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Stephan Balzer: „Wir müssen Druck von unten machen“

Stephan Balzer: „Wir müssen Druck von unten machen“
Foto: © Sebastian Gabsch

Vor zehn Jahren hat Stephan Balzer den TED-Talk aus Kalifornien nach Berlin geholt. Ein Format, das Technologie, Design, globale Perspektiven und lokale Risiken diskursiv zusammendenkt. TEDxBerlin will als kleiner deutsche Bruder seinem großen in nichts nachstehen. Wer ist der Mann hinter den TEDx-Kulissen, Stephan Balzer? Was sind seine Ziele? Und was hat sich in 10 Jahren TEDx getan? Ein Gespräch.
 

INTERVIEW Boris Messing
 


CCB Magazin: 10 Jahre TEDx Berlin, mit wachsenden Besucherzahlen jedes Jahr. Die Veranstaltungsreihe befasst sich mit Themen wie Technologie, Design, Unterhaltung, Politik – wo, pardon, liegt da der Unterschied zur re:publica?

Stephan Balzer:  Das Format ist anders. Außerdem ist die TED viel älter als die re:publica, die gibt es schon seit 35 Jahren. Vor zehn Jahren hat die TED die Lizenzen für das Ausland erlaubt und seitdem finden überall auf der Welt Tausende von TED-Veranstaltungen statt. Von den Themenfeldern betrachtet ist die re:publica sicher etwas politischer ausgerichtet, mehr Blogger, mehr Aktivisten, während TEDx eher ein Generalist ist.

CCB Magazin: Stephan, du bist in der TEDx-Szene so bekannt wie Maradona im Fußball. Du hast TEDx als Format nach Berlin gebracht. Wer bist du wirklich? 

Stephan Balzer: Ich befasse mich schon seit über 25 Jahren mit neuen Technologien und Innovationen und ihren Auswirkungen auf die Gesellschaft. Ich habe dabei schon früh das Talent entwickelt, Menschen diese neuen Technologien und ihre Möglichkeiten auf einfache, verständliche Weise zu erklären. Das macht meine Arbeit bei der TEDx aber auch bei der Singularity University im Kern aus. Ich bin Botschafter und Übersetzer dieser oft komplexen Inhalte und bringe sie auf der anderen Seite für Unternehmen in einen strategischen Zusammenhang. Das betrifft die großen Transformations- und Veränderungsprozesse in Unternehmen, aber auch die Themen Führung und Kulturwandel. Denn erst wenn die Themen richtig verstanden werden, kann ein Umdenken im Unternehmen selbst stattfinden.

CCB Magazin: Laut Ray Kurzweil, dem Chefentwickler von Google, wird im Jahre 2045 die Singularität eintreten. Werden dann superintelligente, humanoide Roboter die TEDx-Debatten führen?

Stephan Balzer:Gute Frage. Das kann ich nicht voraussagen. Aber es gibt bereits einen von IBM ausgerufenen XPrize zum Thema Künstliche Intelligenz, den diejenige Firma bekommen soll, die es schafft, den ersten sprechenden Roboter zu bauen, der einen TED-Talk hält. Das ist ein Projekt, das gerade weltweit läuft. Aber ja, wenn Ray Recht hat mit seiner Prophezeiung, werden uns die Roboter in Sachen Intelligenz ab 2045 bei weitem übertreffen. Deshalb müssen wir schon heute darüber diskutieren: wohin soll die Entwicklung gehen? Was wollen wir erlauben und was nicht?

Der Dieselskandal zeigt, dass es vielen Wirtschaftskonzernen an Demut mangelt. Ich führe das auf ihre veraltete, paternalistische Unternehmenskultur zurück und auf Manager, die sich noch immer keine Fehler eingestehen können und weitermachen wollen wie bisher. Das ist die falsche Haltung

CCB Magazin: Deutschland gehört zu den wichtigsten Wirtschaftsnationen der Welt. Aber Länder wie China oder die USA sind uns in Sachen Digitalisierung, die für die Ökonomie der Zukunft eine große Rolle spielt, weit voraus. Schaffen wir es noch aufzuholen, müssen wir überhaupt aufholen, oder ist der Zug schon abgefahren?

Stephan Balzer: Ja, ich denke, wir können da mithalten. Aber es fehlt uns dafür ein Ministerium für Digitales, das diesen Entwicklungsprozess anleitet und koordiniert. Es braucht eine echte Bereitschaft und das Verständnis der Bundesregierung für diesen notwendigen Schritt. Wir sind eine Nation, die groß geworden ist durch unsere Ideen, durch unsere Ingenieurskunst, durch hochqualitative Produkte, die wir exportieren. Das war und ist die Basis unseres Wohlstands. Und um diesen Wohlstand und unser Sozialsystem zu erhalten, bedarf es Mut und Innovation. Wir dürfen in keinem Fall die nächste Welle des ökonomischen Wandels verpassen. Die Politik vermisst es aus meiner Sicht, klare Prioritäten zu setzen und den Druck auf die Konzerne zu erhöhen. Und auch die Industrie ist hier gefragt. Hier passiert bisweilen zu wenig. Gerade der Dieselskandal zeigt, dass es vielen Wirtschaftskonzernen an Demut mangelt. Ich führe das auf die veraltete, paternalistische Unternehmenskultur in Deutschland zurück und auf Manager, die sich noch immer keine Fehler eingestehen können und weitermachen wollen wie bisher. Das ist die falsche Haltung.

CCB Magazin: Was wäre denn die richtige Haltung? Machen es die Amerikaner besser?

Stephan Balzer:Ich weiß nicht, ob die Amerikaner es wirklich besser machen. Es geht allgemein darum, dass sich Unternehmen abseits der reinen Profitorientierung ihrer Verantwortung  für die Prozesse, die sie in Gang setzen, bewusst werden. Wir sind ein globaler Markt. Da kann ich als Unternehmen nicht egoistisch sein und sagen, ich interessiere mich nur für mich. Es muss zukünftig Menschen geben, die auch über den eigenen Tellerrand schauen können. 

CCB Magazin: Zwei der großen Erfolgsrezepte des Silicon Valley sind die flachen Unternehmens-Hierarchien und das bereitgestellte Wagniskapital für Startups. Verharren wir zu sehr in alten Mustern, von denen wir nicht loskommen?

Stephan Balzer: Das sind zwei verschiedene Themen. Was die Hierarchien betrifft kann ich sagen, ja, die strikte hierarchische Grundorientierung deutscher Firmen stellt sich Innovationen oft in den Weg. Besonders die großen Unternehmen tun sich hierin schwer, weil sie gelernt haben, dass Entwicklung nur über klare Hierarchien funktioniert. Man darf nicht vergessen, dass es sich hierbei um Unternehmen handelt, die nach dem Zweiten Weltkrieg sehr erfolgreich geworden und stets gewachsen sind. Diese Unternehmen fragen sich jetzt natürlich: warum soll das nicht so weitergehen? Aber viele junge Manager wollen dieses Arbeitsmodell nicht mehr mittragen. Dadurch steigt der Druck auf die Unternehmen, sich zu ändern, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben. 

CCB Magazin: Eine fast schon klassische Frage: wird KI zur Massenarbeitslosigkeit führen?

Stephan Balzer: Nein, das glaube ich nicht. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass es bei jedem Entwicklungssprung eine kurzzeitige Phase gab, bei der Jobs verloren gingen. Aber dann kamen neue hinzu, die man sich bei Zeiten noch nicht vorstellen konnte. So wird es auch diesmal sein. Aber wir werden einen immensen Bedarf  an Training und Umschulungen haben. Darauf müssen wir uns vorbereiten. Und vielleicht müssen wir auch über ein Grundeinkommen nachdenken. Zumindest muss es einen offenen Dialog darüber geben. 

CCB Magazin: Stephan, der Berliner Flughafen ist noch immer nicht fertig, wie sollen wir da die großen Themen Hunger, Klima, Wassermangel in den Griff bekommen?

Stephan Balzer: Das schaffen wir schon. Wir müssen Druck von unten machen. Und vielleicht trägt auch der ein oder andere TEDx-Talk mit zur Lösung bei.


Profil von TEDxBerlin auf Creative City Berlin

Hier gibt es einen Nachbericht zu 10 Jahre TEDxBerlin im CCB Magazin

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