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Volker Oppmann: „Wir brauchen einen neuen digitalen Marktplatz“

Volker Oppmann: „Wir brauchen einen neuen digitalen Marktplatz“
Foto: © Tobias Tanzyna

Volker Oppmann ist "serial entrepreneur", Überzeugungstäter und Vielleser: 2017 schuf er mojoreads, eine Plattform für Autoren, Leser und Verlage mit dem Ziel, "eine echte soziale, demokratische Plattform zu schaffen, die werbefrei und unabhängig von Großkonzernen ist". Kann das funktionieren? 
 

INTERVIEW   Jens THOMAS

 

CCB Magazin: Hallo Volker, auf eurer Homepage steht, dass mojoreads als Plattform für Literatur Community, Lesen und Shop miteinander vereint. Wie darf ich mir das vorstellen? Was passiert da? 

Volker Oppmann:mojoreads ist eine Plattform für Leser*innen, auf der die Bücher und Artikel, die dort empfohlen werden, direkt über die Plattform verfügbar sind. Aber natürlich können auch Autor*innen und Verlage ihre Inhalte direkt auf mojoreads promoten. Allerdings ohne bezahlte Platzierungen aka. Werbung. Wir wollen eine echte soziale, das heißt demokratische Plattform schaffen, die unabhängig von Großkonzernen ist.

CCB Magazin: „Facebook in zivilisiert, Amazon in idealistisch“ – das ist euer Selbstanspruch. Aber mal ganz realistisch, besteht überhaupt eine reelle Chance, dazu eine Alternative zu sein? Alle nutzen die großen Plattformen.  

Volker Oppmann:Natürlich besteht eine Chance. Auch die Großen haben einmal klein angefangen. Und wir erwarten auch nicht, dass das von heute auf morgen passiert. Die zentrale Frage ist doch, wie wir als Gesellschaft in Zukunft miteinander kommunizieren wollen. Im klassischen Altertum hat man sich dazu auf dem öffentlichen Marktplatz getroffen und miteinander geredet. Bei den alten Griechen auf der Agora, bei den Römern auf dem Forum. Diese Funktion eines öffentlichen Forums wurde in den letzten 500 Jahren vornehmlich durch Printmedien wie insbesondere Zeitungen und Bücher erfüllt. Die Digitalisierung hat all das grundlegend verändert. 

Wir wollen eine echte soziale, das heißt demokratische Plattform schaffen, die unabhängig von Großkonzernen ist: Autor*innen und Verlage verdienen auf mojoreads direkt über die Verkäufe, die über die Plattform generiert werden – und das alles werbefrei 

CCB Magazin: Jürgen Habermas sprach vor fünf Jahrzehnten von einem Strukturwandel der Öffentlichkeit, deren Anfang er ab Mitte des 18. Jahrhunderts sah; Habermas skizzierte eine erste „bürgerliche Öffentlichkeit“, die sich – damals noch ganz ‚analog‘ – in den Cafe Houses Frankreichs vollzog, später auch in Deutschland. Erleben wir aktuell einen neuen ‚digitalen‘ Strukturwandel der Öffentlichkeit, durch den diese bürgerliche Öffentlichkeit auf dem Prüfstand steht? Einerseits haben wir heute unzählige Möglichkeiten zur gesellschaftlichen Mitwirkung durch die Digitalisierung, andererseits leiten uns zunehmend Algorithmen, neue Monopolstellungen durch Internetgiganten setzen sich durch.

Volker Oppmann:Auf jeden Fall! Der öffentliche Diskurs hat sich immer mehr ins Netz verlagert, allen voran in die Sozialen Netzwerke. Das Problem: Aufmerksamkeit bekommt dort – gesteuert durch Werbe-Algorithmen – meist nicht das bessere Argument, sondern jenes, das mehr Klicks generiert – sei es, weil es stärker polarisiert und/oder das größere Werbebudget hinter sich vereint. Und damit geht ganz sicher eine Verzerrung der öffentlichen Wahrnehmung und folglich auch der politischen Meinungsbildung einher, die unsere freiheitlich-demokratische Gesellschaftsordnung untergraben kann. Brexit, Trump und Populisten aller Couleur lassen grüßen. Was wir darum brauchen, ist ein neuer digitaler Marktplatz in der Tradition der griechischen Agora, ein Ort, der statt der künstlichen Reichweiten den viel zitierten Dichter*innen und Denker*innen unserer Gesellschaft ein öffentliches Forum bietet.

CCB Magazin: Und diesen Marktplatz wollt ihr bieten? Ein Problem stellt seit Jahren die unzureichende Entlohnung auf großen Plattformen dar. Wie bezahlt ihr die Menschen, die Content auf mojoreads kreieren?

Volker Oppmann:Ganz einfach: Autor*innen und Verlage verdienen auf mojoreads direkt über die Verkäufe, die über die Plattform generiert werden. Aber natürlich haben auch Rezensionen, Blogbeiträge und selbst kürzeste Posts einen Wert – sie alle tragen dazu bei, dass Bücher oder journalistische Inhalte Verbreitung finden und damit auch gekauft werden. Deshalb verdienen unsere Nutzer*innen bei jedem Verkauf, der durch sie inspiriert wurde, zehn Prozent vom Kaufpreis mit. Außerdem arbeiten wir gerade an einem Bezahlmodell für Inhalte, die direkt auf der Plattform generiert werden – sei es durch Selfpublisher*innen oder durch Journalist*innen, die unseren Editor nutzen, um ihre Artikel bzw. Texte direkt bei uns einzustellen. 

Wir brauchen einen neuen digitalen Marktplatz in der Tradition der griechischen Agora. Denn Aufmerksamkeit bekommt im Netz heute vor allem – gesteuert durch Werbe-Algorithmen – , wer am stärksten polarisiert oder das größere Werbebudget hinter sich vereint. Hierzu brauchen wir neue Modelle

CCB Magazin: Und wie verdient ihr daran? 

Volker Oppmann:Unser Erlösmodell heißt Bezahlinhalte, das heißt wir verdienen an jeder finanziellen Transaktion auf der Plattform mit. Platt gesagt: Momentan sind wir noch ein ganz klassischer Onlinehändler, der von seiner Handelsmarge lebt. Perspektivisch wollen wir mojoreads aber zu einem echten Marktplatz machen, auf dem jede und jeder Inhalte anbieten kann und wir „nur noch“ der Enabler sind.

CCB Magazin: Amazon oder facebook leben von der Perfektion ihrer Algorithmen, Menschen finden in Windeseile das, was sie finden wollen oder sollen. Wie wollt ihr dazu eine Alternative schaffen? Menschen wechseln in der Regel erst von der einen Ecke in die andere, wenn sie dort keine Nachteile verspüren.

Volker Oppmann:Hier würde ich gerne zwischen den Werbealgorithmen von facebook und den Vorschlagsalgorithmen von Amazon differenzieren. Werbung im Sinne von gekaufter Reichweite und damit auch Manipulation von Aufmerksamkeit findet bei uns nämlich nicht statt. Die Vorschlagsalgorithmen von Amazon auf der anderen Seite sind in der Regel schon sehr gut. Gerade zu Anfang setzen wir aber weniger auf maschinelle als vielmehr auf menschliche Intelligenz und Integrität, da die besten Empfehlungen immer noch aus dem persönlichen Freundes- und Bekanntenkreis kommen – oder eben von jenen, die sich auskennen (Stichwort: Kuration). Diesen Menschen wollen wir eine Bühne bauen. Und natürlich der Literatur, die sie empfehlen – denn letztlich geht es ja um das Lesen.

Auch wir haben Wachstumsziele: Wir wollen in 20 Jahren die zentrale Anlaufstelle für Literatur im Netz sein. Aber wir sagen auch: Lieber langsamer und damit nachhaltiger wachsen als zu schnell und dabei die eigenen Grundwerte verletzen 

CCB Magazin: Nehmen wir mal an, ihr wachst in den nächsten Jahren kontinuierlich. Wie groß kann eine Plattform wie mojoreads werden, um ihre Unabhängigkeit zu bewahren und die gesetzten Anfangsziele nicht zu verletzen? 

Volker Oppmann:Das hat weniger mit der Größe als vielmehr mit der Ausrichtung zu tun – also der Frage, nach welchen Grundsätzen Entscheidungen in der Firma gefällt werden. Grob vereinfacht lässt sich alles auf die Frage „Kopf oder Zahl?“ herunterbrechen: Ist mein oberstes Ziel, aus dem sich alles Weitere ableitet, eine finanzielle Kennzahl und damit ein maximaler Gewinn für die Eigentümer der Firma? Oder ist unser oberstes Ziel ein maximaler Gewinn an Verständnis und Erkenntnis in den Köpfen unserer Leser*innen? Optimiere ich also meine Geschäftsprozesse und Algorithmen in Richtung Gewinnmaximierung und nehme damit in Kauf, dass Wahrheit und Erkenntnisfähigkeit irgendwo auf der Strecke bleiben? Oder optimiere ich alles im Sinne eines humanistischen Bildungsideals, wobei ich dann aber in Kauf nehmen muss, dass unsere finanziellen Gewinne geringer ausfallen – was aber nicht heißt, dass man nicht profitabel wäre. Denn natürlich haben auch wir Wachstumsziele, da man nur mit der nötigen Reichweite auch tatsächlich gesellschaftliche Relevanz hat. 

CCB Magazin: Wie sehen deine langfristigen Ziele aus? 

Volker Oppmann:Unser Ziel ist ganz klar: Wir wollen in 20 Jahren die zentrale Anlaufstelle für Literatur im Netz sein. Aber wir sagen auch: Lieber langsamer und damit nachhaltiger wachsen als zu schnell und dabei die eigenen Grundwerte verletzen. Kapital darf immer nur Mittel zum Zweck sein, nie Selbstzweck. Aus diesem Grunde sind wir auch kein Exit-getriebenes Startup, sondern ein so genanntes „mission driven business“. Und damit das auch so bleibt, werden wir von einem gemeinnützigen Verein getragen, der dafür sorgt, dass wir den in unserer Selbstverpflichtung formulierten Werten und Zielen treu bleiben. 


Profil von Volker Oppmann auf Creative City Berlin

Alle Infos über mojoreads findet ihr auf Creative City Berlin hier 

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