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Guten Morgen!

Guten Morgen!
Foto: © Studio Für Morgen

Die Kultur- und Kreativwirtschaft gilt in hohem Maße als wertbasiert. Anna Theil, über Jahre das Gesicht der Crowdfunding-Plattform Startnext, ist heute der Kopf von Studio Für MorgenZusammen mit ihrem Kollegen Nicolas Greiff gibt sie sogenannte 'Werte-Workshops' und hat die Purpose Cards entwickelt, ein Art Kartenspiel zur Bedürfnisfindung in Unternehmen. Um was geht es? Was genau wird vermittelt? Ein Gespräch über Vergangenheit, Zukunft und das perfekte Unternehmen im Jetzt.

 

Interview Jens Thomas  

 

CCB Magazin: Hallo Anna, dein Gesicht stand ein Jahrzehnt lang für die Crowdfunding-Plattform Startnext. Startnext ohne Anna Theil, das war für mich immer wie der SC Freiburg ohne Christian Streich. Jetzt bist du eines der Gesichter von Studio Für Morgen. Was waren die Gründe für den Aus- und Umstieg? Wie schwer war der Schritt?

Anna Theil: Hallo Jens, schöner Vergleich mit Christian Streich, zumal ich ja wirklich aus Freiburg komme. Der Schritt kam aber nicht unbedingt überraschend, auch wenn er nicht einfach war. Ich hatte vor drei Jahren schon meine Arbeitszeit bei Startnext reduziert. Ich wollte mehr an ein paar eigenen Ideen und Themen tüfteln, die ich schon länger im Kopf hatte. Zusammen mit Nicolas Greiff, einem guten Schulfreund und früher fast Nachbarn von mir, habe ich dann Studio Für Morgen gegründet. Am Anfang habe ich das parallel zu Startnext gemacht, seit Frühjahr letzten Jahres widme ich mich vollständig der Selbstständigkeit. Das war eine gute Entscheidung.  

CCB Magazin:Was genau ist Studio Für Morgen

Anna Theil:Wir entwickeln Ideen und Produkte, die Menschen in kleinen und großen Unternehmen unterstützen, 'morgen' etwas zu verändern. Dazu beraten wird Unternehmen. Wir arbeiten an der Reflexion von Werten und Stärken. Mein Mitgründer Nico ist Designer und ich komme eher aus der Kommunikation oder der Strategie, beides tragen wir für Studio Für Morgen zusammen. Bisher lag unser Fokus vor allem auf der Entwicklung der Purpose Cards – einem Tool, um Werte und Stärken zu reflektieren. Wir geben aber auch Werte-Workshops für Teams, die für die Zusammenarbeit und die Ausrichtung der Organisation hilfreich sein können.    

CCB Magazin:Was genau ist ein Werte-Workshop? Und was sind die Purpose Cards?

Anna Theil:In den Werte-Workshops geht es um die Fragen: Welche Werte sind dir wichtig? Wie können wir im Team gut zusammenarbeiten? Aus meiner Zeit bei Startnext habe ich in der Zusammenarbeit mit vielen Gründer*innen oder Kreativen mitgenommen, dass es ihnen oftmals leicht fällt gute Ideen oder Produkte zu entwickeln. Der Aufbau einer Organisation und Fragen der Zusammenarbeit sind aber Herausforderungen, mit denen man sich zu wenig beschäftigt. Dadurch entstehen oftmals Konflikte, die man vermeiden kann oder früh lösen sollte. Hier setzen wird an: Es geht darum, sich Fragen nach den Werten oder Stärken möglichst früh stellen. Das klingt erst mal etwas banal. Um das spielerisch aufzubrechen, haben wir die Purpose Cards entwickelt, ein Tool als Kommunikationshilfe, um persönlichere Gespräche auf eine spielerische Art zu führen.

Nicht Werthers Echte,  echte Werte - darum geht's in den sogenannten Werte-Worksops von Anna Theil und  Nicolas Greiff. Foto: Studio Für Morgen.

CCB Magazin:Wie läuft so etwas ab? Sitzt man da im Kreis im Schneidersitz und spielt Unternehmens-Mau-Mau?

Anna Theil:Nicht ganz. Man kann die Karten ganz unterschiedlich einsetzen – für sich selbst individuell, aber auch im Team. Zu unseren Kunden gehören Startups, Agenturen, Kreativunternehmen oder auch große Unternehmen wie die Deutsche Bahn oder Ikea. Oftmals werden die Karten auch von Coaches oder Personaler*innen eingesetzt. Dazu ziehen die Beteiligten Karten und definieren, was ihnen wichtig ist. Es geht um die Klarheit für Arbeit und Leben, die Entfaltung eigener Potenziale, aber auch um gegenseitige Wertschätzung und bessere Zusammenarbeit im Team. Das ist aus meiner Sicht für die Organisationsentwicklung überaus wichtig. Und gerade viele Gründer und Kreativschaffende reden darüber noch immer zu wenig.  

Über eigene Bedürfnisse zu sprechen scheint für viele weitaus schwieriger zu sein als ein gutes Produkt zu entwickeln. Genau darum haben wir ja die Purpose Cards entwickelt, um einen spielerischen Zugang zu schaffen

CCB Magazin:Was sind denn die Gründe? Die Kultur- und Kreativwirtschaft gilt in hohem Maße als wertbasiert. Ökologische und soziale Themen werden zunehmend wichtiger. Kreativschaffende gelten als Visionäre und Weltverbesserer. Beschäftigen sich Kulturakteure primär mit gesellschaftlichen Problemen und der äußerlichen Welt, schaffen es aber nicht, bei sich selbst anzufangen?

Anna Theil:So pauschal würde ich das nicht sagen, aber ja, über eigene Bedürfnisse zu sprechen scheint für viele weitaus schwieriger zu sein als ein gutes Produkt zu entwickeln. Genau darum haben wir ja die Purpose Cards entwickelt, um einen spielerischen Zugang zu schaffen. Über persönliche Themen zu sprechen ist einfacher, wenn die Situation unverkrampft ist - genau das ermöglichen die Purpose Cards.

It's more than a game. Bei den Purpose Cards werden die Karten neu gemischt: Was ist dir wichtig? Was sind deine Ziele? Foto: Studio Für Morgen. 

CCB Magazin:Inwiefern thematisiert das Spiel auch die Schattenseiten einer zunehmend wertbasierten Arbeitswelt? Arbeitssoziologen verweisen seit Jahren darauf, dass Unternehmen Werte bewusst voranstellen oder einsetzen, um darüber die Effizienz zu erhöhen. Zugleich arbeiten Kreativschaffende vielfach in prekären Arbeitsbedingungen. Gerade die hohen sinnbasierten Werte können dazu führen, dass soziale Risiken wie schlechte Entlohnung durch das hohe Maß an Identifikation mit der eigenen Arbeit überdeckt werden. Geht ihr diese Themen an?

Anna Theil:Da sind wichtige Themen, die mir auch bei Startnext oft begegnet ist. Das Thema gerechte Entlohnung gehen wir mit den Purpose Cards oder in den Workshops aber nicht gezielt an. Uns geht es erstmal darum zu vermitteln, sich Zeit für die Reflexion oder für Gespräche zu nehmen, um besser zu verstehen, was einen antreibt, wo aber auch die eigenen Grenzen liegen. Das kann die Entlohnung miteinschließen. Es geht aber um mehr: um einen guten Umgang mit sich selbst, was auch Arbeits- und Erholungszeiten umfasst. Uns geht es gezielt um die sogenannten weichen Faktoren des Miteinanders und Teambuildings - letztendlich um ein gesundes Gleichgewicht.

CCB Magazin:Rund die Hälfte aller Kultur- und Kreativunternehmen sind solo-selbstständig, die haben oft gar keine weiteren Mitarbeiter. Prozesse von Teambuilding etc. spielen hier doch gar keine Rolle, oder irre ich mich?

Anna Theil:Teils teils. Der Fokus ist natürlich ein anderer – hier geht es vor allem um die persönliche Reflexion und Klarheit, die wiederum für die Zusammenarbeit mit Kunden oder Partnern hilfreich sein kann. Auch hier stellt sich die Frage: Wie kann ich meine Werte sichtbar machen und nach außen tragen, was mir wichtig ist? Gerade für viele Kreativschaffende ist es wichtig, sich Zeit für die Reflexion oder für Gespräche zu diesen Themen zu nehmen, um besser zu verstehen, was einen antreibt.

CCB Magazin:Anna, letzte Frage: Du gibst bei uns am 11. März einen Digital-Workshop zum Thema Crowdfunding und Kommunikation. Um was geht es da? 

Anna Theil: Es geht um die Frage: Wie kann ich eine Community aufbauen und wie erreiche ich meine Crowd? Wir sprechen darüber, dass es beim Crowdfunding nicht nur um die Finanzierung von Ideen geht, sondern dass Crowdfunding auch ein spannendes Netzwerk- und Kommunikationstool sein kann. Wie genau das funktioniert, welche Kommunikationskanäle wichtig sind und welche Rolle Storytelling dabei spielt – über all das sprechen wir hier.

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