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Die Windeln voll, die Faxen dicke

Die Windeln voll, die Faxen dicke
Foto: © Katja Harbi

In Berlin fehlen Schätzungen zufolge 3.000 Kitaplätze. Ein Problem ist das vor allem für Alleinerziehende und Selbständige. Sandra Runge gründete darum Coworking Toddler, Berlins ersten Coworking-Space mit integrierter Kita. Wie wichtig sind solche Modelle für die Zukunft? Ein Besuch am Prenzlauer Berg. 

 

Text JENS THOMAS

 

Carl hat keine Lust mehr. Trotzig haut er Mario den Bagger auf den Kopf. Mario ist sauer und fängt an zu heulen, mit nach unten zuckenden Mundwinkeln schubst er Max auf den Boden. Hannah kommt jetzt angewackelt, sie will helfen, fällt aber auf halbem Wege hin. Jetzt heult sie auch noch. Schließlich kommt Jannik herbeigeeilt, er ist hier der Erzieher. Er sagt: „Kinder, jetzt mal Schluss“. Das wird hier verstanden. Jetzt ist mal Schluss. „Gleich gibt’s Essen und du, Carl, haust Mario nicht mehr den Bagger auf den Kopf“. Das finden die anderen Kinder auch, endlich sagt mal einer was. Mit dem Daumen im Mund und großen Augen stimmen sie ihm wortlos zu, andere nicken eifrig und murmeln leise ja. Der Rest rennt lauthals plärrend in das Esszimmer. Hier wird gerade gebrutzelt. Gleich gibt‘s Hapa-Hapa. 

Eine Alltagszene im Toddler Coworking, Berlins erstem und bislang einzigem Coworking-Space mit integrierter Kita. Ein Pilot-Projekt. Morgens gehen die Eltern gemeinsam mit ihren Kindern zu Coworking Toddler - die Kinder in die Kita, die Eltern in ihre Arbeitswelt. In der einen Hälfte des Spaces wird gespielt, gerangelt, gewickelt und betreut. In der anderen Hälfte wird sich konzentriert. Hier blinken und summen die Rechner, Freelancer und Kreativschaffende sind am Werk und machen ernst.

Die Toddler-Gründerin Sandra Runge. Hatte ein Idee, wurde ein Coworking Space mit integrierter Kita draus. Foto: © Katja Harbi

Wir sind verabredet mit Sandra Runge. Sie hat Coworking Toddler vor vier Jahren gegründet. Sandra Runge, aufrechter Gang, gepflegtes Äußeres, Mitte 30, führt uns durch die Räumlichkeiten. Sie erklärt: „Die Gründung von Coworking Toddler war eine Notwendigkeit“. Sie sagt das so, als habe sie das schon oft erzählt, als sei ihr die Dringlichkeit aber jedes Mal aufs Neue bewusst. „Wir waren eine Gruppe von Eltern, freischaffend, die relativ früh nach der Geburt ihrer Kinder wieder in den Beruf einsteigen wollten“. Doch als Selbstständige sei das schwierig gewesen, nicht so einfach wie für Festangestellte. Und schon gar nicht für die, die alleinerziehend sind. Einen Kitaplatz zu finden, das sei in Berlin ohnehin ein einziges Desaster. Die Jagd nach einem Kita-Platz begänne schon in der Schwangerschaft – oft ohne Erfolg. Gegenwärtig fehlen in Berlin rund 3.000 Kitaplätze, das schätzt der Paritätische Wohlfahrtverband. Und das obwohl seit dem 01.08.2013 in Deutschland ein flächendeckender Rechtsanspruch auf einen Kindergartenplatz besteht. Doch es fehlt gegenwärtig nicht nur an entsprechenden Immobilien für Kitas, es mangelt auch an Erziehern und Erzieherinnen. Zwar gibt es aktuell rund 10.000 genehmigte Kitaplätze. Sie können aber aufgrund des Fachkräftemangels nicht besetzt werden. Nach Recherche des Stadtmagazins zitty braucht Berlin bis 2020 5.500 neue Vollzeit-Stellen, aktuell sind es 24.000. Ohnehin wächst die Einwohnerzahl Berlins rasant an und es werden auch wieder mehr Kinder geboren als noch vor Jahren. Erst kürzlich, am 26. Mai, gingen aufgrund der desolaten Situation mehrere Tausend Eltern in Berlin lauthals mit Transparenten bestückt auf die Straße – die Kinder haben die Windeln voll, die Eltern die Faxen dicke. 

Gemeinsam am Mittagstisch. Foto: © Katja Harbi

Sandra Runge wurde darum schon vor Jahren aktiv. Frustriert wirkt sie nicht, zielorientiert. Eigentlich ist sie Juristin, mit ihrem Mann zusammen schmeißt sie hier den Laden. Schon am Eingang des Coworking Toddlers wird deutlich: Alles ist konzeptionell durchdacht. Das Toddler befindet sich direkt am S-Bahnbogen Schönhauser Allee. In den Seitenstraßen ballen sich die Bars, die letzten Spelunken sind auch noch am Morgen geöffnet – hier haben die Gäste bald das Leben hinter sich, im Toddler fängt es für die Kids erst an. Die Kita ist bunt, in den hellsten und grellsten Farben, knallig, stilvoll und gemütlich eingerichtet, mit Plätzen zum Verkriechen für die Kids, die schon laufen können oder es gerade lernen – die Alterspanne bewegt sich im Toddler zwischen Null bis fünf Jahren. 15 Plätze gibt es im Inneren, das heißt auch, dass der Corworking-Space 15 Arbeitsplätz bereithält. Ein Vollzeitplatz (Kita- inklusive Arbeitsplatz) kostet bis zu 350 Euro monatlich. Für einen Teilzeitplatz, also nur für einen Arbeitsplatz, zahlt man 199 Euro. 

Eine, die hier einen Platz hat und deren Kind im Nachbarraum spielt während sie arbeitet, ist die Journalistin Angela Wals aus den Niederlanden. Sie lebt seit zwei Jahren in Berlin. Lange Zeit hat sie nach einem Büro und Kitaplatz gesucht. Dann fand sie Toddler. „Das ist einfach verdammt praktisch hier“, sagt sie. Andere im Toddler sind Grafiker, freischaffende Gründer, Social-Media-Worker, aber auch Festangestellte arbeiten hier gelegentlich, die zusätzlich noch einen Platz brauchen. Eine andere Mutter betont: „Man hält hier nicht nur Kontakt zu anderen Kreativschaffenden und zum eigenen Kind. Ich spare mir morgens auch einen Weg, weil ich das Kind nicht noch in die Kita bringen muss“. Trotzdem gilt im Toddler: Die Eltern haben den Erziehern nicht in ihre Arbeit reinzureden. Sie werden aber konzeptionell mit eingebunden. Zu Mittag wird gemeinsam gegessen. Danach schlafen die Kids und toben, im Nachbarraum geht der Arbeitsalltag weiter. 

Im Nebenraum toben die Kids, hier herrscht konzentrierte Ruhe: Der Coworking Space im Toddler. Foto: © Katja Harbi

Sandra Runge ist sich sicher, dass Toddler erst der Anfang sein kann. Die Idee kommt zwar nicht von ihr. Einen Vorläufer findet sich im sogenannten ‚Eltern-Kind-Büro‘ Rockzipfel in Leipzig, wo die Eltern allerdings selbst am Wickeltisch stehen und die Betreuung übernehmen. Sandra Runge erweiterte das Konzept, sie stellte zusätzlich Erzieher ein. „Wichtig ist, dass man im Toddler ungestört arbeiten kann“. Das sei vor allem für die wichtig, die als Selbständige mit Kind, oft auch noch alleinerziehend, im Home Office arbeiten müssen, die zu Hause also keine Ruhe fänden. Die Zahlen geben ihr Recht: Nicht nur die Zahl der Selbständigen steigt bundesweit und vor allem in Berlin, auch die der Alleinerziehenden: Waren es in den 1990er Jahren in Deutschland rund eine Million Selbständige, sind es heute nach Angabe von destatis schon über zwei. In Berlin ist heute jeder zweite Kreativschaffende selbständig. Die Zahl der Alleinerziehenden ist innerhalb eines Jahrzehnts in Deutschland von 2,2 Millionen im Jahre 1996 auf rund 2,7 Millionen im Jahr 2016 angestiegen. Über 90 Prozent der Alleinerziehenden sind Mütter. 

Eine Kita zu gründen ist schwerer als ein Atomkraftwerk zu bauen. Du rennst dir hier die Haxen ab!

Sandra Runge sieht die Lösung des Problems darum vor allem auf politischer Ebene. „Man muss sowohl in den Kitabau als auch in Vorhaben wie dem unseren investieren“, sagt sie. Rund 2.500 Kitas gibt es in Berlin, davon gehören aber nur rund 270 dem Land Berlin. Sie fügt hinzu: „Eine Kita zu gründen ist schwerer als ein Atomkraftwerk zu bauen“. Denn der bürokratische Aufwand sei enorm. Sie hatte Glück: „Wir hatten ein Gespräch mit dem Senat. Man hat uns zwar erst komisch angeguckt, dann waren sie aber plötzlich davon angetan, was wir vorhatten“. Ihre Idee machte sie in sozialen Netzwerken publik, startete ein Crowdfunding. „Über 16.000 Euro haben wir dafür auf Startnext eingenommen“. Das habe sie motiviert, weiterzumachen. Dann habe sie am Kita-Gutscheinsystem des Berliner Senats teilgenommen und eine Gründerförderung bekommen. Jetzt wird Coworking Toddler zusätzlich über den Bund bezuschusst, das Geschäftsmodell trägt sich aber auch schon von selbst. „Das alles war aber kein einfacher Weg“. Vor allem die Immobiliensuche ist in Berlin eine Katastrophe. „Man rennt sich hier die Haxen ab“. Ein halbes Jahr hätte sie gar nichts gefunden, und als sie fündig wurde, hätte sie den Raum noch von fünf Ämtern abnehmen müssen, die nicht sonderlich koordiniert gewesen wären: „Erst kommt der Brandschutz, dann die Lebensmittelaufsicht, dann noch das Gesundheitsamt und das Bauamt, zum Schluss die Kitaaufsicht“. Zudem hätte man das Ganze auch noch umbauen müssen. „Wir mussten den Grundriss anpassen: Man braucht einen extra Schlafraum, extra Fluchtwege, Flure und so weiter“. Den Mietvertrag hätte man erst im Herbst 2015 unterschreiben können. Im Mai 2016 sei man endlich fertig gewesen – mit den Nerven aber auch mit der kompletten Kita. Irgendwie erinnert einen das an den Berliner Flughafen.

Doch bei Sandra Runge lief es von Anfang an. Heute hat sie vier Vollzeit-Erzieher, die Nachfrage steigt. Belohnt wurde sie zudem gerade über das Programm „Ausgezeichnete Orte im Land der Ideen“. Damit zählt Toddler zu den 100 innovativen Preisträgern Deutschlands. Und mittlerweile gibt es mit Allynet in München oder Coworkind in Hannover erste Nachahmer. Obwohl ihr Modell so neu gar nicht ist. Zumindest in Ansätzen finden sich Spuren des Toddler-Konzepts in der DDR. Zu DDR-Zeiten gab es das sogenannte 'Brigade-Wesen', das die Erziehung des Kindes im Betrieb ermöglichte. Die DDR hatte eine Frauenerwerbsquote von 90 Prozent. Die Kinder kamen kurz nach der Geburt in die Kita, und damit meist in welche, die am Betrieb angesiedelt waren. Auf der einen Seite kam das einer pädagogischen Ideologisierung gleich, auf der anderen Seite war es eine Entlastung durch den Staat.

Foto: © Katja Harbi

Ab 17 Uhr herrscht im Toddler Aufbruchsstimmung. Die ersten Eltern kommen rüber und sehen nach ihren Kleinsten. Die „Hofkatze“ Mimi, die hier zum Inventar gehört und der alle immer am Schwanz ziehen wollen, die das aber mit Katzenhumor nimmt, leckt sich noch die Pfoten sauber, ehe auch sie verschwindet – morgen geht es hier auch für sie weiter. Sandra Runge schaut noch ob alle Fenster zu sind. Von gegenüber winkt ein Mann, auch wir winken. Dann gehen wir. Von außen wirkt das Toddler beinah unscheinbar, wie ein kleines Eckchen am Ende einer kleinen Straße inmitten der Hektik am S-Bahnbogen Prenzlauer Berg. Aber es zeigt, dass sich im Kleinen oft die größten Innovationen verbergen. Bedenklich nur, dass es Modelle wie Toddler überhaupt braucht, eigentlich ist hier der Staat in der Pflicht. Immerhin sind in Berlin 25.000 neue Kitaplätze bis 2021 geplant. An 16 Standorten will das Land Berlin selbst Kitas in modularer Bauweise errichten. Zudem hat gerade das Verwaltungsgericht Berlin entschieden, dass der Bezirk Privatbetreuungen bezahlen muss, falls ein Bezirk dem Rechtanspruch auf einen Kitaplatz nicht nachkommen kann. Sandra Runge findet das gut. Und sie fügt hinzu: „Vielleicht eröffne ich bald auch noch andere Standorte“. 

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