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Blick in die Zukunft

Blick in die Zukunft
Foto: © Jens Thomas

Wir waren auf dem diesjährigen Music Tech Fest in Stockholm – in Kooperation mit MusicTech Germany. An sieben Tagen trafen Bionik-Hacker auf Sounddesigner, digitale Aussteiger auf aufsteigende Digitalisten. Das Music Tech Fest ist keine Konferenz oder ein Festival im herkömmlichen Sinne. Es ist ein gigantisches Versuchs- und Kreativlabor an der Schnittstelle von Musiktechnologie, Wissenschaft und Kunst. Es geht um die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen und wie sich der Mensch über die Digitalisierung befreit. Aber kann er das? Verspricht die Digitalisierung mehr Emanzipation und Gleichberechtigung? Oder dominieren uns in Zukunft immer mehr Algorithmen? Ein Streifzug durch die musikalischen Experimentierfelder der Gegenwart. 
 

VON  Jens Thomas

 

Der eine steht lautlos im Raum und macht kryptische Bewegungen, der andere produziert einfach nur Lärm. Der erste ist ein junger Herr, er bewegt sich hektisch auf der Stelle. Auf seiner Nase klemmt eine Virtual-Reality-Brille, an seinen Handgelenken hat er Technik installiert - damit überträgt er bei jeder Bewegung Sound auf einen Rechner. Der andere ist ein Tüftler der ganz besonderen Art. Für das Music Tech Fest hat er sich etwas Scherzhaftes ausgedacht. Er übersetzt den Sound des Kaffeekochens in Echtzeit in brachialen Krach. Braucht zwar kein Mensch, ist aber interessant. Der Durchlauf des Kaffeewassers gleicht hier einer Baustelle, es knallt und brodelt, Menschen schrecken auf im Raum, wenn sie vorbeieilen und den Lärm hören, dann lachen sie. Ist ja schon witzig, nervt auf die Dauer aber doch. Klar wird schon hier: Auf dem Music Tech Fest dominieren die Gegensätze. Wo die halbe Menschheit seit Jahren darum bemüht ist, eine Gesellschaft zu entwerfen, die immer leiser wird und in der Autos in Zukunft wohl rasierapparatlaut an uns vorbeisummen, bieten andere das lärmende Kontrastprogramm. Sie erinnern daran, welche Spuren wir tagtäglich im Leben hinterlassen. 

Music Tech Fest: Hier domieren die Gegensätze. Und doch findet man zusammen 

Das alles – und noch viel mehr – spielt sich innerhalb einer Woche auf dem Musik Tech Fest in Stockholm ab. Das Music Tech Fest ist ein Nomadenfestival. Es zieht seit Jahren von Stadt zu Stadt. In Berlin war es auch bereits (2016). Das Music Tech Fest ist keine Konferenz oder ein Festival im herkömmlichen Sinne. Es ist ein gigantisches Versuchs- und Kreativlabor, ein Erfahrungsraum für eigene und neue digitale Ideen an der Schnittstelle von Musiktechnologie, Wissenschaft und Kunst. Das Music Tech Fest ist auch kein Festival für Besucher, schon gar nicht für die Masse, die zappelig auf den neuesten digitalen Trend wartet. Diejenigen, die hier sind, machen was. Sie sind Vorantreiber, Musikexperten, experimentelle Geister und vergeistigte Bastler. Alles gleicht hier einer digitalen Entdeckungsreise, zugleich wirkt das Festival wie ein Rückeroberungsraum für das Analoge. Es geht um die Frage: Wie fließen Natur und Technik zusammen? Wie hat der Mensch die Digitalisierung im Griff und die Digitalisierung nicht den Menschen.



Einer, der an diesen Tagen vor Ort ist, am Eingang steht und alles im Griff hat, ist Negro Martin Lozano. Negro, so heißt auch seine Band, über den Namen lässt sich sicher streiten, aber nun gut. Negro Martin Lozano kommt aus Argentinien. Er überträgt an diesen Tagen seine Konzerte und Livemittschnitte über eine Virtual-Reality-Brille im 360-Grad-Format. Den Weg zum Konzert könnte man sich künftig also sparen, spart auch Geld, vermutlich aber auch Emotionen. Noch ist die Übertragung etwas pixelförmig, aber man kann schon erahnen, dass die Professionalisierung hier nur eine Frage der Zeit ist. „Es geht aber nicht darum, Konzerte zu ersetzen“, stellt der Musiker klar. Die Mitschnitte sollten sogar zum Konzertbesuch animieren - alles andere wäre auch kontraproduktiv. Denn seit Jahren verdienen Musiker vor allem Geld an und auf Konzerten. Seit die Digitalisierung vor 20 Jahren den kompletten Musikmarkt nahezu in den Ruin trieb, weil Nutzer im Netz kostenlos (illegal) Songs saugten wie Säuglinge Milch aus der Mutterbrust, ist der Gig oft die letzte Hoffnung am Himmel der Erlöse. Erst seit Down- und Uploading wieder stärker geahndet werden, hat man die Lage wieder etwas im Griff. Bereits 2012 wurde nach Jahren erdrutschartiger Einbrüche auf dem Musikmarkt erstmals wieder eine „schwarze Null“ geschrieben. Seit Kurzem steigen die Umsätze sogar wieder auf dem Musikmarkt, und das vor allem dank Streaming – Audio-Streaming hat mittlerweile einen Anteil an alle Erlösen von knapp 50 Prozent.  

Aber ums Geld und die Wertschöpfungskette Musik geht es auf dem Music Tech Fest sowieso nicht. Das Performative steht im Vordergrund. Es geht oft um ganz persönliche Zugänge und Geschichten. Und so fing vor vier Jahren auch alles an. Am Anfang, 2014, trafen sich 21 Übermotivierte bei Microsoft Research New England zu einem Symposium unter dem Titel "What Is Music Technology For?". Music-Tech-Fest-Chefin Michela Magas erinnert sich: „Wir haben einfach nach Gemeinsamkeiten gesucht. Und wir haben uns gemeinsame Prinzipien über die Zukunft von Musiktechnologie erarbeitet“. Herausgekommen ist ein Manifest, das Musictechifesto, abrufbar im Netz. Mittlerweile wurde es von Hunderten von Menschen unterzeichnet - von Wissenschaftlern, Musikern, Forschern und Politikern. Das Music Tech Fest ist die jährliche physische Naherfahrung dazu. Aber ein Querschnitt der Neuerungen im Bereich Musiktechnologie ist es nicht. Das will es auch gar nicht sein. Das Music Tech Fest hat einen stark kuratorischen wenn nicht gar künstlerischen Ansatz. Gezeigt wird, was man subjektiv wichtig findet und was Subjektivität ermöglicht. 

Diese Frau regelt einiges: Foto: Jens Thomas 
 

So kommt es dann auch mal vor, dass man seine eigenen Laute mittels neuester Technologie einfach auf den Mond sendet, die dann 2,3 bis 2,7 Sekunden später wieder auf der Erde landen – und die genau in der Form zu hören sind, wie sie auf dem Mond geklungen haben. Man nennt das Moon Bouncing, entwickelt hat es die Tüftlerlin Martine-Nicole Rojina. Moon Bouncing ist auf dem Music Tech Fest der absolute Schrei. 68 mal wird an diesen Tagen gebounced, der Mond hat hier einiges zu tun. Und das Spektakel findet 25 Meter unter der Erde statt, allein das ist schon ein Highlight. Das Gewölbe ist ein ehemaliger Atombunker (grusel, grusel), mit dem Fahrstuhl geht es ruckelig bergab in die Schluchten der Stadt. Unten warten bereits die angekündigten Acts. Einer, der am digitalen Set sitzt und gleich loslegt, ist DJ Arthro. DJ Arthro kann weder Arme noch Beine ausreichend bewegen und sitzt im Rollstuhl. Er hat sich sein eigenes Set zusammengestellt, worüber er mit Nase, Zunge oder Stirn die Tastatur bedient und elektronischen Sound erzeugt. Das, was er macht, ist tanzbar. In der Mitte eines Songs spielt er plötzlich mit der Zunge ein Solo, die Masse lauscht, ist beeindruckt. DJ Arthro leckt dazu den Bildschirm regelrecht ab, man sieht kurzweilig nur noch seinen wackelnden Kopf hinter Keyboard und verkabelten Geräten. Die Stirn klebt am Rechner. Selten kamen sich Mensch und Technik wohl näher als hier. 

Ich glaube, dass digitale Innovationen und neue Technologien wie KI oder Blockchain uns in Zukunft näher an eine lebenswerte Gesellschaft heranbringen werden - Claudia Schwarz von MusicTech Germany

Das ist ohnehin eines der Grundprinzipien des Festivals: Sich näher kommen. Mensch/Technik, Mensch/Natur, Mann/Frau, hallo, wie schaffen wir das zusammen? Das Music Tech Fest lässt sich darum durchaus philosophisch verstehen: Arts liberales (freie Kunst), technē (die handwerkliche Verrichtung) und Technik, das, was in seiner historischen epochalen Entwicklung einmal ein Gegensatz war, wie der Soziologe Walther Müller-Jentsch in seinen Analysen aufzeigt, verschmilzt auf dem Music Tech Fest zu einem neuen Ganzen. Und die Frage, die sich in Bezug auf Technikaffinität stellt, ist, wie man darüber Gleichberechtigung, Emanzipation und Inklusion schafft. Claudia Schwarz von MusicTech Germany sitzt an diesem Tage auf dem Podium und spricht über „Woman Empowerment“. Für sie bedeutet Empowerment grundsätzlich der "Zugang zu Wissen, Kommunikation und nicht zuletzt zu Ressourcen“. Das weiche letztlich auch Geschlechterdifferenzen auf. Zugleich macht sie deutlich: „Natürlich sind Algorithmen über Empfehlungskulturen und Alltagstechnologien auch bedenklich und gefährlich“. Letztlich könne das sogar dazu führen, dass die Benachteiligung bestimmter Teile der Gesellschaft sogar verschärft werde. Abschließend sagt sie aber ganz klar: „Ich glaube, dass digitale Innovationen und neue Technologien wie KI oder Blockchain uns in Zukunft näher an eine lebenswerte Gesellschaft heranbringen werden“. 

Will mit Creativechangemakers die Welt verändern: Arghavan Agida. Foto: Jens Thomas 
 

Dieser Meinung ist auch Arghavan Agida. Sie stammt aus dem Iran, ist aber weitestgehend in Stockholm aufgewachsen, in Berlin lebte sie auch kurzzeitig. Für sie bedeutet die Digitalisierung vor allem eines: eine Chancenmehrung. Im Iran ist Facebook verboten (Instagram aber erlaubt), Fragen zur technologischen Weiterentwicklung, zu Inklusion via Technik oder zur musikalischen Wertschöpfungskette sind hier Luxusfragen. „Im Iran geht es erst einmal darum, sich überhaupt von Fremdherrschaft zu befreien“. Der Staat kontrolliere alles. Die Digitalisierung sei darum wie ein erster Türöffner. Sie hat darum Creativechangemakers.net ins Leben gerufen, eine gemeinnützige Organisation und eine Plattform für KünstlerInnen zur Stärkung von Menschenrechten. 

Die Digitalisierung ist wie ein erster Türöffner. Im Iran wird alles staatlich kontrolliert - Arghavan Agida von Creativechangemakers.net

Die Debatte um Chancengleichheit überträgt sich sonst aber kaum auf die Wertschöpfungskette Musik. Dabei wären Themen wie das zunehmende Fremdnavigieren des Menschen durch Technik durchaus lohnenswerte Bemühungen gewesen. Auch eine treffsichere Analyse des Musikmarkts durch die digitale Durchdringung hätte dem Festival nicht geschadet. So entstehen zwar seit Jahren einerseits neue Möglichkeitsräume durch die Digitalisierung, andererseits werden Hierarchien und Machtkonzentrationen dadurch keinesfalls obsolet. Der Musikmarkt wird heute durch die großen Drei dominiert (Sony, Universal, Warner). Alleine Sony Music Entertainment konnte 2017 einen Marktanteil von 22,2 Prozent erzielen. Den größten Marktanteil am physischen und digitalen Umsatz mit Musik erreichte die Universal Music Group. Und dagegen werden wohl in Zukunft auch die vielen kleinen Wusellabels und digitalen Selbermacher im Netz nur schwerlich ankommen.  

Aber, und um das Aber geht es, gerade das Kleinteilige ist heute ein neuer Möglichmacher: es bringt Natur, Mensch und Technik wieder zusammen – und genau das wird auf dem Music Tech Fest vorangestellt. Überall wird gecoded und gebastelt. Hackergruppen hocken grüppchenweise aufeinander, dann stoßen plötzlich übermotivierte Sounddesigner und visionäre Tüftler hinzu. Und Leistungen aus der Natur via Technik in Musik zu übersetzen, das ist mittlerweile problemlos möglich. KlingKlangKlong zum Beispiel, ein Berliner Kollektiv aus Wissenschaftlern, Entrepreneuren und Musikern, von denen einer, Felipe Duarte (Mann mit Hut, Gitarre um den Hals), ebenfalls vor Ort ist, bringen schon jetzt Musik über wellenförmige Ströme von Flüssen hervor. Nicht der Mensch macht hier die Musik, die Natur macht die Musik selbst.  

Die Frage aber, ob uns die Natur in Zukunft mal mehr beherrschen könnte, ist vermutlich auch nur in Anbetracht der Tatsache eine dringliche, weil uns in Kürze mal der Klimawandel um die Ohren fliegt, nicht aber, weil die Synergie von Natur und Technik eine Bedrohung darstellen könnte (ok, warten wir‘s mal ab). Und so ist und bleibt das Music Tech Fest vor allem eines: Eine Erzählung der schönen Seiten des Lebens, die performative Flucht nach vorn, der Sprung ins digitale Etwas, und letztlich ein Hoffnungsschimmer in Zeiten notorischer Dauerkrisen. Das muss ja nichts schlechtes sein. Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und die Sounds sind sowieso schon da.

#bisnächstesjahr
 


Profil des Music Tech Fest auf Creative City Berlin

Kategorie: Specials

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