Finanzierung, Digitalisierung, New Work, Corona Zurück

Moritz Malsch: „Die Frage ist doch: Wie helfen wir uns gegenseitig?“

Moritz Malsch: „Die Frage ist doch: Wie helfen wir uns gegenseitig?“
Foto: © Jens Thomas / CCB Magazin

Auf dem Vierten Branchentreff Literatur wird dieses Jahr über Sinn und Zweck von Genossenschaften für Literaten diskutiert. Wie sinnvoll sind Genossenschaften gerade jetzt? Wie funktionieren sie? Und können sie aus der Corona-Krise helfen? Ein Gespräch über die Zukunft des Miteinanders in individualisierten Zeiten mit Moritz Malsch, Mitbetreiber der Lettrétage und Projektleiter von "schreiben&leben", der am 20. Juni auf dem Branchentreff sein Konzept für eine literarische Genossenschaft vorstellen wird. 
 

INTERVIEW   Fabian HAAS  UND Jens Thomas 


 

CCB Magazin: Lieber Moritz, du beschäftigst dich seit Jahren schwerpunktmäßig mit dem Thema Genossenschaften. Genossenschaften sind mittlerweile die mitgliederstärkste Wirtschaftsorganisation in Deutschland: Mehr als jeder vierte Deutsche ist Genosse. Auch in der Kultur- und Kreativwirtschaft sind sie immer gefragter, wobei sie in der Literaturszene so gut wie keine Rolle spielen. Oder irren wir uns da?  

Moritz Malsch:Nein, ihr irrt euch nicht. Es gibt meines Wissens auch keine literarische Genossenschaft, ich kenne nur eine kleine Lektorinnen-Genossenschaft in Südtirol, die gleichzeitig zum Verlag wurde. Es gibt im künstlerischen Bereich allerdings schon Ansätze – die Smart-Genossenschaft zum Beispiel, die sich um Sozialversicherungsfragen von Künstlerinnen kümmert. Bei Smart kann man sich sogar fest anstellen lassen oder als Selbstständiger Mitglied werden – man zahlt dann sieben Prozent an Genossenschaftsgebühr von seinen Nettoeinnahmen. Ein anderes Beispiel ist Fairkultur. Diese Genossenschaft hilft Bildenden Künstlern dabei, ihr künstlerisches Projekt zu entwickeln und zu finanzieren. Dieses Projekt stellen wir am 20.6. auf unserem Branchentreff Literatur vor. 

CCB Magazin:Für alle die nicht wissen, was eine Genossenschaft überhaupt ist oder wie sie in der Literaturszene funktionieren kann: Was macht eine Genossenschaft aus? 

Moritz Malsch:Eine Genossenschaft ist zunächst genau wie eine GmbH oder eine Aktiengesellschaft eine Unternehmensrechtsform. Die Besonderheit ist, dass anders als bei den genannten Rechtsformen das Stimmrecht an die Person gebunden ist. Bei einer AG hat der das Sagen, der die Mehrheit der Anteile besitzt. Bei der Genossenschaft hat jeder Anteilseigner – jeder Genosse – genau eine Stimme, unabhängig davon, wie viele Anteile er innehat. Die Idee dahinter ist, dass bei Genossenschaften nicht die Renditemaximierung im Vordergrund steht, sondern der Nutzen für die Mitglieder. In der Praxis – nehmen wir zum Beispiel Genossenschaftsbanken, die viele vielleicht kennen – kauft man also in der Regel einen Anteil, weil man eine bestimmte Dienstleistung in Anspruch nehmen möchte. Das Geld, das man eingezahlt hat, bildet das Grundkapital des Unternehmens. Das Ziel bei der Einzahlung ist aber nicht, dass der Wert meines Anteilsscheins unbedingt steigen muss, sondern dass ich die Dienstleistung des Unternehmens – in diesem Fall eine Bankdienstleistung – möglichst kostengünstig und in hoher Qualität in Anspruch nehmen kann.

Moritz Malsch, hier in Aktion - und im Gespräch mit Creative City Berlin. Fotos: Andrew Grauman


CCB Magazin:Es gibt ja verschiedene Genossenschaftsarten. Welche macht denn für Literaten und Literatinnen am meisten Sinn? 

Moritz Malsch:Das lässt sich pauschal nicht sagen. Wie viele Künstler und Kulturschaffende haben auch Autoren oft einen klammen Geldbeutel. Sich ganz auf sein Werk konzentrieren zu können, bedeutet in vielen Fällen also auch, günstig zu leben. Hier können beispielsweise Wohnungsbaugenossenschaften ins Spiel kommen, die zum Ziel haben, ihren Mitgliedern preisgünstigen Wohnraum zu verschaffen. Oder auch Genossenschaftsbanken, die auch Leuten mit magerem Portemonnaie einen Kredit ermöglichen wollen. Genossenschaftsbanken und Wohnungsbaugenossenschaften lassen aber wenig echte Mitbestimmung zu. Wir von der Lettrétage wollen darum im Rahmen des Projekts „schreiben&leben“ die Gründung einer echten literarischen Produzentengenossenschaft unterstützen und durch Beratung und externe Expertise zur Seite stehen. 

Nicht die Renditemaximierung steht bei Genossenschaften im Vordergrund, sondern der Nutzen für die Mitglieder. Es geht darum Ressourcen zu bündeln, bestimmte Leistungen gemeinsam einzukaufen und lästige Rahmenbedingungen für Literaten so zu organisieren, dass sie sich voll auf ihr Werk konzentrieren können

CCB Magazin:Und wie sieht so eine Produzentengenossenschaft genau aus? 

Moritz Malsch:Wir haben uns einfach gefragt, was Autorinnen davon abhält, morgens aufzustehen, die Kaffeemaschine anzuschmeißen und einfach loszuschreiben. Da haben wir eine ganze Menge gefunden. Mit Schreiben seinen Lebensunterhalt zu verdienen, bedeutet nämlich nicht nur, sich hinzusetzen – morgens, abends, nachts – und tolle Geschichten aufzuschreiben. Es beinhaltet auch das ganze Drumherum, die Rahmenbedingungen. Also Dinge wie Außendarstellung, Lesungen, Akquise, Buchhaltung, Inkasso und andere oftmals als lästig empfundene Dinge mehr. Da kommt unsere literarische Genossenschaft zum Tragen: Die Idee ist, ähnlich wie bei einer agrarischen Produzentengenossenschaft, unsere Ressourcen zu bündeln. Es geht darum, bestimmte Leistungen, wie die oben genannten, gemeinsam „einzukaufen“. Die Genossenschaft organisiert all diese ungeliebten Nebenbereiche, die Rahmenbedingungen, und der einzelne Lektor oder die Autorin können sich dann ganz auf ihr Werk konzentrieren. Daneben erhalten die Mitglieder auch fachlichen Austausch, Feedback und Möglichkeiten zur Weiterbildung. Diese Form der Zusammenarbeit, so die Idee, verbessert die gesamte Situation, es entlastet die Mitglieder von ungeliebten Tätigkeiten, sorgt für faire Bezahlung und befördert die persönliche berufliche Weiterentwicklung. Und über die geschäftliche Richtung, die das Unternehmen einschlägt, entscheiden alle gemeinsam.

CCB Magazin:Das klingt alles schön und gut. Jetzt mal Hand aufs Branchenherz, wo liegen denn die Fallstricke und Risiken? 

Moritz Malsch:Das Problem ist bislang, dass die Eintrittshürden bei Genossenschaften zu groß sind: es braucht einen klar strukturierten finanziellen Plan, bei der Gründung auch einen Vorstand und einen Aufsichtsrat. Außerdem muss man eine Generalversammlung auf die Beine stellen. Das klingt erst mal nach viel Bürokratie, und das ist es auch. Zumal das Risiko natürlich mit der Komplexität der ganzen Unternehmung steigt. Ein Risiko könnte zum Beispiel sein, dass die Genossenschaft defizitär und damit nicht rentabel ist. Hier muss man natürlich von vornherein klären, ob es für die Genossenschaftsmitglieder in dem Falle eine Nachschusspflicht gibt, ob sie also noch einmal einen bestimmten Betrag drauflegen müssen, wenn das Geld alle ist. Auf der anderen Seite kann es sein, dass das von vornherein ausgeschlossen wird mit dem Risiko, dass das Geld dann irgendwann weg ist. Eine Kollegin von mir hat es einmal so formuliert: es gibt die Arbeit in der Genossenschaft und die Arbeit an der Genossenschaft. Jeder, der beteiligt ist und dem sie am Herzen liegt, muss auch eine gewisse Bereitschaft mitbringen, weil er zugleich Unternehmer oder Unternehmerin in der Genossenschaft ist. Man muss bereit sein, auch für die Organisation Zeit zu investieren und an Entscheidungsprozessen mitzuwirken. Insgesamt aber, und davon bin ich überzeugt, ist der Nutzen größer als die Nachteile.

CCB Magazin:Aber kann nicht genau der Gegensatz zwischen Kollektiv und Individuum zu Interessenskonflikten führen? Man baut eine Genossenschaft ja nicht nur zusammen auf, alle werden auch am Wachstum beteiligt. Ich stelle mir das schwierig vor, wenn Autor XY, der sehr viel Geld verdient und viel Eigenkapital in die Genossenschaft einbringt, zum Schluss das Gleiche an Gewinnbeteiligung erhalten soll wie Autor ZP, der gerade mal am Existenzminimum vorbeischrammt. Gibt es hier individualistischen Spielraum oder unterschiedliche Lohnmodelle? 

Moritz Malsch:Ja, die gibt es. Eine literarische Produzentengenossenschaft arbeitet kollektiv, aber nicht kollektivistisch. Grundprinzip ist wie bei jedem Unternehmen, dass man für die Leistung bezahlt wird, die man erbringt. Ein sozialer Faktor – beispielsweise das Pooling des Risikos, wie erfolgreich bestimmte geschäftliche Aktivitäten oder Publikationen sind – ist durchaus denkbar, das muss nur genau austariert werden. Folgende Fragen sind im Vorfeld zu klären: Sollen alle Lektorinnen das gleiche Honorar erhalten, egal wie viel der Auftraggeber zahlt? Sollen erfolgreiche Autorinnen den weniger erfolgreichen etwas von ihren Einnahmen abtreten? Für diese Entscheidungen ist viel Arbeit im Vorfeld nötig. Ja, die Genossenschaft verfolgt insgesamt das Ziel, das Arbeitsleben für die Solo-Selbstständigen erträglicher und menschenfreundlicher zu machen. Das heißt aber nicht, dass alle Einkommensunterschiede zwangsläufig nivelliert werden müssen. Und es bedeutet genauso wenig, dass man alle beruflichen Tätigkeiten im Rahmen der Genossenschaft angehen muss – man kann durchaus nebenher auch noch weiterhin selbstständig tätig sein.

CCB Magazin:Aktuell fliegt uns aber noch Corona um die Ohren. Hat es einen Grund, dass ausgerechnet jetzt Genossenschaften auf dem Vormarsch sind? Steigt in Krisensituationen womöglich das Verlangen nach einem solidarischen Miteinander? 

Moritz Malsch:Das kann natürlich sein. Corona wirft die Frage nach sozialer Gerechtigkeit neu auf. Bei der Genossenschaft geht es primär um pragmatische Lösungen: Wie helfen wir uns gegenseitig? Müssen wir alles alleine schaffen? Und gerade die Digitalisierung macht seit Jahren vieles schneller und unüberschaubarer, da brauchen auch Solo-Selbständige ein unterstützendes Gerüst – das können Genossenschaften sein. Eine Genossenschaft, die mir sehr am Herzen liegt, ist zum Beispiel Reinblau, die im Bereich von Open-Source-Software tätig ist. Bei Reinblau sind alle sehr digitalaffin. Die Genossen sitzen auf drei Kontinenten verteilt und die Arbeit ist sehr individualisiert. So etwas ist heute möglich durch die umfangreiche Nutzung von digitalgestützten Verständigungs- und auch Managementtools: Individualisierung und neue Kollektivität, das geht heute an vielen Stellen wieder zusammen. Und das Schöne ist: Es können innerhalb der Genossenschaft auch ganz neue Jobs geschaffen werden. 

Teil einer Genossenschaft zu sein bedeutet nicht, dass man alle beruflichen Tätigkeiten innerhalb dieser Sphäre angehen muss - man kann nebenbei weiterhin selbstständig tätig sein 

CCB Magazin:Die da wären? 

Moritz Malsch:Man könnte zum Beispiel einen professionellen Vertrieb schaffen, auch eine Buchhaltung oder professionelle Öffentlichkeitsarbeit, damit sich die Freiberuflerinnen voll und ganz auf ihre eigentliche Tätigkeit konzentrieren können. Denn als Selbstständiger muss man sich heute mit sehr vielen Themen auseinandersetzen, auch mit kaufmännischen und juristischen. Themen, von denen man als klassischer Geisteswissenschaftler oder Künstler erst mal keine Ahnung hat. Dadurch, dass man in einer Genossenschaft in einer größeren Gruppe zusammenarbeitet, kann man dann auch ganz andere Auftragsvolumina stemmen und sich dementsprechend an ganz andere Kunden herantrauen. Man kann sich auch so organisieren, dass man leichter in den Urlaub gehen kann, wenn man sich wechselseitig vertritt. Die ganzen Arbeitsabläufe, die häufig bei Solo-Selbstständigen holpern, lassen sich damit ein wenig glätten. 

CCB Magazin:Abschließend noch einen Blick über den Tellerrand: Im Musikbereich versuchen neue Genossenschaften seit Jahren eine Alternative zu den immer größer werden Streaming-Giganten zu bieten – ökonomisch mithalten können sie nicht. Können Genossenschaften im Literaturbetrieb eine ernsthafte Konkurrenz zu den Big Playern wie Amazon oder Audible werden? Oder bleibt es zum Schluss bei einem kurzen aufflackernden Kampf wie bei Don Quijote gegen die Windmühlen? 

Moritz Malsch:Monopole oder Oligopole wie Amazon sind ein grundsätzliches gesellschaftliches Problem, über das man im Sinne politischer Reglementierung sprechen muss. Hier herrscht wirtschaftlich derzeit keine Chancengleichheit. Es ist daher aktuell gar kein realistisches Ziel, mit diesen Giganten mitzuhalten zu wollen. Es geht darum, Alternativmodelle zu entwickeln. Die Leute, die sich in Genossenschaften engagieren, sind eine kleine, aber wachsende Gemeinde. Sie glauben, dass es anders geht. Da muss man nicht gleich den Ehrgeiz haben, Amazon in die Knie zu zwingen. Für die Genossenschaft muss ich mich aktiv entscheiden. Dabei geht es um Qualität, um Nachhaltigkeit, um faire Arbeitsbedingungen. Kurz: um ein anderes Wirtschaften, das den Menschen in den Mittelpunkt stellt.

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