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Markus Sauerhammer: „Lasst uns endlich mal die alten Zöpfe abschneiden“

Markus Sauerhammer: „Lasst uns endlich mal die alten Zöpfe abschneiden“
Foto: © Kristoffer Swetje / Startnext Crowdfunding

Ob und wie die GroKo kommt, ist nicht klar. Im neuen Koalitionsvertrag wird nun aber erstmals das Thema „Social Entrepreneurship“ explizit genannt. Was ist genau geplant? Und was können sich Social Entrepreneure davon erhoffen? Wir sprechen darüber mit Markus Sauerhammer vom Social Entrepreneureship Netzwerk Deutschland e.V.  
 

INTERVIEW JENS THOMAS
 


CCB Magazin: Hallo Markus, im neuen Koalitionsvertrag wird erstmals das Thema „Social Entrepreneurship“ explizit genannt, auch von „sozialer Innovationen“ ist mehrfach die Rede. Im Koalitionsvertrag von 2013 wurde dagegen von „sozialer Innovation“ nur einmal gesprochen. Was versprichst du dir von der neuen Regierung?

Markus Sauerhammer: Eine Menge. Man sollte ja meinen, dass Deutschland im Bereich soziale Innovation und Social Entrepreneurship eine Vorreiterrolle einnimmt. Das ist aber nicht der Fall. Die Studie „The best country to be a Social Entrepreneur“ bringt es auf den Punkt: Insgesamt landet Deutschland unter den 45 reichsten Ländern auf Rang 12. Bei dem Punkt „Unterstützung durch die Politik der jeweiligen Regierung“ aber nur noch auf Rang 34/45 – zwischen Griechenland und Mexiko. Das finde ich mehr als peinlich. Darum ist die Berücksichtigung von „Social Entrepreneurship“ im Koalitionsvertrag lobenswert. Jetzt gilt es aber die Ankündigungen mit konkreten Maßnahmen und Ressourcen zu unterfüttern.

Wir brauchen ein neues Innovationszentrum in Deutschland, in dem Social Startups, Zivilgesellschaft und der Staat gemeinsam an zukunftsorientierten Lösungen arbeiten

CCB Magazin: Im Papier werden aber weder konkrete Maßnahmen, Instrumente noch Zielvorgaben genannt, auch werden keine genauen Zeitpunkte aufgeführt, in welchem Rahmen und vor allem in welcher Höhe etwas zum Thema „Social Entrepreneurship“ vollzogen werden soll. Ist das nicht etwas dünn?

Markus Sauerhammer: Das ist es. Auch zeigen die Positionen der unterschiedlichen Parteien, dass hier noch viel Luft nach oben ist. In anderen Ländern ist das Thema Social Entrepreneurship auch schon viel weiter. So hat zum Beispiel Großbritannien über Big Society Capital einen Fonds für Investitionen in soziale und gesellschaftliche Innovationen über 600 Millionen Pfund aufgesetzt, sowie den Aufbau eines Netzwerks analog dem Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland (SEND) finanziell und strategisch stark unterstützt. Als Ergebnis hat dieses Netzwerk inzwischen weit über 5.000 Mitglieder und arbeitet dort mit sechs Ministerien zusammen. Nach unserem Ermessen geht es in der Zukunft um vier zentrale Punkte: Um die verstärkte Finanzierung sozialer Innovationen, um zunehmende Sichtbarkeit und Vernetzung, um das Abbauen von Einstiegshürden für die Gründung eines Social Startups und um die Förderung von Talenten für eine Karriere im Bereich des Sozialunternehmertums. Unsere Vorschläge lassen sich hier konkret nachlesen. 

CCB Magazin: Klär uns mal auf: Was ist denn für dich Social Entrepreneureship?

Markus Sauerhammer:Unter Social Entrepreneurship verstehe ich, wie im Übrigen auch mein Verband, die Entwicklung von Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen mit unternehmerischen Instrumenten. Social Entrepreneurship ist in vielen Fällen ein Hybrid klassischer Startups und gemeinnütziger Organisationen. Primärer Zweck ist die positive soziale und ökologische Wirkung sowie die ökonomische Nachhaltigkeit. Es geht also um das Nachhaltigkeitsdreieck aus Ökologie, Soziales und Ökonomie. 

CCB Magazin: Im Koalitionsvertrag überwiegt aber das Soziale gegenüber dem Ökologischen. Die Themen Entfristung von Arbeitsverträgen und mögliche Vollbeschäftigung stehen im Zentrum. Ökologische Themen sind dagegen zweitrangig. Enttäuscht dich das? 

Markus Sauerhammer: Bezogen auf das Ökologische, ja. Ich persönlich sehe eine Lösung unserer ökologischen Herausforderungen als ähnlich wichtig an wie viele der sozialen Aspekte. Ein breiter Teil der Gesellschaft lässt sich ja auch nur für ökologische Themen begeistern, wenn wir uns um eine Lösung des Sozialen und Existenziellen bemühen und Ängste abbauen. Und zum Punkt „Entfristung von Arbeitsverträgen“ und „Vollzeitbeschäftigung“: Darüber müssen wir diskutieren. In meinen Augen sind wir mit der Digitalisierung aber in eine Zeit des permanenten Wandels eingetreten. Arbeit, wie wir sie heute kennen, wird sich in den nächsten Jahren radikal verändern.

CCB Magazin: Was meinst du konkret?

Markus Sauerhammer:Arbeit wird sich weiter flexibilisieren. Und da wäre es an der Zeit, auch neue und zeitgemäße Instrumente – zumindest experimentell – für die Weiterentwicklung unseres Sozialstaates zu erproben. Während in anderen Ländern Experimente rund um das Bedingungslose Grundeinkommen über die Regierungen gang und gäbe sind, Finnland führte im letzten Jahr als erstes europäisches Land das Grundeinkommen ein, werden ähnliche Initiativen hierzulande wie mein „Mein Grundeinkommen“ bislang vom Staat nicht unterstützt.

CCB Magazin: Aber ist das nicht ein Widerspruch, einerseits freies Unternehmertum einzufordern, anderseits auf die Alimentierung des Staates zu hoffen?

Markus Sauerhammer: Das sehe ich nicht als Widerspruch. Es geht darum, gesamtgesellschaftliche Herausforderungen anzunehmen, und hier leisten Social Entrepreneurs Vorarbeit. Sie erproben Modelle, von denen die Politik lernen kann.

CCB Magazin: Kannst du Beispiele bringen?

Markus Sauerhammer: Nimm die Plattform CityMart: CityMart revolutioniert die Lösung kommunaler Herausforderungen. Stellt eine Stadt ein Problem fest, schreiben die Mitarbeiter der zuständigen Behörde in der Regel ein Verfahren aus, das nach einer Lösung sucht. Es wird aber im Vorfeld nicht geklärt oder berücksichtigt, welches Verfahren überhaupt gute oder bessere Lösungen bieten könnten. Hier setzt CityMart an: Es erleichtert die Suche nach passenden Lösungen, damit die Umsetzung zielführender ist und letztlich keine Ressourcen unnötig verbraucht werden. Als Nutzer kann ich dann schauen, wie in anderen Städten das Problem bereits gelöst wurde und welche der Lösungen wie funktioniert haben. Das Paradoxe ist aber: Obwohl CityMart-Gründer Sascha Haselmayer aus Deutschland kommt und als Ashoka-Fellow ein ausgezeichneter Sozialunternehmer ist, arbeitet in Deutschland keine einzige Stadt mit ihm zusammen. Internationale Städte wie Paris, London, Dublin oder New York gehören dagegen bereits zu den Nutzern von CityMart und unterstützen das Projekt. Über seine Erfahrungen hat Haselmayer hier im enorm Magazin berichtet. Ich will nicht wissen, wie viele Millionen oder gar Milliarden an Steuergeldern alleine durch die Ignoranz dieses einen Sozialunternehmens verbrannt worden sind.

Sind gut drauf: Das Team von Social Entrepreneureship Netzwerk Deutschland e.V.  Foto © Frederike Coring / Copyright Social Entrepreneurship Netzwerk Deutschland
 

CCB Magazin: Social Entrepreneure, so heißt es oft, schlagen in eine Kerbe: Sie gehen die Themen an, die die Politik zu wenig repräsentiert und setzen sich für Lösungen ein, die der Staat nicht imstande ist zu lösen. Entledigt sich der Staat damit nicht seinen Aufgaben, wenn er das Feld zunehmend wirtschaftlichen Akteuren überlässt?

Markus Sauerhammer: Es geht nicht darum, dass der Staat sich seiner Aufgaben entledigt. Er soll das fördern, was der Gesellschaft gut tut und was Fortschritt bringt. Aktuell kommen nur eben die bahnbrechenden Innovationen zum größten Teil aus der Wirtschaft, und gerade von außerhalb etablierter Organisationsstrukturen. So wie viele Startups stellen auch Social Entrepreneure bestehende Lösungen in Frage und etablieren völlig neue Lösungen, die sich bei einem höheren Nutzen für die jeweilige Zielgruppe am Ende durchsetzen. Hier sollte der Staat das Unternehmerische mit dem Sozialen zusammendenken und gezielt fördern.

CCB Magazin: Aber besteht da die nicht die Gefahr, dass das Soziale wirtschaftlichen Interessen unterliegt?

Markus Sauerhammer: Das eine soll nicht gegen das andere ausgespielt werden. Ich mach mal einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn wir hier einen komplett neuen Lösungs- und Innovationsprozess im Einklang mit unseren Werten aufsetzen? Eine Quasi-Neue-Arbeitsteilung im Einklang mit unseren Werten zwischen Politik und neuen wirtschaftlichen Modellen.

CCB Magazin: Wie könnte das aussehen?

Markus Sauerhammer: Das könnte so aussehen, dass Social Entrepreneure an neuen Lösungen für unsere gesellschaftlichen Herausforderungen arbeiten und diese bei einem entsprechenden Wirkungsnachweis vom Staat übernommen werden – Social Entrepreneure sollten aber auch daran verdienen können. Und solche Vorhaben ließen sich problemlos erproben. Ein Anfang dafür wäre schon ein neues Zentrum für soziale und gesellschaftliche Innovation. Ich frage mich, warum es das noch nicht gibt bei der durch Steuergelder finanzierten Digital Hub Initiative? Was wir brauchen, ist eine Art Innovationszentrum in Deutschland, in dem Social Startups, Zivilgesellschaft, Staat und Wohlfahrt gemeinsam an zukunftsorientierten Lösungen arbeiten.

CCB Magazin: Aber wird das Thema Social Entrepreneurship nicht grundsätzlich überschätzt? Ihr schreibt auf eurer Webseite: „Wir stehen vor einer Vielzahl gesellschaftlicher Herausforderungen. Klimawandel, Kinder- und Altersarmut, Reformstau im Bildungssystem, Integration geflüchteter Menschen oder demografischer Wandel“. Das sind doch Problemfelder, die nicht von Social Entrepreneuren gelöst werden können. Ist hier nicht primär der Staat in der Pflicht?

Markus Sauerhammer: Das eine geht nicht ohne das andere. Es geht um ein neues Aufeinanderzubewegen zwischen Staat, Wirtschaft und Zivilgesellschaft. Dazu müssen wir aber endlich mal die alten Zöpfe abschneiden und wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass „der Staat“ eine abstrakte Institution ist, die sich nicht verändern darf. Der Staat und seine Organe sind wir! Deshalb sollten wir als Zivilgesellschaft diesen Erneuerungsprozess mitgestalten. Und Social Entrepreneurship ist hierfür ein wichtiges Instrument.

"Der Staat“ ist keine abstrakte Institution, die sich nicht verändern darf. Der Staat und seine Organe sind wir. Deshalb sollten wir auch als Zivilgesellschaft diesen Erneuerungsprozess mitgestalten. Und Social Entrepreneurship ist hierfür ein wichtiges Instrument

CCB Magazin: Lass uns über Geld reden. Statistiken belegen, dass mehr als 80 Prozent aller Startups innerhalb von drei Jahren scheitern. Wenn du eine Bilanz ziehst: Woran scheitern Social Entrepreneure am Häufigsten?

Markus Sauerhammer: Die Gründe sind vielfältig. Aber die meisten Vorhaben scheitern gerade nicht an der Finanzierung, sondern an einer mangelnden Resonanz durch die Zielgruppe. Hier haben es Social Entrepreneure noch um ein vielfaches schwerer als die klassischen Unternehmen. Bei vielen der Social Entrepreneure sind Staat, Kommunen oder öffentliche Institutionen der potenzielle Kundenkreis. Zugleich ist es aber schwierig, in öffentlichen Ausschreibungsverfahren berücksichtigt zu werden – öffentliche Finanzierungsinstrumente der Gründungsförderung sind in den meisten Fällen nicht auf die Bedürfnisse der Sozialunternehmer*innen angepasst. Auch ist das Instrument Gründungszuschuss durch die Umstellung von einer gesetzlichen Pflichtleistung in eine Ermessensleistung mit Vermittlungsvorrang am Arbeitsmarkt zum zahnlosen Tiger geworden. Gerade gut qualifizierte Social Entrepreneure erhalten so keinen Zugang zu diesem Förderinstrument. Als Alternative wurde im Koalitionsvertrag 2013 eine Gründungszeit analog der Elternzeit angekündigt. Passiert ist hier leider nichts.

CCB Magazin: Bei den Finanzierungsinstrumenten der KfW gab es aber bereits einen ersten Piloten für ein Finanzierungsprogramm von Social Entrepreneuren.

Markus Sauerhammer: Das stimmt, das Programm hat aber die Bedürfnisse der Zielgruppe nicht wirklich getroffen. Anstatt es iterativ weiterzuentwickeln, wurde es einfach eingestellt. Zudem war im Koalitionsvertrag 2013 auch eine Verzahnung von Crowdfunding mit Finanzierungsinstrumenten der KfW angedacht. Gerade für Sozialunternehmer*innen hätte genau das großes Potenzial gehabt, da eine Vielzahl der Akteure darüber – schon alleine aus Mangel an Alternativen – die Anschubfinanzierung darüber einsammelt. Auch hier ist leider nichts passiert. Zum Glück gehen inzwischen einige Landesförderbanken mit gutem Beispiel voran. Auch die Investitionsbank Berlin hat hierfür ein eigenes Finanzierungsprodukt aufgesetzt.

CCB Magazin: Du betonst die mangelnden Instrumente in der Anlaufphase. Es geht doch aber auch um die Wachstumsfinanzierung. Wie weit sind wir da?

Markus Sauerhammer: Impact Investing steckt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Im Bereich rein ökonomischer Innovationen arbeitet man mit Venture Capital und dies wird durch staatliche Instrumente wie den High Tech Gründerfonds oder den Investitionszuschuss Wagniskapital intensiv unterstützt. Leider gibt es im Bereich gesellschaftlicher Innovationen keine solchen Instrumente. Das gilt auch für den Nachhaltigkeitsbereich: Die Instrumente öffentlicher Gründungsförderung belohnen gesellschaftliche oder ökologische Mehrwerte bislang überhaupt nicht. Alle reden über Nachhaltigkeit, also braucht es auch nachhaltige Lösungen. Wie wollen wir unsere Werte in ein neues Zeitalter transferieren, wenn die aktuelle Förder- und Steuerpolitik ein unternehmerisches Handeln belohnt, das soziale und gesellschaftliche Aspekte außen vor lässt?

CCB Magazin: Es gibt doch auch Positivbeispiele. Gerade im Kontext von Migrationsbewegungen haben zum Beispiel das Bundesministerium des Innern und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge gemeinsam mit dem betterplace lab und openTransfer einen Digitalen Flüchtlingsgipfel organisiert. Sind das nicht Wege in die richtige Richtung?

Markus Sauerhammer: Auf jeden Fall, das will ich auch nicht kleinreden. Der Digitale Flüchtlingsgipfel wurde aber erst während der sogenannten „Flüchtlingskrise“ organisiert, also ab dem Zeitpunkt, als es eigentlich schon zu spät war. Ein anderes Beispiel ist das Sozialunternehmen Kiron Higher Education. Dieses Unternehmen hat durch das Bundesministerium für Bildung und Forschung eine Anschubfinanzierung für den Ausbau der eigenen Arbeit erhalten. Gerade hier verspreche ich mir viel von den Ankündigungen im aktuellen Koalitionsvertrag.

CCB Magazin: Was ist euer Ziel als Netzwerk für Social Entrepreneure in der Zukunft? Für was werdet ihr kämpfen? 

Markus Sauerhammer: Wir leben in einer Zeit großer technologischer und ökonomischer Umbrüche. Bislang fokussieren wir uns aber in erster Linie auf die ökonomische Nutzung. Viel spannender ist es aber doch, welche gesellschaftlichen Mehrwerte wir durch diese Umbruchphase gestalten können. Hier wollen wir ein Umdenken bewirken. Wir setzen uns für einen Fortschritt ein, von dem die Gesellschaft als Ganzes profitiert – egal ob über eine nachhaltigere Ausrichtung der Wirtschaft oder eine Lösung der großen gesellschaftlichen Herausforderungen unserer Zeit!

CCB Magazin: Was erhofft ihr euch ganz konkret von der Politik?

Markus Sauerhammer: Von der Politik wünschen wir uns in erster Linie ähnliche Rahmen- und Förderbedingungen wie bei ökonomischen und technologischen Innovationen. Das wäre ein Anfang. Bislang fallen soziale und gesellschaftliche Innovationen leider bei vielen Förderprogrammen durch das Raster. Hier wünschen wir uns eine neue Justierung. Und konkrete Vorschläge haben wir auch schon gemacht. Die könnt ihr hier lesen.

CCB Magazin: Markus, ich danke dir für das Gespräch.
 


Profil von Markus Sauerhammer auf Creative City Berlin 

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