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Oliver Bätz: „Der EMOP bietet jungen Fotografen eine Chance“

Oliver Bätz: „Der EMOP bietet jungen Fotografen eine Chance“
Foto: © Jirka Jansch

Ob Schnappschuss oder professionelles Shooting, analog oder digital, die Fotografie ist mehr als eine schlichte Abbildung der Realität. Seit 2004 findet alle zwei Jahre die Veranstaltungsreihe European month of photography (EMOP) statt, jetzt im Oktober ist es wieder soweit. In zahlreichen Museen, Galerien und Fotoschulen in Berlin und Potsdam wird es Events und Ausstellungen rund um das Thema Fotografie geben. Wir sprachen mit Veranstalter Oliver Bätz über den Wandel der Fotobranche, Künstliche Intelligenz (KI) und wie EMOP Brücken schlägt. 


Interview: Alina Mack 

 

CCB Magazin:Hallo Oliver. Instagram, Pinterest, Hightech Smartphones – Fotos sind allgegenwärtig. Fotos schießen scheint ein Kinderspiel zu sein. Sind wir nicht alle schon zu Fotokünstlerinnen und Berufsfotografen geworden? 

Oliver Bätz:Ich muss zugeben, dass mir diese Frage oft gestellt wird. Es ist sicherlich so, dass es kaum mehr die wirklichen Amateure gibt, die mit der Klick-Klack-Kamera Schnappschüsse produzieren. Viele haben hochwertige Kameras oder ihre Smartphones und sind ambitionierter. Die Grenzen zwischen dem ambitionierten Amateur und dem Semi-Profi sind fließender geworden, und auch die zwischen einem Semi- und einem Vollprofi. Aber es ist immer noch etwas anderes, wenn man für den privaten Bereich fotografiert oder sich für den Beruf des Fotografen entschieden hat.

CCB Magazin:Packst du die Berufsfotografin und den Fotokünstler in eine Schublade?

Oliver Bätz:Man muss bedenken, dass nur wenige Fotografen nach ihrer Ausbildung von ihrer Kunst leben können. Viele machen andere Jobs oder - wenn sie bei der Fotografie bleiben - üben diese auch gewerblich aus und machen beispielsweise Auftragsfotografie wie Hochzeits- oder Porträtfotografie. Oder auch Fotos im Bereich der Werbung.

CCB Magazin: Seit 1999 hat sich laut Statista die Anzahl der Betriebe im Handwerk Fotografie in Deutschland fast versiebenfacht. Und das trotz einer digitalen Technologie, die Fotografieren heute einfacher denn je macht. Wie lässt sich das erklären?

Oliver Bätz:Ich denke, dass die Fotografie nach wie vor eine große Faszination ausübt. Meine These ist, dass viele junge Leute lieber in einen künstlerischen Beruf einsteigen als in die Wirtschaft zu gehen. Nach der Berufsausbildung als Fotograf schlägt so manch einer dann einen anderen Weg ein, denn die Fotografen, die von ihrer Kunst nach der Ausbildung leben können, sind sicherlich nicht sehr zahlreich. Für den Monat der Fotografie ist gerade deshalb wichtig, Fotografinnen und Fotografen, die noch am Anfang stehen, die Möglichkeit zu bieten, ihre Arbeiten einem breiten Publikum vorzustellen. Der EMOP Berlin bietet jungen Fotografen die Chance, sich bei einem renommierten Festival zu präsentieren und dadurch den Bekanntheitsgrad zu erhöhen. 

Helmut Newton, Stern, Los Angeles, 1980, © Helmut Newton Estate / Courtesy: Helmut Newton Foundation

Klaus Mellenthin, Ein Scheffel Perlen, 2019, © Klaus Mellenthin | BFF Professional / Courtesy: BFF — Berufsverband freier Fotografen und Filmgestalter e. V.

Peter Hujar, David Brintzenhofe Applying Makeup (II), 1982, © 1987 The Peter Hujar Archive LLC, Courtesy: Gropius Bau

CCB Magazin:Der EMOP Berlin findet dieses Jahr zum neunten Mal statt. Was hat sich in den vergangenen Jahren verändert?

Oliver Bätz:Ich bin ja von Anfang an dabei. Der Monat der Fotografie wurde schon in den 80er Jahren in Paris von Jean-Luc Monterosso ins Leben gerufen. Im Herbst 2003 wurde dann das europäische Netzwerk gegründet, zusammen mit Paris, Wien und Berlin. In den folgenden Jahren kamen dann weitere Festivals hinzu, andere stiegen aus finanziellen oder anderen Gründen wieder aus. Große Veränderungen hat es auch mit der Entwicklung der sozialen Medien gegeben. Das hat unsere Arbeit stark beeinflusst und wurde ein wesentlicher Bestandteil des Berliner Festivals, um für die Veranstaltungen und Künstler zu werben. Ferner kamen 2016 die EMOP Opening-Days hinzu. Der Berliner Monat der Fotografie wird seither mit einer Veranstaltungsreihe mit internationalen anerkannten Akteuren eröffnet. Das dient dem Ziel, die Foto-Community zu stärken und die jungen Künstlerinnen mit Fachleuten aus Galerien, Museen oder den Medien zusammenzubringen.

CCB Magazin:Und wie hat sich die Berliner Fotoszene gewandelt?

Oliver Bätz:Ich würde sagen, es gibt eine gewisse Affinität zur Schwarz-Weiß-Fotografie und manch eine oder einer kehrt zur analogen Fotografie zurück, weil sie im Fotostudio eine andere Art der Bildbearbeitung vornehmen können als mit Photoshop.

Fotoapparate, Smartphones und Programme bieten heute eine Menge Möglichkeiten der Bildbearbeitung, aber ich glaube, dass letztendlich die Kreativität und das Konzept eines Künstlers entscheidend sind

CCB Magazin:Studien sprechen aber andere Worte. Die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) kam 2018 in einer Studie zum Ergebnis, dass Künstliche Intelligenz (KI) immer beliebter wird und mehr als 80 Prozent KI-Funktionen an ihrer Kamera nutzen würden, wenn diese ihnen das Fotografieren erleichtern würde.

Oliver Bätz:Also, ich bin da sehr skeptisch. Ich glaube, dass der kreative Prozess entscheidend ist. Klar bieten Fotoapparate und Smartphones sowie Bildbearbeitungsprogramme heute eine Menge Möglichkeiten der Bearbeitung, aber ich glaube, dass letztendlich die Kreativität und das Konzept eines Künstlers entscheidend sind. Also, was überlegt sich der Fotograf? Was möchte die Fotografin erreichen? In welchen Bereich soll es gehen? Künstlerische, humanistisch-politische, historische Fotografie? Ob da die KI wirklich weiterhelfen kann? Da habe ich meine Zweifel. Aber natürlich können digitale Anwendungen die Fotografie ergänzen und bereichern. 

Sameer Al-Doumy, Another Face of War, Syria, a.d.S. Another Face of War, Syria, 2019, © Sameer Al-Doumy / Courtesy: CLB Berlin

Birk Alisch, Gamechangers, 2020, © Birk Alisch, 2020 / Courtesy: Lette Verein Berlin

CCB Magazin:Um ein Teil des EMOP Berlin werden zu können, muss man sich erst bewerben und von einer Jury ausgewählt werden. 2020 umfasst das Festival rund 100 Locations mit 114 Ausstellungen von und mit über 500 Fotografinnen und Fotografen. Nach welchen Kriterien habt ihr diese ausgesucht?

Oliver Bätz:Wir haben uns schon zu Beginn dafür entschieden, dass sich nur Institutionen bewerben können. Das heißt: ein Künstler bewirbt sich erst bei einer Galerie oder Institution, die sich dann bei Interesse beim Berliner EMOP bewirbt. Bewerbungen von einzelnen Fotografinnen und Fotografen wären in so einer großen Stadt wie Berlin ein riesiger organisatorischer Aufwand, da wir dann mit ein paar Tausend Bewerbungen rechnen müssten. Die Jury wählt nach Eingang der Bewerbung nach Stringenz des Konzeptes und aufgrund der Qualität der eingereichten Fotos aus.

Ich denke, dass die VR- oder AR-Technologie bereichernd für die Fotografie sein kann und eine Art Zusammenspiel entsteht. Aber das wird die Kraft und Ausdrucksstärke eines gelungenen Fotos wohl kaum ersetzten. So einen starken Paradigmenwechsel wie von der Analog- hin zur Digitalfotografie kann ich mir derzeit nicht vorstellen

CCB Magazin:Der EMOP Berlin ist Deutschlands größtes Fotofestival. An mehreren Orten in Berlin finden unzählige Vernissagen, Veranstaltungen und Ausstellungen statt. Was sind die Programmhighlights in diesem Jahr? Gibt es thematische Schwerpunkte?

Oliver Bätz:Unter den 114 Ausstellungen würde ich einige Ausstellungen unbedingt empfehlen, zum Beispiel die Ausstellungen von Sven Marquardt im Friedrichstadt-Palast, von Letizia Battaglia im Italienischen Kulturinstitut oder die Ausstellung im Museum der Subkulturen. Die zentrale Ausstellung wird von Ostkreuz – Agentur der Fotografen in der Akademie der Künste gezeigt. Sie hat den Titel: KONTINENT - Auf der Suche nach Europa. Dazu haben wir uns im Vorfeld ein Schwerpunktthema überlegt: Europa: Identität-Krise-Zukunft. Für dieses Thema haben wir uns aus zweierlei Gründen entschieden. Erstens: Deutschland hat in diesem zweiten Halbjahr die EU-Ratspräsidentschaft inne. Und zweitens: Europa befindet sich in einer sehr fragilen Situation, nicht nur durch Corona oder den Brextit. Neben Projekten zum Thema Europa konnten jedoch auch anderes eingereicht werden. Die Institutionen konnten frei wählen. So haben wir auch Ausstellungen, die 30 Jahre Wiedervereinigung oder 100 Jahre Großberlin thematisieren.

CCB Magazin:Der EMOP wird trotz Corona auch vor Ort stattfinden. Welche Einschränkungen wird es geben? Erwartest du einen Rückgang der Besucherzahlen?

Oliver Bätz:Auf jeden Fall, denn schon bei den EMOP Opening Days haben wir die entsprechenden Beschränkungen durch Corona. So fällt dieses Jahr die Eröffnungsparty aus und während der Eröffnungstage können wir deutlich weniger Besucher empfangen. In den Jahren 2016 und 2018 kamen während der Eröffnungstage rund 10.000 Besucher. Das wird dieses Jahr wegen der Hygienemaßnahmen und Abstandsreglungen nicht möglich sein. Aber auch insgesamt werden die Besucherzahlen des Festivals nicht das Niveau der Vorjahre erreichen. Bei vielen Institutionen muss man vorab ein Zeitfenster für den Besuch buchen. Nicht zu verwechseln übrigens mit einem regulären Ticket, da der überwiegende Teil der Ausstellungen keinen Eintritt kostet. Und bei allen Eröffnungen sowie den weiteren Besuchen müssen die Besucherzahlen den Räumlichkeiten angepasst werden. Durch Corona werden wir somit nicht die Zahlen der vergangenen Jahre erreichen.

CCB Magazin:Virtual Reality (VR) und Augmented Reality (AR) sind am Aufstreben. Bewegen wir uns nicht schon längst weg von den zweidimensionalen Abbildungen hin zu komplexeren Dimensionen? Wie schaut die Zukunft der Fotopräsentation aus?

Oliver Bätz:Bei so manch einem Ausstellungsprojekt wird die Fotografie zusammen mit anderen künstlerischen Werken präsentiert. Und Fotokünstler haben sich auch stets in den Randbereichen der Fotografie bewegt. Demnach kann ich mir gut vorstellen, dass sowas wie VR oder AR ergänzend oder bereichernd wirken kann und eine Art Zusammenspiel entsteht. Aber das wird die Kraft und Ausdrucksstärke eines gelungenen Fotos wohl kaum ersetzten. So einen starken Paradigmenwechsel wie von der Analog- hin zur Digitalfotografie kann ich mir derzeit nicht vorstellen. Dafür stehen die VR- und AR-Technik noch zu sehr in den Kinderschuhen, die Ergebnisse sind noch zu rudimentär, als dass man diese als wirkliche Konkurrenz zur Fotografie sehen könnte.

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