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Oliver Proske: „Wir müssen die Dinge völlig neu denken“

Oliver Proske: „Wir müssen die Dinge völlig neu denken“
Foto: © 2011-2016 Nico and the Navigators

Lockdown, vorzeitiges Ende der Proben, rein in die digitale Welt. Das Musiktheaterensemble Nico and the Navigators ist ein Berliner Urgestein und bringt die digitale mit der analogen Welt zusammen: Wie kommt ein Berliner Ensemble durch die Corona-Krise? Wie lässt sich die Schnittstelle von Kunst und Technik neu bedienen?  


Interview: Alina Mack

 

CCB Magazin:Hallo Oliver, du bist Mitgründer des Musiktheaterensembles Nico and the Navigators, das 1998 im Bauhaus Dessau entstanden ist und heute seinen Sitz in Berlin hat. Wie würdest du dein Ensemble beschreiben?

Oliver Proske:Wir sind ein Ensemble mit 20 Jahren Bühnenarbeit. Wir waren bisher mit über 220 Gastspielen in insgesamt mehr als 50 Städten weltweit zu sehen – unter anderem bei den Wiener Festwochen, Bregenzer Festspielen, den Niedersächsischen Musiktagen oder dem koreanischen UIMT Festival. Im Zentrum unserer Arbeit steht die Schnittstelle aus neuester Technologie und alter Bühnenkunst, wobei wir Technik auf der Bühne erst seit sechs Jahren einsetzen. Ein wichtiger Meilenstein zu Beginn unserer Arbeit war sicherlich unsere Zeit von 1999-2010. Hier begann „artists in residence“ in den Berliner Sophiensælen. Den internationalen Durchbruch hatten wir im Jahr 2000 mit der für das Berliner Theatertreffen nominierten Produktion Eggs on Earth.

CCB Magazin:Du bist ein Berliner Urgestein: Für alle, die dich noch nicht kennen: Wer bist du als Person? Wie wurdest du, was du heute bist?

Oliver Proske:Ich habe Design studiert. Während meines  Designstudiums an der Kunstakademie in Hamburg und Berlin habe ich mich aber immer auch für Naturwissenschaften interessiert. Zudem habe ich mich intensiv mit Mathematik und Computern auseinandergesetzt. Dann kam ich ans Theater. Alles nahm seinen Lauf. 

Der Blick wird durch eine Magic-Leap-Brille auf eine veränderte Wahrnehmung von scheinbar gesicherten Erkenntnissen gelenkt. Die erweiterte Realität widerspricht dem bloßen Augenschein. Der Besucher sieht immer mehr, als auf der Bühne passiert

Im Gespräch mit Creative City Berlin: Oliver Proske. Fotos: Nico and the Navigators

CCB Magazin: Eines eurer bekanntesten Stücke ist „der Verrat der Bilder“. Um was geht es da? Was erleben die Besucher?

Oliver Proske: Das Stück entstand im Zusammenhang mit dem 100sten Jubiläum vom Bauhaus Dessau. Ich wollte den Ansatz vom Bauhaus neu interpretieren. Unser Ziel war es, das alte Gropius-Motto „Kunst und Technik - Eine neue Einheit“ ins Heute zu übersetzen.  Das Spannende an Medientechnologien sind ja nicht die Technologien an sich. Spannend ist, was daraus folgt: „Verrat der Bilder“ ist zum Beispiel eine performative Reise. Mit Hilfe von Magic-Leap-Brillen, die zur Produktionszeit die beste verfügbare Variante der Augmented oder auch Mixed Reality darstellen, wird hier nach der Verlässlichkeit des Sichtbaren und der Manipulation von Wahrnehmung gefragt. In Zeiten von Fake News und Missbrauch von sozialen Netzwerken scheint das für uns eine wahre Dringlichkeit: Der Blick wird durch die Brille auf eine veränderte Wahrnehmung von scheinbar gesicherten Erkenntnissen gelenkt. Die erweiterte Realität widerspricht dem bloßen Augenschein. „Verrat der Bilder“ ist Realität plus Fiktion. Der Besucher sieht immer mehr, als auf der Bühne passiert. Es ist wirklich faszinierend zu sehen, dass man über Brillenbilder, die im Raum gar nicht existieren, zur Wirklichkeit hinzuaddieren kann. Man schafft eine neue, ganz eigene Wirklichkeit, kann sie im nächsten Moment aber wieder hinterfragen. So kam zum Beispiel auch ein neuer politischer Blick auf die Geschichte des Bauhauses zustande.

Ich denke, dass gerade die Schnittstelle von Analogem und Digitalem die Frage nach der Wahrheit völlig neu stellt

CCB Magazin: Viele im Bereich der Darstellenden Künste begegnen der Digitalisierung noch immer mit viel Skepsis. Spürst du das auch? Wie wird deine Arbeit angenommen? 

Oliver Proske: Eigentlich sehr gut. Ich nehme wahr, dass es mittlerweile eine große neue Offenheit in der Szene gibt. Im Grunde reden wir hier auch über ein sehr altes Problem, das wir schon tausende von Jahren kennen und als mythologische Geschichten mit uns herumtragen: Es geht um das Spannungsverhältnis von Fiktion und Wirklichkeit, beides kann Angst machen. Die Umsetzung von Mythologischem mit Hilfe von digitalen Mitteln kennen wir aber schon seit 40 Jahren durch den Film, nimm nur als Beispiel das Holodeck vom Raumschiff Enterprise. Die verschiedenen Arten der Simulation sind hier schwer auseinanderzuhalten. Jeder hat hier einen anderen Blick auf die Dinge, daraus kann man aber auch etwas lernen: Es geht darum, die Dinge zu hinterfragen, so wie in unserem Stück „Faith to Face“: Hier geht es um die Menschlichkeit in einer inhumanen Umgebung und das Ringen um die eigene Würde. Themen von einst, aktuelle gesellschaftspolitische Phänomene und die eigene Erfahrungswelt, werden zu einer neuen Form von Musiktheater verschmolzen – alltagsnah, assoziativ, fordernd, anrührend, verblüffend. Ich denke, dass gerade die Schnittstelle von Analogem und Digitalem die Frage nach der Wahrheit völlig neu stellt: Wirklichkeit erscheint in einem neuen Kontext, den wir dadurch neu hinterfragen. Im Übrigen hatten wir einige Gäste im Alter von 70 bis 80 Jahren, die sich wunderbar auf die Technik eingelassen haben.


CCB Magazin: Die Corona-Krise hat euch wie so viele andere hart getroffen. Ihr konntet nicht proben, Stücke wurden abgesagt. Gerade die Corona-Krise stellt die Frage nach Realität und Fiktion völlig neu – Verschwörungstheoretiker hier, Demokratie-Verteidiger da. Kannst du der Krise etwas Positives abgewinnen?

Oliver Proske:Das ist noch verfrüht. Wir haben ja selbst 29 Videos zum Lockdown gemacht und den Zwang zur Vereinzelung, der sich weltweit aus der Corona-Epidemie ergeben hat, dokumentiert – wir nennen das ein „digitales Krisentagebuch“. Entstanden sind täglich kleine ein- bis zweiminütige Clips, die aus Home-Office-Material von bis zu acht Leuten zu einem Thema täglich zusammengeschnitten wurden.  Denn wie es weitergeht, weiß ja keiner. Ich hoffe aber, dass wir in Zukunft eine neue bessere Welt vorfinden werden. Eine Welt, die gerechter ist, die sich den Fragen der Zeit stellt – Klimafragen, Fragen nach dem menschlichen Zusammenleben. Unsere Welt ist derzeit stark von Bildern und Filmen dominiert, von Einflüssen von außen. Wir müssen uns die Dinge wieder selbst aneignen. Dazu werden sich die Inhalte in unseren digitalen Medien vorrausichtlich auch in den nächsten Jahrzehnten dahingehend weiterentwickeln, dass sie dreidimensionaler werden. So bewegen wir uns vielleicht auf ein szenografisches Zeitalter zu. Wie das dann gesellschaftlich zu bewerten ist, kann ich noch nicht einschätzen – es könnte aber eine große gestalterische Aufgabe für Künstler werden.

CCB Magazin: Schritt zurück zur analogen Bühne: Im Juni hattet ihr erstmals wieder die Möglichkeit, vor einem Publikum in Dortmund aufzutreten. Was war das für ein Gefühl, endlich wieder wahre Menschen vor sich zu haben?

Oliver Proske:Das war ein tolles Gefühl. Der Saal hat eigentlich eine Kapazität für 1200 Gäste, coronabedingt durften wir aber nur 200 reinlassen. Zunächst hatten wir Bedenken, in einer so riesigen Halle vor „wenigen“ Menschen zu spielen. Das hat aber überhaupt nicht gestört. Die Gäste verteilten sich im Raum. Die Stimmung habe ich als besonders berührend und intensiv empfunden. Man hat gemerkt, dass nichts am Live-Erlebnis vorbeikommt. Kann die Welt noch so digital sein.

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