Digitalisierung, Corona Zurück

Kolja Kohlhoff: Aus der Not geboren, für die Zukunft gedacht

Kolja Kohlhoff: Aus der Not geboren, für die Zukunft gedacht
Foto: @ Daniel Müller

Über Wochen waren alle dicht: die Museen, Theater, Kinos und Konzertsäle, die Opernhäuser und Designstudios, Bars, Clubs und Galerien. Tür zu. Jetzt haben Museen und Galerien wieder auf. In Teil 3 unserer Reihe „Die Neue Virtuelle Wirklichkeit“ stellen wir diesmal Kolja Kohlhoff vor, selbstständige Vermittlerin von Kunst und Kultur aus Berlin: Kolja Kohlhoff macht Instagram-Führungen in der Berlinischen Galerie. Kann das eine Zukunft nach Corona sein?
 

Text Boris Messing

 

Die Pforten der meisten Museen sind noch immer verschlossen, der Glanz der Kunstwerke jedoch nicht. Zwar können die Menschen sie nicht direkt bestaunen, aber viele Museen auf der ganzen Welt haben ein digitales Angebot geschaffen, das ihren Genuss weiterhin ermöglicht. Die Ideen reichen von speziellen Apps und Podcasts, die einzelne Kunstwerke beleuchten, bis hin zu YouTube-Erklärvideos von Kunstexperten und Kuratoren. Auch ein Museum wie die Berlinische Galerie ist da mit von der Partie, sie bietet ihrem Publikum Instagram-Führungen an und erweitert damit sogar ihren Wirkungskreis.

Kolja Kohlhoff ist selbstständige Vermittlerin von Kunst und Kultur und schon seit Jahrzehnten im Geschäft. Seit vielen Jahren arbeitet sie für den Museumsdienst Berlin als Referentin im Bildungs- und Vermittlungsbereich, macht Museumsführungen mit Schulklassen und arbeitet mit der Freien Universität zusammen. Für die Berlinische Galerie hat sie jetzt aus der Not geboren drei Instagram-Führungen gemacht – allein auf weiter Flur. Bis zu 130 Menschen verfolgten die Führungen durchs leergefegte Museum auf Instagram. Bezahlen mussten sie dafür nicht. „Es erreichten uns Kommentare aus London, Krasnoyarsk, Wien, Zagreb und New York“, erzählt Kohlhoff begeistert. Das Publikum sei bunter gewesen als normalerweise, ja, das breite Interesse auch aus sehr fernen Ländern hätte sie überrascht. „Trotz der Unmöglichkeit des direkten Austausches sehe ich die Reichweite durch Instagram als eine Chance“, schließt Kohlhoff daraus. Ersetzen könne Instagram Führungen von Angesicht zu Angesicht zwar nicht. Das Setup und die Führungen liefen gänzlich unspektakulär ab: nachdem man Licht und Ton getestet hatte, filmte sie eine Kollegin einfach mit dem Handy und übertrug alles live auf Instagram. Kohlhoff ging durchs Museum, blieb vor diesem und jenem Kunstwerk stehen und erklärte. So einfach geht’s. Da kein direkter Draht zum Publikum möglich war, achtete sie besonders auf eine aussagekräftige Gestik und Mimik. Nach 24 Stunden wurde die Führung vom Instagram-Kanal der Berlinischen Galerie gelöscht – sie sollte ein einmaliges Erlebnis bleiben, wie bei einer normalen Führung.

Was passiert da? Sind das neue coronabedingte Arbeitsmodelle? Laut einer erst vor kurzem durchgeführten Studie der „Network European Museum Organisations“ (NEMO) mit knapp 1000, zumeist europäischen Museen, haben vier von fünf Museen ihr digitales Angebot wegen Corona zumindest erweitert. Umso mehr finanzielle Ressourcen bereitstanden, desto mehr wurde auch in den digitalen Bereich investiert – was sich vor allem in höheren Besucherzahlen online bemerkbar machte. Die Studie von NEMO zeigt zudem deutlich, dass eine Investition in die Digitalisierung der Museen zu einem größeren Publikum führt – im Moment natürlich noch online, weil sehr viele der an der Studie teilgenommenen Museen in den letzten Wochen durch Corona geschlossen waren. Die Frage ist aber, ob sich das jetzt und in der Zukunft nicht auch in den Besucherzahlen vor Ort bemerkbar macht, weil viele Museen wieder regulär geöffnet sind. Denn die Besucher nutzen das digitale Angebot weiter, besonders beliebt sind die Nutzung der sozialen Medien wie Facebook und Instagram sowie Video und Filme, die auf den Homepages der Museen gezeigt werden. Ist das ein Markt, der auch in Zukunft Bestand haben kann? Laut NEMO hält ein Großteil der Museen in der Krise seine festen Mitarbeiter, selbstständige Vermittlungsreferenten wie Kolja Kohlhoff dagegen stehen jetzt ohne Job da. Andererseits haben zirka 30 Prozent der Museen ihre Teams umgestellt, um das digitale Angebot zu erweitern und zu pflegen. Instagram-Führungen wie von Kohlhoff in der Berlinischen Galerie sind ein Teil davon. Bestünde künftig nicht die Möglichkeit und Chance, solche digitalen Angebote auch nach der Krise beizubehalten?

Kohlhoff macht neben Museumsführungen auch noch Seminare und Workshops im Kunst- und Kulturbereich. Mit Corona sind alle diese Aufträge weggebrochen, die Instagram-Führungen stellen deshalb eine Win-Win-Situation für alle dar – weil sie Geld verdient und das Museum seinem Bildungsauftrag nachkommt. Kohlhoff ist in dieser Hinsicht natürlich privilegiert, für die anderen knapp 200 soloselbstständigen Referenten des Museumsdiensts Berlin sieht es weniger rosig aus. Ihre bereits zuvor prekäre Arbeitssituation ist jetzt noch prekärer, manche müssen womöglich Grundsicherung beantragen oder sich von ihrem Partner finanzieren lassen. Immerhin, die Instagram-Führungen könnten ein wenig Licht ins Dunkel bringen und auch nach der Krise Bestandteil der Museumsarbeit bleiben – nicht nur als Ergänzung im Netz, sondern als zukünftige Einkommensquelle.

 

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