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Michael Kumpfmüller: „Der Mensch lernt erst, wenn es ihm an den Kragen geht“

Michael Kumpfmüller: „Der Mensch lernt erst, wenn es ihm an den Kragen geht“
Foto: © Joachim Gern

Michael Kumpfmüller ist Berliner Autor und hangelt sich von Erfolg zu Erfolg – angefangen mit seinem Debütroman „Hampels Fluchten“ im Jahr 2000 über „Die Herrlichkeit des Lebens“ bis hin zu „Nachricht an alle“. Wir haben uns gefragt: Was macht ein Autor eigentlich in Zeiten von Corona? Bleibt alles wie zuvor? Wie sieht das Autorenleben jetzt und in der Zukunft aus? Ein Gespräch.
 

INTERVIEW   Boris Messing   


 

CCB Magazin: Herr Kumpfmüller, guten Tag! Heute schon geschrieben?

Michael Kumpfmüller:Ja natürlich. Wie fast jeden Tag. 

CCB Magazin:Als Schriftsteller verbringt man einen großen Teil seiner Arbeitszeit allein in einem Zimmer oder an einem ruhigen Ort. Hat die Corona-Krise überhaupt etwas an ihrer Arbeitssituation verändert?

Michael Kumpfmüller:Auf den ersten Blick nein, aber in Wahrheit doch. Es kommt ja bei jedem Menschen darauf an, an welchem Punkt ihn die Krise erwischt hat. In meinem Fall ist es so, dass ich gerade ein neues Buch veröffentlicht hatte und plötzlich alle meine Lesungen ausgefallen waren. Und da war ich schon ein bisschen verzweifelt – und habe von heute auf morgen mit der Arbeit an einem neuen Roman angefangen, was ich ohne Verzweiflung und Lockdown wahrscheinlich nicht getan hätte! Den Roman hatte ich zwar schon längere Zeit in Planung, aber die allgemeine Lage, die ja nicht schön war, hat ihm vorzeitig den Anstoß gegeben. So gesehen war die Krise günstig für mich, zumal ja auch alle meine sozialen Kontakte eingeschränkt waren. Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, jemals so konzentriert und freudig und vor allem schnell geschrieben zu haben wie in den vergangenen drei Monaten.

CCB Magazin:Ein Schriftsteller, Maler oder Komponist mag es gewohnt sein, allein zu sein. Andere sind es nicht. Wie viel Zeit mit sich selbst verträgt ein Mensch? Kann zu viel Selbstreflexion nicht zur Tortur werden? 

Michael Kumpfmüller:Ich sag es mal so: Je verfallener man den Konsummöglichkeiten ist, und da zähle ich die Oper und das Theater genauso dazu wie Kinos oder Shoppingmalls, je mehr man sich also von diesen Dingen abhängig fühlt, desto unglücklicher ist man in so einer Situation. Das ist kein Vorwurf, das ist halt so. Das Erstaunliche ist dabei, dass im Wegfall die Dinge erst wieder ihren Wert bekommen. Ich finde das prinzipiell eine gute Lektion. 

Ich kann mich tatsächlich nicht erinnern, dass ich jemals so konzentriert und freudig und vor allem schnell geschrieben habe, wie in den vergangenen drei Monaten

Fotos © Joachim Gern

CCB Magazin:Einige Ihrer Lesungen sind nun ausgefallen. Wie wichtig sind Lesungen für die Eigenwerbung und den Geldbeutel eines Autors? 

Michael Kumpfmüller:Zuerst einmal: Ich liebe Lesungen, sie bereiten mir große Freude! Ich hatte an die vierzig Termine, die meisten sind ausgefallen, ein paar wurden verschoben, drei fanden im Netz statt. Eine Lesung in der Schweiz wurde bezahlt, obwohl sie nicht stattfand. Ökonomisch war das natürlich eine Katastrophe. Als ich aber eingesehen habe, dass ich die Dinge nicht ändern kann, habe ich mich gefügt – und angefangen, das neue Buch zu schreiben.

CCB Magazin:Glauben Sie, dass die Corona-Krise dazu geführt hat, dass die Menschen mehr Zeit mit Lesen verbracht haben? Der Gesamtumsatz des Buchhandels lag in Deutschland letztes Jahr bei rund 9,13 Milliarden Euro – gegenüber dem Vorjahr war das sogar eine Steigerung um rund drei Millionen Euro. Jedes Jahr gibt es in Deutschland 80.000 Neuveröffentlichungen. Wird der Buchverkauf jetzt noch mehr durch die Decke gehen? 

Michael Kumpfmüller:Nein. Das glaube ich nicht. Nun, man wird sehen. Was den Kulturbetrieb betrifft, wird sich zeigen, ob alles, was vorher war, noch sein wird – von den Buchhandlungen angefangen bis hin zu den Ausführenden. Gerade Buchhandlungen und Verlage trifft die Corona-Krise ja besonders hart. 

CCB Magazin:Sie haben in Geschichte promoviert und leben seit 1986 in Berlin. Vermutlich haben Sie den Mauerfall in Berlin selbst miterlebt und noch so einiges mehr. Wie ordnen Sie die Corona-Krise in die deutsche Geschichte ein? Auch im Vergleich zu anderen einschneidenden Ereignissen? 

Michael Kumpfmüller:Das ist nach dem Stand heute schwer zu sagen. Aber wenn es stimmt, dass wir im Zeitalter der Globalisierung im Modus der Angewiesenheit alle miteinander verknüpft sind, dann ist die Corona-Krise eine Erfahrung, die das auf sehr drastische Weise explizit macht. Wenn es irgendwann einen Impfstoff gibt, mag Corona relativ schnell aus unseren Köpfen verschwinden, aber dann bleibt ja immer noch die viel größere Frage, wie wir unseren Planeten vor uns Menschen retten können. Und da darf man gespannt sein, ob die derzeitige Pandemie zu einer neuen globalen Solidarität führt oder zur Stärkung der nationalistischen Impulse. Für beides gibt es ja Anzeichen. Krisen, egal ob private oder gesellschaftliche, sind Lernoptionen, um das Wort Chance einmal zu vermeiden. Zu einer Chance werden sie allerdings erst, wenn mehr Leute daraus lernen als nicht lernen. Wir wissen jetzt, wie verletzlich wir sind. Das ist eine gute Voraussetzung für ein lernbereites Bewusstsein.

CCB Magazin:Interessant finde ich auch, dass die Klimakrise, die ja die viel existentiellere Krise ist, im Vergleich zu Corona für uns relativ unsichtbar geblieben ist. Wir haben heiße Sommer, natürlich, aber die Folgen sind für uns trotzdem schwer zu fassen - die Verwüstung ganzer Landstriche, Konflikte um Wasser, Massenmigration und so fort. Das ist noch immer sehr abstrakt und viel schwieriger zu begreifen als Corona-Tote. Und – ach, jetzt habe ich gar keine Frage dazu. 

Michael Kumpfmüller:Macht ja nichts. Was ich zu Ihrer nicht gestellten Frage sagen kann, ist: grundsätzlich muss man zur Kenntnis nehmen, dass der einzelne Mensch, in unserem Fall der Bewohner einer hochkapitalistischen Zone des Reichtums, derzeit keinen konkreten Anlass hat, irgendetwas zu ändern, weil ihn die Folgen zu Lebzeiten womöglich gar nicht mehr treffen oder eben nur die anderen an anderer Stelle. Der Mensch lernt leider meistens erst, wenn es ihm persönlich an den Kragen geht. Die zentrale Frage ist, ob sich die Phase der Ignoranz durch die Corona-Erfahrung verkürzen lässt. Weil wir eben wissen, dass wir verletzlich sind – als Individuen und als Gesellschaft. Mein Gefühl sagt mir, dass es da einen Beschleunigungsmoment geben wird.

Man darf gespannt sein, ob die derzeitige Pandemie zu einer neuen globalen Solidarität führt oder zur Stärkung der nationalistischen Impulse. Für beides gibt es Anzeichen 

CCB Magazin:Wollen wir es hoffen. Herr Kumpfmüller, verraten Sie uns zum Schluss noch, an was Sie gerade schreiben? 

Michael Kumpfmüller:Na ja, das ist ein halbes Geheimnis. Ich schreibe einen umfänglichen Gesellschaftsroman, der in Berlin spielt und vor allen Dingen hoffentlich eins sein wird: sehr komisch. 

CCB Magazin:Oh, komisch finde ich immer schwierig. 

Michael Kumpfmüller:Ja eben, deshalb mach‘ ich’s ja. Wenn es leicht wäre, würde ich es nicht machen, dann interessiert’s mich nicht. Ich selber bin sehr vergnügt beim Schreiben, von daher gesehen bin ich zuversichtlich.

Rubrik: Im Profil

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