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Marte Hentschel: Lasst uns vorangehen in Berlin!

Marte Hentschel: Lasst uns vorangehen in Berlin!
Foto: © Daniel Gebhardt

Die „digitale Revolution“ verändert die Modewirtschaft so grundlegend wie einst die beiden ersten industriellen Revolutionen – im Guten wie im Schlechten. Klar ist: So wie wir konsumiert haben, werden wir in Zukunft nicht mehr konsumieren. So wie wir jetzt produzieren, werden wir bald schon nicht mehr produzieren. Vor allem können wir aber wie nie zuvor in der Geschichte ökologische Standards mit neuesten Technologien verbinden. Und das sollten wir gerade in einer Stadt wie Berlin nutzen. 
 

VON MARTE HENTSCHEL (Modedesignerin und CEO der Plattform Sourcebook). 
 

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die ersten beiden industriellen Revolutionen? Die hatten es ziemlich in sich. Die erste brachte die Textilindustrie ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts hervor, die zweite trennte Hand und Kopf, da Maschinen die handwerkliche Arbeit ersetzte. Menschen schufteten in ratternden Fabriken 12 bis 14 Stunden – ohne Sicherheitsvorkehrungen, ohne Mindestpausen, ohne Rechte. Mitte des 18. Jahrhunderts brachte die Industrialisierung dann die moderne Textilindustrie hervor, das Bürgertum kam zum Vorschein – und damit auch die Mode an sich. Eindrucksvoll beschreibt das die Historikerin Christiane Eisenberg anhand der Gewerkschaftsentwicklung und der Textilwirtschaft. Denn die Textilwirtschaft spielte bis 1880 in Deutschland keine gewichtige Rolle. Im Anschluss aber, und gerade in Berlin, mauserte sich die Textilwirtschaft zu einer prosperierenden Branche. Später setzten sich auch die Arbeitsrechte durch. Heute zählt Berlin neben Städten wie Düsseldorf, Paris oder London zu den führenden Modemetropolen in Europa. 

Jetzt haben wir schon wieder so eine „Revolution“. Und die „digitale Revolution“ verändert die Modewirtschaft so grundlegend wie einst die beiden ersten industriellen Revolutionen das Leben der Menschen damals. Sie ist zunächst ziemlich undurchsichtig und ein großes Für und Wider. Plötzlich ist selbst die abgemeldete Handarbeit wieder en vogue. Die Digitalisierung ist insgesamt Voranbringer aber auch Risikomagnet – mit allen Folgen und Nebenwirkungen, gerade auch für die vielen kleinen Labels und Mikrounternehmen in dieser Stadt, die Berlin erst zu dem machen, was es ist: zu einer der interessantesten Modemetropolen der Welt.

Das dynamische Wachstum des Online-Handels beschleunigt die umfassende Transformation der Branche wie nie zuvor. Wir werden in der Zukunft auch 3D-Drucker sehen, die Massenware produzieren. Die Nachfrage nach kurzen Lieferzeiten und individualisierten Produkten wird zunehmen

Ich selbst arbeite an dieser „digitalen Revolution“ seit Jahren mit – als Modemacherin, Netzwerkerin, Beraterin. 2015 haben wir die Plattform Sourcebook in Berlin ins Leben gerufen, eine Austauschplattform für Modemacher und -produzenten zur Akquise und Vernetzung in der Stadt. Zwei zentrale Entwicklungen und Herausforderungen bringt die Digitalisierung mit sich: Erstens beschleunigt das dynamische Wachstum des Online-Handels die umfassende Transformation der Branche wie nie zuvor. Schon jetzt ist absehbar, dass die Wertschöpfungsketten der Textilindustrie in einigen Jahren zum Großteil automatisiert sein werden, insbesondere in den Bereichen Produktion und Logistik. Schon jetzt sind erste integrierte Kaufprozesse auch an den unterschiedlichsten Orten verfügbar, sodass digitale und virtuelle Konzepte kombiniert werden können, indem zum Beispiel Produkte mit QR-Codes versehen werden, die es den Kunden ermöglichen, die Produkte über ihr Smartphone zu bestellen. Wir werden in der Zukunft auch 3D-Drucker sehen, die Massenware produzieren. Die Nachfrage nach kurzen Lieferzeiten und individualisierten Produkten wird generell zunehmen, auch die Produktionszeiten verkürzen sich weiter (sog. “Short-Runs”). 

Das Team von Sourcebook: Foto: Daniel Gebhardt 

Auf der anderen Seite wird es aber auch eine Rückverlagerung von Produktionsauflagen in die Nähe der Consumer-Märkte geben – ’Production on Demand’ ist schon jetzt ein Trend. Für die kleinen Labels bedeutet das zunächst nichts Gutes. Denn das Potenzial, das sie bislang ausmacht, ihre lokale Verankerung, eine Art Direkt-Ökonomie durch die Nähe zwischen Herstellern und Konsumenten, steht völlig auf dem Prüfstand. Die Konsumgewohnheiten und Kundenerwartungen werden sich in Zukunft so gravierend verändern, dass die klassischen Angebote in innerstädtischen Lagen im Wettbewerb mit E-Commerce Sortimenten zunehmend unter Druck geraten. Schon jetzt reagieren vor allem die großen Anbieter auf die Nachfrage nach kurzen Lieferzeiten und individualisieren Produkte – und das selbst vor Ort. Beispiel Adidas: Im Bikini Haus hat Adidas kürzlich das Knit-For-You In-Store Manufacturing Projekt ins Leben gerufen. Hier lassen sich die neusten Sneakers einfach mal „digital“ anprobieren. Im Grunde eine tolle Sache. Die Fußmaße und Laufgewohnheiten werden gescannt, danach wird der personenbezogene optimierte Schuh hergestellt – der Kunde wird zum Co-Creator. Wo aber auf der einen Seite der Online-Handel zunimmt und die kleinen Boutiquen gerade darum ums Überleben kämpfen, weil das ihre lokale Verankerung auf den Prüfstand stellt, gibt es auf der anderen Seite plötzlich den individualisierten Do-It-Yourself-Schuh fußgenau durch die großen Anbieter. Dieses digitale Vorortspielchen mit digitaler Individualanprobe können sich die kleinen Anbieter – bislang – nicht leisten. 

Die lokale Verankerung und eine Art Direkt-Ökonomie der kleinen Labels in Berlin steht durch den Online-Handel völlig auf dem Prüfstand. Zugleich schafft die Digitalisierung neue Formen der Transparenz und bringt nachhaltigere Produktionen erst hervor

Zweitens bringt die Digitalisierung aber auch viel Gutes. Sie schafft vor allem eine neue Form der Transparenz und bringt nachhaltigere Produktionen und neue Kooperationen hervor. Schon jetzt setzen erfolgreiche und marktreife Produkt- und Serviceinnovationen im Mode- und Textilmarkt immer mehr interdisziplinäre Zusammenarbeit von Gestaltern, Entwicklern und Produktionsunternehmen voraus. Aktuell etablieren sich in Berlin wirklich spannende, neue Partizipationsangebote, die auf interdisziplinäre Kooperationen setzen. Beispiel Textile Prototyping Lab (TPL): Mit dem TPL entsteht in Berlin gerade Deutschlands erstes offenes Labor für die Entwicklung zukunftsweisender Textilien. Unterstützt durch das BMBF baut TPL in den kommenden Monaten eine Textil-Tech-Werkstatt und eine Textilbibliothek in unmittelbarer Nachbarschaft des Fab Lab Berlin auf. Diese zentrale Einrichtung wird noch ergänzt durch die Labore hochspezialisierter Partnerinstitute – Designer, Ingenieure und Forscher finden hier zusammen. Anderes Beispiel ist das CRCLR am Agora Rollberg Neukölln. Hier ist in den letzten Jahren ein gigantisches Think Thank zu neuen kreislauffähigen digitalen Konzepten herangewachsen. Die Berliner Modemacherin Ina Budde sitzt mit ihrem Unternehmen Circular.Fashion ebenfalls im CRCLR und hat in ihren Kollektionen einen ersten QR-Code integriert, der Infos zu Lieferketten und Materialherstellung in Sekundeneile via Smartphone abrufbar macht. Musste man vor Jahren noch investigativ Wallraff spielen und die Wahrheit analog suchen, ist jetzt alles digital überprüfbar. Die NGO Wikirate, ebenfalls ansässig in Berlin, deckt seit kurzem sogar Missstände in Lieferketten auf und zwingt selbst die großen Ketten dazu, neue Standards einzuhalten. Selbst Zalando, eines der erfolgreichsten deutschen digitalen Modeunternehmen mit Wahlheimat Berlin, setzt mittlerweile über das hauseigene Projekt zImpact auf neue Lieferkettentransparenz über Wikirate. 

Das Neue an dieser Entwicklung ist: Selbst kleine Modelabels gehen mittlerweile mit großen Digitalisierungs- und Technologieunternehmen neue, starke Allianzen ein, selbst wenn die Verbindung der Modeindustrie und der Start-up-Welt bisher der Ausnahmefall bleibt. Digitale Plattformen und Communities wie tbd und Betterplace Lab bilden dafür eine neue Infrastruktur für die wachsende Schar von Impact-Unternehmen und Social Entrepreneuren, die in Berlin den Nährboden für sinnstiftende Projekte in einer Post-Wachstums-Ökonomie vorfinden. Neue Plattformen für Kunden-Marken-Beziehungen etablieren sich zudem, so wie die der nachhaltigen Modemesse Neonyt in Berlin zusammen mit dem Blogger- und Influencer Event Pre-Peek. Und wir selbst haben gerade ein neues Thinkathon ins Leben gerufen, das Gestalter, Entwickler und Unternehmer dazu einlädt, mit digitalen Tools die nachhaltige Transformation der Modewirtschaft voranzutreiben. 

 

Genau hier müssen wir jetzt weiter machen, denn das macht Berlin aus. Berlin ist nicht Düsseldorf (nichts gegen Düsseldorf), auch nicht New York (nichts gegen New York), auch nicht Paris oder London, wo die Modewirtschaft in ökonomischer Größe prosperiert. In Berlin haben selbst kleinteiligste und niedrigschwelligste Unternehmen eine Chance. Aber es gibt in Berlin eben auch keine gewachsenen Unternehmerstrukturen im Bereich der Mode, die Festanstellungen anbieten. Seit Jahren gibt es ein Überangebot an Gestaltung und einen immensen und auch unüberschaubaren Wettbewerb. In Berlin bilden jedes Jahr zehn Modeschulen 1.000 Absolventen aus und spülen sie auf den Markt. Das hat zur Folge, dass sich 75 Prozent aller Absolventen nach dem Studium selbständig machen, von ihrer Arbeit aber kaum leben können. Schon darum hat sich Crowdfunding als ‚digitale‘ Finanzierungsalternative für die notorisch unterfinanzierten Berliner Indie-Marken mit durchgesetzt, mit allem Für und Wider. Auf der einen Seite ist Crowdfunding mittlerweile ein bedeutendes Instrument zur Frühphasen- und Produktfinanzierung. Auf der anderen Seite entstehen darüber (in der Regel) keine Arbeitsplätze. 

Was wir in Berlin brauchen, ist ein Angebot an Handwerk, Dienstleistern und verarbeitendem Gewerbe, denn das ist die Voraussetzung für eine prosperierende Infrastruktur. Und wir brauchen die Unterstützung für ein Ökosystem, das die Verzahnung von analogem Handwerk mit digitalen Erneuerungen möglich macht

Was wir in Berlin für die Zukunft brauchen, ist darum nicht nur ein Angebot an Handwerk, Dienstleistern und verarbeitendem Gewerbe, denn das ist die Voraussetzung für eine prosperierende Infrastruktur. Wir brauchen vor allem auch die Unterstützung für ein Ökosystem, das die Verzahnung von analogem Handwerk mit digitalen Erneuerungen möglich macht. Ansätze gibt es viele. Einer ist es, alle Verpackungen künftig recycelfähig zu machen und den Verpackungsmüll zu vermeiden, der durch den neuen Onlinehandel erst entsteht: Die Deutschen produzieren mit mehr als 18 Millionen Tonnen jährlich den meisten Verpackungsmüll in ganz Europa. Hier braucht es Lösungen. Ein anderer ist es, umweltschonende Ressourcen künftig steuerrechtlich so zu begünstigen und ein entsprechendes Starterkapital für Unternehmen bereitzustellen, die bereits nachhaltig produzieren. Digitalisierung ist auch hier der Schlüssel: Denn die technologischen Neuerungen machen heute Einsparpotenziale erst möglich, da sich Kapazitäten und Ressourcen besser steuern lassen. Zugleich wird durch die Technologisierung der Kleidung selbst, durch Sensoren und Geo-Location-Chips, die Wertschöpfung immer transparenter und es ergeben sich neue Nutzungs- und Wertschöpfungsoptionen in Bezug auf Transparenz als Nachweis unternehmerischer Nachhaltigkeit. Genau hier muss es weitergehen. Die ersten beiden Industriellen Revolution haben wir hinter uns, sie haben die Modewirtschaft erst industriefähig gemacht. Die dritte haben wir vor uns, und sie macht es erstmals möglich, ökologische Standards mit neuesten technologischen Innovationen zusammenzubringen. Wir wären dumm, wenn wir dieses Potenzial gerade in einer Stadt wie Berlin nicht nutzen. 
 


Ein weiteres Interview mit Marte Hentschel zum Service der Plattform Sourcebook findet ihr [hier] 

Profil von Marte Hentschel auf Creative City Berlin

Kategorie: Specials

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