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Mensch mach

Mensch mach
Foto: © Jens Thomas

Die Maker Faire in Berlin beherbergte auch dieses Jahr ein Sammelsurium aus ausgebufften Tüfteleien. Doch selbst wenn so manche Idee die Gründung eines erfolgreichen Startups verheißt, der Großteil des Gemachten lag im Bereich der Hobby-Tüftler und Amateurerfinder. Ein Bericht.
 

VON  Boris Messing

 

Bilderrahmen bauen, Tonschalen formen und Holzfiguren schnitzen, stricken, nähen, nageln, sägen, feilen, knoten, kleben oder spleißen – das klingt nach einem Werbekatalog aus einem Walddorfkindergarten. Auf der Maker Faire 2018 in Berlin hätten diese Tätigkeiten wie ein schräger Anachronismus angemutet. Dort stand auch dieses Jahr alles im Zeichen von Computerisierung  und elektronischer Datenverarbeitung. Für das moderne Basteln bedarf es keiner manuellen Fertigkeiten mehr. Lasercutter, 3D-Drucker, Mikrocontroller, Programmiersoftware und leistungsstarke Computer bilden das Sortiment an Werkzeugen, mit denen die meisten zur Schau gestellten Objekte geschaffen wurden. Dabei griffen die Maker Entwicklungstrends auf, an denen sich bereits die großen Player versuchen. Ob Robotik, Virtual Reality oder datenverarbeitende Wearables - schon seit langem hat dies die Aufmerksamkeit der führenden Industriefirmen und Tech-Unternehmen erregt, die darin große Geldsummen wittern. Der Vorstellungskraft sind dabei keine Grenzen gesetzt. So werden nach Ansicht von Googles Chefentwickler Ray Kurzweil 3D-Drucker in Zukunft nicht nur kompakte Gegenstände wie heute bereits gefertigte Prothesen oder Dioramen drucken, sondern auch Kleidung, Musikinstrumente oder Essen. Ja, Essen! Pizza Quattro Formaggi mit extra viel Knoblauch und einem Spritzer Olivenöl. Auf Knopfdruck und von zu Hause - während Amazons Delivery-Dronen die Post ins Wohnzimmer einfliegen und man sich von seinem Pflegeroboter namens Hans die Fußnägel feilen lässt. Zukunftsmusik? Gewiss. Aber Google und Konsorten sind schon dahinter und werden noch so manches Novum aus dem Hut zaubern. 

Große Überraschungen auf der Maker Faire gab es dagegen nicht. So setzte einen die Fantasie und Tüftelei der Maker zwar ins Staunen und manche Liebe zum Detail hatte fast schon etwas Rührendes an sich, aber die innovativen Technologien der Zukunft werden vermutlich doch eher in den Großküchen der Tech-Unternehmen gekocht. Da köchelten die Maker im Kontrast dazu ein eher laues Süppchen. Aber mehr sollte es auch gar nicht sein. 15.200 Besucher hatten dieses Jahr die Bastlermesse besucht, genau so viele wie im letzten Jahr. Kinder und Familien dominierten das Menschenbild, die Maker Faire ist vor allem auch eine Möglichkeit der pädagogischen Wissensvermittlung von Technik und Innovation. Wie weckt man das Interesse der Kinder an Physik, Design, Programmierung? Wie vermittelt man ihnen den Zusammenhang von Element und Objekt, den Weg von der Idee zum Resultat? Durch augen- und ohrenknisternde Beispiele! 
 

Stricken für den Weltfrieden. Auch das ist Handwerk. Foto: Jens Thomas 


Baust du noch oder druckst du schon?

Derer hat es auf der Maker Faire auch dieses Jahr nicht gemangelt. Ein ganzes Bataillon großer und kleiner 3D-Drucker verteilte sich auf die labyrinthartigen Räumlichkeiten des FEZ. Gedruckte Pizza gab es zwar noch keine, dafür kunstvolle Objekte, die durch ihre Präzision und Feinheit überzeugten: eine Büste von Kleopatra, Drachen, Monster und Roboter. Das Material der einfarbigen Druckfilamente war zum Teil sogar aus abbaubaren Materialien. Ein kompliziertes Physikexperiment, nachgebaut aus einfachen Legosteinen (und ein paar Lasern und Spiegeln), erbrachte den Beweis der Welleneigenschaften des Lichts. Ein ferngesteuerter Roboterarm bereitete mit einer Anmut, die selbst die Queen bezaubert hätte, den Fünf-Uhr-Tee zu. Und ein aschgrauer Rennrasenmäher drohte der Deutschen liebstes Hobby auf einen Bruchteil an Arbeitszeit zu verkürzen. 

Ganz im Sinne des Zeitgeists wurden auch die Themen Recycling und Nachhaltigkeit berührt. So präsentierte einer der Maker zum Beispiel Gitarren aus alten Keksdosen und Ölkanistern, die ihnen als Klangkorpus dienen. Upcycling nennt man dies im Fachjargon. Produziert werden die Instrumente auf Anfrage und mit liebevollen Details versehen, die zum Kunden passen. Handgemachte Erzeugnisse dieser Art gab es viele: bunte Mobiles, fliegende Miniraketen, ein AudioMemory-Spiel, Waschpulver, Deo-Creme, Leuchtobjekte, Vogeltränken aus Porzellan und vieles mehr. Laut Statistik lag der Umsatz von Etsy, der größten E-Commerce-Webseite von Einzelpersonen und Mikrounternehmen, im Jahr 2017 bei knapp 137 Millionen Dollar. Dieses Jahr wird diese Summe voraussichtlich übertroffen werden, bereits das erste Quartal 2018 übersteigt das Vorjahr. 

Ein anderes spannendes Maker-Projekt gab Open Source-Baupläne für Windräder zur Stromerzeugung aus: ERNI ist ein Kollektiv aus zehn Leuten, die sich in ihren Workshops das Ziel gesetzt haben, ihren Teilnehmern das selber Bauen komplexer Techniken nahe zu bringen. Kommerzielles Interesse verfolgen sie dabei keines. Zwischen 100 und 600 Kilowattstunden pro Jahr leistet ein solches Windrad abhängig von Ort und Wind. Zum Vergleich: ein deutscher Einpersonenhaushalt verbraucht ca. 1400 Kilowattstunden pro Jahr. Die Materialkosten (zum Teil recycelt) betragen rund 750 Euro (ohne die Batterie). In fünf Tagen ist das Windrad fertig gebaut – also etwas länger als ein Ikea-Schrank, dafür aber stabiler. In den Workshops an Universitäten und Volkshochschulen werden unter anderem löten, schweißen, beizen und die physikalischen Grundlagen zum Bau eines solchen stromerzeugenden Windrads vermittelt. Der Soziologe Richard Sennett schrieb 2009 in seinem Buch „Handwerk“, dass das Selbermachen eine Arbeit ist, die man vor allem um „ihrer selbst willen“ macht, der tiefen Befriedigung wegen, ein Objekt mit den eigenen Händen geschaffen zu haben. Die Wirtschaftsjournalisten Holm Friebe und Thomas Ramge sehen im Selbermachen gar eine „neue Revolution“ am Horizont aufleuchten, da es die Legitimation der Großökonomie infrage stelle (Buch: Die Revolution des Selbermachens). 


Sound aus der Keksdose. Kann man auch mal selbermachen. Foto: © Alexander Rentsch 
 

Darf’s was für die Füße sein?

So interessant und ausgeklügelt viele der Maker-Projekte auch waren, kommerziellen Erfolg versprachen die allerwenigsten von ihnen und waren als solche wohl auch nicht konzipiert. Doch auch sie gab es. Eines der ausgestellten Projekte mit kommerzieller Absicht war zum Beispiel der „Frido-Looper“, ein Midi Controller für den Fuß, mit dem sich Programme wie Ableton Live ansteuern lassen. Vier Jahre lang haben die drei jungen Entwickler daran gearbeitet. Der entscheidende Unterschied zu bereits vorhandenen Loopgeräten für den Fuß wie beispielsweise von der Firma Boss liegt darin, dass das synchrone Spielen mit anderen über eine Musiksoftware wie Live erleichtert werden soll. Anders als bei Boss-Loopern, bei denen man den Loopbeginn exakt auf den Taktanfang setzen muss, um im Takt zu bleiben, muss der Loop bei „Frido“ nicht genau getimt werden und setzt immer automatisch zum nächstmöglichen Taktbeginn an. „Frido“ besitzt der Übersicht halber nur die basalen Funktionen von Aufnahme, Start und Stopp und ist durch seine Stahl-Schalter sehr stabil gebaut und auch durch verschüttete Flüssigkeiten nicht kaputt zu kriegen. Durch Crowdfunding und möglichen Business-Partnern wie Native Instruments oder Bitwig wollen sie das Startup zum Erfolg führen. In Zukunft wollen die Gründer statt Plastik auch recycelbare Materialien für die Innenhardware verwenden, sofern die erste Testserie ihr Publikum gefunden hat. 

Die Guttenberg-Tastatur: Copy & Paste. Reicht. Foto: Boris Messing

Fazit der Maker Faire 2018: Abgesehen von der Unübersichtlichkeit der Räumlichkeiten des FEZ konnte die Messe auch dieses Jahr wieder durch ihre anregende Vielfalt überzeugen. Große Überraschungen gab es zwar nicht, aber dafür viele kleine. Bei all den hochkomplexen technologischen Erzeugnissen und ihren zweckrationalen Intentionen hätte man sich vielleicht ein wenig mehr Humor und Selbstironie gewünscht. So verwunderte es nicht, dass eine klobig blinkende Box namens „Nothing-Box“ aus dem Jahre 1966 stammte. Sinn der Box: sie leuchtet fünf Jahre lang und erlischt. Der griechische Elektrotechniker Magic Alex hatte sie damals erschaffen. Zu Berühmtheit gelangte sie, als John Lennon sie für sich in einer Galerie in London entdeckt hatte. Es heißt, dass Lennon es genoss, sie stundenlang anzustarren, wenn er wieder einmal am Trippen war. Mit einer Laufzeit von fünf Jahren ein durchaus brauchbares Produkt. Für Lennon zumindest. 

Kategorie: Specials

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