Nachhaltigkeit, Beratung Zurück

Schlau wie Fuchs, stolz wie ein Hirsch

Schlau wie Fuchs, stolz wie ein Hirsch
Foto: © Hirsch & Fuchs
Robert Stolt, erster von links, berät mit seinem Team zu nachhaltigen Festivalstrategien. 

Unmengen an produziertem Müll, brachgetrampelte Grünflachen, Menschenmassen auf einem Fleck, dazu hinterlassene Zelte, Campingstühle, stinkende Dixies und Alkoholleichen über das Gelände verteilt - so oder ähnlich könnte man eine ganze Festivalkultur beschreiben, die in den wilden 1970er Jahren ihren Anfang nahm und seit Jahren deutlich wächst. Und man könnte meinen, dass das mit Nachhaltigkeit wenig zu tun hat. Ist auch so. Robert Stolt von der Festivalberatung FUCHS & HIRSCH aus Berlin-Pankow will das ändern. Er berät Festivalplaner, wie man Festivals ökologisch umbaut und plant. Wie geht das? Wie sehen die Festivals for Future aus? 

 

Interview Lino Knocke

 

CCB Magazin: Hallo Robert. Der gesamte Veranstaltungsmarkt hat im Jahr 2018 rund 3 Millionen Veranstaltungen umfasst, Tendenz steigend. Festivals sind eine wahre Ressourcenverschwendungsmaschine, und auch die Musik- und Unterhaltungsindustrie ist komplett energie- und ressourcenintensiv. Ihr beratet Festivalplaner zu Nachhaltigkeitsstrategien. Ist das nicht ein Widerspruch? Kann eine Veranstaltung wie ein Festival überhaupt nachhaltig sein?

Robert Stolt:Aber selbstverständlich! Es kann nicht nur, es muss. Nachhaltigkeit ist ja mittlerweile fast schon ein Schimpfwort, weil es alle benutzen. Aber gerade von Seiten der Festivalbesucher besteht ein immer größeres Bedürfnis, dass Festivals sich dahingehend entwickeln sollen. Ich kann dir ein gutes Beispiel geben: das FUTUR ZWEI-Festival in der Nähe von Hamburg. Minimale Müllbilanz, bewachte Fahrradparkplätze und  solar-powered stages. Sobald die Sonne weg ist, wird auf Silent Disco umgestiegen: Der DJ spielt nur so lange, bis die letzte Energie verbraucht ist – danach gehen alle schön nach Hause. Das Catering ist komplett biologisch und regional organisiert. Es folgt eine umfassende Abschlussanalyse des CO2-Abdrucks. Also, Festivals sensibilisieren in dem Falle auch für das Thema Umweltschutz. 

Hinter FUCHS & HIRSCH stecken sowas wie die Gelben Seiten des Qualitätsmanagements, zugeschnitten für Festivals. Wir vermitteln das Produkt oder die Dienstleistung unserer Partner an das passende Festival. Dabei wissen wir genau, wen wir empfehlen und wen wir besser außen vor lassen

CCB Magazin: Klingt spannend. Und welche Rolle spielt ihr bei so einem Festival?

Robert Stolt: Wir sind eigentlich von Herzen Netzwerker. Hinter FUCHS & HIRSCH stecken sowas wie die Gelben Seiten des Qualitätsmanagements, zugeschnitten für Festivals. Auf der einen Seite kommen Leute auf uns zu mit ihren Innovationen, wie zum Beispiel einer recycelbaren Tiefkühlbox für Besucher, mit dem Problem, nicht an die Festivals heranzukommen, weil die sich meist vor Anfragen nicht retten können. Auf der anderen Seite bekommen wir Anfragen von Festivals für nachhaltige Konzepte oder Lösungen. Und da kommen wir ins Spiel: Sofern die Idee richtig gut ist, wie beispielsweise Saatgut-Konfetti, biologisch abbaubares Glitzer oder Pfandmarken aus Restholz, übernehmen wir die Vermittlung.

CCB Magazin: Euch gibt es seit 2015. In ganz Europa seid ihr bislang die einzige nachhaltige Festivalberatung. Was gab den Anstoß?

Robert Stolt: Wir sind ja gelernte Veranstaltungskaufleute, waren schon immer im Festivalbusiness und haben Großveranstaltungen mitorganisiert. Ich komme so ein bisschen aus dem Marketingbereich und habe immer viele Anfragen bekommen, wer denn was so macht in der Festivalbranche. Die Anfragen haben sich dann so gehäuft, dass ich mit meinem jetzigen Kollegen dachte: Mensch, das müssen wir doch alles mal bündeln. Daraufhin habe ich mir Listen angelegt, dann hat alles richtig Fahrt aufgenommen: Wir haben unser gespartes Geld zusammen getragen, unsere Webseite in Auftrag gegeben und die einzelnen Module herausgearbeitet: Festivalgelände, Technik, Dekoration, Catering, Marketing, Förderung, Sponsoring, usw. Und letztes Jahr hat es dann richtig geknallt mit Anfragen, alles durch Mund-zu-Mund-Propaganda, ohne Facebook oder Instagram. 

Foto © Fuchs & Hirsch

CCB Magazin: Mittlerweile betreut ihr insgesamt 50 Festivals. Was sind das für Festivals?

Robert Stolt: Viele neue. Viele, die sich in dem Bereich bis zu 10.000 Gästen bewegen. Gerade bei unerfahrenen Festivals oder Neugründungen kannst du genau sagen, was es braucht, um von Anfang an ein nachhaltiges Festival zu organisieren. Natürlich reicht es nicht, dass die Leute nur mit ihrer Idee zu uns kommen – die müssen schon einen Plan haben. Wir prüfen aber auch diejenigen, die wir vermitteln und fragen nach, ob alles glatt lief. Wir wissen dann genau, wen wir empfehlen und wen wir besser außen vor lassen. Denn wenn etwas nicht zufriedenstellend war, fällt das natürlich auf uns zurück. Beratung heißt in dem Falle auch Feedback zu geben, was verbessert werden muss. 

Gerade bei unerfahrenen Festivals oder Neugründungen kannst du genau sagen, was es braucht, um von Anfang an ein nachhaltiges Festival zu organisieren.  Aus Veranstaltersicht ist dabei das aller Wichtigste, dass du ein richtig gutes Team hinter dir stehen hast

CCB Magazin: Machen wir‘s mal konkret: Was braucht es, um von Anfang an ein nachhaltiges Festivals zu organisieren?

Robert Stolt: Alle Zahnräder müssen in einander greifen. Aus Veranstaltersicht ist das aller Wichtigste, dass du ein richtig gutes Team hinter dir stehen hast. Der Grundsatz ist ganz einfach: Das sollen nicht nur deine Freunde sein, sondern auch gute Arbeitskollegen. Bei einer Neugründung ist dann die erste Frage: Welche Bank nehme ich eigentlich? Die GLS-Bank setzt sich zum Beispiel für soziale Projekte ein. Das sind dann die Füße, auf denen du stehst. Danach kommen die Grundfragen deiner Ausrichtung: Willst du ein vegetarisches oder veganes Festival? Welche Getränke sollen verkauft werden? Ein Teil von Solimate wird beispielsweise an Seewatch gespendet. Davon profitiert natürlich auch die Außenwahrnehmung des Festivals. Das Konzept solltest du von Beginn an klar kommunizieren und deiner Linie treu bleiben. Wenn du dich jedes Jahr veränderst, kannst du viele Leute damit vergraulen. Sei dir über deine Zielgruppe bewusst, die du langfristig tragen möchtest. 

CCB Magazin: Schaut man sich die Entwicklung der Festivalkultur an, hat gerade die Ökobewegung Festivals popularisiert – Stichwort Woodstock. Hippie-Festivals waren aber nie grün durchdacht und organisiert. Entsteht da gerade etwas Neues? Und: Nachhaltigkeit steht immer in direkter Verbindung zu Ressourcenschonung. Festivals werden aber immer teurer, das heißt, Finanzschwache können sich Festivals oft nicht mehr leisten. Muss es da nicht das Ziel sein, auch sozial nachhaltig zu sein? Heißt, Festivals so zu organisieren, dass auch Menschen mit wenig Geld Zutritt haben können?

 

Foto © Fuchs & Hirsch

Robert Stolt: Ja, da entsteht etwas Neues, und ich gebe dir Recht: Auch die soziale Nachhaltigkeit muss mitgedacht werden. Das ist auch unser Ziel. Das heißt aber nicht nur, dass die Eintrittspreise ok sind und Finanzschwache sich die Festivals leisten können. Es heißt auch, dass du deine Leute angemessen bezahlen musst und auch Musiker eine angemessene Gage bekommen. Zum Schluss ist das ein großer Abwägungsprozess. Je mehr Festivals sich aber nachhaltig ausrichten, desto günstiger und realisierbarer wird es. Beispiel: Ökotoiletten. Das Teuerste an Ökotoiletten sind die Logistikkosten, die bei mehreren Veranstaltern allerdings geteilt werden können und damit geringer werden. Auch Sponsoring spielt hier eine wichtige Rolle:  Überleg dir mal, du sitzt auf einer Ökotoilette, die Tür zu, und vor dir ist ein Plakat des Sponsors zu sehen – du hast sofort einen direkten Kontakt! Und wenn der Sponsor schlau ist, dann setzt er sich dafür ein, dass auf dem ganzen Festival nur Ökotoiletten zu finden sind. Das gibt es zwar noch nicht, aber ich hoffe, es entwickelt sich in diese Richtung. 

Nachhaltigkeit ist auch sozial zu verstehen, du musst deine Leute schon angemessen bezahlen können. Je mehr Festivals sich aber nachhaltig ausrichten, desto günstiger und realisierbarer wird es

CCB Magazin: Bleiben wir beim Geld. Wie finanziert ihr euch? Was ist euer Geschäftsmodell?

Robert Stolt: Wir haben von Anfang an gesagt: Wenn wir etwas vermitteln, soll der Festivalveranstalter dafür nichts bezahlen. Von unseren Partnern, dessen Dienstleistungen wir vermitteln, bekommen wir einen prozentualen Ansatz. Unser Ziel ist folgendes: Der Dienstleister soll ungefähr den gleichen Preis bekommen, egal, ob durch uns vermittelt oder direkt vom Veranstalter angefragt. Außerdem machen wir noch Marketing für Festivals, das heißt nichts mit Instagram oder Facebook, sondern wir versuchen Interviews zu vermitteln, in Blogs zu beleuchten, wer hinter welchen Festivals steht, so dass du bei Google-Suchen viel über das jeweilige Festival findest. Dadurch dass wir ein B2B-Unternehmen sind und kein Verein, sind Fördermittel für beratende Tätigkeiten schwierig zu bekommen. Und mit Investoren wollen wir nicht zusammenarbeiten, wir wollen es lieber langsam und nachhaltig aufbauen. 

CCB Magazin: Wo sieht sich FUCHS & HIRSCH in der Zukunft?

Robert Stolt: Im März und Oktober dieses Jahres hatten wir unsere ersten Netzwerktreffen der Festivals mit über 70 Festivalveranstaltern. Der Austausch war unglaublich, die Agenda wurde komplett von den Teilnehmenden erarbeitet. Im März 2020 wollen wir dann die erste Festivalmesse hier in Berlin veranstalten. Das Problem, dass Dienstleister schwer an Festivals herankommen, wird auf so einer Messe gelöst: ein direkter Kontakt wird hergestellt. Bislang haben wir mit 150 Ausstellern gerechnet. Zugleich soll die Messe einen Kongresscharakter haben, eine Art thematischer Weiterführung der Netzwerktreffen. Und die dritte Säule der Messe ist das Thema Talente: Wir wollen junge Veranstaltungskaufleute, Uniabsolventen, oder Leute, die Bock auf ein Praktikum haben, verbinden. In Deutschland gibt es sowas noch nicht. 

CCB Magazin: Robert, vielen Dank für dieses Gespräch.


Profil von FUCHS & HIRSCH auf Creative City Berlin

Rubrik: Im Profil

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