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SMart: „Wir schließen eine Lücke“

SMart: „Wir schließen eine Lücke“
Foto: © Olga Baczynska

In Deutschland leben weit über eine Million Kreativschaffende, in Berlin sind es über 200.000, zumindest gibt das die Statistik her. Kreativ arbeiten, schön und gut. Aber wer denkt da schon an die Rente und wer kämpft für gerechte Bezahlung? SMartDe eG aus Berlin-Kreuzberg setzt hier an. Als Genossenschaft versichert es seine Mitglieder, schreibt Rechnungen für Selbständige und versichert Kreative sogar für den Fall, dass der Auftraggeber mal nicht zahlt. Wie funktioniert SMart genau? Wer kann es in Anspruch nehmen und bringt das Modell wirklich nur Vorteile? 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo, Magdalena Ziomek und Henrietta Mehlis, ihr habt SMart vor fünf Jahren gegründet. Wie würdet ihr SMart jemandem erklären, der davon noch nie etwas gehört hat? 

Magdalena Ziomek: SMart ist ein europaweites Netzwerk, das die Arbeitsbedingungen von Selbständigen verbessern will. Unser Netzwerk besteht aktuell aus SMart-Büros in neun Ländern: in Belgien, Frankreich, Spanien, Italien, Niederlande, Schweden, Österreich, Ungarn und Deutschland. Wir verstehen uns als Gemeinschaftsunternehmen mit dem Zweck der wirtschaftlichen Förderung seiner Mitglieder.

CCB Magazin: Und wie genau funktioniert SMart? 

Henrietta Mehlis: Man wird Mitglied in unserer Genossenschaft. Dann hat man die Möglichkeit, Aufträge im Namen der Genossenschaft auszuführen und dafür zwischen zwei Arbeitsmodellen zu wählen: auf Honorarbasis oder in Anstellung. Das Problem, das Kreative heute ja oft haben, ist zwischen verschiedenen Arbeitsformen und auch unterschiedlichen Auftragsformen wählen zu müssen. Das lösen wir auf: Während das Mitglied weiterhin für die Auftragsabsprache mit dem Kunden und die Leistungserbringung zuständig ist, übernimmt die SMartDe eG die finanzielle Haftung und administrative Abwicklung des Auftrages. Nach Abschluss des Auftrages stellt die SMartDe eG dem Kunden die Leistung in Rechnung, wir kümmern uns dann auch um Reisekostenabrechnung, Auslagenerstattung und unter Umständen auch um das Mahnwesen. Innerhalb von sieben Arbeitstagen erhält das Mitglied seine Honorarauszahlung. Einige Mitglieder sind bei der SMartDe eG auch sozialversicherungspflichtig oder geringfügig angestellt und verpflichten sich, ein monatliches Auftragsvolumen zu erfüllen. Sollte sich ein Mitglied für ein Angestelltenverhältnis entscheiden, führt die SMartDe eG die Sozialversicherungsbeiträge, Lohnsteuer und evtl. Pauschalabgaben ab und zahlt dem Mitglied ein monatliches Gehalt. 

Oft akzeptieren die Veranstalter im Ausland die Rechnungen von Freiberuflern nicht. Wenn du aber Mitglied bei SMart bist, hast du hier die nötige Rechtsform und kannst ohne Probleme auf Festivals rund um die Welt spielen

CCB Magazin: Könnt ihr Beispiele bringen von Mitgliedern und entsprechenden Prozessen? Wer genau kommt zu euch? Wie laufen die Prozess ab? Und was bekommt man zum Schluss? 

Henrietta Mehlis: Ein Beispiel: Stell dir vor, du arbeitest schon lange als Kleinunternehmer und stehst fast jedes Jahr vor demselben Problem, dass du durch größere Aufträge die 17.500 € Kleinunternehmergrenze überschreiten würdest - was ja eigentlich gut ist. Nun verhält es sich aber so, dass das ein Nachteil sein kann, wenn die, für die du arbeitest, nicht umsatzsteuerpflichtig sind und darum die Umsatzsteuer nicht auszahlen können oder wollen. Hier kommen wir ins Spiel: Für diesen Auftrag würden wir dich über die Genossenschaft anstellen, das Problem wäre zumindest in diesem Falle gelöst. Ein anderes Beispiel ist der Festivalbereich. Viele werden in diesem Bereich im Ausland gebucht. Oft akzeptieren die Veranstalter aber deine Rechnungen als Freiberufler nicht, der Trip fällt dann womöglich sogar ins Wasser. Wenn du Mitglied bei SMart bist, hast du auch hier die nötige Rechtsform und kannst ohne Probleme auf Festivals rund um die Welt spielen. Ein drittes Beispiel ist ein generelles Problem: die fehlende Zeit. Viele Kreative haben heute Mühe, alles unter einen Hut zu bekommen. Viele belastet das. Auch hier helfen wir. Wir schreiben die Rechnungen an deine Kunden und stellen dich an, darüber hast du dann auch eine bezahlbare Sozialversicherung. Grundsätzlich hast du mehr Ruhe und Zeit bei der Ausführung deiner Projekte und kannst deinen Kundenstamm ausbauen. 

CCB Magazin: Die Mitgliedschaft kostet aber Geld, das muss man als Kreativschaffender auch erst mal aufbringen. Wie teuer ist eine SMart-Mitgliedschaft?  

Magdalena Ziomek: Wer Mitglied werden möchte, muss mindestens einen Genossenschaftsanteil kaufen. Ein Anteil kostet aktuell 50 EUR. Einen monatlichen Mitgliedbeitrag gibt es nicht. Die Genossenschaftsgebühr fällt erst an, wenn das Mitglied Aufträge im Namen der SMartDe eG ausführt. Die Genossenschaftsgebühr beträgt sieben Prozent vom Rechnungsnettobetrag. Das Mitglied nutzt dafür alle Administrationsdienstleistungen und Beratungsangebote der Genossenschaft: Mitglieder können auf die europaweite SMart-Commity zugreifen, netzwerken und Projektpartner finden. Darüber hinaus erhält das Mitglied für Aufträge, die die Genossenschaft in Rechnung stellt, eine Zahlungsgarantie im Falle von Zahlungsunfähigkeit seitens des Kunden.

CCB Magazin: Wie viele Mitglieder habt ihr mittlerweile? Und aus welchen Branchen kommen die? 

Magdalena Ziomek: Europaweit hat das SMart-Netzwerk heute über 95.000 Mitglieder. Die SMartDe eG ist der jüngste Netzwerkpartner und hat aktuell 280 Mitglieder. Seit Mitte 2017 treten jede Woche im Schnitt zwei neue Selbständige der SMartDe eG bei. Im ersten Wirtschaftsjahr unterstützte SMartDe – ähnlich wie SMartBe – hauptsächlich Selbständige aus der Kunst- und Kreativbranche: Tänzer, Musikerinnen, Autoren, Installationskünstlerinnen. Heute sind in der Genossenschaft auch weitere Berufsfelder vertreten, unter anderem Designer, Softwareentwicklerinnen, Kommunikationstrainer, Moderatorinnen, Übersetzer, Musikproduzentinnen, Marketingberater, Doulas, Tontechniker und viele mehr.

CCB Magazin:Gibt es Kreativschaffende, die ihr nicht aufnehmt? Die zum Beispiel zu wenig Geld verdienen? Das würde sich doch für euch kaum lohnen, jemanden aufzunehmen, der beispielsweise nur 300 Euro im Jahr verdient.  

Henrietta Mehlis: Für uns stellt sich immer die Frage, ob es sich für den Kreativschaffenden lohnt. Das uns weitere Fragen klären wir aber bereits während des ersten persönlichen Gesprächs. Es gibt Mitglieder, die nur einmal im Jahr ein Projekt haben und dafür nur die administrativen oder beratenden Dienstleistungen der Genossenschaft in Anspruch nehmen. Andere Mitglieder wiederum reichen jeden Monat neue Projekte ein. Viele unserer Mitglieder stehen am Anfang ihrer Karriere, ihre Umsätze sind also noch niedrig und unregelmäßig. Uns geht es darum, dass man sich über die SMartDe Genossenschaft finanziell stabilisiert. Und die Praxis zeigt, dass unsere Mitglieder im Laufe der Zeit immer erfolgreicher und umsatzstärker werden. 

CCB Magazin: Füllt ihr im Grunde nicht eine Lücke? Übernimmt SMart nicht primär Aufgaben, die eigentlich der Staat zu erledigen hat? Ist das nicht traurig, dass es Modelle wie SMart in der Gesellschaft überhaupt braucht?  

Magdalena Ziomek: Ich würde es eher so formulieren: Die Herausforderung liegt darin, dass die Gruppe der Selbständigen sehr heterogen ist. Das macht es schwierig, eine Lösung für alle zu finden. Zudem unterliegt die Arbeitswelt heute einem starken Wandel. Aus langjähriger Erfahrung und Beobachtung heraus kennen wir die Bedürfnisse der Selbständigen und können individuelle, lösungsorientierte Möglichkeiten und Services anbieten. Und ja, damit schließen wir auf jeden Fall eine Lücke.

Sich über SMart festanstellen zu lassen, kann für Selbstständige in bestimmten Situationen wirklich vorteilhaft sein. Man ist dann im Falle eines Angestelltenverhältnisses mit fünf Sozialversicherungen abgedeckt

CCB Magazin: Die Veränderungen bringen es auch mit sich, dass die Anzahl an Selbständigen seit Jahren steigt. Sie hat sich in Deutschland in den letzten zwei Jahren verdoppelt, aktuell sind es über zwei Millionen, die kreativen Branchen sind besonders betroffen. In Berlin ist mittlerweile fast jeder zweite solo-selbständig. Über SMart kann man sich auch festanstellen lassen. Wie läuft das ab? Welche Vorteile bringt das?   

Henrietta Mehlis: Ja, man kann sich über die SMartDe eG auch anstellen lassen. Das kann für Selbstständige in bestimmten Situationen wirklich vorteilhaft sein. So ist man im Falle eines Angestelltenverhältnisses mit allen fünf Sozialversicherungen abgedeckt: Kranken-, Pflege-, Renten-, Arbeitslosen- und Unfallversicherung. Mitglieder können zudem frei wählen, bei welcher Gesetzlichen Krankenversicherung sie sein wollen, die Rentenzahlungen werden an die Deutsche Rentenversicherung Bund abgeführt. Für Aufträge im Ausland können A1-Formulare beantragt werden. Die Sozialversicherungsabgaben im Angestelltenverhältnis sind auch geringer und Mitglieder können zusätzlich in die Rentenversicherung einzahlen.

CCB Magazin: Seht ihr Modelle wie SMart als Lösungsmodelle der Zukunft? Die Arbeitsverhältnisse von Kreativschaffenden sind geprägt von Diskontinuitäten, Brüchen, Hochs und Tiefs und oft auch einfach prekäre Beschäftigung. Können Genossenschaftsmodelle diese Probleme lösen?  

Magdalena Ziomek: In Ansätzen ja. Genossenschaften gelten allgemein als sehr insolvenzsichere Rechtsform. Das liegt einerseits an der internen Kontrollfunktion des Aufsichtsrates und andererseits an der Verpflichtung einer jeden eG, sich mindestens alle zwei Jahre von einem externen Prüfungsverband auf die wirtschaftlichen Verhältnisse und die Ordnungsmäßigkeit der Geschäftsführung prüfen zu lassen. Die SMartDe eG wird vom PdK e.V. geprüft. Zudem wird die SMartDe eG von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft AWADO steuer- und arbeitsrechtlich begleitet und beraten. Das SMart-Modell ist in jedem Fall wirtschaftlich tragfähig, das zeigt sich deutlich am zwanzigjährigen Bestehen von SMartBe und am achtjährigen Bestehen von SMartFr und dem steten Wachstum der anderen SMart-Länder. Was grundsätzlich ein Mehrwert ist: Für einen großen Teil der Selbständigen ist die Tatsache, für berufliche Fragen einen Ansprechpartner im SMart-Büro zu haben, einer der größten Vorteile. 

CCB Magazin: Ihr wollt sicherlich auch von irgendwas leben: Wie finanziert ihr euch selbst?  

Henrietta Mehlis: Die SMartDe eG verfügt über Grundkapital durch den Verkauf von Anteilen und finanziert sich über die Aufträge, die unsere Mitglieder im Namen der Genossenschaft ausführen. Aktuell werden sieben Prozent vom Nettorechnungsbetrag der Aufträge verwendet, um die Administrationskosten in den zwei SMart-Büros in Berlin und Bremen zu decken. Die übrigen 93 Prozent stehen allein für die Finanzierung und Umsetzung der Aufträge zur Verfügung. Das Gemeinschaftsunternehmen SMartDe eG reinvestiert alle Gewinne komplett in die Entwicklung neuer Dienstleistungen und Angebote.  

CCB Magazin: Wenn ihr in die Zukunft blickt: Was ist euer langfristiges Ziel?  

Magdalena Ziomek: Wir wollen das Netzwerk ausbauen. Je größer und umsatzstärker wir werden, desto mehr Dienstleistungen und Angebote können wir für jedes einzelne Mitglied verfügbar machen. Das SMart-Netzwerk ist ein wertvoller Zusammenschluss von ideenreichen, tatkräftigen und enthusiastischen Menschen. Und wir wollen in Europa und darüber hinaus noch mehr Selbständige unterstützen, damit möglichst viele von den Leistungen von SMart profitieren.


Hier gibt es alle Infos zu SMart: https://smart-eg.de/, oder auch direkt unter 030 2433 6740 und berlin@smart-de.org.

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