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Michael Meisheit: „In Gedanken bin ich bei der Lindenstraße“

Michael Meisheit: „In Gedanken bin ich bei der Lindenstraße“
Foto: © Steven Mahner

Immer mehr Autoren entscheiden sich heute gegen einen Verlag und publizieren selbst - mittlerweile sind das 19 Prozent an deutschen Titelproduktionen. Michael Meisheit ist so einer, ein Self-Publisher. Aber er ist nicht irgendeiner. Zwanzig Jahre lang war er Drehbuchautor für die „Lindenstraße“. 400 Drehbücher hat er selbst verfasst und an mehr als 1.000 mitgewirkt. Wir haben den Autor am Prenzlauer Berg besucht und hinter die Fassaden seines Erfolgs geblickt: Wie wird man Self-Publisher und zu welchem Preis? Warum geht man nicht einfach zu einem renommierten Verlag? 


INTERVIEW BORIS MESSING

 

CCB Magazin: Hallo Michael. Du arbeitest seit 2012 als Self-Publisher. Mehr als 100.000 E-Books hast du schon verkauft. Allein mit deiner Romanserie „Im falschen Film“ gingen 60.000 Exemplare durch den Internetäther. Seit 2013 schreibst du auch unter dem Synonym Vanessa Mansini Unterhaltungsromane. Fühlst du dich innerlich mehr als Frau?

Michael:(lacht) Nein, das hat sich aus einer Geschichte ergeben. Ich hatte angefangen, einen fiktiven Blog zu schreiben, um eine neue Erzählform auszuprobieren...

CCB Magazin: ...woraus später dein Blogroman „Nicht von dieser Welt“ entstanden ist.

Michael: Genau. Und der Blog ist aus Sicht einer Frau geschrieben, Vanessa Mansini. Ich habe dieses Synonym beibehalten aus der Erkenntnis heraus, dass ich, wenn ich einen Liebesroman schreiben will, ein passendes Cover und einen passenden Titel brauche. Und eben auch einen passenden Autorennamen. Bei Liebesromanen ziehen Frauennamen einfach besser. 

CCB Magazin: Du hast dich 2012 dazu entschieden, alles selbst in die Hand zu nehmen und auf einen Verlag zu verzichten – du wurdest Self-Publisher. Warum bist du nicht zu einem Verlag gegangen? 

Michael:Ich fand die Vorstellung einfach unglaublich spannend, mein eigener Chef zu sein und mich um alles zu kümmern. Cover, Titel, Klappentext – beim Verlag entscheidet das nicht der Autor. Ich wollte alles selbst entscheiden und auch ein bisschen herumexperimentieren. Einen Plan B hatte ich nicht. Ich wollte mich vollends auf meine Arbeit als Romanautor konzentrieren. Und es ist ja dann auch ziemlich gut gelaufen.

Ich fand die Vorstellung einfach unglaublich spannend, mein eigener Chef zu sein und mich um alles zu kümmern. Cover, Titel, Klappentext – beim Verlag entscheidet das nicht der Autor

CCB Magazin: Das gelingt nicht jedem. Einer Studie von Matthias Matting zum Self-Publishing-Markt zufolge verdient das Gros der Self-Publisher im Durchschnitt nicht mehr als 500 Euro pro Monat verdient. Ist Self-Publishing nicht Ausdruck einer tiefen Krise, weil es zunehmend schwieriger wird einen Verlag zu finden geschweige denn daran zu verdienen? 

Michael:Einerseits ja. Ich würde es aber eher als Chance begreifen. Autoren verdienen bei Buchpublikationen kaum mehr etwas – die ganz großen Namen ausgenommen. Bei der großen Menge an eingereichten Manuskripten ist es auch schwierig von einem Verlag ins Repertoire aufgenommen zu werden. Und pro verkauftes Exemplar verdient ein Autor heute im Schnitt nur 10 Prozent an den Erlösen seines Buches, selbst viele Bestseller-Autoren verdienen nicht gut. Da liegt es nahe, es einfach mal selbst zu probieren. 

CCB Magazin: Ein Verlag übernimmt Design, Cover, Klappentext, Lektorat und Marketing. Ein Buch bei einem Verlag herauszubringen, kostet heute – für No-Name-Autoren – richtig viel Geld, im Schnitt um die 4.000 Euro im Voraus. Zugleich nimmt einem der Verlag die ganze Arbeit ab. Was kostet dich die Produktion von einem Buch? Und was verdienst du daran?

Michael:Grundsätzlich muss man sagen, dass ich durch den Verkauf von E-Books als Self-Publisher sogar mehr verdiene als ein durchschnittlicher Autor bei einem Verlag. Und auch das E-Book selbst biete ich günstiger an als die Verlage. Die nehmen für ein E-Book nämlich meistens ein bis zwei Euro weniger als für die Taschenbuchausgabe. Ich verlange nur drei oder vier Euro dafür - und verdiene zwei Euro daran. Das ist das Doppelte was für einen Autor bei einem herkömmlichen Verlag rausspringt. Außerdem habe ich einen professionellen Cover-Designer und einen guten Lektor und auch jemanden für den Buchsatz für die wenigen Printversionen meiner Bücher. Dafür gebe ich vielleicht insgesamt 1000 bis 2000 Euro aus. Es hält sich also alles in Grenzen. Der einzige Nachteil ist, dass ich für E-Books 19 Prozent Mehrwertsteuer zahlen muss, bei Printbüchern sind es nur 7 Prozent. Das ist ein Vorteil für Verlage, die mehr Print verkaufen. Und, man muss sich seine Marke als Self-Publisher komplett selbst erarbeiten. 

Hat Bock zu schreiben und schreibt auch ziemlich viel: Michael Meisheit blickt zukunftsfroh in die Ferne. Foto: Steven Mahner
 

CCB Magazin: Aber wie macht man das? Auf was kommt es als Self-Publisher an? 

Michael: Du musst interessante Plots produzieren können. Du brauchst kontrastreiche Charaktere, und du musst wissen, für wen du schreibst – dazu braucht es viel Erfahrung. Ich habe das alles über die Jahre als Drehbuchautor gelernt. Und du musst für dich auch selbst werben können. Ich habe mir dazu schon vor Jahren eine Mailingliste angelegt, auch eine Facebook-Gruppe habe ich, über die ich meine Leser auf dem Laufenden halte. Ich denke, viele Self-Publisher sind einfach noch zu unerfahren im Schreiben. Aber auch ich weiß manchmal nicht mehr weiter. Dann gehe ich eine Runde schwimmen, das bringt mich auf neue Ideen. 

CCB Magazin: Das Self-Publising stellt das Verlagswesen gegenwärtig auf eine völlig neue Bewährungsprobe. Einerseits heißt es, Self-Publisher seien die, die es nicht zu den Verlagen geschafft haben und die von den Verlagen auch nicht ernst genommen werden. Andererseits werben die Verlage mittlerweile selbst die erfolgreichsten Self-Publisher ab. Gedankenspiel: Wenn dir der Suhrkamp-Verlag anbieten würde, dein nächstes Buch bei ihnen zu veröffentlichen – aber für weniger Geld als du sonst verdienst. Würdest du annehmen?

Michael:Für weniger Geld? Nein. Für mich ist Self-Publishing eine tolle Lösung. Und mittlerweile gibt es auch viele andere sehr erfolgreiche Self-Publisher, die sich gegen einen Verlag entschieden haben. Die Mehrzahl der Leser interessiert auch nicht mehr, in welchem Verlag ein Buch erscheint. Was nicht heißt, dass Verlage uninteressant sind: Ende des Jahres wird ein Thriller von mir bei Heyne erscheinen. Ein neues Genre, ein „neuer“ Weg der Veröffentlichung, zumindest für mich. Im Übrigen organisieren sich Self-Publisher auch immer besser selbst. Ich selbst bin Mitglied im Self-Publisher-Verband, wir gehen zusammen auf die Buchmessen und treten geschlossen auf. Wir sind der Schützenverein der Literatur, treffen uns auch mal auf ein Bier, quatschen über unsere Autorensorgen. Vor ein paar Jahren hatte sich eine 20 Autoren starke Gruppe von Self-Publishern gegründet, die zusammen mehr als zehn Millionen E-Books verkauft hatte. Das ist ein Drittel vom gesamten E-Book-Markt. Und das heißt auch, dass wir Self-Publisher mittlerweile eine ökonomische Größe darstellen. 

Als Self-Publisher musst du interessante Plots produzieren können. Du brauchst kontrastreiche Charaktere, du musst wissen, für wen du schreibst und du musst für dich auch selbst werben können

CCB Magazin: Du publizierst hauptsächlich über Amazon. Es gibt auch zahlreiche andere Anbieter wie epubli, neobooks, die Self-Publishing-Plattform Bookrix oder auch triboox. Amazon steht seit Jahren in der Kritik für Dumpingpreise zu sorgen, die dem Verlagswesen echte Probleme bereitet. Amazon macht im wahrsten Sinne des Wortes den stationären Handel kaputt. Warum hast du dich für Amazon entschieden? 

Michael:Bei Amazon bietet sich mir einfach die größte Kaufkraft. Den Algorithmus muss ich natürlich irgendwie in Gang bringen. Und das bedeutet: Weiter oben auf der Amazon-Liste zu stehen. Keiner weiß zwar genau, wie dieser Algorithmus funktioniert, aber er gibt Empfehlungen ab, die am Ende das Ranking des Autors beeinflussen. Ein bisschen Glück gehört auch dazu. Wenn ich es am Ende aber schaffe, dass am Erscheinungstag meines neuen Buches gleich viele Exemplare auf einmal gekauft werden, schenkt mir der Algorithmus mehr Aufmerksamkeit und puscht mich nach oben. Das wird dann im besten Fall zum Selbstläufer und die Welle rollt. Das hier zum Beispiel war völlig irre: Mit meinem Blogroman „Nicht von dieser Welt“ habe ich Dan Brown überholt und bin auf Platz eins bei Amazon gelandet!

CCB Magazin: Letzte Frage: Du wurdest schon in jungen Jahren während deines Studiums an der Filmakademie in Ludwigsburg abgeworben und hast 20 Jahre für die „Lindenstraße“ geschrieben. Nach drei Jahrzehnten wird die Kult-Serie eingestellt. Bist du traurig?

Michael:Na klar! Ich habe die „Lindenstraße“ als Drehbuchautor zwar bereits vor zwei Jahren verlassen, das hatte aber etwas mit Übermüdung zu tun, ich wollte mal was anderes, was Neues. Aber ich finde es schlimm, dass die „Lindenstraße“ eingestellt wird. Die Zuschauerzahlen waren etwas rückläufig, ja, aber ich bin der Meinung, dass gerade die öffentlich-rechtlichen Sender nicht auf die Quote schauen sollten, die Lindenstraße ist ein Kulturgut. In Gedanken bleib‘ ich der „Lindenstraße“ treu. 

CCB Magazin: Vanessa, vielen Dank für das Gespräch.     


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