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Andrea Peters: „Wir arbeiten immer noch mit Excel“

Andrea Peters: „Wir arbeiten immer noch mit Excel“
Foto: © Die Hoffotografen GmbH

Andrea Peters führt seit 11 Jahren ihr Unternehmen media:net berlinbrandenburg. Sie bringt Kreativwirtschaftsakteure zusammen, vernetzt, bildet fort, streitet für Women Empowerment und bastelt an Programmen für die Zukunft – und jetzt hat sie auch noch die Digitalisierung vor der Haustür: Wie verändert die Digitalisierung ein Unternehmen wie media:net? Wie verändert sie die Kreativsektoren? Ein Besuch bei einem Branchenprimus. 
 

INTERVIEW   Jens THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo, Andrea. Euer Netzwerk media:net ist gerade volljährig geworden, alles Gute! Du bist seit 11 Jahren Geschäftsführerin. Ihr habt klein angefangen und euch zu einem der größten und erfolgreichsten regionalen Netzwerke der Medien- und Digitalwirtschaft in Deutschland entwickelt. Jetzt, wo alles digital ist oder wird, macht da ein Netzwerk wie media:net überhaupt noch Sinn? 

Andrea Peters:Vielen Dank erst mal. Und ob das Sinn macht! Gerade jetzt braucht es Know-how-Vermittlung und genau das machen wir. Wir haben mittlerweile über 420 Mitglieder. Wir vertreten und vernetzen sie auf Landes- und Bundesebene, wir sorgen für die Verbesserung der Rahmenbedingungen am Standort Berlin-Brandenburg. Wir bieten auch Fortbildungen an, zu allem, was gebraucht wird – und für alle Mitglieder ist das kostenlos. 

CCB Magazin: Alle rätseln derzeit über die Digitalisierung und fragen sich: Nehmen uns die Roboter bald das Design weg? Braucht es bald noch Menschen auf den Bühnen? Welche Jobs brechen weg, welche kommen? Wo siehst du ganz konkret die Zukunft des Arbeitsmarktes für Kreativschaffende im Kontext der Digitalisierung?  

Andrea Peters:Das kann man im Grunde nicht allgemein sagen, da müsste man sich, um präzise zu sein, die einzelnen Teilbranchen der Kreativwirtschaft ansehen. Wenn ich aber heute auf die übergreifenden Gemeinsamkeiten schaue, dann stelle ich fest, dass alle Inhalte mittlerweile digital dargeboten werden, ob im Film, in der Musik oder bei Spielen – alles ist auf digitale Endgeräte zugeschnitten. Das bedeutet für die Kreativschaffenden, dass sie sich das entsprechende digitale Knowhow aneignen müssen, um auf den jeweiligen digitalen Plattformen erfolgreich sein zu können. Inhalte, Design, Marketing, Produktion und Distribution – alles muss im Lichte der Digitalisierung neu justiert und gedacht werden. Auch die Zeit spielt dabei eine Rolle: Wie lange kann ich jemanden am Smartphone, am Fernseher, an der Spielkonsole am Ball halten, wann ist seine Aufmerksamkeit verbraucht? Darum ist bereits heute ein Mix aus kreativem und technologischem Verständnis Voraussetzung für erfolgreiches Wirtschaften in der Kreativwirtschaft. Das Potential für die Zukunft sehe ich darin, dass die gesamte Kreativwirtschaft eine Art von Schnittstellenindustrie ist. Was diese kann, brauchen auch andere Industrien wie beispielsweise die Autoindustrie, Siemens oder Bosch. Deren Modelle, von der Karosse bis zur Windturbine, werden vor der Fertigung digital erstellt und in diesem Aspekt können sie von der Expertise so manches Kreativunternehmens, zum Beispiel im Bereich Virtual Reality, profitieren.    

Die Expertise der Kreativwirtschaft nützt heute auch den großen Industriebranchen. Manche Branchen wie die Spieleindustrie fungieren sogar als regelrechte Treiber der Digitalisierung, da bei ihr die Verwendung neuester Technik schon immer Voraussetzung der Entwicklung war

CCB Magazin: Du schielst auf das Thema Cross-Innovation. Die Studie “Booming Berlin” von Hergen Wöbken kam aber zu dem Schluss, dass Startups und kreative Szene bislang kaum kooperieren. Der Grund: Viele Kreativschaffende stellen der Profitorientierung eine neue Form der Nachhaltigkeit entgegen.

Andrea Peters:Ok, an einigen Stellen passt das nicht. Muss es auch nicht. Aber die Expertise der Kreativwirtschaft nützt heute auch den großen Industriebranchen. Manche Branchen wie die Spieleindustrie fungieren sogar als regelrechte Treiber der Digitalisierung, da bei ihr die Verwendung neuester Technik schon immer Voraussetzung der Entwicklung war.  

CCB Magazin: Man hat die Kreativwirtschaft lange als Nischenbranche abgetan. Spätestens seit Cornelia Koppetschs Werk „Das Ethos der Kreativen“ (2007) diskutiert man auch über deren ökonomische Leistung, wogegen sich viele Künstler wiederum wehren. Verrückte Ideen gehen aber schon lange am Markt auf. Schafft die Digitalisierung eine Normalisierung des Kreativen? 

Andrea Peters:Mit Sicherheit ist Kreativität in der Wirtschaft mehr gefragt als früher. Das bedeutet umgekehrt aber nicht, dass Kreative profitabler denken oder sein müssen. Es macht ja einen Unterschied, ob ich ein einzelner Künstler bin und ganz andere Ansprüche an meine Kunst und deren Monetisierung habe als ein kommerzielles Großunternehmen wie Universal Music. Aber nimmt man einmal die Kreativbranchen in den Blick, die im media:net vertreten sind, dann stelle ich fest, dass die schon lange keine Randgruppen mehr sind. Die werden durchaus ernst genommen. Die Kreativwirtschaft hat jedoch keine starke Lobby so wie die Autoindustrie. Dafür ist sie zu zerfasert. Insgesamt steht Berlin als Standort für die Kreativwirtschaft sehr gut da, das belächelt heute keiner mehr. Ganz im Gegenteil: Die wissen alle, dass sie diesen Sektor brauchen, um zukünftig noch marktfähig zu sein. Mercedes und VW zum Beispiel haben gerade ihre Automodelle in Las Vegas vorgestellt, dort, wo vorher nur die Techis und die Kreativen ausgestellt haben. BMW hat letztes Jahr auf der Dmexco ausgestellt und nicht auf der Automobilmesse in Frankfurt. Das zeigt doch, hey, die kommen mittlerweile schon zu uns.

Seit wir die Digitalisierung haben, haben wir auch einen Fachkräftemangel. Es werden mehr Leute im kreativen Bereich gebraucht als wegfallen. Kreative Köpfe werden in Zukunft sogar mehr gefragt sein, Künstliche Intelligenz hin oder her

CCB Magazin: In einem düsteren Szenario droht die Digitalisierung ganze Branchen einzureißen. Selbst Berufe wie die des Anwalts und des Arztes scheinen in dieser Vision bedroht zu sein. Welche Prognose gibst du für die Kreativwirtschaft ab, wer sind die möglichen Gewinner und Verlierer?

Andrea Peters:Ich mache mir keine Sorgen darum, dass der Kreativwirtschaft die Arbeit ausgeht. Seit wir die Digitalisierung haben, haben wir auch einen Fachkräftemangel. Es werden mehr Leute im kreativen Bereich gebraucht als wegfallen. Kreative Köpfe werden in Zukunft sogar mehr gefragt sein, Künstliche Intelligenz hin oder her. In der Filmbranche wird gerade gesucht und gesucht und gesucht. Sprich: Ich denke, die Kreativwirtschaft ist sehr flexibel und wird sich auf die rasanten Veränderungen einstellen. Unsere Aufgabe ist es ja auch, die einzelnen Branchen miteinander zu vernetzen, um Kooperationen herzustellen - wir nennen das Cross-Cluster. Es trifft sich beispielsweise die VR-Branche mit der Tourismus-Branche, und auch im Bereich Gamification tut sich viel. Da gibt es in Berlin ganz andere Ängste, die geäußert werden.

CCB Magazin: Die da wären?

Andrea Peters:Steigende Mieten – ein absolutes Horrorthema. Nicht nur für die Gewerbe, sondern auch für Privatleute. Die Angst, verdrängt zu werden. Und das betrifft natürlich vermehrt die kleineren Kreativunternehmen, die in Berlin überwiegen. In Berlin ist jeder zweite Kreativschaffende Solo-Selbständiger. 

Seit 11 Jahren an der Spitze von media:net: Andrea Peters. Foto © Die Hoffotografen GmbH


CCB Magazin: Aber reist die Digitalisierung nicht gerade die Lücke zwischen Gering- und Besserverdienern weiter auf? Schon jetzt entwickeln sich regelrechte Monopole, man denke nur an den Musikmarkt, wo nur noch die großen Drei dominieren. 

Andrea Peters:Ganz platt gesagt hat es, glaube ich, keinen Sinn mehr über die Gefahren nachzudenken, die Sache ist doch längst im Gange. Wir können das Rad nicht mehr zurückdrehen. Darum müssen wir in Deutschland auch bereit sein, mehr zu investieren. Viele kreative Gründer hierzulande schielen darauf, ihr Startup zu verkaufen, sobald der Verkauf eine ordentliche Summe verspricht. Das Problem ist doch, dass es in Deutschland an Investoren mangelt, um aus einem Vier-Millionen-Unternehmen ein Vierzig-Millionen-Unternehmen zu machen. Das machen dann halt die Chinesen oder Amerikaner. 

CCB Magazin: Aber bräuchte es darum nicht eine bessere regulative Gesetzgebung? 

Andrea Peters:Nein. Ich denke, wir befinden uns in einer Übergangsphase. Das kann am Anfang hart sein wie bei der Musikbranche, aber heute profitiert die ganze Branche von vermeintlichen Feinden wie Spotify oder Soundcloud! 

CCB Magazin: Es gibt ja bereits neuere Ansätze zu sogenannten „Unternehmenseigentumsformen“. Das Investorennetzwerk Purpose zum Beispiel investiert gezielt in Unternehmen, die ihr Unternehmen in der eigenen Hand behalten, die also keine Unternehmensanteile verkaufen – und genau das wollen viele Kreativunternehmen nicht. Brauchen wir ein Umdenken im Bereich der Investitionen? 

Andrea Peters:Ja, das brauchen wir! Wir müssen in die investieren, die auch der Gesellschaft dienen. Und gerade die Kreativindustrie ist eine Branche, die sehr wohl überlegt handelt. Und in sie wird zu wenig investiert, und wenn, sind es vor allem technologiegetriebene Unternehmen mit hohem Wachstumspotenzial, die Kandidaten für Venture Capitals sind, das zeigte eine Studie von Entre Europe. Wir sind hier an vielen Stellen erst am Anfang, auch was die Gleichberechtigung von Mann und Frau angeht. 

Die Kreativindustrie ist eine Branche, die sehr wohl überlegt handelt. Gerade in sie müssen wir mehr investieren

CCB Magazin: Aha, schön. Dazu hab ich eine Frage auf meinem Zettel. Du bist selbst im Bereich Women Empowerment in der Kreativwirtschaft aktiv. Aktuell gibt es ja die zündende Debatte, ob die Digitalisierung Geschlechterbilder durch neue Algorithmen und digitale Empfehlungskulturen erst stereotypisiert. Wo liegt deiner Meinung nach das Problem? Und für was setzt du dich ein?  

Andrea Peters:Das Problem ist: Je digitaler ein Unternehmen ist, umso mehr Männer stehen an der Spitze eines Unternehmens. Das wollen wir ändern. Wir machen als media:net dazu die Reihe DWOMEN, also Women in digital business; das ist ein Frühstück, das wir mit 50-60 Frauen machen, hauptsächlich aus der Digitalwirtschaft. Dort haben wir immer eine Frau zu Gast, die im Mittelpunkt steht und uns ihre Geschichte erzählt, beispielsweise Verena Pausder, Lea-Sophie Cramer oder Joana Breidenbach. Es ist ein Vernetzungs- und Austauschformat. Es ist erstaunlich, wie viel offener die Atmosphäre ist, wenn mal nur Frauen im Raum sind. Ich persönlich engagiere mich auch in diversen Gremien und Ausschüssen: in der IHK, im Hochschulrat der HDPK, ich leite außerdem den Beirat der Investitionsbank Berlin und bin natürlich Geschäftsführerin von media:net. Alles im Rahmen der Möglichkeiten. 

CCB Magazin: Andrea, ihr habt mit media:net klein angefangen und seit über die Jahre gewachsen. Wie verändert die Digitalisierungeuer Unternehmen intern? Wo steht media:net in 10 Jahren?  

Andrea Peters:Was die Digitalisierung betrifft hat sich eigentlich wenig intern verändert, wir arbeiten immer noch mit Excel. Unser Angebot hat sich natürlich gewandelt, es ist internationaler, globaler ausgerichtet. Seit letztem Jahr fungieren wir mit der Stadt Potsdam auch als einer von zwölf Digital Hubs zum Thema Medientechnologie. Das Ziel von MediaTech Hub ist es, die Akteure aus der Medien- und IT-Wirtschaft mit anderen Industrien zusammenzubringen. Für die Betreuung des Hubs haben wir sogar extra eine eigene GmbH gegründet. Und wo wir in 10 Jahren stehen? Das ist schwer zu sagen, da sich die Medien- und Digitalwirtschaft so rasant entwickelt, aber ich glaube gar nicht so viel anders als jetzt. Nur dass wir ganz neue Player haben werden, die die Wirtschaft beeinflussen werden. Unsere Arbeit wird immer ähnlich sein, vermutlich mehr serviceorientiert. Das physische Netzwerk, das wir aufgebaut haben, wird weiterhin bestehen. Und hoffentlich noch wachsen.  


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