bürokratischer und finanzieller Aufwand.
 

Bücher ohne Ende, und das seit 22 Jahren. Der b_books Verlag in Berlin-Kreuzberg. Foto/Quelle: © pixabay.com


CCB Magazin: Eure linkspolitische Haltung und Herkunft aus dem Kunstbereich spiegelt sich stark in eurem Verlagsprogramm und im Sortiment wider. Der Verlag veröffentlichte in den letzten zwei Jahren Bücher zu Queer Studies, Texte über Techno, visuelle Kultur und künstlerische Produktionsweisen im Spätkapitalismus, zur Pornographie und Biopolitik. Auffällig ist, dass sich euer Programm klar vom massenkompatiblem Geschmack abhebt, was sich auch in eurer Menüführung und der Optik der Webseite widerspiegelt: es gibt kein Facebook-Kanal, kein großes Marketing. Würdest du sagen, dass b_books nostalgisch ist?

Stephan Geene: Gegenfrage: Muss man immer mit der Zeit gehen? Nein. Gerade die Professionalisierung und Funktionalisierung aller Lebensbereiche seit den 1990er Jahren hat zu einer Art Verbürgerlichung der künstlerisch-experimentellen und kollektiven Praxis geführt. Das ist nicht unser Weg. Darum: Ja, unsere Außendarstellung kann etwas nostalgisch wirken. Eine Professionalisierung von b_books ist aber auch nur bis zu einem bestimmten Grad gewünscht und möglich. Wir wollen und müssen nicht jede digitale Welle mitmachen. Ich bin durchaus technikaffin, aber unsere Leser/innen bevorzugen offenbar Print. Wir haben einmal Maurizio Lazzaratos Essay „Die Fabrik des verschuldeten Menschen“ von 2012 als eBook-Format ausprobiert. Das Buch verkaufte sich gut. Das eBook generierte aber keine bedeutenden Verkaufszahlen, das ist aber auch nicht schlimm.

Man muss nicht immer allen Trends hinterherlaufen. Gerade die Funktionalisierung aller Lebensbereiche hat zu einer Art Verbürgerlichung der künstlerisch-experimentellen Praxis geführt. Das ist nicht unser Weg

CCB Magazin: Wenn du in die Zukunft blickst, wie geht es mit euch und b_books weiter? Und wäre b_books eine Plattform für die nächste Theorie-Avantgarde mit wegweisenden Thesen und brisanten Texten in der Tasche?

Stephan Geene: Das wird sich zeigen. Ich weiß nicht, ob und was noch passieren kann und wird. Es scheint im Moment tatsächlich schwierig oder gar unmöglich zu sein, eine einzige Figuration zu erdenken, hinter der sich viele Menschen stellen. Es gibt nicht die eine Subszene, sondern mehrere. Es gibt auch nicht mehr so viele politische und künstlerische Gruppen, die sich auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner einigen können. Das hängt damit zusammen, dass die Unterschiede und Differenzierungen in der Gesellschaft zunehmen. Darum suchen die Menschen auch keine Anbindungen mehr an nur einem konkreten Ort. Sie sind mehr mit Freunden in Mailand oder irgendwo vernetzt, als mit den Leuten aus dem Nachbarhaus.

CCB Magazin: Würdest du b_books heute wieder gründen?

Stephan Geene: Heute wäre das nicht mehr unter vergleichbaren Bedingungen möglich. Es ist heute auch weitaus schwieriger, wenn nicht gar unmöglich, bezahlbare Räume zu finden, die für Kollektivstrukturen wichtig sind. Ohne die Kollektivstruktur von b_books hätte ich heute aber nicht die Kraft und die Zeit dafür, ein Verlagsprogramm zu gestalten und zehn Bücher im Jahr zu machen. Wie das für andere heute ist, weiß ich nicht. Es sollten sich aber alle, die vielleicht mal einen Verlag gründen wollen, über ihre Wünsche und Vorstellungen genau im Klaren sein. Und dafür kann auch ein wenig Theorie nicht schaden.

CCB Magazin: Stephan, vielen Dank für das Gespräch.

Stephan Geene: Stefan, ich danke dir.


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