Als ich nach Berlin kam...

Mohammad Abou Laban und Ziad Adwan: "Uns waren die Hände gebunden"

Mohammad Abou Laban und Ziad Adwan: "Uns waren die Hände gebunden"
Foto: © Jens Thomas

Exil-Kunst oder Kunst in heimischen Gefilden? Was bedeutet es für syrische Künstler, ihr altes Leben hinter sich zu lassen und Kunst im Exil zu betreiben - fern von der Heimat und den Wurzeln, aber frei von Restriktionen? Die Künstler und Aktivisten Mohammad Abou Laban und Ziad Adwan haben darüber mit dem Journalisten Mario Münster das Magazin "A Syrious Look" herausgebracht. Wir trafen die drei zum Gespräch. 
 

INTERVIEW Boris Messing



CCB Magazin: Mohammed, Ziad, Mario, ihr habt vor über einem Jahr „A Syrious Look“ veröffentlicht, ein Magazin von syrischen Exil-Künstlern, die in Berlin leben. Ein Folgeprojekt ist in Planung. Mohammad und Ziad, ihr beide kommt aus Damaskus, Mario, du bist aus Berlin. Wie habt ihr euch kennengelernt und wie kamt ihr auf die Idee, ein solches Magazin herauszugeben?

Mario: Das ergab sich so. Ich hatte Ziad im November 2014 über einen gemeinsamen Freund kennengerlernt. Kurze Zeit später waren viele von Ziads Künstlerfreunden aus Damaskus ebenfalls in Berlin, und so hatte ich quasi über Nacht zwei Dutzend neuer Freunde, die sich mit meinem Freundeskreis vermischten. Wir fanden bald heraus, dass wir gemeinsame Interessen und Geschmäcker hatten - Musik, Filme, Kreativität -, und es entstand eine herzliche Verbindung zwischen uns. Zu dritt trafen wir uns das erste Mal bei Ziads Hochzeit im Oktober 2015 in Berlin. Ein paar Tage später traf ich mich dann mit Mohammad alleine und nach ein paar kühlen Bieren kam uns die Idee mit dem Magazin. Wir dachten uns, das ist doch total verrückt: als wäre ein Raumschiff nach Damaskus geflogen und hätte dort alle Künstler eingesammelt und nach Berlin verfrachtet. Uns war sofort klar: Da müssen wir was draus machen. 

CCB Magazin:Ziad und Mohammad, ihr habt beide als Künstler in Syrien gearbeitet. Was genau habt ihr gemacht? 

Ziad:Ich bin Theater- und Filmregisseur. In Damaskus habe ich am Institut für dramaturgische Künste Aufführungstheorie gelehrt. Zudem war ich künstlerischer Leiter von Invisible Stories, einer Reihe von Straßentheaterveranstaltungen, die an verschiedenen Orten in Damaskus stattgefunden haben. 2011 bin ich dann nach London an die Royal Academy of Dramatic Art zum Studieren gegangen. Dort habe ich auch promoviert. 2016 kam ich nach Berlin. 

Als wir nach Berlin kamen dachten wir, das ist doch total verrückt: als wäre ein Raumschiff nach Damaskus geflogen und hätte dort alle Künstler eingesammelt und nach Berlin verfrachtet

Mohammad:Ich bin Dichter und Drehbuchautor. Studiert habe ich freie Kunst am Higher Institute of Dramatic Art in Damaskus. Auch ich bin seit zwei Jahren in Berlin. 

CCB Magazin:Schätzungen zufolge leben gegenwärtig mehrere Hundert syrische Künstler in Berlin. Nach Angabe der UNHCR sind bis Ende 2017 rund 5,4 Millionen Syrer aus ihrem Land geflüchtet. Die meisten von ihnen leben heute in der Türkei und im Libanon. Für Künstler ist Berlin neben Städten wie Beirut oder Paris die Hauptanlaufstelle. Wenn ihr die Kunstszene der Exil-Syrer in Berlin mit der Kunstszene in Syrien vergleicht, wo sind die Unterschiede? 

Mohammad:Kunst in Syrien bezieht sich häufig nur auf archäologische Funde, es ist Kunst aus der Vergangenheit. In Syrien existiert kaum freie Kunst wie im Westen. Es gibt dort auch keine vergleichbare Kreativwirtschaft. Auch gibt es nur wenige Künstler, die heute noch in Syrien arbeiten. Viele der in Berlin lebenden Künstler kennen sich von früher. Die meisten haben an der Kunstuniversität in Damaskus studiert. Ohnehin konzentrierte sich die Kunstszene in Syrien hauptsächlich auf Damaskus. Bis zum Beginn der Revolution 2011 war freie Kunst in Syrien aber nur in begrenztem Rahmen möglich. Den Künstlern waren die Hände gebunden, besonders bei heiklen Themen rund um Politik, Religion oder Sexualität. Unter dem Assad-Regime wurde Kunst über staatliche Kanäle produziert und vertrieben. In Berlin sind wir frei. Hier können wir arbeiten und leben wie wir wollen. 

Ziad:Die Kunstszene der Exil-Syrer in Berlin ist mittlerweile gut vernetzt. So haben wir zum Beispiel aktuell die eigene Veranstaltungsreihe Moshabak Nights in Berlin, bei der jeden Monat arabische, deutsche und internationale Künstler ihre Arbeiten vorstellen. Ein Künstler oder eine Künstlerin aus Syrien führt durch den Abend. 

Unter dem Assad-Regime wurde Kunst über staatliche Kanäle produziert und vertrieben. In Berlin sind wir frei. Hier können wir arbeiten und leben wie wir wollen 

CCB Magazin:„A Syrious Look“ ist euer erstes Magazin. Ihr sagt, es sei kein Flüchtlings-Magazin. Was ist euer Ziel und wer ist eure Zielgruppe?  

Mario:Das Magazin richtet sich an alle, die sich für Exil-Kunst interessieren. Wir sehen das als eine Art Kulturvermittlung, als eine Form des Dialogs. Uns ist aber wichtig zu betonen, dass „A Syrious Look“ kein Magazin zu Selbsttherapiezwecken ist, auch wenn traumatische Erlebnisse von einigen Künstlerinnen und Künstlern thematisiert werden. Das ist ja etwas, das sie sehr geprägt hat. Uns geht es mit dem Magazin darum aufzuzeigen, was es für syrische Künstler bedeutet, wenn sie ihr altes Leben hinter sich lassen und Kunst im Exil praktizieren. Kunst im Exil hat es schon immer gegeben und wird es auch in Zukunft geben. Allein in Deutschland gab es während der Nazizeit Tausende Künstler, die das Land verlassen hatten und im Exil ihre künstlerischen Aktivitäten fortsetzten.  Wir knüpfen daran an und fragen, was nun passiert. 

CCB Magazin:In den 1920er Jahren lebten umgekehrt aber auch Tausende von russischen Künstlern und Intellektuellen in Berlin, die vor der Russischen Revolution geflohen waren. Damals hatte die Stadt sogar über vier Millionen Einwohner, fast 400.000 russische Asylanten lebten kurzzeitig in ihr. Es gab zahlreiche russischsprachige Zeitungen und Magazine.  Bringen Flucht und Vertreibung also Kultur auch erst hervor? 

Mario: In gewisser Weise ja. Es braucht auch nicht unbedingt einen Bürgerkrieg oder eine Revolution für Exil-Kunst. Auch aktuell gibt es viele amerikanische Künstler, die sich wegen Trumps Politik selbst exilieren oder türkische Künstler, die wegen Erdogan ins Exil gehen. Kunst im Exil bedeutet immer, alte Verhältnisse hinter sich zu lassen, weil man sie nicht mehr ertragen konnte. Daraus kann in der Tat auch etwas ganz Neues entstehen. 

CCB Magazin:Gerade die russische Exil-Kunst der 1920er-Jahre hat dazu geführt, dass es in Berlin in den Folgejahren viele Ausstellungen und Vorträge darüber gab. Ist das auch ein Ziel von euch, etwas Bleibendes zu hinterlassen, von dem andere lernen können? Könnt ihr euch vorstellen, dass es in fünfzig Jahren ähnliche Ausstellungen über syrische Exil-Künstler in Berlin geben wird?

Mario:Das können wir uns vorstellen, dazu braucht es aber keine fünfzig Jahre mehr. Schon jetzt gibt es Veranstaltungen in Berlin, die sich mit syrischer Exil-Kunst befassen. So plant zum Beispiel der Künstler und Aktivist Khaled Barakeh gerade ein Konzept für die erste Syrische Biennale, die es in Syrien nie gegeben hat. Die Menschen aus Syrien können hier Sachen machen, die ihnen früher nicht erlaubt waren. 

„A Syrious Look“ richtet sich an alle, die sich für Exil-Kunst interessieren. Wir sehen das als eine Art Kulturvermittlung. Es ist aber kein Magazin zu Selbsttherapiezwecken

Die erste Ausgabe von "A Syrious Look".
 

CCB Magazin:Wie gestaltet man darüber aber den Integrationsprozess als ganzes? Deutschland hat es seit den ersten Anwerbeverträgen seit 1955 in über 50 Jahren nicht geschafft, sich als Einwanderungsland zu begreifen, obwohl es das de facto geworden ist. Damit wurde eine ernsthafte Integration von deutscher Seite verhindert oder zumindest verzögert. In der derzeitigen Lage ist nicht abzusehen, wie viele der syrischen Flüchtlinge in ihr Land zurückkehren werden. Können die syrischen Exil-Künstler eurer Meinung nach eine Brücke der Kulturen schlagen und dabei helfen, gegenseitige Vorurteile von Deutschen und Flüchtlingen abzubauen? 

Ziad:Ja, das können sie. Und das passiert in Teilen schon jetzt. Ich inszeniere beispielsweise gerade ein Theaterstück in München, das sich mit dem Thema Flucht und Exil befasst, aber losgelöst von einem spezifischen nationalen Kontext. Das Stück spielt gezielt provozierend mit Vorurteilen und wirkt dadurch als Augenöffner. Das sehe ich als einen Beitrag zu gegenseitigem Verständnis. Überhaupt sind viele der syrischen Exil-Künstler mittlerweile fest im deutschen Theaterbetrieb und der Kunstszene etabliert. Davon alle, die am Magazin mitgewirkt haben. 

Mohammad:Kulturelle Vermittlung vollzieht sich in der Arbeit als Künstler jeden Tag.  Kunst ist eine universale Sprache, darum kann man über sie auch so gut vermitteln, das muss man gar nicht planen. Dialog gehört zum künstlerischen Selbstverständnis.

CCB Magazin:Gehört zu diesem Selbstverständnis auch, dass man den Dialog wieder im eigenen Land sucht, darüber vermittelt oder Dinge erst anstößt? Künstler thematisieren ja oft Tabuthemen, gegen die sich die Gesellschaft noch verschließt, oder sie treten als Regimekritiker auf, indem sie das System bloßstellen. Der Künstler Ai Weiwei und der Menschenrechtler und Nobelpreisträger Liu Xiaobo wären zwei prominente Beispiele dafür. Inwieweit spielten Künstler eine Rolle bei der Syrischen Revolution von 2011? Welche Rolle spielen sie heute im politischen Prozess?

Mohammad:Das ist eine schwierige Frage. Zunächst einmal kann man sagen, dass sich die Künstler durch die Revolution beflügelt in ihrer Kunst mehr getraut haben und durch Social-Media-Kanäle international Aufmerksamkeit auf das Thema gelenkt haben. Dann gibt es beispielsweise Leute wie Khaled Barakeh, der 2011 nach Frankfurt am Main ging für ein Kunststudium an der Städelschule. Von dort aus hat er dann über das Internet Künstler mobilisiert und virtuelle und reale Proteste gegen Assad organisiert. Der Impuls für die Proteste ging in erster Linie aber nicht von den Künstlern und Intellektuellen aus, sondern von unten, vom Volk als Ganzem. Kunst war dabei nur ein Aspekt, die Wut auf das Regime und den Wunsch nach Wandel auszudrücken.

Ziad:Als Exil-Künstler tragen wir viel zur Erhaltung der syrischen Kultur bei. 

CCB Magazin:Der 2016 verstorbene, weithin bekannte Intellektuelle Sadek Jalal al-Azm sagte im Interview eures Magazins, dass er glaube, die Mehrheit der Syrer würde wieder in ihre Heimat zurückkehren. Nun ist abzusehen, dass Assad wieder an die Macht kommt. Was bedeutet das für die syrischen Exil-Künstler? Gibt es Schwarze Listen, die eine Rückkehr erschweren oder gar unmöglich machen? Wollen sie überhaupt zurück? 

Ziad:Ja, es gibt Schwarze Listen und sie enthalten viele Namen. Die Frage der Rückkehr ist eine sehr persönliche, die muss jeder Einzelne beantworten. Ich denke, viele hadern momentan zwischen Rückkehr und Exil. Die Unterdrückung der Gesellschaft fand in allen Lebensbereichen statt. Gleichzeitig sehnen sich die meisten aber nach ihrer Heimat. Es ist und bleibt eine schwierige Wahl.    

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Mario:Ich glaube, diejenigen, die hier sind, können sich das momentan nicht vorstellen. Auch ohne Schwarze Listen. Die empfundene Vergiftung ihres Ortes und all die düsteren Erinnerungen daran sind so stark, dass sich keiner vorstellen kann, in einem wieder erstarkten Syrien von Assad zu leben. 

Mohammad:Natürlich denken viele an Rückkehr! Die Exil-Erfahrung ist keine angenehme. Ich glaube, was Sadek meint, gilt vor allem für ältere, ärmere und weniger gebildete Syrer.

CCB Magazin:Frage drei Künstler nach dem Weg und du bekommst vier Antworten. Mohammad, Ziad, Mario – ich danke euch für das Gespräch.


Profil von Mario Münster auf Creative City Berlin


 Wir haben A Syrious Look im Übrigen zusammen mit dem Kulturförderpunkt Berlin und der Kreativwirtschaft Berlin mit dem Siegel Berlin's Best ausgezeichnet. Alle Infos findet ihr [hier]

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