Digitalisierung, Corona Zurück

Julian Adenauer: "Wir müssen hier ganz neue Wege finden"

Die Neue Virtuelle Wirklichkeit - Teil 1

Julian Adenauer: "Wir müssen hier ganz neue Wege finden"
Foto: © Retune

Über Wochen waren alle dicht: die Museen, Theater, Kinos und Konzertsäle, die Opernhäuser und Designstudios, Bars, Clubs und Galerien. Tür zu – und dann auch wieder nicht. Denn viele trotzen dem Shutdown. Sie bewegen sich von der analogen in eine virtuelle Welt, sie machen da weiter, wo sie vor der Krise aufgehört haben – nur im Netz. In einer neuen Reihe stellen wir die nächsten Wochen und Monate diese Neue Virtuelle Wirklichkeit vor: Wie sieht sie aus? Wie fühlt sie sich an? Wie verändert Corona Offline-Formate? Heute an der Reihe: Kunst und Design am Beispiel von Retune
 

Text Boris Messing

 

Julian Adenauer hebt das Telefon ab und kommt kaum zu Wort. Die Fragen und nicht enden wollenden Erklärungen seiner kleinen Tochter sind auch am andern Ende der Leitung gut zu hören. Zwischen dem mitteilungsbedürftigen Gequassel einer vermutlich 5-Jährigen versucht er es dann trotzdem: Julian Adenauer gibt zunächst ein paar originelle Sätze von sich. Dann sagt er „Moment“ - und gibt schließlich auf. „Meine Tochter muss dir unbedingt was sagen“. Wir reden weiter, kommen zum Thema: Die Corona-Krise und ihre Folgen - und zu seinem Projekt Retune. 

Retune, das ist nicht irgendwas in der Stadt. Es ist einer der führenden Digitalformate an der Schnittstelle von Kunst und Design in Berlin - gegründet hat sie der heute 34-jährige Mechatroniker Julian Adenauer 2012.  Retune geht es derzeit wie vielen: Man verlegt das ganze Leben irgendwie ins Netz. Die Plattform für digitale Kunst und Design, die sich mit den Themen Internet of Things, Augmented Reality und Künstlicher Intelligenz befasst und dazu Festivals, Workshops und Ausstellungen konzipiert, hat mit Crowdcast eine Lösung gefunden, wie sie das Business am Laufen halten kann. Zumindest teilweise. Denn Festivals und größere Veranstaltungen werden in den nächsten Monaten vermutlich weiterhin nicht möglich sein. Nicht nur der direkte Austausch an Ideen und Konzepten geht so verloren, auch die Finanzierung durch Förderung und Sponsoring ist dadurch gefährdet. 

Fotos: Retune


Julian Adenauer fing damit an, robotische Kunstinstallationen zu kreieren und hatte bald darauf mit einem Kumpel die Idee, ein Festival auf die Beine zu stellen, das sich mit ihren Lieblingsthemen rund um VR, Künstlicher Intelligenz und anderen technologischen Themen befassen sollte. Seitdem haben Hunderte von Designern, Künstlern und Techfreaks an seinen Veranstaltungen teilgenommen, um die Rolle von Design, Kunst und Kultur in der Zukunft auszuloten. Die Chancen der Digitalisierung sieht er prinzipiell positiv: „Durch eine Umstellung auf digitale Formate vergrößern wir den möglichen Publikumskreis über die Stadtgrenzen auf eine globale Ebene. Gleichzeitig ist aber auch die Konkurrenz und der Kampf um Aufmerksamkeit global.“

Vor Corona bestand ein Großteil unserer Aktivitäten darin, Menschen zusammenzubringen. Durch die veränderte Situation müssen wir jetzt ganz neue Wege gehen

 

Seit 2014 gehören auch die Studio Visits, bei denen immer einem anderen Berliner Designstudio ein Besuch abgestattet wird, zum festen Programm von Retune. „Vor Corona bestand ein Großteil unserer Aktivitäten darin, Menschen zusammenzubringen. Durch die veränderte Situation müssen wir nun neue Wege finden, um kreativen Austausch zu ermöglichen“, erklärt er. Durch Crowdcast hat Julian diese Besuche nun einfach ins Netz verlegt. Mitte April fand der erste virtuelle Studio Visit statt. Crowdcast funktioniert ähnlich wie eine YouTube-Live-Session: die Broadcaster stehen im Mittelpunkt, in einer Seitenleiste können die Zuschauer kommentieren und miteinander chatten. Auch Umfragen und Meinungsbilder sind so möglich, einzelne Zuschauer können zudem in den Mittelpunkt zu den Broadcastern eingeladen werden. Das garantiert eine lebendige Kommunikation. 150 Zuschauer verfolgten den ersten virtuellen Studio Visit, bei den analogen Besuchen sind es sonst nicht mehr als 50. Julian war so davon begeistert, dass er die Studio Visits jetzt nicht nur monatlich, sondern alle zwei Wochen ausrichten will. Der Vorteil: die Designstudios müssen sich nicht auf Berlin beschränken, das nächste Anfang Mai beispielsweise wird aus London sein. Der Nachteil: durch die Crowdcast-Studio-Visits fließt kein Geld in die Kasse, die virtuellen Besuche sind umsonst. 

Durch die Umstellung auf digitale Formate vergrößern wir den möglichen Publikumskreis über die Stadtgrenzen. Gleichzeitig steigt die Konkurrenz und der Kampf um Aufmerksamkeit

Julian Adenauer hat Glück, durch seine Gastprofessur an der Kunsthochschule Weißensee ist er finanziell unabhängig. Durch die virtuellen Studio Visits will er am Ball bleiben. Außerdem kooperiert Retune gerade mit dem Goethe-Institut in Montreal zum Thema Erklärbarkeit des Klimawandels durch VR und AR. Das Projekt hätte eigentlich schon im Mai starten sollen, musste wegen Corona aber ins Ungewisse verschoben werden. Bis dahin wird Julian gewiss nicht langweilig werden, der Vater einer kleinen Tochter wird bald erneut Vater und plant bereits das nächste Retune-Festival, das Ende dieses Jahres stattfinden soll. Hoffen wir das Beste. 

Rubrik: Specials

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