Digitalisierung, New Work, Corona Zurück

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Foto: © René Löffler

Die Corona-Krise trifft die Literaturszene hart. Das Literarische Colloquium Berlin (LCB) am Berliner Wannsee geht in die Offensive: In Kooperation mit dem rbb läuft die neue Podcast-Reihe "Weiter lesen": Autoren stellen ihre Bücher im Netz vor, der rbb kommentiert - und die Autoren werden dafür bezahlt. Wir sprachen mit Programm-Manager Thomas Geiger vom LCB über Programm, die Veränderungen durch Corona und warum eine Rückkehr an den Wannsee nur eine Frage der Zeit ist.
 

INTERVIEW   Fabian HAAS 


 

CCB Magazin: Hallo Thomas, normalerweise ermöglicht das LCB Autoren und Autorinnen ihre Werke am idyllischen Wannsee vorzustellen. Bedingt durch Corona bietet ihr diese Option nun gemeinsam mit rbb Kultur in Form der Podcast-Reihe "Weiter lesen" an. Um was geht es hier? Wer kommt wie zu Wort?  

Thomas Geiger:Wir wollen mit dieser Sendung Autorinnen und Autoren sowie ihren Büchern in Zeiten der Coronakrise Öffentlichkeit verschaffen. Die Aufzeichnung ist zugleich in einer mitunter etwas längeren Version als Podcast-Reihe abonnierbar. Das Konzept ist nicht kompliziert, die Autorinnen und Autoren lesen aus neuen Büchern, Redakteurinnen des rbb-Kulturradio führen Gespräche mit den Verfasserinnen und jeweils ein Dritter oder eine Dritte kommentieren das Buch, das im Zentrum der Sendung steht. Die Redakteurinnen Natascha Freundel und Anne-Dore Krohn sprechen mit Autoren und Autorinnen über die Lust am Schreiben und die Schwierigkeiten, diese Lust in Corona-Zeiten am Leben zu erhalten, wenn der Austausch im öffentlichen Raum einfach nicht mehr stattfinden kann. Schriftsteller*innen sowie Literaturexpert*innen wie Antje Rávik Strubel, Beatrice Faßbender, Hanne Reinhardt, Thorsten Dönges und auch ich schildern ihre Lektüreeindrücke. Es gibt bei dieser Podcast-Reihe wie im richtigen Leben alle möglichen Varianten der Erzählung.

Wir wollen mit unserer Sendung eine neue Öffentlichkeit in Zeiten der Coronakrise schaffen. Und es ist schon kurios, dass die Autoren Texte teils unter einer Bettdecke lesen, damit es nicht so hallt

CCB Magazin:Ihr habt in einem der Podcasts darauf hingewiesen, dass man sich in Zeiten von Corona immer mal auf technische Aussetzer oder Improvisation einstellen muss. Gibt es denn eine kuriose Situation, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist? 

Thomas Geiger:Da gibt es so einige. Kurios ist es ja schon, dass die Autoren Texte teils unter einer Bettdecke lesen, damit es nicht so hallt, aber mit den digitalen Geräten kann man schon erstaunlich viel machen. Und die Hörer wissen ja, dass die Gespräche und Aufzeichnungen unter suboptimalen Bedingungen entstehen. Die Autorinnen und Autoren, die wir bisher gefragt haben, waren auch wirklich froh, in dieser Zeit der Absagen eine Auftrittsmöglichkeit zu haben. Sie machen so wie viele andere das Beste daraus, was man aus dieser Situation machen kann. 

CCB Magazin:Lesungen sind live und in echt – und im Anschluss vorbei. Ist es denn ein Vorteil für den Leser, dass er das Podcast im Anschluss downloaden und sich dadurch mit dem Werk umso intensiver auseinandersetzen kann? Oder geht der öffentliche Diskurs durch die einseitige Kommunikation gerade erst verloren?
 

Normalerweie wird am LCB von Angesicht zu Angesicht gelesen: Hier zu sehen die Autorin Mariam Rasheed bei der Literaturport-Hafenrevue 2018. Foto: © René Löffler

Thomas Geiger vom LCB. Foto: LCB 

Thomas Geiger:Intensive Auseinandersetzung geschieht durch das Lesen des ganzen Buches. Dazu wollen wir anregen. Die längere Verfügbarkeit im Netz dient meines Erachtens eher der Vergrößerung der Reichweite der herkömmlich ausgestrahlten Sendung. Ich denke niemand hört sich den Podcast mehrmals an. Aber vielleicht wird er ja mit Bekannten geteilt. Und das Tolle ist: bislang kommt die Reihe auch bei den Autoren gut an. Es gab bisher nur einen älteren Schriftsteller, der sich der technischen Seite der Aufzeichnungen nicht stellen wollte, das war aber keine grundsätzliche Kritik an der Reihe. Natürlich wissen alle Beteiligten, dass eine direkte Begegnung von Schreibenden mit ihrem Publikum nicht ersetzbar ist. Coronabedingt gibt es derzeit aber auch nicht allzu viele Lösungen. 

Ich glaube nicht an eine grundsätzliche Veränderung durch Corona. Digitale Lesungen erreichen auch kein Riesenpublikum, denn es fehlt die persönliche Begegnung. Wahrscheinlich werden wir künftig aber mehr Veranstaltungen streamen, auch wir arbeiten an virtual residencies. Und wir planen schon jetzt Picknicklesungen in unserem Garten

CCB Magazin:Was verdienen die Autoren an der Kooperation? Werden sie entlohnt? 

Thomas Geiger:Ja, es werden Honorare bezahlt. Über Geld werde ich aber öffentlich nicht sprechen, nur so viel: alle bekommen das Gleiche und niemand hat sich bisher über die Höhe beschwert. Denn das sind ja die zwei Hauptgründe des Projekts: Öffentlichkeit für neue Bücher herstellen und Autorinnen und Autoren sowie deren Verlage wenigstens ein paar Einnahmen zukommen zu lassen.
 
CCB Magazin:Die Coronakrise trifft den Kulturbetrieb hart: Messen und Lesetouren werden reihenweise abgesagt, Streaming-Plattformen wie Twitch erleben dagegen einen Run. Wie wird Corona die Literaturszene langfristig verändern? Werden Podcasts das Buch verdrängen? Werden digitale Lesungen Standard? Könnten die veränderten Rahmenbedingungen sogar dazu führen, dass eBooks jetzt noch mehr Zulauf als vor der Krise erhalten? Oder droht eine neue Verarmungswelle für Autoren? Die Präsidentin des PEN-Zentrums Deutschland, Regula Venske, setzt sich aktuell für ein staatliches Gehalt für notleidende Autoren ein.

Thomas Geiger:Ich glaube nicht an eine grundsätzliche Veränderung durch Corona. Digitale Lesungen gab es vorher, gibt es jetzt und wird es weiterhin geben. Ein Riesenpublikum erreichen sie meiner Meinung nach nicht, denn es fehlt die persönliche Begegnung, nicht nur mit der Autorin oder dem Autor und dem Interessenten, sondern vor allem auch mit dem Publikum, das sich nach einer Lesung noch einmal untereinander austauscht und seine Impressionen teilt. Und ja, Bücher werden wenigstens noch verkauft. Jährlich sind das in Deutschland um die 80.000 Buchtitel. Theater, Kino, Clubs und Konzerte haben dagegen seit Wochen einen Totalausfall. Und was die Digitalisierung langfristig bringt? Ebooks geistern ja schon seit Jahren durch die Presse, aber außer einem eher literaturfernen Großverkäufer aus Seattle, der plötzlich lieber in Toilettenpapier macht statt Bücher verkauft, werden nach wir vor die meisten Roman- und Lyrikleser zu realen Büchern greifen – der Anteil von Ebooks am Buchmarkt liegt seit Jahren bei schmalen fünf Prozent. Verarmungswelle ist mir im Moment noch ein zu großes Wort. Immerhin ist es das erste Mal in der Geschichte, dass freie Künstler überhaupt eine Förderung jenseits der Sozialhilfe bekommen und bestimmt kann man da noch mehr machen. Aber staatliche Gehälter für freie Autoren, Publizisten oder auch bildende Künstler entziehen sich meiner Vorstellungskraft. Wer soll festlegen, wer Künstler ist? Der Staat und seine Organe? Das staatliche, kommunale und private Fördern von Kunst durch viele, ja sehr viele, mit Preis- und Stipendienvergaben durch Fachjurys oder durch Mäzeninnen und Mäzene scheint mir da immer noch der bessere Weg. Insgesamt können wir alle nur hoffen, dass wir bald wieder eine neue Normalität haben, die der alten nicht allzu fern ist. Und ich plädiere insgesamt für eine steuerliche Entlastung der freien Künstler und für eine zeitweise Entlastung bei Beiträgen in die KSK. 

CCB Magazin:Das LCB ist 2013 schon 50 Jahre alt geworden. Ihr bietet Lesungen, Workshops und Lesereihen über das ganze Jahr an. Ihr seid für den Berliner Literaturbetrieb in etwa das, was Franz Beckenbauer für den FC Bayern ist. Wie geht's weiter beim LCB? Habt ihr neben dem Podcast bereits neue Ideen oder Formate? Wie wird Corona auch euch und eure Arbeit langfristig verändern?

Thomas Geiger:Zunächst mal ist das für mich als Mitglied von 1860 München ein schwieriger Vergleich. Aber im Ernst: Wir haben natürlich immer etwas im Angebot. Aktuell haben wir zum Beispiel einige neue Formate erfunden, etwa den Digital Essay. Wahrscheinlich werden wir künftig mehr Veranstaltungen streamen, ja, das wird durch Corona bleiben. Im Moment arbeiten wir auch an virtual residencies. Und für unsere ersten Veranstaltungen mit Publikum denken wir an Picknicklesungen in unserem Garten. Der ist einfach schön, da muss man mal gelesen haben. Unsere Gäste sollen dazu eine Decke mitbringen, auf jeder können zwei Zuhörer Platz finden, die Decken liegen 1,5 bis 2 Meter auseinander. Essen und Trinken soll auch mitgebracht werden. Dann kann man eigentlich nur auf die Sonne hoffen. Wenn sie scheint, kann man sehen, wie sie hinter dem Wannsee verschwindet – das ist einfach ein unglaublich schöner Moment. Das wird einem auch Corona nicht nehmen können. 

Rubrik: Specials

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