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Stephan Bohle: „Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen”

Stephan Bohle: „Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen”
Foto: © Kerstin Jana Kater

Eine ganze Gesellschaft stellt sich auf Nachhaltigkeit ein. Wie stellt man aber als Unternehmen auf Nachhaltigkeit um? Stephan Bohle von futurestrategy berät dazu seit Jahren. Wir sprachen mit ihm.
 

INTERVIEW   Alison Winter    undJens Thomas

 

CCB Magazin: Herr Bohle. Seit wann beschäftigen Sie sich als Berater mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeit?

Stephan Bohle: Ich habe in den 1990er Jahren Kommunikation studiert, irgendwann kam dann die Frage auf: Wie können wir uns für die Zukunft aufstellen? Wie können wir nachhaltiger werden? Da habe ich mich entschieden, Nachhaltigkeit zu meinem Schwerpunkt zu machen. Heute sind wir uns einig, dass dringend etwas getan werden muss. Es geht eigentlich nur noch um das Wie der Nachhaltigkeit, nicht mehr um das Ob. Das war lange Zeit nicht so.

CCB Magazin:Sie beraten Unternehmen, die auf Nachhaltigkeit umstellen wollen. Wie macht man das?

Stephan Bohle:Am Anfang steht immer eine umfassende Analyse: Wo stehen wir? Wie sieht der Wettbewerb aus und was sind unsere wesentlichen Handlungsfelder im Nachhaltigkeitskontext? Ich rate allen, hier ganzheitlich und gründlich vorzugehen und keine halben Sachen zu machen. Wer nachhaltig werden will, muss das gesamte Geschäftsmodell transformieren: Prozesse, Strukturen, das Mindset des Unternehmens, die Kultur und die Werte. Das ist kein Sprint. Es ist ein Marathon. Das muss den Unternehmen klar sein.

Ich rate allen, ganzheitlich und gründlich vorzugehen und keine halben Sachen zu machen. Wer nachhaltig werden will, muss das gesamte Geschäftsmodell transformieren

CCB Magazin:Welche Unternehmen beraten Sie und was geben Sie denen konkret mit an die Hand?

Stephan Bohle:Ich berate mittelständische Unternehmen und Konzerne. In einem ersten Schritt wende ich meist die sogenannte N-Kompass-Methode an. Das impliziert eine umfangreiche Analyse zur Frage, welche Auswirkungen das Unternehmen auf Umwelt und Gesellschaft hat und umgekehrt, welche Auswirkungen Umwelt und Gesellschaft auf die Geschäftstätigkeit eines Unternehmens haben. Weitere praktische Standards wären etwa SAFE (Sustainability Assessment for Enterprises) oder das Umweltmanagementsystem EMAS, bzw. EMAS Easy. Nicht alle eignen sich aber für alle gleichermaßen. Die EMAS-Zertifizierung richtet sich beispielsweise vor allem an technisch fokussierte Unternehmen, Ingenieurbüros oder das produzierende Gewerbe. Das Zertifikat stellt sicher, dass alle Umweltaspekte von Energieverbrauch bis zu Abfall und Emissionen rechtssicher und transparent umgesetzt werden. Das ist für Kreativschaffende weniger relevant. Kreativunternehmen würde ich empfehlen, entlang der Inhalte des sehr gut etablierten Deutschen Nachhaltigkeitskodexes (DNK-Kodex) zu arbeiten. Der DNK-Kodex existiert seit 2011. Er listet 20 Kriterien in vier Bereichen - Strategie, Prozessmanagement, Umwelt und Gesellschaft - auf. Der Kodex ist als branchenübergreifender Transparenzstandard für die Berichterstattung unternehmerischer Nachhaltigkeitsleistungen vom Rat der nachhaltigen Entwicklung entwickelt worden. Orientieren kann man sich aber auch am GRI-Standard der Global Reporting Initiative. Das ist ein Set aus weltweit anerkannten internationalen Standards zur Nachhaltigkeit, der Transparenz und Vergleichbarkeit durch die Auflistung bestimmter Kennzahlen und Indikatoren schafft.

Bei der Arbeit: Stephan Bohle von futurestrategy. Foto: privat. 

CCB Magazin:Können Sie mal ein Praxisbeispiel geben, wo ein Unternehmen erfolgreich auf Nachhaltigkeit umgestellt hat?

Stephan Bohle:Nehmen Sie Vaude, ein familiengeführtes Unternehmen, das seit 2012 am Firmensitz klimaneutral arbeitet. 2015 hat Vaude zudem als erstes Unternehmen der Outdoor-Branche eine Gemeinwohl-Bilanz veröffentlicht. In einer Punkteskala von -2.850 bis +1.000 hat das Unternehmen 502 Punkte erreicht. Insbesondere in den Bereichen "ökologische Gestaltung von Produkten" und "Reduktion ökologischer Auswirkungen" hat Vaude gut abgeschnitten, beim "ethischen Beschaffungswesen" sogar sehr gut. Bei der Gemeinwohl-Bilanz geht es um das gesellschaftliche Gemeinwohl, nicht um die finanzielle Leistung. Im Vordergrund stehen die Menschenwürde, Solidarität, ökologische Nachhaltigkeit, soziale Gerechtigkeit, demokratische Mitbestimmung sowie Transparenz.

CCB Magazin:Kostet die Umstellung auf Nachhaltigkeit die Unternehmen mehr Geld oder spart man am Ende etwas ein?

Stephan Bohle:Ich würde die Frage anders stellen: Wie kann ich als Unternehmen sicherstellen, dass ich in zehn Jahren noch erfolgreich wirtschaften kann? In Zukunft komme ich an Nachhaltigkeitsstandards nicht mehr vorbei. Da Nachhaltigkeit immer etwas mit Einsparung und Reduzierung von Ressourceneinsatz im Sinne der Effizienz zu tun hat, lässt sich an vielen Stellen durchaus Geld einsparen. Grundsätzlich verhält es sich leider oft noch so, dass nachhaltig wirtschaftende Unternehmen benachteiligt sind, weil sie ihre Umwelt- und Sozialkosten stärker internalisieren und nicht bei Gesellschaft und Umwelt auslagern. Dieses Prinzip wird sich hoffentlich bald ändern, so beispielsweise über den seit Januar 2021 eingeführten CO2-Preis, der mit niedrigen 25 Euro pro Tonne beginnt. In den nächsten Jahren wird der CO2-Preis sicher stark steigen. Unternehmen, die viel CO2 emittieren, so etwa bei Produktion oder Services, werden stärker belastet. Ein weiterer regulatorischer Treiber für mehr Nachhaltigkeit könnte das im Juni 2021 beschlossene Lieferkettengesetz werden.

CCB Magazin:Inwiefern?

Stephan Bohle:Das neue Lieferkettengesetz verpflichtet Unternehmen mit mehr als 3.000 Beschäftigten, über ihre Lieferketten keine Menschenrechte und Umweltstandards mehr zu verletzen. Auf europäischer Ebene hat die EU-Kommission vorgegeben, dass ab 2024 Unternehmen mit einer Größe von 250 Mitarbeitern grundsätzlich verpflichtend über Nachhaltigkeitsaspekte berichten müssen. Und ab 2026 kommen kleine Unternehmen ab zehn Mitarbeitern hinzu. Das gilt dann auch für die Kreativwirtschaft.

CCB Magazin:Kreativunternehmen unterscheiden sich von den Großunternehmen oft dadurch, dass sie soziale und ökologische Standards voranstellen, an die die Großindustrie nicht mal denkt. Wenn künftig alle nachhaltig werden müssen, raubt das den Kreativunternehmen nicht ihre Geschäftsgrundlage?

Stephan Bohle:Das denke ich nicht, auch in Zukunft werden Kreativität, Erfindergeist und neue Narrative gebraucht. Es geht um die Frage, wie wir leben, arbeiten und mobil sein wollen. Fast alle Produkte und Services müssen „neu“ gestaltet werden. Dazu brauchen wir neue Botschaften, überzeugende Geschichten und Visualitäten der Nachhaltigkeit. Hier sehe ich großes Potential für die Kreativwirtschaft.

CCB Magazin:Herr Bohle, was muss von politischer Perspektive passieren, damit die sozial-ökologische Transformation gelingt?

Stephan Bohle:Wir müssen die bevorteilen, die ökologisch und sozial nachhaltig handeln. Was für die Umwelt und das Klima schlecht ist, muss sanktioniert werden. Wir haben in Deutschland immer noch Subventionen, die das Schlechte fördern. Laut einer Studie des Rates für Nachhaltige Entwicklung vom Mai dieses Jahres beträgt der Anteil an strengen nachhaltigkeitsorientierten Unternehmen lediglich 0,15 Prozent an der Gesamtheit aller deutschen Unternehmen. Das ist eindeutig zu wenig. Ich würde aber nicht nur die Unternehmen und die Politik in die Pflicht nehmen. Auch wir als Verbraucher haben eine Verantwortung. Und die Entwicklung zeigt: 52 Prozent aller Konsumenten achten mittlerweile beim Kauf auf Nachhaltigkeit, jüngere Studien gehen sogar von 70 Prozent aus, darunter sind immer mehr Jüngere. Das wird langfristig auch die Unternehmenskultur verändern. Und diejenigen, die das Thema Nachhaltigkeit vernachlässigen, werden irgendwann kein Geld mehr von den Banken bekommen oder hohe Zinsen zahlen müssen. Für uns alle gilt: Wir müssen uns jetzt auf den Weg machen. Uns bleibt nur noch ein Zeithorizont von ein paar Jahren.


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Rubrik: Wissen & Analyse

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