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Wasser!

Wasser!
Foto: © Isabella Schmidt

Heute ist Weltwassertag. Endlich! Und wir freuen uns an dieser Stelle eine Person aus Berlin vorzustellen, die sich intensiv mit Wasserverbrauch und der Rolle der Modeindustrie befasst: Amira Jehia. Amira ist Teil der gemeinnützigen Organisation Drip by Drip, sie hat das nachhaltige Modelabel Blue Ben mit ins Leben gerufen und organisiert heute am 22. März das Water X Fashion Festival in Berlin zum Weltwassertag (CRCLR Lab). Wir präsentieren das Festival als Medienpartner und haben uns mit Amira im Vorfeld über das Festival, das weltweite Wasserproblem und entsprechende Alternativen unterhalten.
 

 INTERVIEW Monja Remmers

 

CCB Magazin: Hallo Amira, du machst seit Jahren ein Projekt nach dem anderen. Du hast 2016 die Karma Classics ins Leben gerufen, setzt dich seit Jahren für das bedingungslose Grundeinkommen ein, arbeitest seit kurzem für das neue Modelabel Blue Ben und organisierst am 22. März das Water X Fashion Festival zum Weltwassertag. Hast du bei alledem überhaupt noch Freizeit?

Amira: Ja, es klingt wirklich nach viel. Meine Arbeit ist aber auch meine Leidenschaft. Freizeit und Arbeit, das überlappt sich bei mir. Meine Projekte sind auch meine Freizeitbeschäftigung und meine Hobbys.

CCB Magazin: Seit kurzem bist du auch Teil der gemeinnützigen Organisation Drip by Drip. Der Verein wurde gegründet, um die Modeindustrie auf den enormen Wasserfußabdruck zu überprüfen und entsprechende Alternativen bekannter zu machen. Wo liegt das Problem?

Amira:Das Problem ist, dass der Anbau von Baumwolle Unmengen an Wasser verbraucht. Das wissen nur die wenigsten. Ein Baumwoll-Sweater benötigt zum Beispiel zwischen 3.500 und 8.000 Liter Wasser. Das wäre genug, um den täglichen Trinkwasserbedarf eines Menschen von mindestens fünf Jahren zu decken. Gerade in Baumwolle anbauenden Ländern herrscht darum ein großer Wassermangel. Allein in Indien, dem zweitgrößten Baumwollexporteur der Erde, haben heute mehr als 100 Millionen Menschen keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Aber auch der Gebrauch von Chemikalien und schlechte Arbeitsbedingungen sind Probleme, die wir lösen müssen. Darum haben wir die Organisation Drip by Drip gegründet. Und darum organisieren wir am 22. März auch das Water X Fashion Festival zum Weltwassertag.

 Der Anbau von Baumwolle verbraucht Unmengen an Wasser. Ein Baumwoll-Sweater benötigt zum Beispiel zwischen 3.500 und 8.000 Liter Wasser. Das wäre genug, um den täglichen Trinkwasserbedarf eines Menschen von mindestens fünf Jahren zu decken

CCB Magazin: Um was geht es am 22. März genau? Was wird den Besuchern geboten?

Amira: Mit dem Water X Fashion Festival wollen wir die Themen Wasser und Mode an einem Ort zusammenbringen. Uns geht es darum, einen Austausch zu ermöglichen und über Alternativen zu sprechen. Wir haben dazu unzählige tolle Initiativen, Modelabels, Organisationen und Unternehmen eingeladen, die sich entweder mit der Modeindustrie direkt oder mit dem Wasserproblem an sich beschäftigen. Und die Besucher des Festivals erwartet sehr viel: Zu Beginn zeigen wir den Dokumentarfilm „The true cost“. Der Film klärt darüber auf, welche Kosten entstehen, wenn wir Fast Fashion konsumieren, vor allem für Mensch und Natur. Im Anschluss wird es zwei Podien geben: Eines zum Thema Wasserfußabdruck in der Modeindustrie, ein anderes zum Thema Zukunft. Hier sprechen wir mit Expertinnen und Experten darüber, welche alternativen Modelle es gibt, um dem Problem der Wasserknappheit entgegenzutreten.

Illustration © Water X Fashion Festival
 

CCB Magazin: Das Thema „Wasserknappheit“ ist in der Modeindustrie bislang eher ein unterbelichtetes. Selbst nachhaltige Modelabels fokussieren wenn eher alternative und schadstofffreie Fasern. Für einen Kilo Baumwolle werden zwischen 7.000 und 29.000 Liter Wasser benötigt. Kann die kleinteilige Modeindustrie an diesem Problem überhaupt etwas ändern?

Amira:Das kann sie natürlich nur bedingt, aber wenn viele viel machen, passiert auch viel. Und wir müssen handeln. Der Konsum von Baumwolle ist ungebrochen und wird weiter zunehmen, weil eben auch der Bedarf an Kleidung in den nächsten Jahren exorbitant steigen wird. Auch die Weltbevölkerung wird weiter zunehmen und Wohlstand kehrt in immer mehr Regionen ein, die noch vor kurzem als Schwellen- oder gar „Entwicklungs“länder galten. Darum brauchen wir nicht nur politische Regelungen. Wir brauchen vor allem auch viele Akteure, die Impulse geben, damit Wasser eingespart werden kann. Meine Erfahrung ist, dass mittlerweile auch viele Modelabels aus dem Nachhaltigkeitsbereich das Problem erkennen und handeln wollen, aber noch nicht wissen wie.

CCB Magazin:  Du hast aus diesem Grund das Modelabel Blue Ben mitgegründet, um ein Exempel zu statuieren. Was macht Blue Ben anders? Und wie geht ihr das Wasserproblem über das Label an?

Amira:Blue Ben ist das erste wassergebende Modelabel der Welt. Wir verzichten nicht nur auf Baumwolle, sondern auch auf Kunststoffe, auf giftige Chemikalien und billige Arbeitskräfte. Die Produktion unseres ersten Sweaters weist eine Wasserersparnis von 90 Prozent im Vergleich zur herkömmlichen Produktion mit Baumwolle auf. Zudem verzichten wir auch auf Baumwolle und andere synthetische Stoffe wie Polyester, die ebenfalls schädlich für die Umwelt sind. Unsere Fasern beziehen wir aus Europa. Zum Schluss ist unsere Kleidung auch noch kompostierbar. Wir nehmen aber auch darüber hinaus Verantwortung: 10 Prozent unseres Label-Umsatzes geht direkt an Wasserprojekte in Bangladesch. Jede weitere Kollektion wird in Zukunft einem anderen Land zugeteilt.

 

CCB Magazin:  Du beschreibst gerade viele Bausteine, wie man nachhaltig agieren kann. Gibt es deiner Meinung nach einen „besten Weg“ der nachhaltigen Produktion?

Amira: Den „einen“ besten Weg der nachhaltigen Produktion gibt es bislang noch nicht. Hat man das eine Problem gelöst, stößt man auf ein Neues. Was sich gegenwärtig aber abzeichnet, ist, dass es Fabriken und Stoffproduzenten gibt, die anfangen zu experimentieren und die versuchen, andere Wege zu gehen. Unser Partner Tintex Textiles aus Portugal zum Beispiel probiert gemeinsam mit uns alles aus, was möglich ist. Nach dem Prinzip Trial and Error. In Portugal ist der Wasserkreislauf schon relativ geschlossen. Das verschmutzte Wasser wird dort gereinigt, sodass man es wieder verwenden kann. Unsere Stoffe beziehen wir darum auch aus Portugal. Insgesamt sind hier noch viele Wege offen. Es gibt aber noch zu wenige Player auf dem Markt, die das Thema aktiv angehen. Hier wollen wir mit Drip by Drip Aufklärungsarbeit leisten.

Ich bin der Meinung, dass die Politik im Grunde das machen sollte, was wir machen. Sie sollte konkret rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die es großen Ketten unmöglich macht, die Umwelt und den Menschen auszubeuten. Und sie sollte Projekte unterstützen, die die Probleme erkennen und angehen

CCB Magazin:   Wie kamst du auf die Idee, Drip by Drip zu gründen?               

Amira:    Die Idee Drip by Drip zu gründen, kam gar nicht von mir. Die Idee, den Verein zu gründen, kam von Ali Azimi, dem Gründer von Blue Ben. Uns wurde klar, dass wir neben dem Modelabel auch eine Organisation gebrauchen können, die alles bündelt, die auch als verlängerter Arm funktioniert und über die wir Spenden annehmen können. Unsere Label-Projekte finanzieren wir aktuell noch über Crowdfunding. Drip by Drip will ein Bewusstsein dafür schaffen, was Baumwoll- und vor allem Wasserverbrauch in der Textilindustrie bedeutet. Dazu widmen wir uns im ersten der Aufklärungsarbeit, im zweiten Schritt entwickeln wir ganz konkret Stoffe, die komplett auf Baumwolle verzichten - und die stellen wir dann anderen Labels und Organisationen zur Verfügung. Nachhaltigkeit und bewusster Konsum waren für mich schon immer wichtige Themen. Auch privat beschäftige ich mich damit.

CCB Magazin: Bist du ein politischer Mensch? Hat Design für dich einen politischen Auftrag? Bist du zum Beispiel auch in einer Partei politisch aktiv? Und ließen sich solche Probleme, die du benennst, nicht besser politisch lösen?

Amira:Ja, ich bin ein politischer Mensch, aber nein, ich bin in keiner Partei. Und ich befürchte, dass ich immer politisch bleiben werde, auch wenn ich manchmal wirklich frustriert bin. Ich bin der Meinung, die Politik sollte im Grunde das machen, was wir machen. Sie sollte konkret rechtliche Rahmenbedingungen schaffen, die es großen Ketten unmöglich macht, die Umwelt und den Menschen auszubeuten. Im Gegenzug sollte sie dann aber Projekte unterstützen, die die Probleme erkennen und angehen. Das Problem ist aber doch, dass der Einfluss von Lobbyisten zu groß ist. Genau darum ist die Zivilgesellschaft gefordert. Und genau darum überlegen wir uns Konzepte und Alternativen.

CCB Magazin: Trotz deinen Engagements: Die Nachfrage an neuer Kleidung wird weiter zunehmen. Auch der Wasserverbrauch wird weiter steigen. Ihr schreibt auf eurer Webseite selbst, dass der Konsum an Kleidung bis 2030 um fast 63 Prozent steigen wird. Ernüchtert dich das?

Amira:Einerseits: ja. Andererseits: Gerade darum sind wir so gefordert. Das heißt auch, dass ich die Verantwortung auch bei uns als Konsumenten sehe. Wir haben den Planeten nun schon so weit heruntergewirtschaftet, und wenn wir wollen, dass auch folgende Generationen noch was von ihm haben, müssen wir heute damit beginnen, Dinge bei uns im Kleinen zu verändern und andere dazu zu inspirieren, das Gleiche zu tun.

CCB Magazin: Danke für das Gespräch. Wir sehen uns gleich auf dem Festival!


Profil von Amira Jehia auf Creative City Berlin 

Kategorie: Specials

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