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Was guckst du?

Was guckst du?
Foto: © die Balkone

Kunst kennt keine Grenzen. Und wenn Ausstellungen vor Ort gerade nicht mehr möglich sind, dann eben von zu Hause - und zwar vom Balkon. Die Kuratorinnen Joanna Warsza und Övül Ö. Durmusoglu haben das Projekt „Die Balkone“ ins Leben gerufen, bei denen Künstler aus aller Welt ihre Balkone im Prenzlauer Berg zum Kunstobjekt erhoben haben. Wie ging das vor sich? Und wozu? Das haben wir die beiden gefragt. 
 

INTERVIEW   BORIS MESSInG 

 

CCB Magazin: Hallo Joanna und Övül. Ihr habt das Projekt „Die Balkone“ im Berliner Stadtteil Prenzlauer Berg ins Leben gerufen. Wie kamt ihr auf die Idee?  

Joanna: Es passierte in den ersten Wochen der Quarantäne. Uns wurde klar, dass wir umso mehr Intimität und Kontakt brauchten, je isolierter wir uns fühlten. Also beschlossen wir, uns - in sicherer Entfernung - in einem Park in unserer Nachbarschaft zu treffen. Wir saßen auf einer Bank und sprachen über Hoffnung, was uns schließlich zu den Balkonen und ihrer politischen Bedeutung als Orte der Widerstandskraft und des gleichzeitig Öffentlichen wie Privaten führte. Balkone stehen für Offenheit und Hoffnung, aber auch für Plattformen des Autoritarismus und der Überlegenheit. 

Övül:Auf dem Balkon schnappt man frische Luft, genießt die Sonne oder raucht eine Zigarette. Sie haben sich von Luxusobjekten zu Symbolen der Demokratisierung verwandelt. Heute hat jede Architekturschule ihre eigene Art, Balkone zu gestalten. Jeder hat seine eigene Art, sie zu bewohnen. Deshalb haben wir beschlossen, die Künstler, Schriftsteller, Architekten, Choreographen, die in unserem Viertel Prenzlauer Berg leben, einzuladen, um am Osterwochenende in einer Art öffentlicher Ausstellung Lebenszeichen auf ihren Balkonen und Fenstern zu teilen. Uns wurde klar, dass dies der Moment war: Wir befanden uns alle in Quarantäne und reisten einmal nicht hektisch umher, wie es unsere Arbeit normalerweise erfordert.

CCB Magazin:Wie viele Künstlerinnen und Künstler haben mitgemacht und wie habt ihr sie für das Projekt gewonnen?

Joanna:Wir begannen mit unseren Freunden, die wiederum andere Freunde einluden und so weiter. Unsere Idee verbreitete sich sehr schnell. In weniger als fünfzehn Tagen brachte unsere Nachbarschaftsinitiative die Menschen näher zusammen, als jede reguläre zeitgenössische Kunstveranstaltung. Sie brachte unbekannte Nachbarn dazu, sich zu begegnen und ließ verschiedene Kunstgemeinschaften miteinander verschmelzen. Immerhin nahmen über 50 Künstlerinnen und Künstler samt ihren Familien daran teil. Ohne Budget, ohne Eröffnung und ohne Menschenmassen verwandelte sich das Projekt in einen intimen Kunst-Spaziergang. Tausende von Menschen verließen ihre vier Wände und kamen vorbei. Wir waren tief bewegt von der warmen Reaktion und der großen Neugierde. Um die Privatsphäre der partizipierenden Künstler zu schützen, erstellten wir einfach eine anonyme Karte mit Punkten der in der Gegend lebenden Künstler, ohne sie namentlich zu nennen. 

Auf dem Balkon schnappt man frische Luft, genießt die Sonne oder raucht eine Zigarette. Balkone stehen aber auch für Autoritarismus und Überlegenheit, für Offenheit und Hoffnung. Und wir machen daraus Kunst


CCB Magazin:Es gibt Fotos und auch Videoaufnahmen der künstlerisch gestalteten Balkone. Sind die irgendwo archiviert oder waren sie nur bei einem Spaziergang zu bestaunen?

Joanna:Wir arbeiten derzeit an unserer Website. Das Projekt ist viral geworden und es gibt vieles, was man im Netz bereits finden kann. Auf unserer Facebook-Seite zeigen wir die Dokumentation, aber auch einige andere relevante Dinge über öffentliche Kunst und verschiedene ähnliche Projekte.

CCB Magazin:Habt ihr dafür Geld genommen? 

Övül:Natürlich nicht! Wir müssen in diesem Zusammenhang betonen, dass wir es prinzipiell nicht gut finden, wenn künstlerische Arbeit nicht bezahlt wird. Aber es gibt seltene Situationen, in denen man etwas tut, allein weil es richtig ist. Situationen, in denen der wirtschaftliche Aspekt keine Rolle spielt. Das Projekt "Die Balkone" bewies uns, dass Kunst tatsächlich eine Möglichkeit sein kann, Freiheit innerhalb der Enge zu schaffen. Eine Möglichkeit, Beziehungen und Erzählungen zu gestalten, Intimität zu schaffen, Angst zu überwinden und gemeinsam Momente der Öffentlichkeit zu schaffen. Denn was ist in der Kunst im öffentlichen Raum tatsächlich öffentlich? Vielleicht ist es die seltene Fähigkeit trotz sozialer Isolation, einen Moment der Zusammengehörigkeit und Hoffnung zu schaffen und dabei auch daran zu denken, niemanden zurückzulassen.  

CCB Magazin:Ihr seid beide Kuratorinnen. Was habt ihr vorher an Projekten gemacht?  

Joanna:Ich habe mich schon immer dafür interessiert, wie Kunst außerhalb der weißen Wände funktioniert. Ich arbeite gerne in den Museen, aber noch mehr außerhalb von ihnen. In den letzten Jahren war ich künstlerische Leiterin von Public Art München 2018 und habe von Tiflis, Gwangju oder meiner Heimatstadt Warschau aus in vielen verschiedenen Städten und Kontexten gearbeitet.

Övül:Als Kuratorin mache ich Ausstellungen und öffentliche Programmgestaltungen. Ich und Joanna sind beide unabhängige Kuratorinnen. Trotzdem hängt unsere Arbeit von vielen Faktoren ab: von Stipendien, Stimmungen, Umständen, Begegnungen, Gefälligkeiten und Interessen. Und doch gibt es etwas, das uns immer dazu bewogen hat, zumindest teilweise (neben unseren jeweiligen Lehraufträgen) so zu bleiben, wie wir sind und die Nähe zu den Positionen der Künstler und ihrer Verletzlichkeit zu suchen.  

CCB Magazin:Glaubst du, dass die aktuelle Krise die Arbeit von Museen und Galerien verändern wird? Und wenn ja, was könnte sich verändern? 

Joanna:Wir werden oft gefragt, worin sich dieses Projekt von dem unterscheidet, was wir vorher gemacht haben. Lass mich dazu folgendes sagen: Die Fragen, die unsere Initiative auch aufwirft, betreffen das Vokabular der Produktion und Kuration von Ausstellungen. In der professionellen Kunstwelt neigen wir dazu, viele Dinge zu vergessen. Eines davon ist die Freude und der Sinn der Kommunikation. Wir tun zu viel, zu schnell und zu hektisch. Jetzt, mit der erzwungenen Verlangsamung, offenbart sich die Kunst im öffentlichen Raum als Teil der Heilung, als Mittel zur Herstellung fantasievoller Formen von Öffentlichkeit in einer Zeit, in der viele Zusammenkünfte für die kommenden Monate riskant sein könnten. Sie bietet sich als ein Medium an, um miteinander in Beziehung zu treten und Menschenansammlungen zu vermeiden. Es kommt als mächtige Instanz hervor, um Öffentlichkeit neu zu gestalten, um Formen oder Pflege, Unterstützung und gesellschaftliches Wohlergehen oder einfach nur eine zufällige Begegnung zu schaffen. Was ist Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit in der öffentlichen Kunst? Welche Rolle spielt die Kunst bei der Konstruktion der öffentlichen Sphäre und der Gesellschaft im Allgemeinen? Viele von uns, nicht nur Kulturschaffende, haben das Bedürfnis, sich in diesem Moment zu verorten, auf der Suche nach ontologischer Bedeutung außerhalb der Museen in den unheimlichen Stadtlandschaften. Dies ist eine außergewöhnliche Gelegenheit für die Kunst, die Hand auszustrecken, unsere gegenseitigen Abhängigkeiten zu überdenken. "Die Balkone" als eine spontane Kunstaktion in der Öffentlichkeit ließ uns wieder glauben, dass Kunst tatsächlich ein Weg sein kann, Freiheit innerhalb der Enge zu schaffen. Ein Weg, um Beziehungen zu gestalten, Intimität neu zu verstehen, Angst zu überwinden und Momente des Zusammenseins zu schaffen.

CCB Magazin:Habt ihr schon ein neues Projekt, das ihr in Angriff nehmen wollt? 

Övül:Wir sind dabei, ein informelles Kollektiv von "Die Balkone" zu gründen, um weiterhin im öffentlichen Raum in Berlin und anderswo zu arbeiten. Die Pandemie soll ein Weg sein, die Kunst und insbesondere die Kunst im öffentlichen Raum neu zu denken.  

CCB Magazin:Joanna und Övül, vielen Dank für das Gespräch. Friede sei mit euch.

Rubrik: Specials

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