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Heike Weber: „Das Reparieren wird Teil der digitalen Zukunft sein“

Heike Weber: „Das Reparieren wird Teil der digitalen Zukunft sein“
Foto: © Jens Thomas

Macht nicht kaputt, was euch kaputt macht, sondern repariert, was kaputt ist – könnte glatt ein Manifest sein, ist aber ein Buch: Heike Weber, Technik- und Umwelthistorikerin, hat zusammen mit weiteren Autoren über die „Kulturen des Reparierens“ ein packendes Werk im transcript-Verlag herausgegeben. Seit Jahren erleben wir eine „Renaissance des Reparierens“. Aus Kaputt wird Neu, aus Altem das Besondere. Aber ist Reparieren grundsätzlich gut? Was bedeutet es für Ökonomie und Gesellschaft und was für die kreativen Märkte? Wir trafen die Forscherin in einem Café in Kreuzberg zum duellierenden Gespräch. 
 

INTERVIEW   JENS THOMAS

 

CCB Magazin: Frau Weber, die Reparatur erlebt seit geraumer Zeit eine Renaissance. Überall wird recycelt, Wegwerfen ist das neue Rauchen, die Bohrmaschine ersetzt dann auch mal den Liebhaber. Warum reparieren die Leute so viel? 

Heike Weber:Aus ganz verschiedenen Gründen. Zunächst gilt: Repariert wurde schon immer. Es gibt aber historische Konjunkturen des Reparierens. Aktuell ist mit den Reparaturcafés und einer neuen Kultur des Reparierens eine regelrechte neue soziale Bewegung entstanden. Das ist auch das Neue: Vorherige Kulturen des Reparierens haben sich nicht explizit als größere soziale Bewegung verstanden, so wie es die aktuelle „Repair-Bewegung“ tut. Als soziale Bewegung möchte sie ein neues Miteinander pflegen und auch etwas für die Umwelt tun; sie will politisch gesehen der kurzen Lebenszeit der Dinge etwas entgegensetzen. Die ökologische Bedeutung, Reparieren als aktiven Umweltschutz zu sehen, hat insgesamt zugenommen. Früher war das Reparieren oft auch männlich geprägt. Heute greifen auch Frauen zur Bohrmaschine. Reparieren ist dann oft etwas sehr Politisches, Emanzipatives: es geht um Teilhabe an der Technik.  

Beim Reparieren geht es um Teilhabe an der Technik.  Aktuell ist mit den Reparaturcafés und einer neuen Kultur des Reparierens eine regelrechte neue soziale Bewegung entstanden. Das Neue ist: Das Reparieren bekommt eine ökologische Dimension

CCB Magazin: Reparieren Sie auch selbst? 

Heike Weber:Früher habe ich definitiv mehr repariert, mein Fahrrad zum Beispiel. Heute fehlt mir oft die Zeit dafür. Während des Studiums habe ich in Ostberlin gelebt, in einer Wohnung, wo andauernd etwas gewartet werden musste oder renoviert werden wollte – da wird die Reparatur zur Notwendigkeit. Ich habe Wasserrohre abgedichtet, Umbauarbeiten gemacht, den Boden abgeschliffen. 

CCB Magazin: Ihr Buch trägt den Titel „Kulturen des Reparierens“. Seit wann gibt es diese ‚Kultur‘, von der Sie und die weiteren Herausgeber in diesem Buch sprechen? In welchen Phasen war sie besonders ausgeprägt und warum? 

Heike Weber:Reparieren ist immer schon Teil unseres Lebens gewesen und etwas, das wir relativ unreflektiert tun. Wer kennt das nicht: Hier und da geht etwas kaputt, wir reparieren es wieder, im Zweifel schnell mit Klebeband. Reparieren bedeutet Dinge zu pflegen, zu warten und Instand zu halten. Die Reparatur ist direkte Ding-Intervention, indem ich das Artefakt verändere, neu justiere, zum Funktionieren bringe. Aber als bürgerliche Person im 19. Jahrhundert hat man noch nicht selber repariert, man hat den Handwerker kommen lassen. Nur der Arbeiter hat aus ökonomischen Gründen heraus selbst repariert, hatte aber wiederum kaum eigene Besitztümer. Dass bürgerliche Personen plötzlich selbst tapezieren und streichen, ist eine Entwicklung der Nachkriegszeit. Erst in den 1960er Jahren wurde das Selbst-Reparieren dann schichtenübergreifend üblich. Für die Ärmeren half es noch dem besseren Auskommen; für die Reicheren war es die „Do-it-Yourself“-Freizeitgestaltung. Das Neue seit 1970 schließlich ist: Das Reparieren bekommt eine ökologische Dimension. Und das Reparieren gibt es selbst in der digitalen Welt. Ein Update ist im Grunde nichts anderes als eine digitale Reparatur.  

Als bürgerliche Person im 19. Jahrhundert hat man noch nicht selber repariert, man hat den Handwerker kommen lassen. Erst in den 1960er Jahren wurde das Selbst-Reparieren schichtenübergreifend üblich

CCB Magazin: Im Buch werden auch Reparaturcafés untersucht, die, so die These, eine soziale Komponente haben, weil sie von einem persönlichen Miteinander zeugen. Ist das etwas, was der Arbeitswelt im Zuge der Digitalisierung und einem Schneller-Besser-Weiter zunehmend abhandengekommen ist? 

Heike Weber:Die Reparatur kommt zunächst dem Drang der Menschen nahe, sich die Dinge noch einmal zu vergegenwärtigen. Ich würde das aber nicht so sehr mit der Arbeitswelt in Verbindung bringen, die sich natürlich enorm verändert hat. Ich würde vielmehr sagen, dass es mit dem Wunsch zu tun, in die Tiefe zu gehen, hinter die Dinge und ihre Fassaden zu blicken. Mit Neugierde. Und das ist gut. Gerade viele Reparaturcafés haben mittlerweile den Anspruch, sich auch als Knotenpunkt der Nachhaltigkeit zu verstehen. Es gibt regelrechte Manifeste in der Reparaturbewegung, die sagen, „If you can´t repair it, you don´t own it.“ Reparieren ist immer auch Zugang zu Wissen und Macht über Dinge, damit wir besser mit ihnen umgehen können. Die Reparaturcafés haben eine sehr große soziale und kommunikative Funktion: Sie möchten der Anonymität im Alltag entgegenwirken, man geht dorthin, weil jemand einen Kuchen für das Café gebacken hat, man plaudert ein wenig und unterstützt sich gegenseitig. 

CCB Magazin: Ist das Reparieren damit auch eine Hingabe zum Material, das in der digitalen Welt zunehmend überflüssig wird? Schätzen wir die Dinge mehr, weil sie in einer digitalen Welt verschwinden? 

Heike Weber:Auch das. Einerseits leben wir in einer zusehends technisierten Welt. Wir laden Apps selbst herunter, wir individualisieren Fotos nach unserem Geschmack. Zum anderen gibt es aber den Wunsch, die Dinge auch in ihrer Materialität wirklich zu verstehen. Es geht darum, Dinge zu „begreifen“, indem man sie „greift“ und auseinander nimmt – und das ist das, was im Zuge der Digitalisierung zunehmend verloren geht. Dinge auseinanderbauen, lernen, wie sie zusammengesetzt sind und wirklich funktionieren. Dann schätzt man diese Dinge auch meist mehr. 

CCB Magazin: Sie thematisieren in ihrem Buch auch das Thema „Sollbruchstellen“, die sogenannte geplante Obsoleszens. Profitiert die Repair-Bewegung nicht gerade davon, dass Unternehmen seit Jahren Sollbruchstellen bewusst installieren? 

Heike Weber:Diese Vorwurfdebatte finde ich problematisch, weil sie von dem eigentlichen Problem ablenkt, dass wir viel zu viele Dinge und dies auch viel zu kurz konsumieren. Ich sehe hier nicht nur die Produzenten, sondern vor allem auch uns Konsumenten in der Pflicht. Wir können die Verantwortung nicht immer den Unternehmen zuschieben. Unser Problem ist ja, dass wir Dingen ganz klar seit einigen Jahrzehnten nur eine bestimmte Lebensdauer zuschreiben: Einer Waschmaschine zum Beispiel zehn Jahre, aber ein Handy, das durchaus sechs oder acht Jahre halten würde, wollen wir nach zwei Jahren gegen ein neues austauschen. Zugleich gibt es Formen von geplanter Obsoleszenz, etwa wenn Apple ständig Adapter und Anschlüsse wechselt, so dass die alten Stecker nicht mehr zu benutzen sind. Das ist problematisch, ja, und es ist wichtig, dass es Webseiten gibt, die so etwas sammeln, so wie Murks-nein-danke. Aber noch wichtiger ist es, dass wir uns selber darüber klar werden, dass wir den Dingen selbst zu mehr Lebenszeit verhelfen können.

Das Problem ist, dass wir Dingen ganz klar seit einigen Jahrzehnten nur eine bestimmte Lebensdauer zuschreiben. Hier müssen wir ansetzen. Und wir können die Verantwortung nicht immer den Unternehmen zuschieben

CCB Magazin: Aber umschifft das nicht ein ökonomisches Problem, wenn wir dauerhaft reparieren? Müssen wir nicht gerade Produkte kaufen, die wir für gut empfinden und die langlebig sind? Auf den Punkt gebracht: Verhindert das Reparieren eine Industrie der Nachhaltigkeit, weil wir in sie nicht investieren?  

Heike Weber:Aber es ist doch ebenfalls eine ökonomische Leistung, wenn wir Reparaturdienstleistungen in Anspruch nehmen. Bereits in den 1960er Jahren arbeiteten alleine in den USA schätzungsweise 110.000 Menschen allein im Bereich der Reparatur von Radio- und Fernseh-Elektronik. Es gibt global gesehen einen großen ökonomischen Markt, der repariert. Zudem bindet Reparieren viel technische Arbeit: So sind Techniker und Ingenieure nur selten, vielleicht zu zehn Prozent, an der Entwicklung von neuen Dingen involviert. Die Masse hingegen arbeitet im Bereich von Reparatur und Instandhaltung, zum Beispiel an der Pflege von U-Bahnen oder Schienen, bei der Wartung und Ausbesserung von Straßen und Ähnlichem. Die ganzen Infrastrukturen, die wir haben, müssen ständig in Stand gehalten werden. Ich sehe am Reparieren kein ökonomisches Problem des „Wegnehmens“, ganz im Gegenteil. 

CCB Magazin: Unser Fokus liegt auf den Kreativmärkten. Auch hier sind Konzepte wie das Re- oder Upcyclings auf dem Vormarsch. Zugleich geht es immer auch um die Neuerung, die innovative Tätigkeit. Sind die Kreativmärkte dafür prädestiniert, ein Bewusstsein für das Wiederverwerten in der Gesellschaft zu etablieren? Oder sind sie Schuld daran, dass wir so viel verschwenden und jeder Innovation hinterher rennen?  

Heike Weber:Moment, ich sehe Reparieren zunächst sehr wohl als eine innovative Tätigkeit – unser Problem ist ja gerade, dass wir das Reparieren noch immer nicht mit Innovation zusammenbringen. Reparierende haben sogar oft bestehende Techniken verbessert, also inkrementell zu Innovation beigetragen. Auch wurde über reparierendes Eingreifen in der Vergangenheit oft Neues geschaffen, das ist auch heute noch der Fall. Und das wird auch die Zukunft so sein. 

Wir bringen das Reparieren noch immer nicht mit Innovation zusammen. Dabei wird das Reparieren Teil der „digitalen“ Zukunft sein

CCB Magazin: Stichpunkt Zukunft: Welchen Stellenwert wird das Reparieren in den nächsten Jahren haben, wenn alles immer digitaler wird? Wie sieht die Reparaturgesellschaft 4.0 aus? Welche Potenziale aber auch Risiken sehen Sie?

Heike Weber:Nichts ist so analog und materiell wie das Digitale selbst: Kein Handy kommt ohne Funkmasten aus. Hinter jeder Google-Suche stehen Server-Farmen, die Fläche und Energie verbrauchen und aus handfestem „Material“ bestehen, das Internet kommt in Deutschland noch längst nicht ohne die Kupferkabel der Telefon-Ära aus. Wir vergessen, dass neue Techniken immer auch ein Mix aus Neuem und alter Technik sind. Unser Alltag ist von teils Jahrhunderte alten Infrastrukturen geprägt, so zum Beispiel im Fall der Kanalisation oder Bausubstanz. Die Arten, Werkzeuge und Techniken des Reparierens werden sich verändern, wie in der Vergangenheit aber auch. Das Reparieren wird Teil der „digitalen“ Zukunft sein. 


"Kulturen des Reparierens. Dinge - Wissen - Praktiken“, herausgegeben von St. Krebs, G. Schabacher und H. Weber, ist 2018 bei transcript erschienen

Rubrik: Wissen & Analyse

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