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Hörst du, was ich fühle?

Hörst du, was ich fühle?
Foto: © femtasy

Ins Bett gekuschelt, Hörer auf und sich erregen lassen. So in etwa könnte frau den erotischen Hörgeschichten von femtasy lauschen und dabei… nun, was auch immer tun. Für seine prickelnde Idee hat das Startup nun den Kultur- und Kreativpilotenpreis gewonnen. Wir haben Gründerin Nina Julie Lepique dazu befragt: Ist femtasy das akustische Pendant zum Porno oder steckt noch mehr dahinter?
 

INTERVIEW BORIS MESSING  

 

CCB Magazin: Hallo Nina Julie. Du und dein Partner Michael habt mit eurem Startup femtasy gerade den Kultur- und Kreativpilotenpreis gewonnen. Auf der Seite der Kreativpiloten heißt es, femtasy sei eine Female Empowerment Marke und wolle das Thema der weiblichen Sexualität enttabuisieren. Was ist an der weiblichen Sexualität tabu? Ist das nicht ein Marketingtrick von euch, um femtasy mit der Gloriole des Progressiven zu umgeben?

Nina Julie: Tatsächlich meinen wir das ernst, das ist kein Marketingtrick, mit weiblicher Sexualität wird in unserer Gesellschaft viel geworben, beispielsweise in Frauenmagazinen. Dort muss immer alles sexy sein, es wird über das Ausleben von Sexpraktiken geschrieben und wie man besser im Bett wird usw. Es wird ein Erwartungsdruck aufgebaut und vor allem Frauen werden klischeehaft stilisiert. Wenn du aber mit Frauen sprichst und fragst, wie sie sich eigentlich mit ihrer Sexualität fühlen und ob sie meinen, frei darüber sprechen zu können, dann hörst du oft, dass sie das überhaupt nicht so empfinden. Es ist eine Kombination aus Druck und falscher Erwartungshaltung einerseits und eine von vielen Frauen zumindest empfundene Verurteilung der weiblichen Lust andererseits, die dazu führt, dass Frauen sich nicht ermächtigt fühlen, offen über ihre Sexualität zu sprechen. Unser Ziel ist, das Natürliche weiblicher Sexualität wieder heraus zu kitzeln, und Frauen dazu anzuregen, zu sagen, was sie wollen.

CCB Magazin: femtasy ist eine Streaming-Plattform für sinnlich-erotische Hörgeschichten für Frauen. Warum Hörgeschichten und nichts fürs Auge?

Nina Julie: Bei sehr vielen Frauen, ungefähr bei 70 Prozent, findet Sexualität im Kopf statt, Männer dagegen reagieren stärker auf visuelle Reize. Diese grundsätzliche Tatsache hat bereits vor ein paar Jahren der Sexualforscher Ulrich Clement herausgefunden. Dass femtasy jetzt dadurch das Pendant zur Pornografie ist, würde ich aber so nicht sagen. Es ist halt wie mit Rock und Hose: du möchtest deine Beine bedecken und es gibt halt die eine oder die andere Möglichkeit.

Was weibliche Sexualität betrifft herrscht eine tiefe Datenkluft, es gibt noch immer keine profunden Studien dazu. Das ist nichts Neues im Diskurs der Gleichberechtigung, in ganz vielen Lebensbereichen stehen die Männer sehr viel stärker im Fokus als die Frauen

Oben: Nina Julie Lepique. Unten: Michael Holzner und Nina Julie Lepique. Foto: femtasy

CCB Magazin: Du meintest gerade, wenn man Frauen über ihr sexuelles Selbstverständnis befragt, ergebe sich oft ein ganz anderes Bild als es z.B. Frauenzeitschriften vermitteln. Ist das möglicherweise nicht eine anekdotische Perspektive? Nur weil weibliche Bekannte meinen, nicht offen über ihre Sexualität sprechen zu dürfen, kann man nicht den Schluss ziehen, dass das auch für alle anderen Frauen gilt. Gibt es irgendwelche Studien, auf die du dein Urteil gründest?

Nina Julie: Wir haben vor der Gründung von femtasy eine Studie mit 1500 Frauen durchgeführt und ihnen Fragen zu ihrer Sexualität gestellt. Wie du eben richtig festgestellt hast, ist nämlich genau das das Problem: Was weibliche Sexualität betrifft herrscht eine tiefe Datenkluft, es gibt noch immer keine profunden Studien dazu. Ich weiß von einer Studie des Sextoy-Herstellers Tenga, aber insgesamt gibt es einfach viel zu wenig Daten. Das ist im Übrigen auch nichts Neues im Diskurs der Gleichberechtigung. In ganz vielen Lebensbereichen stehen die Männer sehr viel stärker im Fokus als die Frauen.

CCB Magazin: Ihr habt euer Startup 2018 gegründet. Erzähl doch mal, wie kam es dazu, wer kam auf die Idee?

Nina Julie: Die Idee kam von mir. Ich hatte mir für einen vorherigen Arbeitgeber einmal den Erotikmarkt angeschaut. Da ging es um Business-Analogien, nicht so wichtig an dieser Stelle. Aber mir fiel auf, wie unglaublich männlich dominiert dieser Markt ist, sowohl von der Konsumenten- als auch von der Produzentenseite her. Dann saß ich irgendwann mit Freundinnen bei einem Plausch und hab mit ihnen über Erotikangebote gesprochen, wie und ob sie das überhaupt nutzen würden, ob sie das anmacht usw. Dabei kam heraus, dass sie sich nicht wirklich mit bestehenden Angeboten damit identifizieren können und frustriert darüber waren, dass es keine passenden Inhalte speziell für Frauen gibt. Da habe ich mir gedacht, das kann doch wohl nicht sein, die Hälfte der Gesellschaft besteht aus Frauen, und wenn die sagen, bestehende Erotikinhalte passen nicht zu ihren Vorstellungen, muss was passieren. Das wollte ich ändern.

Fast die Hälfte der Frauen spricht nicht über ihre sexuellen Bedürfnisse, teilweise nicht einmal mit ihrem Partner. Es geht uns darum, zu kommunizieren, dass es für Frauen genauso natürlich ist wie für Männer, mit sich selbst Spaß zu haben und sich mit den eigenen Bedürfnissen wohlzufühlen.

Ceci n'est pas un melon. Foto: femtasy

CCB Magazin: Und wie seid ihr dann an die Sache rangegangen, wie vermarktet ihr euer Produkt?

Nina Julie: Die Sache ist die: fast die Hälfte der Frauen spricht nicht über ihre sexuellen Bedürfnisse, teilweise nicht einmal mit ihrem Partner. Wir versuchen diese beiden Gruppen, die sexoffenen und die verschämten, auf unterschiedliche Weise anzusprechen. Das kann sehr direkt sein oder eben um die Ecke. Im Endeffekt geht es darum, zu kommunizieren, dass es für Frauen genauso natürlich ist wie für Männer, mit sich selbst Spaß zu haben und sich mit den eigenen Bedürfnissen wohlzufühlen. Was für uns tatsächlich gut funktioniert ist Influencer-Marketing. Wir arbeiten mit einigen Influencern zusammen, die unser Produkt bewerben.

CCB Magazin: femtasy gibt es als App und Streaming-Plattform, über die man über ein Abonnement den erotischen Hörgeschichten lauschen kann. Wie viele Abonnentinnen habt ihr gerade, gibt es auch Männer, die eure Geschichten anhören? Überhaupt, wie ist das Feedback?

Nina Julie: Über die Anzahl der Abonnentinnen darf ich leider nichts verraten. Aber tatsächlich haben wir auch einige männliche Hörer, 11 Prozent der Käufer sind Männer. Grundsätzlich können unsere Nutzerinnen und Nutzer mitentscheiden, wer die Geschichten vorliest, auf der Plattform stellen wir immer wieder potentielle neue Sprecher und Sprecherinnen vor. Darüber hinaus haben wir ein Research Panel, Tausende von Frauen, die uns Feedback zu den Geschichten, aber auch zu neuen Features und Konzepten geben. Damit verfolgen wir ein Stück weit einen Co-Creation-Ansatz.

CCB Magazin: Um nochmal auf das Woman Empowerment zurückzukommen: Ich käme nie auf die Idee, dass Pornos mich in meinem Selbstverständnis als Mann bestärken würden. Auf welche Art trägt also femtasy zur Selbstermächtigung der Frau bei?

Nina Julie: Ja, das ist eine ganze normale Reaktion – von einem Mann. Frauen werden aber anders gesehen in der Gesellschaft. Da ist beispielsweise die oft fatale Orientierung an Schönheitsidealen und das dadurch verursachte Bodyshaming und Unwohlsein mit dem eigenen Körper, dieses ständige Sich-Vergleichen-Müssen. Diese Dinge sind sehr viel präsenter als bei Männern und setzen Frauen innerlich wie äußerlich unter Druck. Erotische Hörgeschichten, bei denen du dich fallen lassen kannst, egal ob du dick oder dünn, kurvig oder muskulös bist, können deine Selbstwertschätzung steigern. Sie können dir das Gefühl vermitteln, begehrenswert zu sein. Das geht tiefer als es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Der weibliche Erotikmarkt ist ein Milliardengeschäft, er wächst rasant

CCB Magazin: Offensichtlich seid ihr in eine Marktlücke vorgestoßen. Investoren wie Thomas Bachem, der Gründer der Code-University in Berlin, und Rolf Schrömgens, Chef von Trivago, sind bei euch eingestiegen. Wie stellt man ein Unternehmen wie eures finanziell nachhaltig auf? Gibt es einen bestmöglichen Finanzierungsweg?

Nina Julie: Das kann man so pauschal nicht beantworten – je nach Markt, nach Team, nach Zielbild und auch nach „Umgebung“ und Marktsituation können da ganz unterschiedliche Wege der jeweils richtige sein.

CCB Magazin: Wie wird sich der weibliche Erotikmarkt in den nächsten Jahren entwickeln? Was habt ihr noch vor mit femtasy? Welche Märkte wollt ihr noch erschließen? Gibt es schon eine japanische Version von femtasy?

Nina Julie: Wir stehen da noch ganz am Anfang. Der gesamte weibliche Erotikmarkt steckt noch in den Kinderschuhen. Der Markt ist in jedem Fall ein Milliardengeschäft mit Zukunft. Er wächst rasant. Und Japan ist bei uns tatsächlich zu einem Running Gag geworden, bei jeder Teamsitzung schlägt jemand vor, let’s launch in Japan! Aber so weit ist es noch nicht und wir sind mit unseren deutschen und englischen Inhalten bisher auch sehr zufrieden. Jetzt kommt bald noch eine dritte Sprache hinzu. Seit unserer Gründung 2018 wachsen wir sehr schnell. Unsere Vision bleibt dabei dieselbe: Frauen bei einem selbstbestimmten Leben zu unterstützen.

CCB Magazin: Nina Julie, ich freu mich schon auf die erste Geschichte in päpstlichem Latein. Vielen Dank für das Gespräch.

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