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Charlotte Bastian: Verstörende Realitäten

Charlotte Bastian: Verstörende Realitäten
Foto: © Charlotte Bastian

Charlotte Bastian ist Berliner Künstlerin und beschäftigt sich mit den Eingriffen des Menschen in die Natur: Was kann Kunst dem Nachhaltigkeitsdiskurs hinzufügen? Welche Kraft geht von ihr aus? Ein Gespräch.
 

INTERVIEW   Jens Thomas

 

CCB Magazin: Charlotte, du beschäftigst dich als Künstlerin mit den Eingriffen des Menschen in die Natur. Deine Bilder beschreiben Überflutungsszenarien, Eisschmelzen und andere katastrophale Zustände. Welche Hoffnung hast du, dass sie nicht bald unumkehrbare Realität werden?

Charlotte Bastian: An vielen Stellen sind sie ja bereits Realität, wenn auch nicht für jeden überall sichtbar oder erfahrbar. Trotzdem hoffe ich natürlich, dass sich die Spirale nicht immer weiterdreht, bis wir wirklich vor katastrophalen Zuständen stehen. Die stoppen wir nicht per Zauberhand, sondern nur, wenn wir mit der Natur anders umgehen.

CCB Magazin:Seit wann beschäftigst du dich mit dem Spannungsverhältnis von Mensch und Natur? Gab es ein Schlüsselmoment?

Charlotte Bastian:Ich habe schon als 9-jährige - damals sehr zur Belustigung meiner Eltern - alle meine Schulhefte mit Charlotte Bastian, Tierfreund beschriftet. Vielleicht hat meine „Freundschaft“ zu Tieren ein Bewusstsein dafür geschaffen, wie wir Menschen mit der Tier- und Pflanzenwelt umgehen - und was wir anrichten. Als ich mit 18 Jahren im Fernsehen Dokumentationen über Massentierhaltung und Schlachtbetriebe sah, wollte ich kein Fleisch mehr essen. Das war damals eine rein emotionale Entscheidung, heute ist es eine rationale. Denn die Fakten, wieviel Wasser, Getreide und Nutzfläche für ein Stück Fleisch verbraucht und wie viel CO2 produziert wird, liegen auf der Hand.

CCB Magazin:Welchen Hintergrund hast du? Wie würdest du deinen Weg als Künstlerin beschreiben?

Charlotte Bastian:Ich habe Bildende Kunst an der Universität der Künste in Berlin studiert und jeweils ein Semester an der Universidad de Sevilla und der School of the Art Institute of Chicago. Schon während meines Studiums analysierte ich Oberflächen und machte das "Innen" pflanzlicher, tierischer Organismen, kristalliner oder geologischer Zusammensetzungen zu meinem Schwerpunkt. Es ging um Strukturen, die sich unter dem Mikroskop auch in menschlichen Zellen, den Nervenbahnen oder auf der Oberfläche einer Landschaft finden. Davon ausgehend zeichnete, fotografierte, collagierte ich; ich baute Skulpturen und drehte Animationsclips. Später habe ich mich intensiv mit Landschaften, dem Wasser- und Klimakreislauf beschäftigt. Seit über zehn Jahren sind meine Bildthemen geprägt von Landschaften, die entweder direkt oder indirekt durch die Eingriffe des Menschen verändert sind.

CCB Magazin:Ist das auf Dauer nicht unheimlich frustrierend?

Charlotte Bastian:Nein, frustrierend wäre es, sich nicht damit auseinanderzusetzen. In meiner Arbeit geht es auch nicht um reine Dokumentation, sondern um Erfindung, Gedankenspiel und die Transformation zu etwas Neuem. In den letzten Jahren habe ich mich zum Beispiel verstärkt mit der Collage beschäftigt - sowohl mit der klassischen Fotocollage als auch mit der Stereoskopie. Auch beim Bau von Objekten, wie den Praxinoskopen und in kurzen Animationen, bringe ich verschiedene künstlerische Medien zusammen.

Verstörende Realitäten: die Arbeiten von Charlotte Bastian. 
 

CCB Magazin:Du fotografierst dein Ausgangsmaterial auf verschiedenen Reisen. Du warst in Wüsten-, Küsten- und Bergregionen, aber auch an stark industriell geprägten Orten - in Städten wie Detroit oder Los Angeles. Welche Reise hat dich am meisten beeindruckt und deine Arbeit beeinflusst?

Charlotte Bastian:Am eindrücklichsten waren sicherlich die Touren 2013 zu den Kupferminen in Chile, auch die Silbermine in Potosí, Bolivien. Hier nahm ich zum Beispiel an einer Tour in das Bergwerk teil. In monströse Schutzkleidung gesteckt, quetschten wir uns gebeugt durch die dunklen, heißen und mit bunt-giftig schillernden Pfützen bedeckten engen Gänge und Höhlen. Die Bergarbeiter arbeiten dort mit kleinen Dynamitbündeln, Hacken und Schaufeln. Weil es dort keine Toiletten gibt, essen und trinken die Arbeiter kaum. Um die Arbeit in der Hitze, Dunkelheit und dem Staub durchzuhalten, werden ununterbrochen Kokablätter gekaut. Und das Tag für Tag für einen Hungerlohn. Laut einem UNO-Bericht sind zehn Prozent der Arbeiter minderjährig. Ich erinnere mich an eine Szene, als zwei kleine Kinder versuchten, Erzstückchen an die Tourteilnehmer zu verkaufen. Ich war überwältigt, mich durchzog ein Gefühlswirrwarr aus Entsetzen, Mitgefühl und Scham; Scham, weil man im Vergleich dazu ein so privilegiertes Luxusleben führt. Auf der anderen Seite hatte ich eben auch das Privileg, während meiner Artist-in-Residence-Aufenthalte solch imposante, vielfältige und ursprüngliche Landschaften sehen zu können, wie Norwegen oder Island. Beides beeinflusst meine Arbeit.

CCB Magazin:Das Thema Nachhaltigkeit gewinnt derzeit an Dominanz. Kulturinstitutionen erstellen aufwändige Klimabilanzen, Künstler*innen versuchen den CO2-Fußabdruck zu optimieren. Was kann Kunst noch offenlegen, was nicht eh schon bekannt ist?

Charlotte Bastian:Kunst kann hier vermutlich wenig Unbekanntes offenlegen, aber sie schafft einen anderen Zugang. Zeitgenössische Kunst spiegelt die Zeit, in der sie entsteht, wider. Nicht jeder Beitrag hat eine Wirkung. Viele unterschiedliche Stimmen spiegeln aber das, was uns bewegt, und sie können ein breiteres Bewusstsein schaffen. Sich der eigenen Rolle und Verantwortung bewusst zu sein, bewegt uns überhaupt erst zum Handeln. Das ist am Ende mehr wert, als überall das Etikett grün oder ökologisch-nachhaltig draufzukleben. Ich glaube diese Etikettierung führt sogar eher zu einer Ermüdung.

CCB Magazin:Du bist in Berlin geboren. Die Gesellschaft steht nicht nur vor ökologischen Herausforderungen, es geht auch um die soziale Frage, sprich um die soziale Nachhaltigkeit. Wie erlebst du den Wandel in der Stadt? Einerseits wird Berlin immer teurer. Andererseits will Berlin sozial-ökologisch werden.

Charlotte Bastian:Berlin wandelt sich ständig, die Stadt wird zumindest nie langweilig. Die Entwicklung der letzten zehn Jahren erschreckt mich aber. Investoren kaufen die Stadt augenscheinlich auf und bestimmen damit auch über unsere Zukunft. Die steigenden Mieten sind existentiell bedrohlich, nicht nur bezogen auf die Wohnformen, sondern auch auf Arbeits- und Kulturräume in der Stadt. Es kommt jetzt darauf an, dass wir dem Konzepte entgegenstellen, bei denen es nicht um den persönlichen Profit geht. Darum ist auch die Projektraumszene in Berlin so wichtig für die künstlerische Basis und die Förderung und Sichtbarmachung der Vielfalt jenseits vom Marktwert. Eine ökologische und soziale Stadt sollte das Ziel sein. Eine neue Generation, die sich mit konkreten Ideen und deren Umsetzung für Erneuerungen bei Verkehr, Bau, Ressourcenumgang und Stadtentwicklung auseinandersetzt, kommt jetzt hoffentlich zum Zuge.


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