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Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen: „Nun sind wir ja da“

Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen: „Nun sind wir ja da“
Foto: © Cradle to Cradle e.V

Fast sieben Jahre hat es gedauert, bis die Cradle-to-Cradle-Konferenz nach Berlin gekommen ist. Nun hat sie‘s endlich geschafft: Promis aus Politik und Popkultur, Professoren und PR-Profis referierten,  diskutierten und stellten sich den Fragen der Zeit: Ist Cradle to Cradle die Zukunft, wenn Produkte kompostierbar werden? Kriegen wir die Klimakrise damit in den Griff? Und welche Rolle spielen hierfür die kreativen Märkte? Wir sprachen darüber mit den Veranstaltern Nora Sophie Griefahn und Tim Janßen von der C2C-Konferenz.

 

INTERVIEW   Jens Thomas

 

CCB Magazin: Hallo Nora und Tim, der Cradle-to-Cradle-Kongress fand erstmals in der Urania in Berlin statt. Warum musste diese Stadt so lange darauf warten, bis der Kongress den Weg in die Hauptstadt fand?

Tim Janßen:Nun sind wir ja da. Das Ganze hatte auch einen Vorlauf: Wir haben im September 2019 bereits das C2C LAB in Berlin eröffnet. Das LAB dient uns als Head Office für inzwischen 20 feste Team-Mitglieder, es ist aber auch ein Bildungszentrum und Reallabor. Die bisherigen C2C-Kongresse fanden an der Leuphana Universität Lüneburg statt. Das hatte den Grund, dass an der Universität zu Cradle to Cradle geforscht wird und in Lüneburg die erste Regionalgruppe von uns gemeinsam mit Ehrenamtlichen gegründet wurde. Dass wir nach Berlin kamen, war im Grunde eine Frage der Zeit, weil wir uns noch stärker in die politische Diskussion rund um den Klimaschutz einmischen wollen. Und wir sind froh, dass es nun geklappt hat.

CCB Magazin: Was ist denn das Dringliche an diesem Thema? Warum braucht es einen Kongress zum Schwerpunkt Cradle to Cradle?

Nora Sophie Griefahn:Wir brauchen einen Wandel. Deutschland, das Mutterland der Mülltrennung, produziert so viel Abfall wie kein anderes Land in Europa. 2017 waren es 412 Millionen Tonnen. Und Gesetzesvorhaben wie der Green Deal der EU und das Klimapaket der Bundesregierung gehen aus unserer Sicht zwar in die richtige Richtung. Sie reichen aber nicht aus. Was bisher als Kreislaufwirtschaft firmiert, beschäftigt sich erst mit einem Produkt, wenn es schon da ist – viel zu spät. Cradle to Cradle setzt darum schon bei der Entwicklung des Produkts an. Und die Rohstoffe zirkulieren dazu entweder in technischen Kreisläufen oder sie gehen zurück in die Biosphäre. Dass mittlerweile hochrangige Politiker*innen wie Bundesumweltministerin Svenja Schulze, die Parlamentarische Staatssekretärin im Bundeswirtschaftsministerium, Elisabeth Winkelmeier-Becker, Ministerialdirektor Gunther Beger aus dem Entwicklungsministerium und die EU-Politikerinnen Sarah Wiener und Delara Burkhardt beim Kongress als Diskutant*innen aufgetreten sind, zeigt, dass das Thema über die Parteigrenzen hinweg bei den politischen Entscheidern angekommen ist.

Jede Veränderung braucht Zeit, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind und Neues meist erst einmal scheuen. C2C ist demnach ein umfassender und langfristiger Ansatz, eine Lösung für die drängenden Umweltprobleme der Zukunft 

CCB Magazin: Das C2C -Verfahren ist nicht neu. Entwickelt hat es der deutsche Chemiker Michael Braungart Ende der 1990er Jahre. Warum hat es so lange gedauert, bis das Thema in die Öffentlichkeit kam?

Tim Janßen:Jede Veränderung braucht Zeit, weil wir Menschen Gewohnheitstiere sind und Neues meist erst einmal scheuen. C2C ist ein umfassender und langfristiger Ansatz, um eine Lösung für die drängenden Umweltprobleme zu finden. Und das, ohne dabei weitere Probleme zu schaffen. Wir als C2C-NGO arbeiten jeden Tag daran, dass C2C in der Zivilgesellschaft wahrgenommen wird und sich in politischen Rahmenbedingungen sowie in Produkten und Dienstleistungen in allen Wirtschaftssektoren niederschlägt.

CCB Magazin: Wenn ihr euch den Markt anschaut: In welchen Bereichen ist Cradle to Cradle schon etabliert? Wo hingegen noch nicht und was sind die Gründe dafür?

Nora Sophie Griefahn:C2C ist überall anwendbar – in manchen Bereichen gibt es schon viele Produkte, in anderen müssen wir noch daran arbeiten und forschen. Ganz vorne firmiert sicherlich die Textilindustrie: Zu den bekanntesten Firmen mit Endkundengeschäft zählen C&A, Lidl oder Trigema. Hier werden bereits Textilprodukte nach C2C entwickelt und produziert.  Das heißt, inklusive der Farben, die in den C2C-Produktreihen für den Textildruck verwendet werden, sind Shirts oder Schlafanzüge komplett kreislauffähig beziehungsweise biologisch abbaubar. Auch von der Werner & Mertz GmbH (Frosch-Reinigungsprodukte) gibt es mittlerweile viele Produkte, die vom C2C Products Innovation Institute nach C2C zertifiziert sind. In das Bauwesen ist C2C ebenfalls schon ziemlich weit vorgedrungen. Unser C2C LAB in einer Ostberliner Platte wurde zum Beispiel komplett nach C2C saniert, die Teppiche binden Feinstaub und sind wiederverwertbar, die Fenster, Böden und Kabel wurden so verbaut, dass sie wieder komplett rückbaubar und kreislauffähig sind. Das Bauwesen ist insgesamt ein riesiger Hebel, auch im kommunalen Bereich, um bei Umwelt- und Klimaschutz einen großen Schritt voranzukommen. Der Bereich steht weltweit für etwa die Hälfte des gesamten Müllaufkommens. Das sind alles positive Entwicklungen. Hier müssen wir weitermachen.

CCB Magazin: Und in welchen Bereichen geht’s nicht voran?

Tim Janßen:In hochtechnologischen Branchen steckt C2C noch in den Kinderschuhen. Im Automobilsektor etwa gibt es nur wenige Produkte, die nach C2C-Standards zertifiziert sind, oder diesen entsprechen. Ein Beispiel ist der Autozulieferer ZF Friedrichshafen, der nach C2C zertifizierte Kupplungsdeckel herstellt. Das hat sicherlich auch mit der Größe vieler dieser Konzerne zu tun, die es schwer macht, grundlegende Innovationen wie C2C schnell umzusetzen. Zudem ist es für Unternehmen einfacher und günstiger, einen schönen Nachhaltigkeitsbericht zu erstellen und sich Ziele zur Reduktion der CO2-Emissionen zu setzen, als an ihre Produktpalette ranzugehen, und diese nach C2C neu zu denken. Aus unserer Sicht ein Fehler. Denn erstens entscheiden sich immer mehr Endverbraucher dafür, wirklich nachhaltige Geschäftsmodelle zu unterstützen. Zweitens ist echte Kreislauffähigkeit beispielsweise bei Versicherungen heute bereits ein Kriterium dafür, als wie nachhaltig ein Unternehmen eingestuft wird. Und das hat dann ganz konkrete finanzielle Auswirkungen bei jenen Firmen, die Green Washing betreiben.

CCB Magazin: Viele Wirtschaftstheoretiker fordern, dass die Wirtschaft von morgen auf weniger Ressourcenverbrauch sowie auf Teilen und Tauschen basieren muss. Andere, wie der Wirtschaftswissenschaftler Heiner Flassbeck, mahnen an, dass in einer funktionierenden Wirtschaft auch gekauft werden müsse, damit der Binnenmarkt gestärkt bleibt. Löst Cradle to Cradle genau dieses Problem? Können wir in Zukunft wieder konsumieren, ohne dass uns der Mehrkonsum um die Ohren fliegt? 

Nora Sophie Griefahn:C2C zielt darauf ab, dass bei Produktion und Konsum kein Abfall mehr entsteht. Das heißt, es findet keine Wertung von Konsum an sich statt. In unserer aktuellen Welt ist es aber leider so, dass jeder Konsum etwas Negatives mit sich bringt, weil damit die Entstehung umweltschädlicher Produkte verbunden ist. Es gibt also keine echte Wertschöpfung, sondern vor allem sogenannte Schadschöpfung. Wenn sich C2C also künftig in der Breite durchsetzen würde, gäbe es keine Schadschöpfung mehr – weil Produktion und Konsum einen positiven Fußabdruck hinterlassen und alles entweder in einem technischen oder einem biologischen Kreislauf gehalten wird. Diese echte Wertschöpfung wird natürlich auch über den Markt geregelt, heißt: Es kann nach wie vor sein, dass jemand beispielsweise Schminke als grundsätzlich überflüssig erachtet. Aber bei Produktion und Konsum von Kosmetikprodukten entstehen kein Abfall und keine Schadstoffe mehr, sie werden unter Nutzung Erneuerbarer Energien und ohne Wasserverschwendung hergestellt.

Um C2C-Produkte zu fördern, sollten sie von der Mehrwertsteuer befreit werden; Unternehmen dagegen müssen wieder selbst für die Entsorgungskosten ihrer Produktionsabfälle verantwortlich gemacht werden

CCB Magazin: Die kreativen Märkte gelten oft als Vorreiter neuer Trends. Cradle to Cradle ist gerade im Bereich Mode aber auch im Produktdesign schon länger Thema – und vor allem werden darüber neue Geschäftsmodelle entwickelt, mit denen sich Kreative von der Konkurrenz abheben können. Haben Kreativschaffende in Zukunft das Nachsehen, weil sie sich gegen die Großen kaum behaupten können, wenn Cradle to Cradle Standard wird?

Tim Janßen:Das würde ich so nicht sehen. C2C ist ein Qualitätsstandard und hat für uns zunächst auch nicht zwangsläufig etwas mit der Kreativwirtschaft zu tun. Aber ja: Die Entwicklung von C2C-Produkten ist ein kreativer und innovativer Vorgang. Kulturkonzepte bleiben aber auch mit C2C erhalten. Darum werden sich auch Kleinere immer gegen Größere durchsetzen können – zumindest dann, wenn sie etwas Anderes, etwas Besonderes erschaffen. Das gilt aber unabhängig von C2C.

CCB Magazin: Wie wird sich der Markt weiterentwickeln und welche Regelungen oder Gesetzesinitiativen braucht es, damit wir auch noch morgen so richtig cradeln können?

Nora Sophie Griefahn:Wir müssen Anreize setzen, damit progressive Ansätze wie C2C zum Vorteil werden. Das funktioniert am besten über die Besteuerung, etwa durch eine reduzierte Umsatz- oder Mehrwertsteuer oder die Befreiung für Produkte, die nach C2C hergestellt wurden. Zudem plädieren wir dafür, die Produktverantwortung wieder beim Hersteller anzusiedeln. Derzeit werden beispielsweise Entsorgungskosten für Produktionsabfälle von den Unternehmen externalisiert und müssen so von der Gemeinschaft getragen werden. Das kann nicht so bleiben. Diese Kosten müssen nach dem Verursacherprinzip von den Herstellern getragen werden.


 

Rubrik: Innovation & Vision

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