Innovation & Vision

Francesca Ferguson: "Nein, es ist noch nicht zu spät"

Francesca Ferguson: "Nein, es ist noch nicht zu spät"
Foto: © MakeCity

Nach drei Jahren Pause ist das Festival MAKE CITY zurück - das „Festival für Architektur & Andersmachen“ für Konzeptgestalter, Stadtneudenker, Umbaudirigenten und Kiezveränderer. Wir präsentieren MAKE CITY in diesem Jahr als Medienpartner und haben uns im Vorfeld mit MAKE CITY-Kuratorin Francesca Ferguson über das Festival und die Zukunft Berlins unterhalten. Ist die Stadt noch zu retten? 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Frau Ferguson, Sie organisieren gerade das zweite MAKECITY-Festival in Berlin, „das Festival für Architektur & Andersmachen“. Das erste Festival fand vor drei Jahren statt. Warum die lange Pause? Gab es nichts zu tun? 

Francesca Ferguson: Na klar gab es was zu tun, ein solches Thema steht nie still. Aber man kann ein solches Format - mit allen Mitwirkenden und beitragenden Partnern - nicht jedes Jahr komplett neu aufstellen. Das ist einfach zu aufwändig und kostet zu viel Zeit, die Finanzierung muss immer wieder neu justiert werden. Noch haben wir für das Festival keine Planungssicherheit. Das müssen wir in diesem Jahr schaffen! Hinzu kommt, dass bei einem Thema wie Architektur und Städtebau längere Wirkungszeiten gelten. Eine Triennale macht für Architektur und Andersmachen viel mehr Sinn. Und jetzt sind drei Jahre vergangen. Wir sind zurück. 

CCB Magazin: Das Thema lautet in diesem Jahr „Berlin Remixing | Stadt neu gemischt“. Was soll hier wie neu gemischt werden? Welche architektonischen Konzepte braucht die Stadt?

Francesca Ferguson: Es geht uns um folgendes: Wir wollen die Stadt- und Zivilgesellschaft, die Politik und Verwaltung, Partner aus der Kulturszene mit Architekten, Stadtplanern und Ingenieuren zusammenführen. Denn wenn wir diese Stadt verändern wollen, müssen wir das zusammen machen. Mit „Stadt Neu Gemischt - Berlin Remixing“ möchten wir deutlich machen, was das ganzheitliche Denken über Stadtmachen, Architektur, Lebens- und Wohnmodelle und die Erweiterung der idealen Berliner Mischung eigentlich wäre. 

Ziel muss es sein, dass Arbeiten und Leben wieder in einem Stadtteil möglich sind. Dazu gibt es bereits erprobte Konzepte. Setzt sie einfach um! 

CCB Magazin: Was wäre es denn? 

Francesca Ferguson: Es geht zum Beispiel um Konzepte wie die Berliner Mischung. Die Berliner Mischung ist ja ein erprobtes Erfolgskonzept, schon in den 1890er Jahren erkannte man in Stadtteilen wie Kreuzberg, dass man Mietshäuser vor Spekulationen schützen muss, wenn man kulturelle Vielfalt vor Ort schützen und die und soziale Durchmischung sichern will. Ziel muss es sein, dass Arbeiten und Leben beispielsweise wieder in einem Stadtteil möglich sind. Berlin verteuert sich. Wenn wir diese Stadt aber und ihren Charme erhalten wollen, brauchen wir diese Konzepte jetzt.

CCB Magazin: Ist es dafür nicht schon längst zu spät? 

Francesca Ferguson: Das denke ich nicht. Berlin hat in der Vergangenheit im Zuge des Liegenschaftsfonds Flächen im Wert von bis zu 2 Milliarden verkauft und das lässt sich nicht mehr zurückdrehen. Aktuell wird die Hauptstadt auch rasant teurer: Um bis zu 500 Prozent sind die Grundstückpreise in zentralen Lagen gestiegen. Aber Berlin kauft gerade auch Immobilien wieder zurück, und das ist richtig so. 100 Millionen Euro sind für Wohnungsrückkäufe schon bereitgestellt. Besonders in den 39 Milieuschutzgebieten verhindert das den Verkauf von Liegenschaften und Spekulationen. Bis heute gab es 18 Rückkäufe zum Kostenpunkt von 78 Millionen Euro. Das sind alles erste Zeichen dafür, dass es noch nicht zu spät ist. 

Nein, es ist noch nicht zu spät. Berlin kauft zum Beispiel gerade Immobilien wieder zurück

CCB Magazin: Was gibt es in diesem Jahr alles zu sehen? 

Francesca Ferguson: Eine Menge. Wir übertragen in diesem Jahr die Idee Stadt Neu Gemischt auf Typologien, Stadtlandschaften, die Materialität der Architektur. Und noch mehr: Wir rufen dazu auf, dass die Besucher*innen des Festivals aktiv mitmischen. Was wir zusammengestellt haben und zeigen wollen sind ungewöhnliche Wege auf diesen Feldern. Für den Themenkreis Architektur & Raum reicht das von Baugruppen neuen Stils und Gemeinschaftswohnen in neuen Dimensionen bis zu neuem Material-Mix wie 3D Druck und Lehmbau. Wir sprechen aber auch über Umnutzung und Wiederverwertung und auch über die Frage von Bildung und Schulbau. Unter Stadt & Natur zeigen wir, wie und wo die Grenzen zwischen grüner und grauer Infrastruktur fließender werden. Kann die Stadt Klimamaschine werden? Ja, sie kann! Wir folgen dem Klang der Stadtautobahn, blicken in Innenhöfe und fragen beispielweise, was mit dem Berliner Südkreuz geschieht. Beim Thema Strukturen & Prozesse zeigen wir, wo und wie sich Grenzen zwischen Rückzug und Gemeinschaft, zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen Politik und Bürgern radikal verschieben. Wie sich auch die Trennung zwischen Arbeiten und Wohnen, zwischen innen und außen, zwischen Erdgeschoss und Gehweg regelrecht auflösen. Alle diese Entwicklungen hinterlegen wir im Programm von MakeCity mit Beispielen.

 

CCB Magazin:Bringen Sie doch bitte mal ein Beispiel, das Sie vollends überzeugt und von dem Sie glauben, dass das unsere Zukunft ist. 

Francesca Ferguson: Ein Schwerpunkt sind in diesem Jahr kreislauffähige Konzepte. Denn wir müssen uns nicht nur fragen, wie wir in Zukunft in Berlin mehr Wohnraum schaffen können. Berlin wird sich weiter verdichten, aktuell kommen jedes Jahr 40.000 Neuberliner hinzu, ein Ende ist nicht in Sicht. 2030 wird Berlin eine 4-Millionen-Metropole sein. Auf der anderen Seite müssen wir uns aber auch fragen, wie wir dieses Problem ökologisch und sozial lösen. Bis 2030 sollen in Berlin bis zu 200.000 neue Wohneinheiten entstehen, darunter 5.000 Sozialwohnungen pro Jahr. Wie gelingt Architektur also nachhaltig? Ich gebe ihnen zwei Beispiele: Das erste ist das niederländische Architekturbüros Superuse. Superuse vertritt einen ganzheitlichen Architekturansatz im Sinne der Nachhaltigkeit: Zuerst werden die Materialien ermittelt, die die Umgebung bietet. Im Anschluss werden genau diese Materialien – bei geringster Beförderung – zum Bau eingesetzt und keine anderen. Das heißt, der gesamte Prozess der Wertschöpfungskette wird hier auf den Kopf gestellt. Das Nachhaltige ist die Voraussetzung. Das stellen wir auch aus – und nicht in einem der hippen Bezirke, sondern in Hohenschönhausen in einer Stadtwerkstatt der Wohnungsbaugesellschaft Howoge! Ein anderes Beispiel sind die Arbeiten des Berliner Architekten Eike Roswag-Klinge: Roswag-Klinge entwirft Bauten rein aus Holz, sodass nicht nur alles wiederverwertet werden kann, es ist auch noch ressourcenschonend. Das sind alles Ansätze, die bereits existieren. Man muss sie jetzt nur stadtpolitisch wollen, verankern und zur Regel werden lassen. 

CCB Magazin: Aber mal ehrlich: Wie bekommt man das in Einklang, dass eine Stadt sich immer mehr verdichtet und mehr gebaut werden muss, dadurch auch Grünflächen zerstört werden, zugleich aber alles nachhaltiger werden soll? Sind das nicht Widersprüche, die unlösbar sind? 

Francesca Ferguson: Nein, das sind keine Widersprüche, wenn man nur nachhaltig denkt und den Prozess der Ökologie und des Sozialen von Anfang an miteinbezieht und nicht erst, wenn es zu spät ist. Und überhaupt: Das Grüne kann ja Teil architektonischer Konzepte sein. Schon jetzt lassen sich Grünflächen in Neubauten integrieren. Und das Anlegen von Gärten in Zwischenräumen im Zuge von Urban Gardening stirbt ja dadurch nicht, es ist gerade erst im Kommen.

CCB Magazin: Mal in die Zukunft geblickt. Was soll ein Festival wie MakeCity langfristig bringen? 

Francesca Ferguson: Was wir in Berlin brauchen ist eine Vernetzungsstruktur und ein Austauchformat, das die erarbeiteten Konzepte ans Tageslicht bringt und einer breiten Öffentlichkeit vorstellt. Genau das machen wir: Der Öffentlichkeit werden diese Konzepte zugänglich. Das ist aber nicht alles. Wir regen auch dazu an, selber aktiv zu werden. Und wir sorgen dafür, dass die Ergebnisse – die Wesentlichen – an die Politik kommuniziert werden, damit der Austausch nachhaltig weitergeführt wird.

Es gibt so unzählige Möglichkeiten, sich zu beteiligen. Macht einfach mit!  Tretet bei. Sorgt für das Gemeinwohl

CCB Magazin: Frage zum Schluss: Was kann jeder Berliner selbst tun? 

Francesca Ferguson: Viel. So Unterschiedliches in unterschiedlichen Ausmaßen: Gewerbegenossenschaften sind ein Weg, und wie man die gründet, erfährt man auf MakeCity. Initiativen wie das Haus der Statistik werden vor Ort sein, einfach mitmachen! Auch bei dem Runden Tisch zur Liegenschaftspolitik. Es gibt unzählige Nachbarschaftsgruppen in den Kiezen, tretet bei!  Sorgt für das Gemeinwohl. Man kann Bier auch bei Quartiermeister bestellen und damit soziale Projekte mitfördern. Man kann sich in seinem Kiez dafür einsetzen, dass die Schule, die neu gebaut werden soll, kein 0815-Design ist, sondern dass mit einem anständigen offenen Wettbewerb etwas zukunftsweisendes entworfen wird. Man kann Zivilkapitalist werden – und sich nicht auf öffentliche Gelder verlassen. Man kann eine Genossenschaft gründen – falls man noch ein Grundstück dafür findet – und für gemischtes Wohnen und Arbeiten sorgen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Macht einfach. MakeCity vermittelt die Wege dorthin.

CCB Magazin: Vielen Dank für dieses Gespräch. 


Alle Infos zum Festival Make City gibt es hier: http://makecity.berlin

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