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Frank Joung: Keine halben Sachen machen

Frank Joung: Keine halben Sachen machen
Foto: © Frank Joung

Frank Joung ist gebürtiger Hannoveraner und Wahlberliner mit koreanischen Wurzeln. In seinem Podcast „Halbe Katoffl“ spricht er mit Deutschen mit Migrationshintergrund über ihren Alltag zwischen zwei Kulturen. Dafür wurde er 2018 sogar für den Grimme-Online-Award nominiert. Was macht der Podcaster in Zeiten von Corona? Ist jetzt die Zeit für die nächste Podcastwelle? Und überhaupt, wie lebt man vom Podcasting? Ein Gespräch über traumatische Erlebnisse, Podcast-Millionen – und Markus Lanz.
 

INTERVIEW   JENS THOMAS 

 

CCB Magazin: Hallo Frank. Du bist Podcaster mit Herz und Verstand, du machst keine halben Sachen, dein Podcast heißt aber „Halbe Katoffl“. Um was geht es dabei? 

Frank Joung: Ich spreche in meinen Podcasts mit Deutschen, die nichtdeutsche Wurzeln haben. Es geht um ihr Leben, ihren Alltag, um ihre Anekdoten und Erfahrungen. Es sind aber weniger Frage-Antworten-Interviews, sondern lockere, persönliche Gespräche.

CCB Magazin:Deine Eltern kommen beide aus Korea, du selbst bist in Hannover geboren und aufgewachsen. Ist das auch ein ganz persönliches Anliegen, das Thema Bi-Nationalität oder Bi-Kulturalität über einen Podcast in die Öffentlichkeit zu bringen? 

Frank Joung:Ja klar. Wobei das „Halbe“ ja nur eine Annäherung ist. Viele vereinen sogar drei Kulturen oder noch mehr in sich. Rund ein Viertel der Deutschen hat noch andere kulturelle Wurzeln, aber Deutschland tut sich immer noch schwer, braune, schwarze oder asiatisch aussehende Menschen als Deutsche zu akzeptieren. Die klassischen Storys sind dann oft auch aus einer weißen Sicht geschrieben, da geht’s dann immer um dieselben Themen: die Aufstiegs-Feel-Good-Story, Berichte über kriminell gewordene „Ausländer“ oder „Fremde“ oder Geschichten über meist sehr eindeutige rassistische Vorfälle. Mir fehlte die Mitte: Geschichten über die alltäglichen persönlichen Erfahrungen von Halben Katoffln. Wie gehen sie damit um, zwischen den Stühlen zu sitzen? Es geht aber explizit nicht die ganze Zeit um Rassismus. Wir lachen auch viel und manchmal liegen Komik und Tragik nah beieinander. Da hilft es, glaube ich, dass ich als Moderator selbst eine Halbe Katoffl bin und mich gut in mein Gegenüber hineinversetzen kann.

Die klassischen Storys sind oft aus einer weißen Sicht geschrieben. Mir fehlte da die Mitte: Geschichten über die alltäglichen persönlichen Erfahrungen von Halben Katoffln. Genau die erzähle ich mit meinem Podcast

CCB Magazin:Welche Geschichte hat dich am meisten bewegt? 

Frank Joung:Ach, da gibt es so viele. Jasmin Blümel-Hillebrand zum Beispiel hat brasilianisch-sächsische Wurzeln. Als sie 15 war, haben Nazis sie mit Benzin übergossen und versucht sie anzuzünden – niemand hat ihr geholfen. Es war ein traumatisches Erlebnis, aber sie hat daraus letztendlich eine große Stärke gezogen. Ich glaube daran, dass jede*r eine interessante Lebensgeschichte hat. Die Moderatorin Aline Abboud zum Beispiel, die plötzlich im Urlaub im Libanon in den Krieg gerät. Oder Shugaa Nashwan, der aus dem Jemen stammt und als blinder Judoka die deutsche Nationalmannschaft vertritt und in Japan ein Referat über den Holocaust hält. Aber es geht auch um kleine Details: eritreische Lasagne, crazy Autofahrten durch die mongolische Wüste oder missglückte deutsche Sprichwörter. Für mich geht’s darum, zu verstehen, was Menschen bewegt. Ich will nicht bewerten, warum sie was gemacht haben und was nicht.

CCB Magazin:Jetzt ist erst mal Corona-Krise. Podcasts boomen aber schon seit Jahren. Laut Studien hört mittlerweile jeder Zweite Podcasts. Die Podcast-Vermarktung steckt aber noch in den Kinderschuhen – viele Angebote sind kostenfrei, leben können davon nur die wenigsten. Jetzt, wo kürzlich das ganze Leben zum Erliegen kam und der halben Bundesrepublik die Decke auf den Kopf fiel – ist nun die Zeit für die nächste große Podcastwelle gekommen, an der Podcaster so richtig Geld verdienen?

Frank Joung:Naja, gerade am Anfang der Corona-Pandemie hatte ich schon den Eindruck, dass auch die letzten auf den Podcastzug aufgesprungen sind - was ich gut finde. Das hat aber wahrscheinlich weniger mit Geldverdienen zu tun. Podcasts haben eben den Vorteil, dass sie vergleichsweise leicht von zu Hause aus und mit wenigen Mitteln zu realisieren sind. Aber wenn man jetzt als Hobbypodcaster schnell auf tausende potente Werbepartner hofft, sollte man nicht zu enttäuscht sein. Denn viele Unternehmen leiden ja derzeit unter der Krise. Einen Podcast sollte man in erster Linie machen, weil man Bock drauf hat. Und wenn er sehr gut ist, kann man es vielleicht auch schaffen, davon zu leben.

CCB Magazin:Brechen dir denn durch Corona aktuell Aufträge weg? Und kannst du vom Podcasting leben? Wie finanzierst du dich? 

Frank Joung:Durch die Pandemie sind mir natürlich einige Aufträge flöten gegangen. Ich hatte zunächst sogar Soforthilfe II beantragt und das Geld überraschend schnell bekommen, das hab ich jetzt aber einfach wieder zurückgezahlt. Ich wusste einfach nicht, ob ich das behalten kann, wenn ich doch nebenbei Geld verdiene. Denn bei mir läuft es schon ganz gut, es kann natürlich noch besser werden. Immerhin habe ich es geschafft, Halbe Katoffl über die Jahre als Marke aufzubauen und im Zuge dessen auch Vorträge, Kooperationen, Workshops und andere Aufträge zu bekommen. Mein Glück war, dass ich von Anfang an auch auf die Crowd gesetzt habe. Über die Plattform Steady biete ich sogenannte Mitgliedschaften an, das ist letztlich wie ein Abo. Hier kann man Unterstützerpakete mit lustigen Namen wie „Pommes“, „Kartoffelpuffer“ oder „Gemüsekiste“ buchen. Bei Pommes würde man mir dann 2,50 Euro monatlich zukommen lassen, die Puffer „kosten“ 4,50 Euro. Die Community hilft mir also enorm, den Podcast als solchen nicht zum Minusgeschäft werden zu lassen. Dafür bin ich sehr dankbar. Derzeit kommen so fast 500 Euro nur durch die Hörerschaft zusammen. Manche überweisen auch Geld per Überweisung oder Paypal.

CCB Magazin:Ein Problem ist bislang, dass sich Podcaster hierzulande gegenüber großen Anbietern wie Audible, Spotify sowie gegen die Öffentlich-Rechtlichen nur schwer durchsetzen können – ganz anders als in den USA, wo es nicht wenige Podcast-Millionäre gibt. Was ist deiner Meinung nach der Grund dafür?

Frank Joung:Also, so wie ich das sehe, galten Podcasts lange eher als ein Nischenformat. Das waren nicht selten Nerds, die vor dem Mikro ihr Ding gemacht haben. Dann erst wurde es nach und nach zu einem Massenmedium und größere Anbieter haben den Markt entdeckt. Die Öffentlich-Rechtlichen sind auf den Zug aufgesprungen. Und das ist gut und weniger gut zugleich. Denn einerseits sind Anbieter wie Spotify, Audible und die Öffentlich-Rechtlichen ja durchaus potente Geldgeber und Projektunterstützer. Andererseits haben sie ganz andere Marketingmöglichkeiten für die eigenproduzierten Podcasts und drängen somit kleinere Eigenproduktionen ins Aus. Aber ich finde das grundsätzlich erst einmal gut, dass jetzt viele auf Podcasts setzen und auch mehr und mehr Geld im Spiel ist. Das bedeutet ja auch, dass der Markt attraktiv ist. Bis es bei uns reine Podcast-Millionäre gibt, wird es aber wohl noch etwas dauern und selbst in den USA ist bei Weitem nicht jede*r Podcaster*in Millionär*in. 

CCB Magazin:Gib doch mal einen Tipp bitte: Was macht einen guten Podcast aus? Auf was muss man achten? Und wie erreicht man seine Zielgruppe? 

Frank Joung:Einen Podcast zu machen ist grundsätzlich sehr einfach. Das geht theoretisch mit dem Smartphone. Einen guten Podcast zu machen, das ist allerdings nicht so leicht. Gerade jetzt, wo viele thematische Felder abgesteckt sind, braucht man eine klare Idee. Man sollte sich fragen: Wie kann ich mich hervorheben? Was will ich vermitteln und an wen richtet sich der Podcast überhaupt? Ich weiß, das klingt nach boring Businesstalk, ist aber tatsächlich sehr wichtig. Auch die Tonqualität wird immer wichtiger. Wenn ich mich beim Hören anstrengen muss oder es ständig knackt und rauscht, dann macht es keinen Spaß. Das ist aber an sich leicht zu lösen – auch mit wenig Geld. Entscheidender ist: Man sollte sich vor allem klar sein, was man genau will, welche Fähigkeiten man hat und woran man Spaß hat, auch auf lange Sicht. Sonst geht einem ziemlich schnell die Puste aus.

CCB Magazin:Und wie sieht so dein Arbeitsalltag aus? 

Frank Joung:Ich bin ständig am Tun und Machen. Wenn man einen eigenen Podcast hat, ist man, salopp gesagt, eigentlich immer entweder vor, beim oder nach dem Gespräch. Das heißt: Entweder in der Planung, Produktion oder Nachbereitung. Ich mache viel alleine, aber die Gespräche und Websitetexte müssen auch redaktionell geprüft werden. Das macht meine Kollegin Simone, die auch noch mehrere Stunden mitarbeitet. Dann kommen noch die Pflege der Social-Media-Kanäle und externe Angelegenheiten wie Presseanfragen, Vorträge halten, Seminare geben und das Entwickeln eigener Ideen dazu. Langweilig wird es nicht.

CCB Magazin:Frank, das klingt gut. Wie geht’s weiter mit dir und der Halben Katoffl? Du warst bereits für den Grimme-Online-Award nominiert. Wann sitzt du endlich bei Markus Lanz und sprichst über die Post-Corona-Zeit, in der alles gut wird?

Frank Joung:Ich hoffe inständig, dass die Corona-Zeit schnell vorbeigeht, auch wenn das anscheinend noch eine Weile dauern wird. Und wenn ich irgendwann bei Markus Lanz sitzen sollte, dann hoffentlich nicht wegen Corona. Aber ja, ich hoffe, dass Halbe Katoffl noch wachsen kann. Ich freue mich über weitere schöne Gespräche und ich gehe mehr und mehr in die Podcastberatung. Ich bin auch gerne in Schulen und Unternehmen und erkläre, wie man Podcasts macht. Hätte ich nie gedacht: Aber selbst Vorträge machen mir Spaß. Ein Traum wäre und da war ich auch schon mit anderen BiPoC-Podcasts im Gespräch: Wir wollen ein diverses BiPoC-Podcastfestival auf die Beine stellen. Wenn das mal soweit sein sollte, kann mich Markus Lanz gerne einladen.

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