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Komm, lass uns baden gehen

Komm, lass uns baden gehen
Foto: © Paulina Grebenstein

Paulina Grebenstein hat eine simple Vision: sie will Stadtflüsse zu Badeflüssen machen, zum Beispiel aus der Spree. Dafür hat sich die Industrie- und Produktdesignerin etwas Originelles ausgedacht. Wir wollten von ihr wissen: Wie sieht der Fluss der Zukunft aus? Inwieweit kann ein ausgeklügeltes Design dabei helfen, Probleme dieser Art zu beheben?
 

Text Boris Messing

 

Am Ufer des Kreuzberger Landwehrkanals schmiegen sich die Häuser eng aneinander als wollten sie sich wärmen. Ein nasskalter Wind weht auf der Admiralsbrücke, als Paulina Grebenstein beschwingten Schrittes auf sie zuläuft und munter grüßt. In der Ferne ragt das Urban Krankenhaus aus dem Nebel - so trist und trüb wie das Wetter. Grebenstein, zierlich, agil, aufgeweckter Blick, hat hier Großes vor. Aber davon erzählt sie lieber an einem warmen Ort im Café Isabel gleich um die Ecke. Die Kaffeemaschine zischt ein hohes I und los geht‘s.

Vom urbanen Paradies hat Paulina Grebenstein eine ziemlich klare Vorstellung: keine Autos in der Innenstadt, Grünbepflanzung, wo es geht, und die Möglichkeit in der Spree zu baden, ohne Ausschlag zu bekommen. Um dieser Vision einen kleinen Schritt näher zu kommen, hat sie sich ein Konzept ausgedacht, für das sie im vergangenen Jahr mit dem Bundespreis Ecodesign in der Kategorie „Nachwuchs“ ausgezeichnet wurde. Ihr Projekt urban:eden ist ein Designkonzept für ein Klimaanpassungssystem rasch wachsender Städte. Für Metropolen wie Berlin. Grebensteins zentrale Idee dabei: Durch ein ausgeklügeltes Regenwassermanagement soll die Kanalisation entlastet werden, so dass Flüsse nicht von ihr verunreinigt werden, wenn bei starken Regenfällen das Schmutzwasser in sie überläuft; mithilfe von Filtersystemen soll Regenwasser dezentral gespeichert werden und bei Hitze verdunsten, um die Stadt zu kühlen. 

Scheiße – Quo vadis?

Die 28-jährige Berlinerin mit den blondierten Haaren hat vier Semester Industriedesign an der HTW Berlin studiert und im Anschluss noch Produktdesign an der Kunsthochschule Weißensee, urban:eden ist ihr Bachelor-Abschlussprojekt gewesen. Die Idee dazu sei ihr nach einem Praktikum in Taiwan gekommen, sagt sie. Dort habe sie bei einem Startup gearbeitet, das recyceltes Mikroplastik zu verschiedenen Produkten und Textilien modifiziert. Ihr Plan war ursprünglich, selbst Plastik aus dem Meer zu fischen und es zu neuen Produkten zu verarbeiten. Aber Berlin liegt bekanntlich nicht am Meer, und so übertrug sie ihre Idee auf die Spree. Sie habe sich gefragt: Wie lässt sich die Wasserqualität der Spree verbessern, so dass man darin baden kann? Wie macht man eine Großstadt grüner und im Sommer kühler? Wie schafft man ein urbanes Eden? In nur vier Monaten entwarf sie dann ihr Designkonzept, das sich prinzipiell auf jede Großstadt übertragen lässt. Berlin hat Grebenstein als Grundlage für ihre Analyse gewählt, da sie die Stadt so gut wie ihre Westentasche kennt. Wie zum Beispiel den Landwehrkanal, den sie gerne zu einem Badeort umwandeln würde. Aber die Wasserqualität der Spree ist nicht zum Baden geeignet. Und an vielen Stellen macht die Spree auch äußerlich kein gutes Bild. Das hat seine Gründe, und die liegen verborgen im unsichtbaren Kanalgeflecht der Stadt.

Das ist die Erfinderin: Paulina Grebenstein. Oben: schwimmendes Filtersystem mit Promenade. Unten: Straßenkonzept mit Wasserspeicherung und Verdunstung. Fotos: Paulina Grebenstein (Bild 1 und 2)/Melissa Ludkowski (Bild 3)

Grebenstein zieht ihren Laptop aus der Tasche, stellt ihn auf den Tisch, nimmt einen Schluck vom Kaffee und fängt an zu referieren. Die Berliner Kanalisation sei Mitte des 19. Jahrhunderts entworfen und gebaut worden. Das System beruhe auf zwei Kanaltypen. Die Mischwasser-Kanalisation, die zum Großteil innerhalb des S-Bahnrings verliefe, würde das Abwasser der Häuser und das Regenwasser in einen gemeinsamen Kanal leiten, der die ganze Suppe dann zur nächsten Kläranlage führe. Die Trennkanalisation in den anderen Teilen der Stadt führten dagegen Regenwasser und Abwasser in separaten Kanälen ab: das Abwasser ginge zur Kläranlage, das Regenwasser würde in den Fluss geleitet. Obwohl es im zweigeteilten Berliner Kanalsystem in Kilometern gemessen mehr als doppelt so viele Schmutzwasser-Kanäle als Mischwasser-Kanäle gibt, sind die letzteren das entscheidende Problem. Denn bei starken Regenfällen läuft die Mischwasser-Kanalisation über und in die Spree hinein. Das Resultat: Keime, Bakterien und andere Schadstoffe belasten den Fluss und seine Kanäle. In den Worten von Paulina Grebenstein: „Unsere Kanalisation ist einfach zu klein, und deshalb fließt die ganze Scheiße in den Fluss.“ Die Kanalisation zu erweitern oder größere Wasserspeicher anzulegen, ist jedoch aufwändig und technisch nur bedingt realisierbar. 

Verbaut und zugesiegelt

Hier greift Grebensteins Konzept, das sie mit Bildern und Grafiken auf ihrem Laptop veranschaulicht. Schwimmende Filteranlagen, beispielweise am Landwehrkanal, die durch einen Steg mit dem Ufer verbunden sind, sollen das Wasser reinigen. Das machten Mikroorganismen, sagt sie, die sich von den Schmutzpartikeln im Wasser ernährten. Aber damit erst gar nicht so viel Regenwasser in die Kanalisation läuft, geht ihr Konzept noch einen Schritt weiter: das Regenwasser soll dezentral bewirtschaftet werden. Der Grund, weshalb es überhaupt in die Kanalisation flösse, läge ja daran, dass die Stadt zu sehr versiegelt sei, um es im Boden speichern zu können. Grebenstein will darum in der Stadt verteilt Grünflächen errichten, die das Regenwasser speichern und bei Hitze wieder abgeben und so auch noch für Kühlung sorgen. Schilf eigne sich besonders gut dafür. Auch die Begrünung von Dächern und Fassaden könnten zu einer kühleren Umgebung in den Sommermonaten beitragen. Durch sogenannte Flutwasser Radwege aus Drainbeton könnte Wasser gespeichert oder abgeleitet werden. Der offenporige Drainbeton würde jetzt schon häufig für Autobahnen verwendet, um Aquaplaning zu verhindern, sagt Grebenstein. 

Unsere Kanalisation ist einfach zu klein, und deshalb fließt die ganze Scheiße in den Fluss

Wie finanziert man aber ein solches Projekt? Gute Ideen kann ja jeder haben. Wie finanziert man eine gute Idee? Und warum gibt es so etwas noch nicht? Grebenstein arbeitet mit zwei Umwelt-Ingenieurfirmen zusammen, die eng mit den Berliner Wasservertrieben verzahnt sind - und die vor einigen Jahren bereits ein Forschungsprojekt zur urbanen Regenwasserbewirtschaftung durchgeführt haben. Viele von Grebensteins Ideen decken sich mit den Forschungsergebnissen von KURAS der Umweltingenieure. Aber den Senat von ihrer Vision zu überzeugen, stelle sich für sie als kafkaeskes Unterfangen dar. Sehr blauäugig sei sie an die Realisierung ihres Projekts rangegangen, resümiert Grebenstein. „An der Uni hat man den Luxus, noch träumen zu dürfen.“ Eine behäbige Bürokratie kam nicht in ihren Träumen vor. Als mahnendes Beispiel gilt ihr das bereits seit mehr als zwei Jahrzehnten andauernde Pilotprojekt des Flussbades Berlin, wo ein 800-Meter langer Abschnitt zum Badevergnügen entlang der Museumsinsel entstehen soll. Das Pilotprojekt betrachtet Grebenstein sowieso nur als „Symptombekämpfung“, am liebsten würde sie den Schifffahrtstourismusbetrieb auf der Spree ganz einstellen und viele solcher Badestellen samt der von ihr entworfenen Filtersysteme errichten. Doch wem gehört der Fluss? Allein rechtlich gesehen stößt ihr Konzept auf viele Hürden: Fluss und Kanäle gehören dem Landesschifffahrtsamt und somit dem Bund; die einzelnen Uferabschnitte fallen in den Bereich der Bezirke; die Straßen gehören dem Land Berlin. Man müsse „unglaublich viele Menschen an einen Tisch kriegen“, um einen Konsens zu finden, sagt Grebenstein. Und das dauere.

Davon lässt sich die junge Visionärin aber nicht unterkriegen und stellt sich auf eine längere Odyssee ein. Der Zeitgeist ist immerhin auf ihrer Seite. Seit Jahren schreiben Wissenschaftler ein Buch nach dem anderen über nachhaltiges oder sozialverantwortliches Design: Claudia Banz, Kunsthistorikerin mittlerweile am Kunstgewerbemuseum Berlin, spricht von Social Design, Friedrich von Borries gar von Überlebensdesign. Niko Peach, Volkswirt auch Überzeugungstäter in Punkto Postwachstum, nennt es gleich mal Postwachstumsdesign, um das es heute gehen müssen, nämlich um verantwortungsvolle Designstrategien für die Zukunft. Paulina Grebenstein ist letztlich nur die praktische Umsetzung vielzitierter Theorie. Davon leben kann sie allerdings, wie so viele andere, davon nicht. Darum bestreitet sie ihren Lebensunterhalt auch nebenher mit Servicedesign und konzeptionellen Projekten in selbstständiger Tätigkeit. Gerade arbeitet sie beispielsweise für die Genossenschaft „Am Ostseeplatz“ im Prenzlauer Berg daran, wie man die fünf Meter breiten Brücken, die die Häuser miteinander verbinden, begrünen und gemeinschaftlich nutzen kann - auch eine gute Idee. Jede Knospe sei ein kleiner Schritt zu einer grünen Stadt, sagt Grebenstein überzeugt aber mit einem Lächeln im Gesicht. Und damit leert sie ihren Kaffee.

Rubrik: Innovation & Vision

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