Vernetzung, Räume Zurück

Projektraum-Festival 2018: „Wir fangen gerade erst an“

Projektraum-Festival 2018: „Wir fangen gerade erst an“
Foto: © Jens Thomas

Das vierte Berliner Projektraum-Festival läuft - den ganzen August über. Es vernetzt lokale und internationale Künstler, präsentiert ihre Werke und lädt die Nachbarschaft zum Diskurs ein - 27 Projekträume sind in diesem Jahr mit dabei. Wir haben einigen von ihnen einen Besuch abgestattet: Welche Funktion haben Projekträume für Kunst und Kultur in Berlin? Was passiert hinter den Kulissen und wie wichtig sind sie für die lokale Community? Eine Reise durch die Berliner Nischen im August. 

 

VOR ORt WAR JENS THOMAS

 

Als ich die Kamera auf die beiden Jungs richte, fangen sie an zu lachen und laufen einfach weg. Beide sind um die 14 Jahre jung, sie tragen stolz zu weit geschnittene Shirts vom FC Barcelona, der eine die Rückennummer 10, der andere die 7. Die Szene spielt sich auf einem Balkon im ersten Stock eines Hauses in der Hertzbergstraße in Neukölln ab, eine Straße, die etwas abseits liegt vom pulsierenden Kreuzkölln mit seinen Künstlerateliers. Die Herztbergstraße, so könnte man sagen, ist etwas langweilig. Sie ist ruhiger gelegen als der Rest Neuköllns, hier wohnt man vor sich her. An der einen oder anderen Ecke belebt ein kleines Stübchen das Viertel und sorgt für Kulinarisches, hier und da ragt mal ein Elektrolädchen oder Reparaturservice aus den Häuserfassaden empor. Es ist Neukölln, wie es früher einmal war. 

Station 1: der Projektraum Apartment Project in Neukölln

Mittendrin, in der Hausnummer 13, liegt seit sechs Jahren auch der Projektraum Apartment Project. Es ist ein etwas unscheinbarer Raum, eine breite Fensterfront ziert die Fassade, über der Eingangstür prangert demonstrativ „Wir sind hier. Wir sind dort“. Dahinter verbirgt sich ein karger Raum, es ist ein Ausstellungsraum, eine große Fläche mit kahlen weißen Wänden. Ein paar Menschen laufen umher und machen irgendwas. 

Ich trete ein. Selda Asal kommt mir in wippendenden Schritten entgegen, sie ist hier die Chefin, eine Frau mit wuscheligen Locken und runder Brille. Ein paar Künstler grüßen aus dem Hintergrund und werkeln vor sich her, sie treten an diesem Abend hier auf. Asal ist selbst Videokünstlerin, sie kennt das Geschäft. Sie kam 2012 nach Berlin. In Neukölln rief sie dann ihren Projektraum ins Leben. Ursprünglich stammt sie aus der Türkei. 1999 gründete sie in Istanbul ihren ersten Projektraum, es war der erste unabhängige Projektraum in der Türkei überhaupt. 

Ich will hier die Nachbarschaft erreichen - Selda Asal von Apartment Project

Hat einen Projekt(t)raum: Selda Asal vom Apartment Project in Neukölln. Foto: @ Jens Thomas 

Selda Asals Projektraum ist in diesem Jahr einer von insgesamt 27 Auserwählten, die am vierten Projektraum-Festival-Berlin teilnehmen dürfen. Insgesamt gibt es in Berlin um die 150 Projekträume, sagt man. Zumindest gab es diese vor fünf Jahren, als die erste empirische Studie zu den Berliner Projekträumen von der Soziologin Séverine Marguin veröffentlicht wurde. Vermutlich sind es mittlerweile weniger. Eine neue Tendenz sei es, so Marie-josé Ourtilane, die künstlerische Leiterin des Festivals, Projekträume ganz ohne Räume zu betreiben. Auch Galerien würden sich mittlerweile Projekträume nennen. Die Unüberschaubarkeit ist groß. Dabei sind Projekträume vor allem eines: Versuchslabore und Experimentierfelder für lokale und internationale Künstler aus aller Welt. Sie sind Orte für Diskurse, Kaderschmieden des gesellschaftlich Neuen. Bedroht sind sie seit Jahren - um bis zu 500 Prozent sind die Grundstückpreise in zentralen Lagen in den letzten Jahren gestiegen. Wichtig sei darum, so Marie-josé Ourtilane, auf die Situation aufmerksam zu machen und immer wieder zu betonen, wie wichtig Projekträume doch für die lokale Kunst in Berlin seien. „Künstler brauchen Projekträume in Berlin, weil dort experimentiert werden kann“. 

So ist das auch im Apartment Project. Der Ausstellungsraum dient als Plattform für Einzel- und Gruppenausstellungen, für Workshops, interdisziplinäre Gemeinschaftsprojekte, Performances, Diskussionen und Treffen aller Art. An diesem Tag treten zum Beispiel Ayse Orhon und Ceren Oykut auf. Ayse Orhon ist Choreografin und Konzeptkünstlerin, ihre Stimme ist tief, die Statur schlank, markantes Gesicht, irgendwie erinnert sie mich an Keith Richards. Ceren Oykut ist Künstlerin, langes schwarzes Haar, sie wirkt etwas schüchtern, sie sagt wenig, zeichnet und erarbeitet an diesem Abend zusammen mit dem Eltroact FezayaFirar musikalische Sequenzen in Kombination mit Licht und Schatten - der Abend trägt den Titel „Figures in Air“. Ayse Orhon simuliert dazu Stimmen, sie wälzt sich am Boden, die Masse lauscht und hört gespannt zu, keiner regt sich im Saal. Ceren Oykut und FezayaFirar basteln dazu eine frickelnde Soundcollage zusammen, die an elektronische Klänge der Marke Autechre der 1990er Jahre erinnert. 

Die Künstlerinnen Ceren Oykut und Ayse Orhon. Foto: @ Jens Thomas 

Draußen, vor dem Apartment Project, kommen wir ins Gespräch. Es dreht sich um das Leben als Künstler in der Türkei, über das in Berlin. Selda Asal holt tief Luft, dann legt sie los. Ihre Familie, so sagt sie, lebe in der Türkei. Sie habe Angst um sie, zunächst will sie nicht sagen warum - alles was belasten könnte, wird verschwiegen. Dann erzählt sie doch. In den 2000ern sei in Istanbul so etwas wie Freiheit entstanden. Sie spricht von Aufbruch, die Türkei erlebte einen Öffnungsprozess zwischen Orient und Okzident. Die anderen in der Runde nicken, schweigen aber. Recep Tayyip Erdoğan sei einst für eine pluralistische, zivile Demokratie angetreten. Immer wieder fällt das Jahr 2011. Ab da habe sich alles geändert: Bürgerrechte wurden eingeschränkt. Alles sei bergab gegangen. 

Selda Asals Projektraum ist für die türkischstämmigen Künstler in Berlin so etwas wie eine Heimat in vier Wänden. Er ist ein Ort der Verständigung, ein Platz der Orientierung. Künstler kommen hier her, probieren sich aus. Sie präsentieren ihre Werke und versuchen zu vermitteln. Nur die lokale Bevölkerung erreiche man noch nicht so recht, gibt Asal zu verstehen. Das fände sie schade. Viele Türkischstämmige seien sehr konservativ im Kiez, die Zustimmung für Erdoğan sei hoch, das mache ihr Angst. Freie Kunst würde grundsätzlich mit Skepsis beäugt. "Aber ich gebe die Hoffnung nicht auf. Ich will hier vermitteln“. 

Station 2: der Projektraum mp43 in Hellersdorf

Ich mache mich auf zum nächsten Projektraum, zum mp43. Mein Weg führt mich diesmal zu Carola Rümper nach Marzahn-Hellersdorf. Rümper ist Bildende Künstlerin, verschmitztes Lächeln, sie trägt eine Brille mit lila gespiegelten Gläsern, lässige Erscheinung. Bekannt wurde Rümper vor allem durch ihre RÜMPERIENS, das sind eigens kreierte Skulpturen, schräges Zeug, die optisch einer Wurmart ähneln, aber riesig sind - sie sind aus Ton hergestellt. Carola Rümper stellt sie hier im Kiez auf. Rümper wohnt in Lichtenberg. Auch sie ist in diesem Jahr Teil des Projektraum-Festivals. Seit zehn Jahren lebt sie schon in Berlin, eigentlich kommt sie aus dem Norden nahe Bremen. Den Projektraum mp43 betreibt sie vor Ort seit über zwei Jahren, zuvor lag ihr Raum um die Ecke in der Marzahner Promenade. Das sei die Prachtmeile Marzahns, der Boulevards des Kiezes, wie sie sagt. 

Ich sehe mich als Beginn einer kritischen Masse. Ich überlasse den Leuten hier nicht einfach das Feld - Carola Rümper von mp43

Schon der Weg zu Carola Rümper ist ein einziges Experiment: Die Straßen von Lichtenberg nach Hellersdorf ziehen sich wie zertretene Kaugummis unter dem Schuhwerk. Überall pappen Wegweiser mit der Aufschrift „zu den Gärten der Welt“. Im Hintergrund ragen die Plattenbauten wie aufgestellte Eierkartons empor, sie stehen den skylineverdächtigen Banken in Frankfurt am Main wirklich in nichts nach. Marzahn-Hellersdorf ist, sind wir ehrlich, für viele noch immer ein Schreckensbezirk. Vor der Wende war die Gegend ein Ort der sozialen Aufwertung, Marzahn war das Bayern Ostberlins, 1975 begann hier der Bau der Großsiedlung, hier wollte man wohnen. Nach der Wende brach vieles zusammen, wer konnte zog weg. Carola Rümper kam hierher.

Carlo Rümper vor ihrem Projektraum in Hellersdorf. Foto: @ privat

Schon der Eintritt ins mp43 macht deutlich: Rümpers Raum gleicht einem Versuchslabor. Im Inneren steht so gut wie nichts. Die Wände sind weiß tapeziert, in der Ecke befindet sich ein Fahrrad, hinten sind ihre RÜMPERIENS positioniert.  Das wars schon. Nebenan ist der „Hühnerstall“, ein Trinkerstübchen für die aus der Platte, ein paar Häuser weiter ist ein Tattoo-Studio ansässig, daneben ist ein Bestattungsinstitut - läuft in Hellersdorf. Rümper krempelt hier seit Jahren die Gegend um. Ihr Ansatz ist ein partizipativer, wie sie sagt. Ihr aktuelles Projekt trägt den Titel “My home is my castle”. Die Idee ist einfach: Die Nachbarn geben ihr Fotos aus ihren Wohnzimmern, einige machen mit, andere nicht - Rümper projiziert sie zum Schluss mit dem Beamer im Projektraum an die weiße Wand. „Ich will eine Kulturgeschichte des Wohnzimmers aus Hellersdorf entstehen lassen“, sagt Rümper. Auf einem Bild ist ein Wohnzimmer mit einem Sofa zu sehen, auf dem anderen sitzt eine Katze auf dem Wohnzimmerschrank. Mit dem Projekt will sie vor allem den Kiez stärken, viele hätten dennoch Berührungsängste. „Die Menschen hier fühlen sich abgehängt“. Sie wolle darum neues vor Ort entstehen lassen. Mit namibischen Künstlern hat sie schon gearbeitet. Ihren Raum bietet sie auch anderen Künstlern zum Arbeiten an - kostenfrei. Finanziert wird sie derzeit über das Atelierprogramm Marzahn-Hellersdorf, Rümper zahlt nur die Betriebskosten. Aber will die Bevölkerung vor Ort auch einen solchen Projektraum? Insgesamt sei die Resonanz gut, sagt die Künstlerin. Kürzlich aber, als sie ein Projekt mit deutschen und ägyptischen Kindern über Skype initiiert habe, worüber sich die Kinder über ihre Kulturen austauschten, seien schon schräge Sprüche gekommen wie „ja jetzt kriegen die Ausländer wieder mal alles“. Sie lasse das dann nicht stehen. Sie gehe in die Diskussion. „Ich sehe mich hier auch als Beginn einer kritischen Masse, die sich dem stellt. Ich überlasse den Leuten nicht einfach das Feld“.
 

Station 3: der Projektraum NON Berlin am Prenzlauer Berg 

Ich verlasse das Feld. Mein Weg führt mich diesmal zum Prenzlauer Berg. Hier bin ich verabredet mit Chan Sook Choi und Ido Shin von NON Berlin. NON Berlin ist einzigartig in Berlin. Es ist die erste Plattform für Künstler aus Korea in Berlin und darüber hinaus. Ihr Projektraum ist ebenfalls Teil des Projektraum-Festivals. Gegründet wurde NON Berlin 2012. „Wir wollen ein Netzwerk aufbauen“, sagen die beiden Gründer und Künstler Choi und Shin entschlossen. Chan Sook Choi ist Videokünstlerin, 2001 kam sie nach Berlin, sie studierte an der UDK. Ido Shin ist fast genauso lange hier, gelernter Architekt, er studierte an der TU Berlin. Zu ihrem Netzwerk gehören mittlerweile bis zu "3.000 Leute", sagen beide mit Stolz. Vor allem viele koreanische Künstler würden NON Berlin als Erstanlaufstelle in Berlin sehen, wenngleich es in Berlin nur wenige gebe. „So um die 30“. 

Wir wollen hier auch Geld verdienen, aber das ist schwierig in Berlin - Chan Sook Choi und Ido Shin von NON Berlin

Auch sie haben einen Projekt(t)raum: Chan Sook Choi und Ido Shin von NON Berlin. Foto: @ Jens Thomas 

Im Gegensatz zu den anderen beiden Projekträumen geht es Choi und Shin dann aber auch ums Geldverdienen, das sagen beide ganz bewusst. Das unterscheidet NON auch von vielen anderen Projekträumen. Wie die Soziologin Séverine Marguin in ihrer Studie über Berliner Projekträume 2013 herausfand, grenzen sich viele Projekträume von den kommerziellen Produzentengalerien ab. 71 Prozent der aktiven Projektraumbetreiber arbeiten ehrenamtlich. Das Jahresverdienst der Projekträume liegt bei rund 5.000 Euro - reich wird man wenn woanders. Auch bei Chan Sook Choi und Ido Shin kommt das große Geld nicht über den Projektraum. Zwar können sie sich in diesem Jahr glücklich schätzen: sie erhalten eine Projektraum-Förderung vom Berliner Kultursenat über City-Tax-Gelder von rund 30.000 Euro. Diese Förderung ist aber nur einmalig. Wer schon mal dran war, ist in der nächsten Runde raus. Langfristig, sagen beide, müsse man sich etwas einfallen lassen.  

Umso bemerkenswerter ist es dann, dass Choi und Shin ihr Geld überwiegend außerhalb von Berlin verdienen. Beide arbeiten als Gastprofessoren in Südkorea, ihrer Heimat, sie fliegen immer wieder hin und her. Sehr spannend, einerseits. Andererseits: Aauf die Dauer auch wirklich anstrengend und ermüdend“, findet Künstlerin Choi. Das sieht auch Carola Rümper so. „Das ewige Umsonstarbeiten hälst du nicht ewig durch". Von irgendwas müsse man auch leben. Rümper stellt aber das Politische der Projekträume in den Vordergrund. „Projekträume geben Impulse für die Gesellschaft“. 

Das Projektraum-Festival läuft noch diesen Monat. Es bringt die experimentellen Nischen der Stadt hervor. Das Festival ist eine Ideenskizze für die Kunstmetropole Berlin. Wie es mit den Räumen weitergeht, das ist aber die Frage: So kauft das Land Berlin zwar mittlerweile Immobilien zurück: 100 Millionen Euro sind beispielsweise schon für Wohnungsrückkäufe bereitgestellt. Hin und wieder gelingt es auch, den Verkauf der Immobilien zu verhindern, so wie beim Projektraum x-embassy aus Pankow. Hier wollte der Investor sogar das komplette Haus, das Atelierhaus Australische Botschaft Ost, in dem das x-embassy liegt, in Luxuswohnungen umwandeln. Da das Haus aber unter Denkmalschutz steht, kann der Investor nicht schalten und walten wie er will - auch wenn der Ausgang noch unklar ist. Auch Chan Sook Choi und Ido Shin mussten mit NON Berlin bereits zwei Mal umziehen – weil die Mieten einfach zu teuer wurden. Jetzt sind sie Untermieter im Projektraum ‚Mein Blau‘. Mein Blau gewährt NON Berlin eine kostengünstige Fläche, man habe einfach Glück gehabt, sagen Choi und Shin, aber wie lange noch? Chan Sook Choi und Ido Shin sind wie so viele Projektraumbetreiber voller Tatendrang. Ihre Arbeit machen sie, weil sie machen wollen, fast hat man das Gefühl, sie müssten sie machen, für sich, für andere, aus Überzeugung. Die beiden Projektraumbetreiber sagen: „So schnell geben wir hier nicht auf. Wir fangen gerade erst an“.


Alle Termine im Rahmen des PROJECT SPACE FESTIVAL BERLIN im Überblick 

Ein Interview mit Marie-josé Ourtilane, der künstlerischen Leitung des Festivals, findet ihr im CCB Magazin

Ein Interview mit der Soziologin Séverine Marguin zur Situation der Projekträume in Berlin findet ihr ebenfalls im CCB Magazin

Rubrik: Zu Besuch bei...

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