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Frauke Hille: „Im Idealfall Dünger“

Frauke Hille: „Im Idealfall Dünger“
Foto: © Katrin Schmötzer

Bücher, die man guten Gewissens wegschmeißen kann, selbst wenn sie gut sind? Mit Cradle to Cradle, kurz C2C, wird das möglich: Bücher werden kompostierbar, zu Biomasse. Der Oetinger Verlag hat im vergangenen Jahr zwei solche Kinderbücher herausgebracht. Sind das die Bücher der Zukunft? Wie produziert man C2C? Und warum machen das nicht alle Verlage? Ein Gespräch mit Frauke Hille, Produktionsleiterin bei der Verlagsgruppe Oetinger.
 

INTERVIEW   Boris Messing

 

CCB Magazin: Hallo Frau Hille, ihr Verlag hat zwei biologisch abbaubare Kinderbücher herausgebracht. Sind das die ersten Bücher, die sich selbst zersetzen, bevor man sie irgendwann wegschmeißen will? 

Frauke Hille:Nein, zum einen sind wir auch nicht der erste Verlag und nicht der erste aus dem Bereich Kinder- und Jugendbuch, der C2C-zertifizierte Bücher produziert. Zum anderen zersetzen sich diese Bücher auch nicht einfach von allein. Es gibt also keinen „Selbstzerstörungs-Mechanismus“, bei dem sich das Buch nach X Jahren in Luft auflösen würde. Aber wenn man die Bücher irgendwann wegschmeißen will, dann sind sie kein Müll. Sie können teilweise wiederverwertet und die Reststoffe in den biologischen Kreislauf zurückgeführt werden. Allerdings macht es keinen Sinn, Bücher in der Natur zu entsorgen, weil ein Frischfaserpapier bis zu sieben Mal recycelt werden kann.

CCB Magazin: Ok, um was geht es dann beim C2C? Und was beinhaltet das Cradle-to-Cradle-Certified (TM)?

Frauke Hille:Beim C2C geht darum, dass die Reststoffe, die bei der Aufbereitung von Altpapier für neues Recyclingpapier anfallen, biologisch abbaubar und im Idealfall Dünger werden. Und das C2C-Zertifikat bezieht sich nicht nur auf die ökologische Produktion, es geht also nicht nur um die Wiederverwertung von Produkten. Es geht auch um die Verwendung sicherer und gesunder Materialien und Rohstoffe. Es geht um den sorgfältigen Umgang mit Wasser und Energie und um soziale Verantwortung. Zusammengefasst handelt es sich dabei um einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz, um faire Löhne, faire Arbeitsverhältnisse, um die soziale Nachhaltigkeit, die man nachweisen muss.

CCB Magazin: Das C2C -Verfahren ist nicht neu. Entwickelt hat es der deutsche Chemiker Michael Braungart Ende der 1990er Jahre. Erst jetzt setzt sich das Thema aber in der breiten Öffentlichkeit durch. Wie läuft so eine C2C-Produktion ab? Was muss alles bedacht werden? Welche Materialien werden verwendet?

Frauke Hille:Für die C2C-Produktion setzen wir auf zertifizierte Partner in der Druckindustrie. Alle Inhaltsstoffe der verwendeten Materialien werden nach human- und ökotoxikologischen Kriterien bis zum letzten Sublieferanten geprüft – nur was für Mensch, Tier und Natur gesund ist, darf Teil der Druckprodukte sein. Das Produzieren von Büchern ist ein Multifaktoren-Prozess. Vielfältigste Materialien müssen nicht nur für sich allein die Kriterien erfüllen, sondern auch in ihrer Wechselwirkung untereinander oder im Zusammenspiel mit den verarbeitenden Maschinen. Für uns als Verlag ist daher klar, dass wir dies nur mit verlässlichen Profis erreichen können. Wir arbeiten dazu mit der Druckerei gugler in Österreich zusammen, die mit viel Pioniergeist bereits seit 2011 C2C-zertifiziert ist. 

Bei der C2C zertifizierten Buchproduktion handelt es sich um einen ganzheitlichen Nachhaltigkeitsansatz: faire Löhne, faire Arbeitsverhältnisse und soziale Nachhaltigkeit, die man nachweisen muss

CCB Magazin: Wie lange dauert es normalerweise, bis der Zersetzungsprozess einsetzt?

Frauke Hille:Dazu müssen bestimmte Rahmenbedingungen wie Temperatur, Feuchtigkeit oder Zersetzungsbakterien gegeben sein. Ohne diese Rahmenbedingungen ist ein C2C-zertifiziertes Buch so langlebig wie jedes andere Buch auch.

CCB Magazin: Was kostet eine C2C-Produktion? Spare ich Geld oder muss ich drauflegen?

Frauke Hille:Die Frage nach den konkreten Kosten lässt sich pauschal nicht beantworten, dafür sind Bücher einfach zu unterschiedlich. Wenn die C2C-Produktion günstiger wäre als herkömmliche Produktionen, dann würden wir dieses Interview wahrscheinlich nicht führen. Heißt: Die Auflagen, die ein C2C-zertifiziertes Produkt erfüllen muss, sind aufwändig. Die muss man natürlich bezahlen. Und dadurch sind die Produktionskosten höher.

CCB Magazin: Merkt denn der Verbraucher überhaupt, dass es C2C ist? Sieht das Buch anders aus? Hat es eine andere Haptik?  

Frauke Hille:Der Leser merkt keinen Unterschied zwischen Büchern, die als C2C produziert sind und solchen, die es nicht sind. Wenn kein entsprechendes Label darauf hinweist, ist kein Unterschied wahrnehmbar.

Wenn die C2C-Produktion günstiger wäre als herkömmliche Produktionen, dann würden wir dieses Interview nicht führen

CCB Magazin: Wie haben sich ihre beiden C2C-Bücher verkauft?

Frauke Hille:Wir sind sehr zufrieden. Wir haben mit unseren Büchern – „Paulas Reise oder Wie ein Huhn uns zu Klimaschützern machte“ von Jana Steingässer und „Unsere Zukunft ist jetzt! Kämpfe wie Greta Thunberg fürs Klima“ – genau den Nerv der Zeit getroffen und freuen uns, dass wir damit viele Kinder und Familien begeistern und inspirieren können.

CCB Magazin: Warum bringen nicht alle Verlage solche Bücher heraus? Woran hängt‘s?

Frauke Hille:Es gibt nicht viele Druckereien, die überhaupt C2C-zertifizierte Bücher produzieren können. Es ist also schon mal eine Frage der vorhandenen Fertigungskapazitäten. Natürlich sind aber die Mehrkosten der relevantere Faktor.

CCB Magazin: Die Hexe aus Hänsel und Gretel gilt als Pionierin des nachhaltigen Bauens. Wann stellt der Oetinger Verlag das erste Kinderbuch zum Essen her?

Frauke Hille:Wenn die Geschichten, die wir erzählen, die Herzen und Köpfe der Menschen erreichen, dann haben wir unser Ziel erreicht. Den Magen sollten wir anderen überlassen.

Rubrik: Innovation & Vision

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