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Thomas Gnahm: "Man hat die Technik selbst an der Hand"

Thomas Gnahm: "Man hat die Technik selbst an der Hand"
Foto: © Wear It

Die technologische Durchdringung durch Künstliche Intelligenz (KI) hat längst die Modebranche erreicht. Wearables: die Verschmelzung von Mode, Accessoires und Technik. Dein T-Shirt sagt dir, wie hoch dein Blutdruck ist. Deine Hose ruft dich an, wenn dein Herz auffällig schlägt. Kein Szenario von morgen, Realtität von heute. Am 19./20. Juni findet dazu das Wear It Festival in der Kulturbrauerei statt. Wir haben uns im Vorfeld mit Thomas Gnahm, dem Organisator, über Chancen und Grenzen der absoluten Digitalisierung unterhalten. 
 

INTERVIEW Jens Thomas
 


CCB Magazin: Hallo Thomas, vor einem Jahr hatten wir ein Interview über deine Arbeit und dein Festival. Seitdem ist der Diskurs um Künstliche Intelligenz und neue Robotics lawinenartig über uns hereingebrochen. Überall grassiert die Angst, dass bald die Roboter unsere Arbeit machen werden. Wie oft denkst du eigentlich, oh Gott, was mache ich hier eigentlich? Geht das in der Zukunft gut? 

Thomas Gnahm:  Nein, das denke ich nie. Ich glaube, dass hier ganz viel Potenzial liegt. Ich würde auch zunächst zwischen Künstlicher Intelligenz und der Debatte um Robotics unterscheiden. Denn die Angst, dass uns Roboter die Arbeitsplätze wegnehmen, ist geprägt vom Diskurs um die Robotics. Und ja, Roboter werden in Zukunft viele der heutigen Arbeiten ersetzen. Das werden aber vorwiegend Arbeiten sein, die ohnehin schon jetzt roboterhaft sind, repetitive Tätigkeiten. Um was es im Bereich der Künstlichen Intelligenz aber geht, ist die Software-Funktionalität: Es geht hier um neue Algorithmen, die beispielsweise Krebs früh erkennen können oder den Herzinfarkt vermeiden lassen, weil das Hemd oder die Hose per Frühwarnsystem dem Betroffenen eine Meldung geben. 

CCB Magazin: Zeichnest du hier nicht gerade ein sehr optimistisches Bild?  Es gibt Wissenschaftler und IT-Experten, die behaupten, dass weit mehr Jobs betroffen sind als nur die repetitiven, roboterhaften Tätigkeiten. Die Rede ist vom möglichen Wegfall von Berufen wie Übersetzer, Journalisten, ja sogar Ärzte und Juristen kann es treffen. Selbst die IT-Branche wird nach ihnen nicht verschont bleiben.

Thomas Gnahm:  Ich denke hier muss man genau unterscheiden: Sicherlich sind viele dieser Berufe durch KI bedroht, den Beruf des Übersetzers wird es gewiss treffen. Aber auf der anderen Seite werden auch wieder spezifische Jobs entstehen, die man sich jetzt noch nicht vorstellen kann, bzw. wird bestehende Arbeit mit Hilfe intelligenter Software auf ein neues Niveau gebracht. Man wird dann in Zukunft nicht mehr den Zementsack von A nach B tragen müssen. Kreative Arbeit und welche der zwischenmenschlichen Kommunikation wird es aber auch in Zukunft geben. Menschen werden in der Zukunft noch immer die besten Ansprechpartner für die Menschen bleiben.

In der Zukunft werden Menschen noch immer die besten Ansprechpartner für Menschen bleiben

CCB Magazin: Am 19./20. Juni findet das nächste Wear It Festival statt. Wenn du die Zeitspanne seit dem letzten Festival bis heute betrachtest: Was hat sich seitdem entwickelt, das dich überzeugt hat und das du nennenswert findest? 

Thomas Gnahm: Was sich wirklich entwickelt hat im letzten Jahr ist der Bereich der Arbeitsbekleidung. Und viele dieser Neuerfindungen werden wir am 19. Juni präsentieren. Besonders freue ich mich zum Beispiel auf den Keynote von Thomas Kirchner, dem Gründer von Proglove. Der intelligente Datenhandschuh erleichtert schon heute den Arbeitern in der Automoblindustrie die Arbeit. Andere Produkte ermöglichen es, Gefahren zu erkennen, die von der Arbeit ausgehen. Man hat die Technik im wahrsten Sinne des Wortes selbst an der Hand. Die Technologie ist Teil unseres Körpers, wie ein Headset auch. In diesen Bereichen ist ganz viel möglich. 

CCB Magazin: Aber führt das im Endeffekt nicht dazu, dass Arbeitsabläufe immer schneller werden und sich der Druck auf die Mitarbeiter immer weiter erhöht? 

Thomas Gnahm:  Ich würde eher den präventiven Effekt sehen. Aber ja, Arbeitsabläufe werden schneller werden, aber Maschinen ergänzen sie. Einfache Aufgaben werden mehr und mehr durch Software und Maschinen erledigt, diesen Trend beobachten wir seit Jahrzehnten. Dabei musste sich der Mensch bisher vor allem der technischen Umgebung anpassen, z.B. am Fließband oder beim Eintippen einer Mail am Rechner. Die neuen Entwicklungen im Bereich Wearables fügen sich in den normalen Arbeitsablauf ein und richten sich nach dem Menschen, der sie nutzt. Ein Handschuh, ein Helm oder eine Schutzweste. Diese Dinge, die sowieso im Gebrauch sind, helfen nun bei der Arbeit. Das ist meiner Ansicht nach eine Verbesserung. Es ist eine Innovation.

CCB Magazin: Was genau wird am 19. Juni alles zu sehen sein? 

Thomas Gnahm:  Wir bilden das ganze Feld der Wearables ab. Wir haben zwei Bühnen und bieten zehn Workshops an, es gibt internationale Vorträge und Startup-Pitches. Innerhalb von zwei Tagen treffen erfolgreiche Unternehmen aus der Wearable-Tech-Szene auf Vertreter aus Industrie, Politik und Kultur. Wir bringen Designer, Künstler, Investoren, Gründer, Unternehmen, Forschung und Medien im Herzen von Berlin zusammen und schlagen eine Brücke zwischen Menschen, Ideen und Produkten. Ein Schwerpunkt wird in diesem Jahr auch das Thema Nachhaltigkeit sein. Wir nennen es Sustainable Track. 

Die Textil-Industrie ist in den letzten Jahren komplett nach Asien abgewandert. Aber im Bereich der smarten Technologien ist Deutschland Weltmarktführer. Hier werden noch mehr Arbeitsplätze entstehen

CCB Magazin: Letztes Jahr sagtest du, dass das Thema Nachhaltigkeit und Tech noch nicht sonderlich ausgeprägt sei. Wie lautet deine Antwort heute? 

Thomas Gnahm:  Hier tut sich ganz viel. Was man immer noch nicht lösen kann, ist, dass Technik, zum Beispiel LEDs, kompostierbar werden. Aber es werden Produkte kommen, wo man den Schuh beispielsweise wieder auftrennen kann, um die Technik zu entfernen. Auch Pfand-Recycle-Systeme sind denkbar. Was eine Herausforderung bleibt, ist der Bereich Elektronik an sich: Die meisten Elektrogeräte sind einfach nicht nachhaltig. Sie werden irgendwo in Asien billig hergestellt. Das heißt, dass wir derzeit eine Kluft haben zwischen ökologischer Kleidung und Technik, die nicht nachhaltig ist und schon gar nicht unter fairen Arbeitsbedingungen hergestellt wird. Was ich aber motivierend finde: Die Politik hat das Thema mittlerweile vollends erkannt. Das zeigt ja nicht nur das geplante Plastik-Verbot, das gerade auf EU-Ebene diskutiert wird. Es zeigt sich auch an zahlreichen Förderprogrammen, die initiiert wurden, und sogar in Berlin hat Ramona Pop, Senatorin der Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe, gemeinsam mit Dr. Jürgen Allerkamp, dem Vorsitzenden des Vorstandes der Investitionsbank Berlin | IBB, beim Berliner Wirtschaftsfördertag öffentlich verkündet, künftig Finanzierungsinstrumente für Social Entrepreneurship aufzusetzen. Hier wird in Zukunft ganz viel passieren. 

CCB Magazin: Wenn du vorausschaust: Wie entwickelt sich der Markt für Wearables weiter? 

Thomas Gnahm: Der Markt entwickelt sich rasant. Das merken wir zum Beispiel an den vielen Startups, die in diesem Jahr vor Ort sein werden. Und gerade den Bereich Printed Electronics finde ich ermutigend: Das sind elektronische Bauelemente und Anwendungen, die vollständig oder teilweise über Druckverfahren hergestellt werden können. Anstelle der Druckfarben werden nun elektronische Funktionsmaterialien, die in flüssiger oder pastöser Form vorliegen, verdruckt. Hier sehe ich ganz viel Potenzial. Und vor allem wird man mit den intelligenten smarten Fertigungsmethoden auch wieder eine Industrie nach Deutschland holen können. Die Textil-Industrie ist in den letzten Jahren komplett nach Asien abgewandert. Im Bereich der smarten Technologien ist Deutschland aktuell Weltmarktführer. Hier entstehen also auch wieder Arbeitsplätze. 

Kategorie: Specials

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