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„Prag soll ein kreativer Knotenpunkt auf der europäischen Landkarte werden“

„Prag soll ein kreativer Knotenpunkt auf der europäischen Landkarte werden“
Foto: © Jens Thomas

Wir waren in Prag! Tolle Stadt tolle Leute schön war’s gewesen und das kann man hier auch einfach mal so ohne Punkt und Komma schreiben. Wir haben in Prag Creative City Berlin als Plattform und Netzwerk vor Kulturakteuren und der Prager Politik präsentiert – im Museum of Decorative Arts. Denn die Stadt Prag will jetzt ein Netzwerk wie Creative City Berlin aufbauen. Uns interessiert natürlich: Wie ist die Situation in Prag? Welche Strukturen für Kulturschaffende gibt es, welche müsste es geben? Was hat Prag was Berlin nicht hat und umgekehrt? Ein Gespräch bei Minus 3 Grad und prallem Sonnenschein mit Jana Adamcová, Naďa Machková Prajzová und Petr Perinka vom Projektteam des Kultusministeriums der Tschechischen Republik.
 

INTERVIEW Jens Thomas
 


CCB Magazin: Hallo Jana und Naďa, wir konnten euch in Prag Creative City Berlin als Plattform und Netzwerk präsentieren. Es hat großen Spaß gemacht. Danke dafür! Ihr wollt jetzt eine eigene vergleichbare Plattform wie Creative City Berlin in Prag ins Leben rufen. Warum habt ihr gerade uns kontaktiert? 

Jana, Naďa, Petr:Hallo Jens, danke, dass Du gekommen bist. Es war für uns alle höchst interessant zu sehen, wie ihr arbeitet und wie eine Plattform wie Creative City Berlin funktioniert und wächst. Ja, wir wollen eine ähnliche Plattform aufbauen. Wir sind ein Projektteam des Kultusministeriums der Tschechischen Republik und sind beauftragt, eine Regierungsstrategie für Kulturakteure in Prag zu entwickeln. Im Rahmen des Projektes (EU finanziert) hatten wir die Möglichkeit, zahlreiche Länder zu besuchen, darunter waren die Niederlande, Österreich, Slowakei und Deutschland. Wir haben einzelne Kompetenzzentren in den Ländern besucht und Creative City Berlin wurde uns empfohlen. Während unseres Gesprächs in Berlin kam dann die Idee auf, Creative City Berlin in Prag einmal vorzustellen.

CCB Magazin: In Berlin gibt es laut Statistik rund 200.000 Kreativschaffende, bis zu 10.000 Künstler, fast 200 Museen, rund 400 Galerien und bis zu 150 Projekträume. Wie ist die Situation in Prag? Lässt sich Prag mit Berlin vergleichen? 

Jana, Naďa, Petr:In Prag gibt es mehr als 20.000 Kreativakteure, Einzelpersonen und Unternehmen inbegriffen. Zudem gibt es 95 Museen, rund 180 Galerien und bis zu 100 kreative Räume, dazu zählen Gemeinschaftszentren, Coworking Spaces etc. Prag ist in vielerlei Hinsicht ähnlich wie Berlin. Denn als Hauptstadt und zugleich bevölkerungsreichste Stadt der Tschechischen Republik mit über 1,2 Millionen Einwohnern gibt es auch hier eine hohe Konzentration jung aufstrebender Kulturakteure und etablierter Institutionen. Prag ist definitiv ein Ort, an dem Künstler und Kreative ein zu Hause finden. Andererseits hat Prag im Vergleich zu Berlin nicht diese Vielfalt des Experimentierens, auch nicht diese Dichte an Freiräumen. Vor allem viele unabhängige Künstler und Kreative kämpfen in Prag darum, ihre Projekte zu finanzieren und langfristig auf eine solide Basis zu stellen. 

Prag ist in vielerlei Hinsicht ähnlich wie Berlin. Auch hier gibt es eine hohe Konzentration jung aufstrebender Kulturakteure und etablierter Institutionen. Zugleich hat Prag im Vergleich zu Berlin nicht diese Vielfalt des Experimentierens, auch nicht diese Dichte an Freiräumen. Aber auch in Prag finden Künstler und Kreative ein zu Hause

CCB Magazin: Zugegeben, letzteres ist auch in Berlin so. In Berlin wird jährlich um über 400 Mio. für die öffentliche Kulturförderung ausgegeben, das ist sehr viel, aber auch die Konkurrenz um die öffentlichen Fördertöpfe ist hoch, weil auch immer mehr Künstler nach Berlin kommen und sich auf die Fördertöpfe bewerben. Gibt es in Prag eine vergleichbare Situation? 

Jana, Naďa, Petr:Die Stadt Prag gibt jährlich rund 1 Milliarde tschechische Kronen aus, das sind umgerechnet rund 37 Mio. Euro für die öffentliche Kulturförderung, was zusammen mit der staatlichen Kulturförderung rund 2,8 Mrd. CZK rund 140 Mio. CZK ausmacht. Der Großteil der Mittel in Prag geht aber an die etablierten Institutionen im Theaterbereich (27 Prozent), an Museen (ebenfalls 27 Prozent) und Bibliotheken (26 Prozent). Die Nachfrage nach öffentlicher Unterstützung ist enorm. Darum suchen wir aktuell auch nach Möglichkeiten, unsere kulturpolitischen Strategien besser mit dem gegenwärtigen Zuschusssystem zu verknüpfen. Ziel ist es, die öffentliche Finanzierung so zu optimieren, dass langfristige Planungen möglich werden. Für kleinere Unternehmen, Künstler und individuelle Kreative wollen wir neue Networking-Aktivitäten verstärken, eine Infrastruktur in der Stadt schaffen und neue Dienstleistungen voranbringen.  

Gut gelaunt, glauben an The Big Good Future in Prag: Naďa Machková und Jana Adamcová vom Projektteam des Kultusministeriums der Tschechischen Republik. Foto: Jens Thomas
 

CCB Magazin: Wir sprachen in Prag auch über die Creative Industries und über die Verzahnung von Kunst, Kultur und Ökonomie. In Berlin gefällt das nicht jedem. Es gibt hier seit Jahren einen Diskurs darüber, ob Kunst zweckfrei sein sollte und wie ökonomisch Kunst und Kultur überhaupt sein darf. Gibt es in Prag ähnliche Debatten und habt ihr auch ein Kreativ-Cluster, das die verschiedensten Sektoren – in Berlin sind es 12 – von Design über Musik bis hin zur Bildenden Kunst zusammenführt? 

Jana, Naďa, Petr:Oh, ich erkenne hier viele Parallelen zu Berlin – verschiedene Städte, gleiche Debatten. Ich denke, dass eine Stadt wie Prag grundsätzlich offen für Experimente sein sollte – als Teil ihrer Politik sollte sie auch "out of the world"-Ideen testen und unterstützen, wenn sie funktionieren. Und das heißt auch, dass Non-Profit-Künstler und Kreativunternehmen gute Allianzen eingehen können. Gerade in Prag gibt es mittlerweile viele Beispiele für gute Zusammenarbeiten zwischen Kreativunternehmen und Coworking Spaces. Der Kunstbezirk 7 zum Beispiel ist einer, der als einziger Prager Bezirk in ein Kreativ-Cluster fallen würde. Aktuell arbeiten wir auch an einem neuen Gemeinschaftsprojekt, das sich AD7 nennt. AD7 bringt in den angesagten Stadtteilen wie Holesovice oder Letna kreative Akteure mit Institutionen in den Stadtteilen zusammen. Derzeit arbeiten wir hier an einem ähnlichen Projekt im touristischsten Teil der Stadt. Ziel ist es, lokale Künstler und Designer vor Ort zu unterstützen. Wir wollen, dass Künstler und Designer auch im historischen Kern dieser Stadt bleiben, hier arbeiten und die Stadt mitgestalten können. Das geht im Übrigen nur, wenn man sie auch ökonomisch stärkt. 

CCB Magazin: In Berlin dominieren derzeit vier zentrale Themen: freie und bezahlbare Räume, die Debatte um öffentliche Förderung und die Finanzierbarkeit von Projekten, das Thema Digitalisierung und wie umgehen mit neusten Technologien und wie auch unternehmerisch verantwortlich handeln – ökologisch oder sozial. Welche Trends und Debatten gibt es in Prag?

Jana, Naďa, Petr:Money first. Die Finanzierung dominiert nach wie vor die öffentliche Debatte, was ja nicht unbedingt schlecht ist. Leider haben wir aber immer noch Schwierigkeiten, das gesamte Ökosystem des Kultursektors ausreichend so zu mobilisieren, dass unsere Forderungen auch auf nationaler Ebene gehört werden. Und neben der Finanzierung geht es bei uns auch um bezahlbare Räume. Die Wohnsituation ist zwar nicht so angespannt wie in Berlin, aber auch hier können sich viele junge Kreative eine Wohnung oder einen Arbeitsplatz nicht mehr leisten. Eine Lösung, die wir derzeit diskutieren, ist das Konzept sogenannter Kreativzentren. Das heißt, dass die Regierung in diese Zentren gezielt investiert. Erste Positivbeispiele gibt es bereits, und das sogar direkt im Herzen Prags, am Altstädter Ring. Hier können sich Kreative für einen Raum im Prager Kreativzentrum des Prager Instituts für Planung und Strategieentwicklung bewerben. Diese Zentren stellen im Anschluss reduzierte Mieten für Kultur- und Bildungsaktivitäten bereit, und sie helfen dabei, Synergien untereinander zu stärken. 

Die Finanzierungsfrage dominiert in Prag nach wie vor die öffentliche Debatte. Das ist aber nichts Schlechtes. Leider haben wir aber Schwierigkeiten, das gesamte Ökosystem des Kultursektors ausreichend so zu mobilisieren, dass unsere Forderungen auch auf nationaler Ebene gehört werden

CCB Magazin: Wenn ihr in die Zukunft blickt: Wie sieht Kunst, Kultur und die Kreativwirtschaft in Prag in fünf oder zehn Jahren aus? Und wie wollt ihr in einer Stadt wie Prag ein Netzwerk wie Creative City Berlin aufbauen? 

Jana, Naďa, Petr:Wir schätzen, oder hoffen, dass wir in 10 Jahren überrascht darüber sein werden, wie innovativ sich Prag entwickelt hat und wie viele spannende Themen die Prager Kreativwirtschaft auf den Weg bringen konnte. Aktuell haben wir einen neuen Stadtrat in Prag, der offen für neue gute Ideen ist und der vor allem nicht nur profitorientiert denkt, sondern Projekte und kulturelle Aktivitäten anvisiert, die das Experimentieren und neue Ansätze des Produzierens zulassen. Ich hoffe, dass Prag in der Zukunft im europäischen Maßstab eine wichtige Rolle spielen wird. Prag soll auf der europäischen Landkarte ein wichtiger kreativer Knotenpunkt werden. Als Teil der UNESCO hat unsere Hauptstadt historisch auch alle Voraussetzungen dafür, um sich einen entsprechenden Standard zu erarbeiten und um europäische Talente aus dem Ausland anzuziehen – Prag ist prädestiniert für seine geografische Lage und die hohe Lebensqualität. Über öffentliche Förderung wollen wir jetzt ein Umfeld für zeitgemäße Inhalte, kulturelle Aktionen und neue Orte schaffen, und eben eine Plattform und ein Netzwerk wie Creative City Berlin aufbauen. Ihr seid ja ein gutes Beispiel dafür, dass es klappen kann. Ihr habt auch vor über 10 Jahren angefangen und seid viele kleine Schritte gegangen, die heute große Wirkung erzielen. Das versuchen wir jetzt auch. 

CCB Magazin: Jana, Naďa und Petr, viel Erfolg dabei. 

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