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Marie-josé Ourtilane: "Wir brauchen einen Masterplan"

Marie-josé Ourtilane: "Wir brauchen einen Masterplan"
Foto: © André Wunstorf

Bis zum 31. August 2018 läuft das PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN. Es ist das vierte dieser Art. 27 Projekträume sind in diesem Jahr dabei. Wie hat sich die Situation der Projekträume in Berlin in den letzten Jahren entwickelt? Welche Zukunft haben Projekträume in der Stadt? Wir sprachen mit Marie-josé Ourtilane, der künstlerischen Leitung des Festivals. 
 

Interview Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Marie-josé, das diesjährige PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN ist das vierte seiner Art. 2017 gab es kein Festival. Warum? 

Marie-josé Ourtilane: Weil wir 2017 keine  Förderung erhalten haben. Wir hatten uns deshalb dafür entschieden, kein Festival zu machen. Das Festival ist ein großer organisatorischer Aufwand, nicht nur für uns, auch für die Projekträume. Wir arbeiten alle mit viel Leidenschaft und können nicht einfach umsonst arbeiten. In diesem Jahr werden wir über den Hauptstadtkulturfonds gefördert. 

CCB Magazin: 27 Projekträume sind in diesem Jahr mit dabei. Welche habt ihr warum ausgewählt? 

Marie-josé Ourtilane:Es gab im Februar einen Open Call, alle Räume konnten sich bewerben. Eine Jury von fünf Fachleuten hat die Projekträume ausgesucht. In der Jury saßen Katja Aßmann (Kuratorin), Arianne Müller (Bildende Künstlerin und Autorin), Nina Rhode (Künstlerin), Markus Zimmermann (Künstler) und ich (Kuratorin). Alle Projekträume sollten einen Schwerpunkt setzen. Mit dabei sind in diesem Jahr das Apartment Project, FK-Kollektiv, x-embassy, NON Berlin und viele mehr. Die Auswahl war – wie immer – eine schwierige Entscheidung. 

CCB Magazin: Was gibt es in diesem Jahr alles zu sehen? 

Marie-josé Ourtilane:Alle Räume haben ihre Besonderheit, jeder bietet für sich einen Einblick in die eigene Arbeit, stellt Künstler vor und spiegelt die Vitalität der Berliner Kunstszene wider. Inhaltlich ist die Bandbreite beachtlich. Sie reicht von filmisch-installativen Performances wie im CNTRM über partizipative Ansätze im Apartment Project in Neukölln bis hin zu künstlerischen Reflexionen über das Grenzgebiet zwischen Nord- und Südkorea im NON Berlin - um nur einige Stationen in diesem Jahr zu nennen. Das vorherrschende Genre ist in diesem Jahr aber wohl die Performance, oft in Verbindung oder in Auseinandersetzung mit einem anderen Medium. 

CCB Magazin: Die Situation von Projekträumen ist seit Jahren prekär. Immer wieder heißt es, es sei nur eine Frage der Zeit, bis ein nach dem anderen Projektraum in der Stadt verschwindet. Zugleich bleibt die Zahl von 150 Projekträumen allem Anschein nach seit Jahren recht stabil. Woran liegt das? 

Marie-josé Ourtilane:150? Woher hast du diese Zahl? 

CCB Magazin: Sie taucht in den Gesprächen mit den Projekträumen immer wieder auf. 

Marie-josé Ourtilane:Ich denke nicht, dass es noch so viele sind. Vor fünf Jahren waren es 150, ja. Wenn es noch 150 sind, dann weil sich die Formen der Projekträume verändert haben. Projekträume verlagern sich teils in die privaten Räume der Akteure. Oder ein Atelier nennt sich mal Projektraum. Eine neue Tendenz ist es auch, als Nomaden Projekträume zu betreiben, das heißt, dass der Projektraum ohne ‚Raum‘ funktioniert. Es ist dann ein virtueller temporärer, ein ortloser Raum. 

CCB Magazin: Ist das beachtlich oder bedenklich? 

Marie-josé Ourtilane:Beides, aber ja, es ist vor allem bedenklich. Denn es zeigt, wie angespannt die Situation mittlerweile in Berlin ist. Es wird in Berlin zunehmend schwerer einen Raum zu finden. Viele Projekträume entwickeln darum Strategien, um zu überleben. 

CCB Magazin: Wie können Projekträume in Berlin langfristig gesichert werden? Die Hauptstadt wird rasant teurer: Um bis zu 500 Prozent sind die Grundstückpreise in zentralen Lagen gestiegen. 

Marie-josé Ourtilane:Es braucht Lösungen. Die Mietpreisbremse genügt nicht. Wir brauchen ein Atelier- und Studioprogramm. Und die Frage wird sein: In was will die Stadt Berlin in Zukunft investieren? Ich will nicht sagen, dass das Land Berlin nichts unternimmt. Die Auszeichnung der Berliner Projekträume pro Jahr mit mittlerweile 630.000 Euro über den Berliner Kultursenat ist lobenswert, es ist aber nur ein erster Schritt. Was wir brauchen, ist ein langfristiger struktureller Rahmen, ein Masterplan. Und das heißt auch, dass man künftig Immobilien für Kunst und Kultur sichern muss. Das ist aber Aufgabe der Politik. Auf dem Kapitalmarkt können die Projekträume nicht bestehen. 

CCB Magazin: Im letzten Interview habt ihr die Frage aufgeworfen, ob es als Projektraum noch ausreicht, sich künftig nur als loses Netzwerk, flexible Nomaden oder professionelle Nicht-Professionelle zu begreifen. Und was passiert, wenn Institutionen und kommerziellen Galerien sich dafür interessieren, was in Projekträumen stattfindet? Sollten sich Projekträume dem Markt mehr öffnen? Ihr wolltet damals keine Antwort darauf geben, sondern die Situation beobachten. Welche Antwort gibst du heute? 

Marie-josé Ourtilane:Es freut mich zunächst, wenn eine Galerie oder Institutionen Interesse an einem der Projekträume zeigt. Aber wenn ein Projektraum sich dem Markt öffnet, wird er zu einer Galerie. Der Verkauf steht bei den Projekträumen nicht im Vordergrund. Es geht um das Experimentelle, das Ausprobieren, um den Diskurs. Ob nun aber Institution, Galerie oder Projektraum: Ich finde alles hat im Bereich der Kunst eine Bedeutung und Berechtigung, jeder und jede Form operiert aber auf einem anderen Feld. Vielleicht ist es an der Zeit, damit aufzuhören, das eine gegen das andere auszuspielen. Wir sollten zusammendenken, aber auch die Unterschiede akzeptieren. Künstler brauchen in Berlin Galerien oder Institutionen. Künstler brauchen aber auch Projekträume, weil dort experimentiert werden kann. 

CCB Magazin: Letzte Frage: Wie sieht der Projektraum der Zukunft aus? 

Marie-josé Ourtilane:Wenn ich das wüsste. Projekträume sind immer Experimentierfelder, sie kommen meines Erachtens dem Begriff des offenen Werkes von Umberto Eco sehr nahe. Sie sind oft auch der erste Ort, an dem Künstler und Künstlerinnen, die nach Berlin kommen, ihre Arbeiten zeigen können und mit dem lokalen Publikum in Berührung kommen. Seit Beginn des Festivals treffe ich immer wieder auf Fachleute aus Lettland, Neuseeland, den Niederlanden oder aus Korea, und sie alle wollen sich von einem Festival wie unserem inspirieren lassen. Wenn alle so denken würden, wird es auch in Zukunft die Projekträume geben. Aber es wird nicht der ‚eine‘ Projektraum sein. Die Vielfalt ist es doch, die die Projekträume so anschaulich und besonders für Berlin macht. Das sollten wir uns erhalten. Ob Projekträume aber in Zukunft bestehen bleiben, hängt letztlich auch von der Politik dieser Stadt ab. 


Profil des PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN auf Creative City Berlin

Alle Veranstaltungen im Rahmen des Festivals gibt es hier.

Kategorie: Specials

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