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Prinzip Hoffnung

Prinzip Hoffnung

66 Kunstorte, 200 Ausstellende – und das alles analog: Vom 28. - 30 August findet das Moabiter Kunstfestival Ortstermin 20. statt – unter klaren Hygieneregeln, mit einem strengen Hygienekonzept. Wie funktioniert Kunst unter Auflagen? Was kann ein Festival wie Ortstermin 20. für den Standort Moabit leisten und wie sieht die Kunststadt Berlin nach Corona aus? 


Interview: ALINA MACK   UNdJens THOMAS 

 

CCB Magazin:Am Wochenende startet das Moabiter Kunstfestival Ortstermin 20. Was kann der Besucher erwarten?

Ortstermin 20: Eine ganze Menge. Los geht’s am Freitag mit 66 Kunstorten und 200 Ausstellenden. Drei Tage lang öffnen Kunst- und Kulturschaffende im Anschluss ihre Ateliers. Sie zeigen eigens für das Festival entwickelte Ausstellungen, Aktionen und Performances in Privatwohnungen, Projekträumen, Galerien, in Ladenlokalen und im Öffentlichen Raum.

CCB Magazin:In Berlin wimmelt es von Kunstfestivals. Was ist denn das Besondere am Kunstfestival Ortstermin 20?

Unser Ziel ist es, den damaligen Standort Moabit mit seinem kulturellen Potential in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken. Denn Moabit ist in den letzten Jahren leider eine Insel der Investoren für ungenutzte Wochenendwohnungen und überteuerte Gewerberäume geworden. Gerade darum muss sich Kunst an diesen Orten zeigen

Ortstermin 20:Das Kunstfestival Ortstermin ist geografisch das kleinste unter den Festivals, wie z.B. dem Festival der offenen Ateliers. Es ist aber zugleich das einzige im Bezirk Mitte: Seit 2006 veranstaltet der Kunstverein Tiergarten e.V. das Festival neben seinem umfassenden Programm in der Galerie Nord Kunstfestival auf der Moabiter Insel. Es geht darum, den damaligen Standort Moabit mit seinem kulturellen Potential in die öffentliche Wahrnehmung zu rücken und die Vielfalt in dem damals kulturell ignorierten Bezirk zu zeigen. Mittlerweile gibt es auch sehr viele Künstler und Kreative in Moabit. Aus dem lang geschmähten ehemaligen Arbeiter- und Schmuddelbezirk ist aber leider in den letzten Jahren eine Insel der Investoren für ungenutzte Wochenendwohnungen und überteuerte Gewerberäume geworden. Gerade darum muss sich Kunst an diesen Orten zeigen.

CCB Magazin:Derzeit gehen sämtliche Festivals digital. Ihr geht analog. Was ist der Grund dafür? Das kann man ja hinsichtlich der angekündigten Corona-Leugner-Proteste am Wochenende durchaus falsch verstehen.

Ortstermin 20:Wir sind weit davon entfernt, die Coronakrise zu ignorieren oder sorglos damit umzugehen. Wir haben einfach sehr großes Glück gehabt. Unser Festival findet traditionell später im Jahr statt, man weiß inzwischen etwas mehr über das Virus und die Pandemie, darum können wir den Schritt ins Analoge wagen. Die Festivals Artspring und 48 Stunden Neukölln waren da noch in einer völlig anderen Situation. Aber auch für uns war die Planung nicht einfach: „Wie weit gehen, wie lange warten, machen oder lassen, online oder analog?“ Alles war mit viel Unsicherheit, Risikoabwägung, Trotz, Zuversicht und Hoffnung verbunden. Wir uns aber für das Prinzip Hoffnung entschieden.

Für unser Festival haben wir Hygienevorgaben an unterschiedlichste Raumgrößen angepasst. Entsprechend den derzeitigen Distanzregeln wird ein minimaler Abstand von 1,5, besser 2 Metern zwischen den Personen in einem Raum eingehalten werden

CCB Magazin:Ihr habt dazu ein klares Hygienekonzept entwickelt. Wie genau sieht das aus? Welche Vorschriften gibt es?

Ortstermin 20:Wir haben in Absprache mit den Teilnehmer*innen etliche alternative analoge Präsentationsformate für die Künstler*innen entwickelt. Dazu haben wir die Gruppengrößen für die moderierten Rundgänge durch Moabit reduziert. Wir haben Hygienevorgaben an unterschiedlichste Raumgrößen angepasst. An allen Orten gilt natürlich auch Maskenpflicht. An allen geschlossenen Orten, sprich Ateliers, Privatwohnungen, etc., muss zudem eine Anwesenheitsliste geführt werden. Entsprechend den derzeitigen Distanzregeln wird ein minimaler Abstand von 1,5, besser 2 Metern zwischen den Personen in einem Raum eingehalten werden. Die einzelnen Ateliers oder Privatwohnungen ermitteln zudem die mögliche Anzahl von Gästen entsprechend der Größe des Raums, dementsprechend wird auch der Einlass geregelt. Das ist natürlich alles sehr aufwändig. Mit viel Unterstützung ist es aber zu schaffen.

CCB Magazin: Was geht bei so einem Festival verloren, wenn alles unter derartigen Auflagen stattfinden muss?

Ortstermin 20:Die Spontaneität natürlich, die Unbeschwertheit, die Freiheit zum Feiern und selbstredend die Nähe, die Unmittelbarkeit und der physische Kontakt. Andererseits wissen wir von etlichen Teilnehmer*innen, dass sie gemeinsam mit anderen durchaus erfinderisch an die Auflagen herangehen; sie sind zum Beispiel bereit, ihre Arbeiten am kommenden Wochenende "nach draußen" zu bringen, mit auf die Straße zu nehmen und den direkten Dialog mit den Gästen zu suchen. Viele finden so zu einer neuen Form des Miteinanders im Öffentlichen Raum, und da die Menschen aus Moabiter sehr gut miteinander vernetzt sind, werden gute Ideen sehr schnell weitergetragen. Es wird also auch einiges dazu gewonnen.

CCB Magazin:Frage in die Zukunft: Wie sieht die Kunst nach Corona aus? Wird Berlin diese Kunst- und Kulturstadt bleiben?

Ortstermin 20:Unsere Themenstellung „bis hierher und nicht weiter. this far and no further“ ist im Nachhinein ja noch einem gewaltigen Denk- und Diskussionssprung unterworfen worden. COVID-19 und die damit einhergehende Beschneidung von Begegnung und Grundrecht, Kultur und Lebensqualität haben unsere gesamte Thematik um existentielle Fragen erweitert. Das erzwungene temporäre Heraustreten aus Konsum und Leistungszusammenhängen hat als extremer Verstärker für das Bewusstsein von sozialer Ungerechtigkeit und der Abhängigkeit von kapitalistischen Produktionsketten gewirkt. Vor allem die Kunstschaffenden und Solo-Selbstständigen hat die Krise auf elementare, ja existentiellste Weise getroffen. Das hat uns noch einmal aufs Deutlichste vor Augen geführt, in welcher sozialen und finanziellen Randlage sich diejenigen befinden, die den Nimbus der Kunst- und Kulturstadt Berlin deutlich prägen. In einer solchen von Unsicherheit, Aufbegehren, aber auch neuen Allianzen geprägten Zeit stellt sich mehr denn je die Frage nach dem Potential von kreativer Unruhe: Mit welchen Strategien begegnen Künstler_innen individuellen und gesellschaftlichen Einschränkungen? Wie gehen sie mit Panikmache und Bagatellisierung, wie auch mit rassistischer und nationalistischer Ausgrenzung um, die in einer Stimmung allgemeiner Verunsicherung nicht erst seit Corona Hochkonjunktur haben? Niemand konnte vor Corona wissen, was es bedeuten würde, derart in die Isolation und auch in den Zorn gedrängt zu werden, und so werden wir unvorbereitet und als Unwissende vor dem nächsten Umbruch stehen, aus welcher Ecke der auch kommen mag.

Die Corona-Krise bringt das Digitale voran, es ist aber kein Ersatz für die Präsenz eines Kunstwerkes oder die Magie einer Stimme auf der Opernbühne: Kunst ist existentielle Nahrung für die Seele. Sie ist widerständig. Sie ist immer für Überraschungen gut. Und wir müssen gerade heute wach sein und reagieren, das machen die Corona-Regelungen nicht gerade einfacher

CCB Magazin:Was kann Kunst zu diesem Diskurs beitragen?

Ortstermin 20:Kunst ist widerständig. Kunst ist immer für Überraschungen gut. Künstler*innen sind erfinderisch – sie machen dann eben Kunst auf dem Balkon oder wandeln in digitale Formate um. All das hat auch uns geholfen, diese erste schwierige Zeit zu überstehen, aber auf lange Sicht ist es unter anderem die Aufgabe von kommunalen Galerien und vielen Verbündeten, Räume der Begegnung nicht nur zu erhalten und zu bewahren, sondern vor allem auch, neue zu erschließen.

CCB Magazin:Viele sagen ja, dass Digitale wird sich in Zukunft nun noch mehr durchsetzen.

Ortstermin 20:Das kann sein. Das Digitale ist eine von vielen Vermittlungsformen der Kunst. Es ist aber kein Ersatz für die Präsenz eines Kunstwerkes oder die Magie einer Stimme auf der Opernbühne. Kunst ist existentielle Nahrung für die Seele. Wir vermuten, dass die  wirtschaftliche und räumliche Situation für Künstler*innen noch dramatischer werden wird, denn die Verdrängung schreitet auch unter der Maske der Pandemie unbeirrt voran,  vielleicht sogar noch schneller. Es ist sehr beunruhigend zu sehen, wie viele kulturelle  Lebensträume zurzeit im Sterben liegen. Was wir also machen müssen: Wir müssen  wach sein und reagieren, und das machen die Regelungen nicht gerade einfacher. Berlin  hat aber zu jeder Zeit Vieles überlebt – es ist eine Stadt der Rebellion und des Wandels  und des Sich-immer-wieder-neu-Erfindens!

Das Gespräch führten Ulrike Riebel, Karen Scheper, Veronika Witte vom Festivalteam Ortstermin 20. 

Rubrik: Specials

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