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Let’s talk about TEDx, baby!

Let’s talk about TEDx, baby!
Foto: @ TEDx Berlin

Seit die TED vor zehn Jahren die Lizenzen freigegeben hat, kam es zu einer Explosion an TEDx-Veranstaltungen auf dem ganzen Globus. Das aus den USA-importierte Talk-Format fand auch in Berlin großen Anklang, was das Verdienst von Stephan Balzer ist, der es dort einführte. Zum zehnjährigen Jubiläum waren wir mit offenen Ohren dabei. 
 

VON  Boris Messing

 

Quietschbunte Zettel lagen auf den gelben Sitzpolstern im Konzertsaal der Berliner Philharmoniker verteilt, darauf die Botschaft kündend: „Make it happen!“ Moment. Was soll hier geschehen? Ach ja, der Wandel, der große Turn. Oder um was geht es hier? Man wusste es nicht genau - und brauchte es auch nicht zu wissen. Denn die TED-Talks halten immer eine Überraschung bereit, ganz gleich, um was es sich da handelt. Von Alzheimer bis Wunderkind findet sich thematisch so ziemlich alles, was Mensch ersinnen kann. TED hat eigens ein alphabetisches Verzeichnis im Internet veröffentlicht mit allen bisher diskutierten Themen seiner 35-jährigen Geschichte, natürlich sind dort auch ein paar der großen Weltprobleme mit von der Partie. ‘Ideas worth spreading‘ – das ist das Credo der Veranstaltungsreihe. Inhalt offen, Ausgang klar: Weltverbesserung. 

Leichte Beute für die Meute

Die TED-Talks haben es in den USA zu einiger Berühmtheit gebracht. Prominente Persönlichkeiten wie Bill Clinton, Elon Musk, Stephen Hawking, Bill Gates, Isabel Allende, Philip Zimbardo, Yanis Varoufakis und viele, viele mehr haben bereits auf der Bühne referiert und ihre visionären Ideen präsentiert. Abermillionenfach im Netz geklickt und gesehen. Denn live sind die großen TED-Talks in den USA und Kanada nur für die Elite erschwinglich, auf YouTube dagegen kostenlos. 6.000 Dollar kann so ein Ticket schon mal kosten. Ein Faktum, das zu viel Kritik geführt hat in der Vergangenheit. Ganz so elitär geht es bei den TED-Ablegern weltweit zum Glück nicht zu, zumindest was die Preise anbelangt. Prominente Speaker finden sich dort auch. Zum 10-jährigen Jubiläum der TEDx Berlin kostete ein Ticket nur zwischen 30 und 60 Euro. Über 1.100 Besucher waren auch in diesem Jahr am 27. Juni da, meist junge Menschen, ein internationales Publikum. Seit TED vor zehn Jahren die Lizenzen für TED-Ableger around the globe freigab, keimten sie bald allerorten. Weit über 10.000 Events gab es seitdem weltweit. Tendenz steigend. Stephan Balzer, der TEDx-Master of Berlin, holte die Veranstaltung vor zehn Jahren in die Hauptstadt. Klar, das musste gefeiert werden – he made it happen!

Und es ging gleich beeindruckend los. Meute, eine Techno-Blaskapelle, heizte zum Auftakt in rote Livree gekleidet die Menge ein. Solche Töne hört man selten hier. Die Akustik in der Berliner Philharmonie, wer hätt ‘s gedacht, ist famos, und so gab es gleich zu Beginn Standing Ovation für die analoge Technoband. Eigentlich konnte es nicht besser werden. Pustekuchen. Schon der erste Talk von den insgesamt 14 Vorträgen und Diskussionen, die nicht länger als eine Viertelstunde dauern dürfen, sorgte für Gänsehaut und beredetes Schweigen. 

Todesgrüße aus Moskau

William Browder, 54 Jahre alt, Amerikaner und schwerreich, erzählte seine Lebensgeschichte. Im schwarzen Sakko stand er mitten auf der Bühne, von neugierigen Blicken fixiert. Browder, ein großer Mann mit Halbglatze, ist Vollprofi, man merkt, dass er nicht zum ersten Mal auf einer großen Bühne steht. Wie ein Vollzugsvollstrecker führte er seine Geschichte zu ihrem bitteren Ende hin, kein Mucks war aus der Menge zu hören. Nur ab und zu unterbrach er sich kurz und wischte sich den spiegelnden Schweiß von der Oberlippe, die im Großbildformat hinter ihm auf der Leinwand zu sehen war, dann sprach er mit fester Stimme weiter. 

William Browder - Russlandkenner @ TEDx Berlin

Kurz gefasst geht die Geschichte so: aus einer alten, hochpolitischen Kommunistenfamilie stammend entschied sich Browder gegen das Elternhaus zu rebellieren und wurde Kapitalist. Er studierte Wirtschaft, ging nach Russland und gründete eine Fondgesellschaft, die in russische Konzerne investierte. Eine Spiegelung seiner Familiengeschichte: der Großvater versuchte es als kommunistischer Politiker im ultrakapitalistischen Amerika, er versuchte es als Investor im ex-kommunistischen Russland  zu etwas zu bringen. Anfangs mit überwältigendem Erfolg. Doch dann kam Putin an die Macht und alles änderte sich. Zunächst unterstützte er dessen Politik, als dieser dann aber die alten Oligarchen an den Pranger stellte und eine neue, ihm hörige Oligarchie schuf, wurde es auf einmal brenzlig. Browder, der schon lange den Verdacht hegte, dass Konzerne, in die er investiert hatte, korrupt waren, beauftragte seinen russischen Anwalt, Sergei Magnitski, den Fällen nachzugehen. Dieser fand klare Beweise für die Korruption, Geld, das Browders Fondgesellschaft verloren ging. Als Putin schließlich selbst ankam und ihm verklickerte, dass für Geschäfte in Russland ein persönlicher Tribut zu zahlen sei, war die Sache für Browder klar: er wollte die Korruption an die Öffentlichkeit bringen. Das, allerdings, brach ihm das Genick und das seines Anwalts Sergei Magnitski. Im wahrsten Sinne des Wortes. Denn man schnappte diesen und warf ihn ins Gefängnis. Unter Folter versuchte man ihn zu einer Falschaussage zu zwingen, die Korruptionsvorwürfe zurückzunehmen, aber Magnitski weigerte sich. Als er nach einem Jahr der Folter und der Isolation noch immer nicht seine Meinung ändern wollte, prügelte man ihn einfach tot. So erzählt es Browder. Überprüfen lässt sich die Geschichte schwer, denn natürlich gibt es bei solch einem hochpolitischen Ereignis viele Perspektiven. Doch die Menge applaudierte an diesem Tag, die Menge war bewegt. Browder wischte sich ein letztes Mal den Schweiß von der Oberlippe und verließ unter Standing Ovation die Bühne. 

Es sind solche persönlichen, aber gleichzeitig auch politischen Talks, die TED weltberühmt machten. Es geht nicht nur darum, eine Vision oder Idee zu präsentieren, sondern vor allem um das Wie. Die Art des konfrontativen Vortrags macht TED zu etwas einmaligem, abseits von den alltäglichen Plenarreden in politischen Diskussionsforen jeder Couleur. Ein letztes Beispiel für einen der stärksten Talks an diesem Tag. 

Kristina Paltén - Langläuferin @ TEDx Berlin

Lauf, Paltén, lauf!

Die Schwedin Kristina Paltén erzählte von ihrem Leben und wie das Laufen es veränderte. Jahrelang hatte sie nur diesen einen Wunsch: Mann, Kind, Haus, Karriere. Doch dann lief ihr der Mann weg und mit der Karriere lief es auch nicht gut. Als sie bei einer Arztvisite feststellte, dass sie keine Kinder bekommen kann, zerfielen ihre Träume zu Trümmerhaufen. Geplatzt der Traum vom Kinderkriegen, geplatzt der Traum vom Traummann. Sie würde niemals einen finden. Dann fing sie an zu laufen: 5 Kilometer, 10 Kilometer, 20, 40, 100. Das Laufen nahm ihr Leben ein. Dutzende Marathons lief sie, lief 48 Stunden lang am Stück, belief die ganze Welt. Lief am Ende um ihr Leben. Und irgendwann auf diesen langen Läufen ließ sie los. Sie konnte nicht sagen, wann das geschah, aber es fühlte sich gut an. Das Leben drängte sie in diese Richtung, es hatte keinen Sinn sich dagegen zu stemmen. 2015 lief sie durch den Iran, dem großen Feind des Westens. Glaubte man, glauben viele. Aber die Herzlichkeit, die sie erfuhr, die Freude der Iraner, eine von der andern Seite anzutreffen, der es gefiel, ihr Land zu besuchen, machte nicht nur die Iraner stolz, es verband sie mit der Welt. Und das, verkürzt gesagt, ist Kristina Palténs Botschaft: wir sind alle eins. Feindschaft gibt es nur im Kopf. Man muss raus in die Welt und sie umarmen. Seitdem hat sie nicht nur viele Nachahmer gefunden und Menschen inspiriert, Bücher geschrieben und Vorträge gehalten, seitdem hat sich auch ihr eigenes Leben verändert. Sie fand in Schweden einen Mann, der hatte eine kleine Tochter, jetzt sagt sie Mama zu ihr. So schloss sich der Kreis. Schweigen im Saal der Berliner Philharmoniker, Tränen zitterten in den Augenwinkeln. Standing Ovation.

TED ist eben kein Davos, wo es nur um Wirtschaftsfragen geht, und auch kein Parlament, in dem hitzige Debatten geführt werden. Das persönliche Involviertsein der Vortragenden verbindet es mit dem Publikum, ermöglicht Empathie. Darum kommen sie.

Als die jungen Leute an diesem Abend die Philharmonie verließen, wirkten sie zufrieden mit dem Event. 60 Euro kann man dafür schon bezahlen. Bob Dylan kostet mehr. 


Profil von TEDxBerlin auf Creative City Berlin

Hier findet ihr ein zusätzliches Interview mit Stephan Balzer im CCB Magazin

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