Wissen & Analyse

Claudia Schwarz: "Digitale Innovationen bringen uns mehr an eine lebenswertere Gesellschaft heran"

Claudia Schwarz: "Digitale Innovationen bringen uns mehr an eine lebenswertere Gesellschaft heran"
Foto: © Jens Thomas

Die digitale Revolution verändert Arbeit, Leben und stellt natürlich auch den kompletten Musikmarkt auf den Kopf. Wer profitiert davon? Claudia Schwarz ist Strategieberaterin im Bereich Kreativtechnologien mit Schwerpunkt Musiktechnologie und interdisziplinären Anwendungen. Zudem ist sie Mitgründerin der Creative Tech Agentur WickedWork, hat das Startup pixiesound ins Leben gerufen und ist Vize-Präsidentin des Bundesverband Musiktechnologie MusicTech Germany. In diesem Jahr war sie Panelistin auf dem Music Tech Fest in Stockholm und sprach zum Thema "Woman Empowerment": Bringt die Digitalisierung mehr Gleichberechtigung oder reproduziert sie erst recht Stereotypen? Wir haben die Tech-Spezialistin in Stockholm getroffen. 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Claudia, du hast auf dem Music Tech Fest in Stockholm einen Vortrag zum Thema Woman Empowerment und Digitalisierung gehalten. Was hat Digitalisierung mit Woman Empowerment zu tun? 

Claudia Schwarz: Eine ganze Menge. Technische Neuerungen gehen seit jeher mit dem verbesserten Zugang zu Bildung und Handwerk einher und stärken die Beteiligung des Individuums an Gesellschaft, Kultur und Politik. Das wirkt sich natürlich auch auf die Möglichkeiten aus, kreativ tätig zu sein und ein aktiver Teil des gesellschaftlichen Innovationsprozesses zu werden. Gerade die digitale Transformation der letzten Jahre treibt spürbar den Wandel für traditionellere Modelle des Zusammenlebens, Zusammenarbeitens und des kreativen Schaffens voran. Empowerment, egal auf welche unterrepräsentierte Gruppe bezogen, bedeutet in erster Linie Zugang zu Wissen, Kommunikationsmitteln und nicht zuletzt zu Ressourcen.

Empowerment bedeutet in erster Linie Zugang zu Wissen, Kommunikationsmitteln und Ressourcen. Gerade die digitale Transformation der letzten Jahre treibt hier spürbar den Wandel voran

CCB Magazin: Viele Wissenschaftler und IT-Experten befürchten, dass die Digitalisierung ein regelrechter Jobvernichter sein wird. Glaubt man den Prognosen, fallen künftig Berufe wie Übersetzer, Journalisten oder auch Juristen weg, selbst die IT-Branche wird vermutlich nicht verschont bleiben. Haben da nicht gerade Frauen das Nachsehen?  

Claudia Schwarz: Ich bin da deutlich optimistischer. Berufsbilder waren schon immer geprägt von gesellschaftlichem Wandel und also solche auch dem Einfluss von Technologien und entsprechenden Werkzeugen ausgesetzt. Gerade Kreativtechnologien haben es in den letzten Jahren wie kaum eine andere Branche verstanden, dass Vielfalt und Kollaboration Treiber von Innovation und letztlich des Erfolgs sind. Gründungs- und Teamdynamik, Personalpolitik und Arbeitskulturen sind im Bereich der Kreativtechnologien im Vergleich zu anderen Industrien auch wesentlich stärker geprägt von Chancengleichheit, Experimentier- und Risikofreudigkeit und dem Vertrauen in – aber auch der Abhängigkeit von – kreativen Schwärmen und seinen Individuen. Die Bereitschaft, in diese tragenden Prinzipien zu investieren, ist überlebensnotwendig.

CCB Magazin: Auf den Punkt gebracht: Bringt die Digitalisierung jetzt mehr Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern oder zunehmende Ungleichheit?

Claudia Schwarz: Technologien können, zumindest momentan, immer nur so gut sein wie die Menschen, die sie entwickeln, einsetzen, weiterdenken. Das Aufbrechen statischer Bildungs-, Arbeits- und auch Lebensmodelle ist aber zweifelsohne eine der elementaren Grundvoraussetzungen für eine ausgeglichenere Gesellschaft, so zum Beispiel durch Bildung und Weiterbildung über digitale Plattformen, durch den einfachen Zugang zu und den Austausch mit globalen Innovationstreibern sowie über vereinfachte Wege zur Gründung und „Selbstvermarktung“. Dafür braucht es aber Zugang zu digitalen Werkzeugen. Auch die Minimierung des benötigten Startkapitals durch Ansätze wie crowdsourcing und crowdfunding und agile Strukturen sind hier hilfreich.

CCB Magazin: Zunehmende Algorithmen und digitale Empfehlungskulturen bestimmen aber mehr und mehr unseren Alltag. Ist die Digitalisierung nicht eine Gefahr?  

Claudia Schwarz: Diese Pauschalangst teile ich nicht, auch wenn sie durch viele Medien dankbar bedient wird. Aber natürlich birgt die Digitalisierung versteckte Gefahren. Ein Großteil der Bevölkerung lebt schließlich in einer Welt, die zunehmend von Algorithmen, so zum Beispiel über Empfehlungskulturen, und Alltagstechnologien wie der Gesichtserkennung durchdrungen ist. Und natürlich stellt sich die Frage, inwiefern die darunterliegende Programmierung möglicherweise bereits kanonisiert ist und von spezifischen Parametern geprägt wird, die die Benachteiligung bestimmter Teile der Gesellschaft sogar noch weiter vertieft oder einen potentiell homogenisierten Mainstream stärkt. Einseitig verfälschte Technologien – sogenannte biased technology – sind nicht selten das Ergebnis einer über die Anfangsjahre der IT-Branche männlich geprägten Programmier(er)kultur. Diese Prozesse öffentlich zu diskutieren und in Frage zu stellen, ist wichtig. Das gilt insbesondere mit Blick auf die rasante Entwicklung von künstlicher Intelligenz und der Frage, mit welchen Datensätzen und welchem Wissen wir Maschinen in Zukunft füttern. 

CCB Magazin: Das Thema künstliche Intelligenz (KI) bestimmt aktuell den Diskurs. Während auf der einen Seite die Jubelstürme nicht abreißen, entgegnen Kritiker, dass wir in Zukunft unsere über Jahre erkämpfte Individualität aufgeben. Macht dir die Digitalisierung Angst?

Claudia Schwarz: Nein, macht sie mir nicht. Angst – gerade vor dem Neuen, Unbekannten – hat doch oft viel mit Unwissenheit zu tun. Ich bin sogar geradezu optimistisch, dass digitale Innovationen und neue Technologien wie KI oder auch Blockchain uns in Zukunft näher an eine lebenswerte Gesellschaft heranbringen können; eine Gesellschaft, die viel stärker geprägt ist von Chancengleichheit als andere Generationen vor uns. Gerade im Bereich der Musiktechnologie bringt KI wirklich faszinierende neue Möglichkeiten hervor.

CCB Magazin: Die da wären?

Claudia Schwarz: So erzeugt zum Beispiel die shape-shifting-Technologie von a.i.music (UK) aus einem Song in Echtzeit 10, 100, 1000 lizenzierte individuelle Variationen und erweitert damit letztlich den Katalog und die Verdienstmöglichkeiten eines Künstlers in Sekunden um ein Vielfaches. Ein anderes Beispiel sind die durch "machine learning" gestützten Musik-Therapiemöglichkeiten. Diese Technologien ermöglichen es schon jetzt, dass Patienten mit Alzheimer, Parkinson und anderen degenerativen Erkrankungen den Weg zurück in ein erfüllteres Leben finden können.

Ich bin optimistisch. Ich glaube, dass digitale Innovationen und neue Technologien wie KI oder Blockchain uns in Zukunft näher an eine lebenswertere Gesellschaft heranbringen werden

CCB Magazin:Aber malst du hier nicht gerade ein sehr positives Bild? Die Gegenseite lautet, dass wir uns zunehmend fremdnavigieren lassen und der Mensch gläsern wird.   

Claudia Schwarz: Ich kann hier nur noch einmal darauf verweisen, dass Technologie nur so gut oder schlecht sein kann wie die Menschen, die sie einsetzen. Monopolstrukturen, ökonomische und kulturelle Hegemonien waren selten gesund oder wünschenswert für die freie Entwicklung einer vielfältigen Gesellschaft. Das heißt natürlich, dass hier auch Wachsamkeit geboten ist. Gegebenenfalls bedarf es auch einer proaktiven Gesetzgebung zugunsten einer Stärkung von innovativen und disruptiven Ansätzen. Wir müssen Vielfalt als Gegengewicht zu oft ausschließlich von Großkonzernen vorangetriebenen Technologien stärken. 

CCB Magazin:Stichwort Gegengewicht: Die Wertschöpfungskette Musik verändert sich durch die Digitalisierung rasant. Während die CD bald dem Antiquariat angehören wird fährt die Musikindustrie durch Streaming wieder Gewinne ein. Zugleich beklagen viele, dass im Zuge einer ‚Spotifyisierung‘ Musik mehr und mehr zur Monokultur werde. Spotifys Algorithmen suchen in der Regel nach dem kleinsten gemeinsamen Nenner. Vor allem die Nischen und das Experimentelle fallen so durch den digitalen Suchlauf. Ist die Digitalisierung damit langfristig nicht das Ende experimenteller Kultur und einer Demokratisierung von Musik? 

Claudia Schwarz: Auch wenn es bei fast jeder Konferenz ein Treppenwitz ist, dass Deutschland noch immer einen vergleichbar hohen Anteil an physischen Verkäufen hat, kann man das auch positiv sehen: Noch nie war die Vielfalt der Medien größer, auf die man als Musiknutzer zurückgreifen konnte. Wobei selbst mich die positiven Verkaufszahlen von Kassetten im letzten Jahr dann doch verwundert haben. Je leichter verfügbar Musik wird, umso verführerischer ist es auch, als Nutzer aus einer aktiven Rolle herauszutreten und sich zum Beispiel dem Luxus von kuratierten Playlists hinzugeben. Die Verantwortung für eine solche Entwicklung primär den Plattformen und Anbietern zuzuschreiben, erscheint mir doch etwas zu einfach. Denn trotz zum Teil hoher Nutzerzahlen ist derzeit kaum eine Plattform oder eine Application im Bereich der Musiktechnologie – oder creative content allgemein – profitabel. 

Noch nie war die Vielfalt der Medien größer, auf die man als Musiknutzer zurückgreifen konnte. Jetzt sind aber auch die Nutzer gefragt, Inhalte jenseits des Mainstreams zu entdecken

CCB Magazin: Was ist der Grund dafür?  

Claudia Schwarz: Oft sind Anbieter getrieben durch die hohe Erwartungshaltung der Investoren und Anleger. Hinzu kommt die Trägheit vieler Nutzer. Nicht selten wird dann primär der Mainstream bedient, wie wir es auch schon seit Jahren aus dem Rundfunk oder Fernsehen kennen. Technologisch gesehen gab es aber noch nie so viele Möglichkeiten, den künstlerischen ‚long tail’ zu bedienen: sehr spezielle Genres, Songtexte in Sprachen, die vielleicht nicht auf Anhieb von einer Mehrheit der Weltbevölkerung verstanden wird, experimentelle Kompositionen, ungewohnte Instrumentierung, organische Vermarktung von Inhalten und so weiter. Um aber (Sub)Kulturen auf dem Niveau technologischer Innovationen zu unterstützen, müssen wir umdenken.

CCB Magazin: Und das heißt? 

Claudia Schwarz: Wir sollten uns fragen, wie creative content künftig sinnvoll – und das heißt im Sinne der Künstler und Kreativen und der Nutzer! – für die Nutzung aktueller Technologien lizenziert werden kann. Aktuell bestimmen die verfügbaren Lizenzmodelle und der hohe Erwartungsdruck der Investoren zum Beispiel die Preise für den Endverbraucher und beeinflussen damit auch, welche Chancen eine neue Idee auf dem Markt hat. Letzteres betrifft leider überproportional die Ideen und Geschäftsmodelle, die auf einen kleinen Nutzerkreis ausgerichtet sind – also zum Beispiel Nischenmärkte, aber auch einen vergleichbar kleinen Betroffenenkreis, so etwa das Segment der Musiktherapie. 

CCB Magazin: Wie ändert man das? 

Claudia Schwarz: Aktuell arbeitet ein internationales Netzwerk von Innovationstreibern, zu denen auch MusicTech Germany und WickedWork gehören, an einer ‚global innovation license’. Diese Lizens soll den Lizenzierungsprozess künftig für creative content für neue Anwendungen im Bereich dezentralisierter Technologien vereinfachen. Das ist schon mit Blick auf den am 12.9.2018 beschlossenen Änderungsantrag zu Artikel 13 des EU-Urheberrechts wichtig und notwendig: Künftig geht es nochmal mehr darum, flexiblere Lizenzierungsmodelle mitzugestalten und voranzutreiben. Das ist dann auch gleichzeitig eine – wenn nicht sogar die – Antwort auf die Frage nach der Teilhabe an der digitalen Wertschöpfungskette und dem Ende der Wertschöpfungslücke. Viele Technologien sind bereits verfügbar. Sie werden stetig weiterentwickelt. Jetzt sollten die Beteiligten dringend und kontinuierlich in den Diskurs gehen. Ziel muss es sein, dass das Ökosystem künftig so gestaltet wird, dass Schöpfen und Genießen in einer harmonischen Beziehung zueinanderstehen.

Kategorie: Wissen & Analyse

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen