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3 Berliner Verlagen: Publiziert ihr noch oder sterbt ihr schon?

3 Berliner Verlagen: Publiziert ihr noch oder sterbt ihr schon?
Foto: © Silke Ohlenforst

Die Digitalisierung stellt die Verlagswelt auf eine Bewährungsprobe. Wird es in Zukunft noch gedruckte Bücher geben? Bootet Amazon die Verlage aus? Fest steht: Der Wandel der Verlagswelt ist kein Drama. Mehr Tschechow als Shakespeare, ein bisschen Schwermut, aber kein Gemetzel. Und von den digitalen Möglichkeiten profitieren vor allem die Kleinverlage, wenngleich viele nur schwer überleben können. Wir haben drei Verlage in Berlin besucht – ein Einblick in eine komplexe Branche.

 

Text BORIS MESSING

 

Erste Station: Aufbau Haus

Das Aufbau Haus beeindruckt durch seine schlichte Wuchtigkeit. Die glatte, graue Betonfassade zeigt auf den Moritzplatz, um den herum sich der Verkehr in Dauerschleife dreht. Genau hier residiert der 1945 gegründete Aufbau Verlag, zwei Blocks von der geografischen Mitte Berlins entfernt (behauptet zumindest Google Maps). Der Verlag gehört mit seinen 30 Mitarbeitern und 200 Veröffentlichungen im Jahr zu den mittelgroßen Publikumsverlagen in Deutschland und ist einer der ältesten von Berlin, ein Urgestein. Über 400 Verlage gibt es in der Hauptstadt, zirka 2.000 Unternehmen sind im Berliner Buchmarkt tätig.

Wie meistert ein solcher Verlag die digitalen Herausforderungen? Wir sind mit Verlagsleiter Reinhard Rohn zum Gespräch verabredet. Aufzug hoch, vierter Stock, Bing: Rohn nicht da, sitzt noch im Zug, sagt die Empfangsdame und lächelt – die Bahn wie immer. Wir nicken wissend. Im Büro des Chefs erwartet uns dafür Oliver Pux, Leiter der Digitalabteilung des Aufbau Verlags. Er kommt sofort zur Sache: „Der Leser entscheidet, was und wie er lesen will.“ Die Digitalisierung ändere daran nichts, sagt er, nur die Leseformen würden sich verändern. Sprich: mehr E-Books oder andere digitale Leseformen für Smartphones, Tablets und andere Geräte. Pux schätzt den E-Book-Anteil der Unterhaltungsliteratur auf 25 bis 30 Prozent. Bei der anspruchsvolleren Literatur läge er bei höchstens 15 Prozent, was nicht verwunderlich sei, da es sich hierbei um eine meist ältere und buchaffinere Leserschaft handele. Romane machen das Hauptgeschäft des Verlages aus – wie bei fast allen großen Publikumsverlagen. Denen geht es entgegen der These des vor Kurzem verstorbenen Schriftstellers Philip Roth, dem zufolge Literatur nur noch von einer Minderheit gelesen werde, gar nicht mal so übel. Der Buchmarkt ist stabil. 2017 wurden in Deutschland über 82.000 Buchtitel veröffentlicht. Menschen lesen noch, und auch wenn die Zahl der Leser in den vergangenen fünf Jahren um sechs Millionen zurückgegangen ist – das Buch erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Das vielbeschworene E-Book hat das physische Buch noch immer nicht ersetzt, sein Umsatzanteil im Buchmarkt bleibt bei konstanten fünf Prozent. Trotzdem steigt die Zahl der E-Book-Verkäufe allmählich an, vor allem, wenn man die einzelnen Sparten genauer ins Auge fasst. Auch im Buchmarkt zeigt sich die Tendenz, dass Printformen langsam, aber stetig schrumpfen und E-Books, aber auch neue digitale Formen für Tablets, Smartphones oder Audibles (Hörbücher), langsam, aber stetig wachsen. Allerdings ist die Transformation vom Analogen ins Digitale bei Weitem nicht so dramatisch wie bei den Zeitungen.

Zwei Herren bei der Arbeit: Oliver Pux und Reinhard Rohn vom Aufbau Verlag. Wir haben sie besucht. Foto © Silke Ohlenforst

Rohn betritt das Zimmer, entschuldigt sich, es ist einfach ein Kreuz mit dieser Bahn. Beide strahlen eine ernste, soignierte Aura aus. Was waren gleich nochmal die Fragen? Ach ja, Amazon! Wird Amazon zum kaltblütigen Verlagskiller, wollen wir wissen. Pux winkt lässig ab. „Amazon ist für uns ein Mitbewerber wie alle anderen auch“, sagt er. Und Rohn ergänzt: „Amazon ist kein wirklicher Mitbewerber als Verlag, ehrlich gesagt. Für uns ist Amazon hauptsächlich als Buchhändler ein Adressat.“ Die Plattform sei weder Heilsbringer noch der chronisch Böse. Schließlich würden Bücher des Aufbau Verlags auch auf Amazon feilgeboten und die gesetzlich verankerte Buchpreisbindung verhindere ein Preisdumping. Die Buchpreisbindung, muss man wissen, ist ein Eingriff in die freie Marktwirtschaft, da sie Verlagen und Buchhändlern einen Mindestpreis für den Buchverkauf garantiert. Der Hintergedanke dabei: Bücher sind ein schützenswertes Kulturgut und dürfen kein willkürliches Objekt des Marktkapitalismus sein. 2016 wurde die Buchpreisbindung auch auf E-Books ausgeweitet. Aber wie sieht es mit Amazons Kindle Unlimited aus, haken wir nach. Seit 2014 bietet der Konzern eine Flatrate für Bücher an: Für 9,99 Euro im Monat kann man sich aus Amazons gigantischer Medienbibliothek E-Books und Audibles leihen, allerdings immer nur zehn Stück auf einmal. Eine ähnliche E-Book-Flatrate bietet auch das deutsche Unternehmen Skoobe an. Und auch viele Bibliotheken haben bereits sogenannte Online-Flatrates im Sortiment, die nach einem ähnlichen Prinzip funktionieren. Verlage werden durch Lizenzverträge daran beteiligt. Bisher schlugen solche Buch-Flatrates allerdings noch keine hohen Wellen. Pux hat eine einfache Erklärung dafür: „Die Mediennutzung bei Büchern ist eben ganz anders als bei Filmen oder Musik, weil man hierfür viel mehr Zeit braucht.“ Ein Song ist schnell gehört, ein Film ist rasch geschaut, eine Zeitung ist im Vergleich zum Buch eine Eintagsfliege. Das mag auch der Grund dafür sein, dass die Digitalisierung den Buchmarkt noch nicht so umgekrempelt hat wie den Journalismus oder die Musikbranche. Trotzdem: die Verlage spüren einen gewissen Anpassungsdruck. Es geht um Kosteneinsparung oder darum, das Programm massentauglicher zu gestalten. Ziel ist es, profitabel zu bleiben. Aber schlussendlich sind es immer noch die Verlage, die durch ihre Gatekeeper-Funktion ein gewisses Qualitätsversprechen aufrechterhalten und einlösen. Amazon dagegen geht es nur ums Geld: Jeder kann hier veröffentlichen, jeder kann verkaufen. In diesem Sinne ähnelt die Plattform mehr einem Druckkostenzuschuss-Verlag, bei dem der Autor selbst zahlen muss. Das Buch als Kulturgut spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle.

Zweite Station: der Frohmann Verlag. Digitaler wird’s nicht!

Nächste Station: Wir besuchen den Frohmann Verlag. Im Gegensatz zum Aufbau Verlag mit seinen 30 Mitarbeitern und über einem halben Jahrhundert Kulturgeschichte auf dem Buckel ist der Frohmann Verlag einfach nur eine Frau: Christiane Frohmann. Beim Cappuccino plaudern wir über ihr Verlagskonzept – natürlich per du. Frohmann publiziert genuin digitale Literatur. In den Worten der Verlegerin: „Literatur, die aus dem Kontext der Digitalisierung heraus entsteht.“ Müssen sich Verlage wie der Aufbau Verlag der Digitalisierung anpassen, gilt hier das Chuck-Norris-Prinzip: Die Digitalisierung passt sich dem Verlag an. Der Frohmann Verlag ist nicht nur inmitten der digitalen Umwälzungen entstanden, Frohmann ist auch Teil des ORBANISM-Universums, in Berlin keine unbekannte Galaxie. Ziel ist es, über das ORBANISM-Universum „gute Begegnungsformate und -räume fürs Publishing, für Medien und Kultur zu schaffen“, sagt die Verlegerin. Frohmanns Büchersumme ist überschaubar, vier gedruckte Bücher und fünf bis zehn E-Books entstehen so im Jahr. „Ich arbeite, um zu verlegen“, sagt Frohmann – das Credo vieler unabhängiger Kleinverlage. Leben können davon nur wenige. Denen geht es im Wesentlichen darum, gute Literatur zu veröffentlichen, Bücher, die sie im Sinne eines „Kulturauftrages“ verstehen. Mit ihrem Projekt „Tausend Tode schreiben“, bei dem sie tausend Texte zum Thema Tod gesammelt hat, inspirierte Frohmann nach eigener Aussage die großen Mainstream-Verlage, fortan in ähnlicher Façon Textsammlungen zu bestimmten Themen zu publizieren. Eine weitere Besonderheit des Frohmann Verlages ist, dass er seine Bücher nicht nur über Amazon anbietet, sondern auch über die Plattform Mojoreads, die eine Art Amazon mit social values sein will.

Liebt die Literatur, Katzen sind aber auch ok – Christiane Frohmann vom Frohmann Verlag. Foto © Christiane Frohmann

Für die Handvoll Digital-First-Verlage, von denen es in Berlin neben Frohmann noch Culturbooks, OxOa, Ring eBooks oder mikrotext gibt, ist die Digitalisierung kein allzu großer Umwälzungsprozess.  Hier wälzt man einfach mit, und sie profitieren geradezu von den neuen Möglichkeiten des digitalen Marketings. Das gilt im weitesten Sinne für alle kleinen, unabhängigen Verlage, von denen es in Berlin laut Börsenverein des Deutschen Buchhandels sage und schreibe über 300 gibt. Kreatives Marketing via Twitter, Instagram und Co. 

Dritte Station: das Verlagshaus Berlin. Geht auch (fast) analog

Dass man als Verlag aber auch ohne E-Book auskommen kann, zeigt das Verlagshaus Berlin, unsere dritte und letzte Station. Dessen drei Verleger haben sich auf illustrierte Lyrikbände spezialisiert. Ein Lyrik-Band widmet sich dabei oft einem gesellschaftsrelevanten Thema. So befasst sich einer beispielsweise mit ausgestorbenen Tierarten zu verschiedenen Zeiten; die Illustrationen zu diesen Gedichten zeigen Tiere, die in der Mode der jeweiligen Zeit gekleidet sind. Zehn Bücher publizieren Dominik Ziller, Andrea Schmidt und Jo Frank pro Jahr, knapp 120 Titel sind es bereits insgesamt. Ihre Klientel, eine kleine, aber sehr loyale Leserschaft, bevorzugt das physische Produkt, E-Books werden kaum verkauft. Der Verlag entwickelte sich 2005 aus einer zuvor vertriebenen Literaturzeitschrift. Die drei Verleger verbindet nicht nur ihre Liebe zur Poesie, sondern auch das Tragen schwarzer Kleidung, die sie zu ihrem Markenzeichen gemacht haben. Die Digitalisierung, sagt Frank an seiner Zigarette ziehend, nutze ihnen vor allem bei der internen Kommunikation und beim Marketing. „Instagram ist für uns die Bombe“, schwärmt Ziller. Mit dem Hashtag „Poetisiert euch“ konnten sie viel Aufmerksamkeit auf sich lenken. Eine Besonderheit des Verlags ist nicht nur die originelle Kombination von Illustration und Lyrik, sondern auch die Tatsache, dass sie für ihre Bände keine Standard-Typographien verwenden. So haben sie sich gemeinsam mit ihrem mehr oder weniger festen Autorenstamm über die Jahre zu einer stabilen, krisenfesten Marke entwickelt. Im vergangenen Jahr haben sie den Berliner Verlagspreis gewonnen - ein Preis für innovative Kleinverlage. 

Könnte auch eine Band sein, ist aber ein Verlag: das Team vom Verlagshaus Berlin, ein Independent-Verlag für Lyrik und Illustration. 2018 hat das Verlags-Trio den ersten Berliner Verlagspreis der Berliner Senatsverwaltungen für Kultur und Europa sowie Wirtschaft, Energie und Betriebe gewonnen. Foto © Hans Praefke, Verlagshaus Berlin 

Am Abend ist unsere Reise zu Ende und wir gehen noch mal um die Ecke auf ein analoges Bier. Klar, das muss halt auch mal sein und klar ist auch, dass der Wandel der Verlagswelt durch die Digitalisierung kein großes Drama ist. Mehr Tschechow als Shakespeare, ein bisschen Schwermut, aber kein Gemetzel. Von den digitalen Möglichkeiten profitieren vor allem die Kleinverlage, wenngleich viele kaum von ihrem Schaffen leben können. Ihrer Experimentierfreude tut dies trotzdem keinen Abbruch. Roth ist tot – er ruhe in Frieden –, Literatur wird es noch lange geben.

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