Nachhaltigkeit, Karriere, Finanzierung, Vernetzung, Digitalisierung, Beratung, New Work, Corona Zurück

Vierter Branchentreff Literatur: "Wir beobachten eine große Solidarität unter Literaturschaffenden"

Vierter Branchentreff Literatur: "Wir beobachten eine große Solidarität unter Literaturschaffenden"
Foto: © Nico Scagliarini für Hafenlesung

Am Wochenende findet der Vierte Branchentreff Literatur statt – coronabedingt komplett im Netz. Wie sieht die Zukunft des Literaturbetriebs aus? Welche Modelle braucht es? Wie verändert Corona die Branche? Ein Gespräch mit Philipp Böhm und Linde Nadiani aus dem Veranstaltungsteam der Lettrétage.
  

INTERVIEW   Jens Thomas UND FABIAN HAAS 


 

CCB Magazin: Philipp und Linde, am kommenden Freitag startet der diesjährige Branchentreff Literatur, normalerweise von Angesicht zu Angesicht, diesmal auf Distanz im Netz. Fühlt sich das komisch an? 

Philipp Böhm: Kommunikation und Austausch per Zoom sind auch für uns zum Alltag geworden in den vergangenen Wochen. Deshalb haben wir uns sicherlich zum Teil daran gewöhnt. Allerdings ist die Frage „Wie fühlt sich das an?“ genau die, die wir uns auf dem Branchentreff stellen wollen. Corona und die damit einhergehenden Absagen sämtlicher Kulturveranstaltungen haben ja für so etwas wie eine „Digitalisierung im Zeitraffer“ geführt – auch in der Literaturszene. Auf einmal ploppten überall digitale Literaturveranstaltungen auf, die sich jetzt teilweise professionalisieren. Aber nach der anfänglichen Euphorie bleibt trotzdem die Frage im Raum: Was kann digital stattfinden, was muss analog bleiben? Diese Frage wird übrigens momentan in der gesamten Literaturszene diskutiert. 

Linde Nadiani: Den Branchentreff komplett digital stattfinden zu lassen, ist uns nicht leicht gefallen. Wir hätten natürlich lieber mit allen Teilnehmer*innen vor Ort diskutiert und uns ausgetauscht. Das gehörte in den letzten Jahren auch immer zum Branchentreff dazu: dass er eben die Solo-Selbstständigen der Literatur zusammenbrachte. Wir denken aber, dass das Programm, das wir zusammengestellt haben, sehr gut digital funktioniert. 

Oben auf dem Bild: Linde Nadiani, im Gespräch mit Creative City Berlin. Foto: Jetmir Idrizi

CCB Magazin:Was sind denn die Schwerpunkte in diesem Jahr? Und inwiefern spielt das Thema Corona eine Rolle?
 
Linde Nadiani: Die Corona-Krise hat die Wichtigkeit bestimmter Themen noch einmal verdeutlicht und auch klar gemacht:  Die Welt – gerade die der Literatur – wird höchstwahrscheinlich nicht mehr dieselbe sein wie vorher. Unser Ansatz war dann, in der Krise nach vorne zu schauen und uns zu fragen: Was wird sich ändern? Was wollen wir ändern? Was aus der Zeit davor wollen wir auf keinen Fall zurückhaben? Wie könnte eine faire und nachhaltige Literaturwelt nach Corona aussehen? Daraus haben sich drei Themenblöcke entwickelt – Digitalisierung, Diversität, Arbeitsverhältnisse – , die wir allesamt auf die Literaturbranche übertragen wollen.

Philipp Böhm: Konkret geht es dabei um alternative Formen des Zusammenarbeitens im Literaturbetrieb, durch die Gründung einer Genossenschaft etwa. Oder um ganz praktische Fragen, die sich bei digitalen Literaturveranstaltungen neu stellen: Wie sieht es mit Datenschutz und Urheberrecht aus? Diversität ist schon länger ein Thema, das die Literaturszene beschäftigt. Auf dem Branchentreff wollen wir das einerseits politisch-institutionell diskutieren – am Freitag gibt es zum Beispiel eine Arbeitsgruppe, die sich mit dem Berliner Literaturfördersystem auseinandersetzt – , aber auch ganz praktisch: Das „Büro für vielfältiges Erzählen“ ist mit zwei Workshops auf dem Branchentreff vertreten. Dort geht es dann um handwerkliche Fragen: Wie kann ich so schreiben, dass ich keine Stereotypen reproduziere?

Corona hat in der Literaturszene zu einer Digitalisierung im Zeitraffer geführt. Die Welt - gerade in der Literatur - wird mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht mehr dieselbe sein wie vorher

CCB Magazin:Nachhaltigkeit und die Digitalisierung stehen in diesem Jahr im Fokus, dabei geht es vor allem um faire Arbeitsbedingungen und neue Wirtschaftsbeziehungen. Welche neuen Modelle braucht es hier für den Literaturbetrieb? Wie tief trifft die Corona-Krise Autoren und Verlage? 

Linde Nadiani: Die Corona-Krise hat gerade die Autorinnen und Autoren hart getroffen – wegen ausfallender Veranstaltungen, wegfallender Aufträge und Honorare zum Beispiel. Und das in einer Zeit, in der die meisten Freelancer im Literaturbereich ohnehin prekär leben. Auf dem Branchentreff wollen wir deshalb auch das Konzept „Selbstständigkeit“ grundsätzlich diskutieren. Die Leitfrage ist bewusst provokant „Wie neoliberal sind wir?“ Machen wir nicht zum Teil dieselbe Arbeit, die früher festangestellte und sozialversicherte Journalist*innen oder Lektor*innen gemacht haben? Externalisieren nicht unsere Auftraggeber*innen ihr Risiko auf uns? Verschiedene Workshop-Leiter*innen haben dazu unterschiedliche Antworten parat und machen Vorschläge, wie alternative Modelle aussehen könnten. Das fängt mit einer individuellen Übersetzer*innenförderung an, geht über die Entwicklung digitaler Plattformen bis hin zum Modell eines bedingungslosen Grundeinkommens. Verlage haben natürlich andere Reserven, aber auch hier hat es viele hart getroffen. Unser Fokus beim Branchentreff liegt jedoch auf den Solo-Selbstständigen.

CCB Magazin:Ein Schwerpunkt liegt auf neuen Streaming-Formaten. In der Musikbranche gelten Streamingdienste seit Jahren als wirtschaftlicher Heilsbringer, Musiker verdienen daran aber kaum etwas – oder zu wenig. Wie ist die Situation in der Literaturszene? Welche Dienste gibt es? Wie verdienen Literaten daran? 

Philipp Böhm: Während Corona wurden in diesem Zusammenhang viele Formate ausprobiert. Viele der neuen digitalen Veranstaltungsreihen waren aber bewusst auf eine bestimmte Zeit beschränkt. Wir haben sehr viel Experimentierfreude gesehen, viel Bereitschaft, sich auf neue Bedingungen einzustellen, aber auch viele Fragezeichen. Auch die Bezahlmodelle sind momentan noch nicht wirklich ausgereift. Viel funktionierte über Spendenaufrufe bzw. dadurch, dass die „klassische“ Literaturförderung einsprang. Wir sind hier erst am Anfang. Genau das wollen wir auf dem Branchentreff diskutieren. 

CCB Magazin:Am ersten Veranstaltungstag findet abends auch ein Workshop zu sensibler Sprache statt. Was darf man sich darunter vorstellen? 

Linde Nadiani: Der Workshop wird von Johanna Faltinat und Letícia Milano vom „Büro für vielfältiges Erzählen“ angeboten. Die Initiative setzt sich für ein literarisches Erzählen ein, das nicht diskriminierend ist und die Vielfalt der Gesellschaft zur Sprache bringt. Diversität ist darüber hinaus für den gesamten Literaturbetrieb ein drängendes Thema. Das hat uns auch in unserem Projekt immer wieder beschäftigt. Auf dem letzten Jahr stand etwa eine Podiumsdiskussion zum Thema „Gendergerechtigkeit in der Literaturszene“ auf dem Programm. Wir denken aber, dass man das Thema weiter fassen muss. Und das betrifft ganz verschiedene Aspekte: von Verlagsprogrammen über die Zusammensetzung von Förderjurys bis hin zur Barrierefreiheit von Veranstaltungsorten und Veranstaltungsinhalten. Konkrete Maßnahmen sind wichtig, aber auch ein Kulturwandel ist gefragt. 

CCB Magazin:Zeichnet abschließend doch mal ein Zukunftsbild: Was wird nach Corona bleiben, was negative Auswirkungen für den Literaturbetrieb hat, was wendet sich zum Guten? 

Linde Nadiani: Was sich in der Krise gezeigt hat, war eine große Solidarität unter Literaturschaffenden und den zugehörigen Institutionen. Das war wichtig und wir hoffen, dass das so bleibt. Ich denke, die klassischen Lesungen werden zurückkehren, aber erweitert um digitale Vernetzungsangebote. 

Philipp Böhm: Die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Krise stehen ja zu einem Gutteil noch aus. Da kommt noch einiges auf uns zu und ich denke dann wird es wichtig sein, dass sich die Literaturszene nicht von anderen Teilen der Gesellschaft isoliert in ihren Forderungen, sondern schaut, wo die Änderungen alle betreffen. Also konkret: sich nicht abgrenzen, sondern solidarisch bleiben. Nicht nur künstlerische oder kreative Selbstständige sollten in der Krise Support bekommen, sondern alle.  

Rubrik: Specials

rss

Schon gelesen?

schließen
schließen