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Labs: Orte der Hoffnung?

Labs: Orte der Hoffnung?
Foto: © Monika Keiler

Alle reden über die Digitalisierung. Übersehen wird dabei oft, dass sich Berlin seit den letzten Jahren zu einem breit gefächerten Versuchslabor in Form von FabLabs, Offenen Werkstätten, Reallaboren oder Repair Cafés gemausert hat – hier verbindet sich experimentelles Handwerken („Low Tech“) mit neuesten Technologien („High-Tech“). Hier treten junge Macher an und transportieren ein alternatives Verständnis von Wachstum, da Konsum und Produktion an ihre Grenzen kommen. Jetzt heißt es diese Orte auch politisch zu unterstützen. 
 

VON DR. BASTIAN LANGE (Autor und Wissenschaftler, Büro Multiplicities, Berlin). 


Birmingham, UK: Midlands, Metallverarbeitung und eine Mittelklasse auf Abwegen. Wäre da nicht der 365 Mio. Pfund schwere universitäre Neubau im Stadtzentrum, dem seit wenigen Monaten ein STEAMHOUSE sprichwörtlich Dampf macht. Ein hybrider 4000 qm großer Neubau, der als kollaborativer Makerspaces mit Coworking Spaces, FabLab-Technologien, Holzwerkstättenatt, 3-D-Cutter, Siebdruckwerkstatt und AI-Studio aufweist. Er liegt inmitten eines alten verwahrlosten Areals aus Galerien, Schrauberwerkstätten, Parkplätzen und Garagen. Das Steamhouse steht für Prototypenbau und ermöglicht allen, ihre Ideen zu planen, zu bauen sowie zu starten. Mittelständler kommen mit Bastlern zusammen, AI-Freaks mit Künstlern, Maschinenbauer mit Designern. Ein offenes Labor. Innovation aus der Region, um dem regionalen Mittelstand ins 21. Jahrhundert zu helfen.

Die Macher und Facilitatoren des Steamhouses haben sich viel von dem offenen Laboratorium Berlins abgeschaut. Denn auch hier sprießen in den letzten Jahren immer mehr FabLabs, Offene Werkstätten, Reallabore, Urban Laboratories und Repair Cafés aus dem Boden. Das Besondere: Experimentelles Handwerk („Low Tech“) verbindet sich mit neuesten Technologien („High-Tech“). Hier treten junge Macher an, sie nutzen und kombinieren die Welt der Atome sowie die der Bits und Bytes. An den Grenzen des Wachstums transportieren sie ein alternatives Verständnis vom guten Leben, da Konsum und Produktion weder Zufriedenheit, Sinn oder Distinktion verschafft. Ganz zu schweigen von den stofflichen und ökologischen Kosten. 
 

Frickeln, Basteln, Tun: Im Repair Café in Berlin. Foto: Verbund Offener Werkstätten, Leandro&Sandro

Jetzt heißt es diese Orte auch politisch zu unterstützen. So wie das FabLab Berlin. Hier werden über Open-Source-Technologien neueste 3-Drucker entwickelt wie der i3 Printer kit – alle arbeiten zusammen, optimieren gemeinsam, schauen sich über die Schulter. Ein anderes Beispiel ist das Bluehouse Lab. Das Bluehouse Lab wurde vom Konzern Alba 2018 ins Leben gerufen, Alba existiert seit 1968. Erneuerung stand an. Ziel ist es mittels neuster Technologien Recyclingmethoden zur Verringerung des CO2-Ausstosses zu entwickeln. Diese Orte sind Transmissionsriemen für neue Ideen und aktualisieren Unternehmen: Kollaboration, Innovation und die Gestaltung des Lebens im Bereich Stadt, Ökonomie, von sozialem Miteinander und digitaler Durchdringung werden hier auf eine neue Stufe gebracht, oft abseits der eduaktiven, beruflichen oder privaten Praxis. Es sind Orte der Hoffnung, der Selbsterprobung und des Experiments – die Digitalisierung ermöglicht es, dies zu tun.

Als Wissenschaftler beschäftige ich mich seit Jahren mit kreativen Räumen in Berlin. Zuletzt habe ich im Forschungsprojekt COWERK die wachsende Anzahl von Werkstätten von Bastlern, Tüftlern und Kreativschaffenden untersucht. Es ging um die Frage, wie an diesen Orten neue Wertschöpfungsmuster ökologisch, sozial und wirtschaftlich nachhaltig gestaltet werden – und wie sie sich in der gesellschaftlichen Breite auch verankern lassen. Wie sie also mit bestehenden ökonomischen Strukturen im Kontext offener Innovationsprozesse verknüpft werden können. 

In den Labs dieser Stadt entsteht etwas ganz Neues: Neue nachbarschaftsorientierte Verhältnisse, integrative Arbeitsstrukturen mit ökologischer Ausrichtung bis hin zu Nachbarschaftsgärten und individuellem Zeitgewinn. Eine neue Gegenbewegung wächst hier heran

Das Ergebnis: An diesen Orten entsteht etwas ganz Neues. Neue nachbarschaftsorientierte Verhältnisse, integrative Arbeitsstrukturen mit ökologischer Ausrichtung bis hin zu Nachbarschaftsgärten und individuellem Zeitgewinn. Eine Gegenbewegung wächst hier von unten heran, die aber nicht gegen die Digitalisierung und auch nicht grundsätzlich anti-ökonomisch ist. Es ist eine Gegenbewegung, die sich dem Maximierungs- und Wachstumszwang der Gegenwart entgegenstellt und das Soziale und Ökologische dem ökonomischen Wachstumsparadigma voranstellt – und letztlich eine Kritik an den Lebenszyklen digitalbasierter Konsumgüter (z.B. Handy) und ihrer schnell abnehmenden Halbwertszeit formuliert. 

Klar ist: Viele dieser Orte sind etwas komplett anderes als die Labs der großen Konzerne von IBM und Apple oder Microsoft. Diese kleinen Labs werden auch den Plattform-Kapitalismus nicht verhindern können, der seit Jahren erst zu Disruption und zur Verbilligung von Arbeitskräften führt. Die Digitalisierung wirkt immer in zwei Richtungen: Sie schafft neue Möglichkeitsräume und Spielwiesen, sie produziert aber auch neue Risiken, vor allem durch einen unkontrollierten Datenkapitalismus. Berechtigt haben die Autoren Viktor Mayer-Schönberger und Thomas Ramge in der ersten Ausgabe des CCB Magazin eine neue „progressive Daten-Sharing-Pflicht“ eingefordert, die die Macht von Großkonzernen beschneiden könnte, wenn ihre Daten nämlich allen zugänglich werden, wenn also Teilen etwas Demokratisches ist. Genau das passiert in den Reallaboren dieser Stadt: Hier werden Gegenmodelle zum Immer-schneller-immer-weiter praxisnah gelebt; hier vollzieht sich aber auch die Abkehr von der „geglätteten Welt“, die die Digitalisierung hervorbringt, von der der Philosoph Gerald Raunig spricht. All diese Orte machen deutlich: Die Digitalisierung ist nur das Betriebssystem, auf dem Neues entsteht. Bezeichnenderweise entsteht das Neue auch auf keiner Festplatte fern des Menschenmöglichen. Es entsteht kollaborativ in den realen Labs in Kreuzkölln, in Offenen Werkstätten in Pankow genauso wie in Reallaboren in Lichtenberg oder Steglitz. 

Die Frage der Zukunft ist nicht nur, wie Unternehmen sich in der Zukunft zu den großen Herausforderungen unserer Zeit verhalten – zur Energiewende, zum Klimawandel, zu Migration. Die Leitfrage ist auch, wie adaptionsfähig und krisenresistent die neuen Orte in Berlin sind

Die Digitalisierung ist darum vor allem eines nicht: sie ist nicht alternativlos, sie befördert geradezu eine Vielzahl von alternativen Konzepten. Und die Frage der Zukunft ist nicht nur, wie Unternehmen sich in der Zukunft zu den großen Herausforderungen unserer Zeit verhalten – zur Energiewende, zum Klimawandel, zu Migration. Die Leitfrage ist auch, wie adaptionsfähig und krisenresistent diese Orte sind: Wie kann durch zeitgemäße Bildungs-, Lern- und Kompetenz- und Kollaborationsangebote gesellschaftliche Teilhabe dort gesichert werden?

Das ist eine stadtpolitische Aufgabe. Die Senatsverwaltung für Wirtschaft in Berlin hat in den vergangenen Jahren den Trend der neuen kreativen Labs bereits erkannt, ihr Dasein durch Studien legitimiert und dabei neben den Grassroot-Labs auch andere Labs im Bereich Coworking und Unternehmens-Labs ausgewiesen. Das ist ein gutes Zeichen. Denn plötzlich sind nicht nur die hochsubventionierten Material-, Bio-Tech-, Artifical Intelligence- und Medizin-Labore im Fokus einer kreativen Stadtentwicklungspolitik, sondern auch Labs mit nachhaltiger Ausrichtung oder auch nachbarschaftsorientierten Werkstätten. 

Die Freude der euphorischen Jahre 2014-2017 schwand allerdings bei den Organisatoren der Grasswurzel-Labs in den letzten Jahren, da in der Gesamtgemengelage einer zunehmenden Labification Berlins viele Werte und politischen Ideen der Labs kommerzialisiert und instrumentalisiert wurden. Ihre weitere Inwertsetzung kollidierte mit dem dynamisch angestiegenen Mietpreisdruck des Immobilienmarktes, mit der Simulation von Labs in korporativen Strukturen, Museen und Bürgerzentren. Der generische Kern der Labs, ihre Rückbesinnung auf Autonomie und Selbstbestimmung sowie neue gestaltbare Baupläne alltagsrelevanter Güter, ist dabei etwas unter die Räder des fortschrittsgläubigen Innovationsparadigmas gekommen. Das drückt sich letztlich auch in der Real-Labor-Strategie des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie im Dezember 2018 aus, die den Fokus zu stark auf Innovation und Wachstum legt. Zur Erinnerung: Für was standen die Reallabore noch? Dafür, dass man dem steigenden Konsum und ressourcenverschwenderischen Stoffkreisläufen intelligent sowie kreativ begegnen kann. 

Berlin hat plötzlich wieder eine ganze Menge im Repertoire nach der Ära des „Arm aber sexy“: Postwachstum und alternative Lösungen sind nicht nur leere Begrifflichkeiten der heutigen Zeit, sie sind Chiffren für bessere Zukünfte. Berlin sollte hier eine Vorreiterrolle einnehmen

Genau darum muss es in der Zukunft gehen: Kollaborativ generierte Innovationen bedarfsorientiert in die Richtung eines behutsameren Umgangs stofflicher Ressourcen zu bringen. Gerade hier kann Berlin eine Vorreiterrolle einnehmen mit seinem kreativen Potenzial, gerade auch unter einer Bündnis90/Die Grünen-Senatorin für Wirtschaft, Energie und Betriebe. Neben bereits vorhandenen guten Ansätzen der Energiepolitik müssen dann aber weitere Indikatoren für gesellschaftlichen Wohlstand vorangestellt werden, die Nachhaltigkeit und kreative Wertschöpfung als Ganzes fern von skalierbarem Wachstum zusammendenken. 

Noch ist Zeit, die Leitplanken neu zu setzen. Allem Idealismus zum Trotz hat Berlin plötzlich auch wieder eine ganze Menge im Repertoire nach der Ära des „Arm aber sexy“. Postwachstum und alternative Lösungen sind nicht nur leere Begrifflichkeiten der heutigen Zeit, sie sind Chiffren für bessere Zukünfte. Das riecht zwar stark nach Avantgarde, wird aber dringender denn je benötigt.


Profil von Dr. Bastian Lange auf Creative City Berlin

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